Eingangsseite zur Reise nach Nepal

Reise nach Nepal im November 1993




Vorwort

Dies ist mein persönlicher Reisebericht (mit ca. 20 DIN A-4 Seiten), rein subjektiv und ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit, Richtigkeit, Objektivität, oder Gerechtigkeit in der Sache. Gleichfalls sind mir die Ausdrucksweise und der Stil meiner Aufzeichnung völlig schnuppe; wie es mir aus der Feder (oder besser aus dem Computer) fließt, so steht es eben geschrieben. Mir geht es einzig und allein darum, für mich persönlich - wenn auch lediglich aus der Erinnerung - meine Erlebnisse, Eindrücke, Empfindungen und Gedanken während der Reise festzuhalten. Erstens weil's mir Spaß macht und zweitens weil ich hoffe, dass ich mich später mal darüber freue. Wer es also außer mir lesen will, der hat selbst Schuld und ist selbst dafür verantwortlich.
Jede Ähnlichkeit der handelnden Akteure im Bericht mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig und soll keinen verschnupfen.

Burghard




Der Himalaja, das höchste Gebirge der Welt, und Nepal üben schon lange Faszination auf mich aus. Und natürlich will ich dort auch mal hin. Nur als Zugabe im Rahmen einer anderen Reise - wie Nepal häufig angeboten wird - erscheint mir aber zu wenig. Denn allein das Tal von Kathmandu mit den Königsstädten Patan und Bhadgaon sowie die 8000-der nur von der Ferne zu sehen, würde Nepal sicher nicht gerecht werden. Das bedeutet aber, eine Trekkingtour in die Bergwelt des Himalaja machen zu müssen und das als Flachländer ohne jede körperliche Vorbereitung. Würde Gabi und ich diese Anstrengung überhaupt schaffen?

Eine Tour bei Ikarus Reisen sticht mir immer wieder ins Auge. Das Trekking soll von Pokhara aus über Dhampus, Landrung, Ghandrung nach Gorapani zum Aussichtsberg Poon Hill mit seinem Blick auf die 8000-Berge Annapurna I und II, den Dhaulagiri und insbesondere auch den Machepuchare gehen. Aber, aber ... Die Buchung wagen wir nicht. Eine weitere Tour steht im Prospekt, die ähnliche Blicke am Annapurna verspricht, jedoch kinderleicht sein soll. Das Trekking werden wir dann wohl schaffen!! - Der Flug geht mit Royal Nepal von Frankfurt nonstop nach Katmandu.

Eine Übernachtung ist hier eingeplant und bereits am nächsten Tag folgt die 7-stündige Busfahrt nach Pokhara zum Ausgangspunkt unseres Trekkings. Phantastische Aussichten auf die schneebedeckten Riesen des Himalaja während der Fahrt geben schon jetzt einen kleinen Vorgeschmack auf das noch Kommende. Unvergessen bleibt mir der erste Blick auf den Machepuchare; die Berge sind verhangen, urplötzlich reißt jedoch die Wolkendecke auf und gibt hoch über uns am Himmel für kurze Zeit seine weiße Spitze frei. Diese Höhe hätte ich mir nun wirklich nicht vorstellen können. Wenig Begeisterung kommt auf, als wir hören, dass unser 1. Lager oben auf dem Berg steht und die Tour sofort los geht. Dieser Berg sieht nämlich nicht gerade flach aus, besonders nicht das erste Stück mit seinen vielen, hohen und feuchten Erdstufen. Aber es hilft nichts, wir müssen hoch.

Nun, das Gepäck brauchen wir nicht zu schleppen; als Träger sind Sherpas angeheuert. Klein und schmächtig sehen sie aus und mancher läuft hier sogar barfuß herum. Wie wollen die bloß unsere schweren Seesäcke und Taschen tragen, frage ich mich. Keinen einzigen der Seesäcke oder Taschen hätte ich auch nur 50 Meter weit tragen wollen, geschweige denn bergauf tragen können. Unser Sherpaführer sortiert mit sicherem Augenmaß das Gepäck und jetzt kommt einer der unglaublichsten Momente der ganzen Reise. Jeweils zwei, aber auch drei unserer Seesäcke werden zusammengebunden, weitere Utensilien für die Küche oder das Lager dazu gepackt und dann das Ganze einem einzigen der kleinen Sherpas auf den Rücken gehievt, letztlich nur von einem breiten Stirnriemen gehalten. Und schon läuft die geballte Ladung mit den dünnen Beinchen unten dran los, die Treppen des Berges hinauf. Völlig fassungslos stehen wir alle da und schauen ungläubig auf unser schnell nach oben entschwindendes Gepäck. Es wird täglich immer lange vor uns am Ziel sein. Noch heute ist mir diese Leistung der Sherpas absolut unbegreiflich.

Auch wir müssen jetzt ran; der Berg ruft oder soll ich richtigerweise sagen, wir wollen so schnell wie möglich unser Nachtlager erreichen. Denn vom gestrigen Flug und der heutigen, langen Busfahrt sind wir schon recht kaputt. Nur den kleinen Tagesrucksack auf dem Rücken werden die ersten und dann alle weiteren Stufen genommen. Und sie hören nicht mehr auf. Immer höher geht es hinauf; das Tal aus dem wir kommen, liegt schon weit unter uns. Reisterrassen, wunderschön anzusehen, breiten sich neben uns aus. Eigentlich wäre diese Wanderung durch die exotischen Felder ein Genuß, doch die Müdigkeit macht den Weg zur Plage. Ein letztes steiles Stück, dann ist der Bergrücken endlich erreicht. Über eine Steintreppe geht's hinauf. Gabi und ich sind bei der ältesten Dame der Gruppe geblieben, um sie nicht als Letzte alleine laufen zu lassen, zumal sie offenbar schon Probleme mit dem Steigen hat. Und dann passiert es. Ihr wird schwarz vor den Augen, fällt hintenüber und stößt mit dem Kopf an die Seitenmauer. Benommen bleibt sie kurze Zeit liegen, richtet sich dann aber wieder auf und meint, dass es nicht so schlimm sei. Der Schlußmann, ein Sherpa, bleibt ab jetzt bei ihr, so dass Gabi und ich weiter nach oben steigen können.

Alsbald ist die Höhe erreicht, doch von dem Lager keine Spur; nur einige bewohnte Hütten stehen hier. Claudio und Edda haben auf uns gewartet; sie hatten meine Rufe gehört. Müssen wir jetzt aber nach links oder nach rechts zum Lager, ist die Frage. Nach rechts entscheiden wir und wandern los. Da nach 15 Minuten immer noch nichts zu sehen ist und es langsam dunkel wird, kehren wir lieber um. Freundlicherweise steht genau am Scheideweg so eine Art Kneipe, die sogar Kerzenschein und Bier anbietet. Mein Vorschlag, einfach hier auf Abholung zu warten, wird sofort angenommen. Denn einmal können wir hier ein schönes Bier trinken und zweitens sind wir nicht zu verfehlen: Von unten her käme der Schlussmann und vom Lager links oder rechts, der Suchende müsste hier vorbei. Wir sitzen zufrieden und stimmungsvoll beim zweiten Bier, als aus der Dunkelheit unser Führer erscheint. Er kommt von links. Immerhin noch 25 Minuten dauert's bis der Schein des Lagerfeuers auftaucht und wir mit großem Hallo empfangen werden. Auch unsere verletzte Mechthild ist schon längst da.

Alle Zelte sind aufgebaut, jeweils für zwei Personen. Und ein großes Zelt, das als Essraum dient. Ein langer Tisch mit Tischdecke und Geschirr sowie Stühlen drum herum wartet schon auf uns. Gaslampen erhellen das Ganze und ich habe das Gefühl, jetzt beginnt tatsächlich der Urlaub. Beim vorzüglichen Essen mit Vorsuppe und Nachspeise sowie weiteren Bieren kann sich die Gruppe nun näher kennen lernen. Hartmut, unser Kinderarzt, will penetrant von jedem wissen, was er denn beruflich macht. Für mich eigentlich interessanter, es nicht sofort zu wissen. Jeder stellt sich der Runde vor und erzählt, wie er gerade auf diese Trekkingtour gekommen ist. Außer unserem Doktor, Gabi und meiner Wenigkeit wollen noch Bernd, Johanna, Sylvia ... dem Annapurna Massiv und Machapuchre auf die Pelle rücken. Irgendwann in der Nacht ziehen wir uns endlich zum Schlafen zurück. In Decken eingehüllt sehe ich noch die Sherpas unter freiem Himmel liegen.

Morgens werden wir von einem Sherpa geweckt und zwei Tassen mit dampfendem Tee erscheinen im Zelt. Eine so aufmerksame Bedienung lassen wir uns gerne gefallen. Nach dem Trunk schäle ich mich immer noch schläfrig aus dem Schlafsack und öffne meine Eingangsseite. Die Augen werden weit, denn was sich mir bietet, ist grandios. Ein Panorama aus Berg, Eis und Schnee. Genau vor mir erhebt sich der Bergriese Machepuchare in voller Größe, von seiner grünen Basis hoch bis zur eisigen Spitze, ca. 6.000 Meter. Einfach berauschend. Und nebenan zieht sich die weiße Kette des Annapurna Massiv dahin. Ich bin überwältigt von dieser phantastischen Berglandschaft, die sich mir so völlig unverhofft und plötzlich zeigt. "Gabi, du mußt sofort rauskommen, es ist unglaublich." Fünf Minuten sitzen wir staunend vor dem Zelt und können uns kaum von dem Anblick losreißen. Selbst die schweren Bergschuhe werden mit stetem Blick auf das Panorama geschnürt. Ich werde kaum fertig; die anderen sitzen schon längst am Frühstücks-Tisch, der jetzt im Freien steht und uns nichts von der Schönheit dieser Bergwelt versäumen läßt.

Ein Klo gibt's hier oben ebenfalls; es ist ein Plumpsklo mit einmaliger Sicht. Recht abenteuerlich ist aber sowohl der Weg dorthin als auch die sachgerechte Verrichtung auf ihm. Ich bin weder hinein gefallen, noch hat mir der Matsch die Schuhe ausgezogen, was mich gefreut hat. Zu Besuch kommen einige Kinder, die wohl in Dhampus wohnen. Sie sind nicht aufdringlich, sie wollen nur schauen, denn Touristen wandern hier sicher nur wenige vorbei. Recht dick, mollig und warm ist ihre Kleidung, was auf dem Berg sicher auch kein Wunder ist; denn kalt wird es auf der Höhe, wie wir gestern selbst gemerkt haben. Ein dekoratives Bild geben die Jungen und Mädchen ab, wie sie so vor mir stehen. Die Kamera lasse ich daher klicken. Abmarschbereit sind wir jetzt, der Lagerplatz wird picopello verlassen, die Sherpas hieven ihre enormen Frachten hoch und rennen auf und davon. Ich will immer noch nicht glauben, was ich sehe.

Unsere Gruppe hat schon den ersten Ausfall zu verzeichnen, obgleich laut Programm das Trekking heute erst so richtig beginnt. Na, wenn das so weiter geht ... Mechthild hat eine leichte Gehirnerschütterung, wie Hartmut meint; sie solle daher vernünftig sein und hier in Damphus zurück bleiben. Ich werde den Eindruck nicht los, dass der lieben Mechthild - im Anblick des mächtigen Macchapuchhare - ein Stein vom Herzen über diese Diagnose fällt. Sie bleibt zurück.

Unser Sherpa Führer wandert los. Er ist klein, drahtig, mit breitem, sympathischen Gesicht und - wie wir bald merken - ein typischer Sherpa, denn auch er kann problemlos die Berge rauf und runter rennen. Sie müssen wohl eine besonders leistungsfähige Lunge haben. Ich als Europäer und zudem noch Raucher sicherlich nicht; zumindest jedenfalls habe ich keine Lust, hier durch die Berge zu rennen. Wie immer, Gabi und ich gehen unseren eigenen Schritt und wir wollen dabei auch ausgiebig die phantastische Bergwelt um uns herum genießen. Schon bald laufen wir allein; die anderen sind mit dem Sherpa schnell außer Sichtweite. Nun, den Weg kann man nicht verfehlen und Abzweigungen sind im Himalaja gottlob recht selten.

Ein wunderschönes Wetter haben wir uns heute ausgesucht. Die Sonne lacht, es ist warm und der Himmel strahlend blau. Wir wandern unterhalb eines langen Bergrückens dahin und kommen langsam aber stetig immer höher hinauf. Der Blick nach rechts übers Tal ist schon auf der ganzen Strecke wirklich einmalig und beeindruckend. Das gewaltige, schneebedeckte Massiv des Annapurna erhebt sich auf der anderen Seite und nebendran ragt der kantige, fast 7.000 m hohe Machepuchere in den Himmel. Seine Spitze, eigentlich sind es zwei Spitzen in etwas unterschiedlicher Höhe, haben ihn im Jargon zu dem Fisch-Schwänzigen gemacht. Dieser Berg sollte auf unserer Tour mein Lieblingsberg werden und noch heute habe ich so einige Blicke auf den Riesen in fester Erinnerung. Ab und zu führt der Weg auch durch Wald mit knorrigem Baumbestand oder an Wiesen vorbei mit Tausenden von kleinen Blümchen. Und keine Menschenseele ist weit und breit zu sehen, nur hin und wieder fliegt ein Vogel auf oder wir hören ein Rascheln irgendwo im nahen Gebüsch. Das i-Tüpfelchen für mich ist jedoch die Vorstellung, hier und jetzt im Himalaja, dem höchsten Gebirge der Erde mit Gabi zu wandern und dabei tatsächlich auch die höchsten Berge der Welt zu sehen. Ich genieße es einfach.

Auf der Berghöhe sind Steinhäuser zu sehen, die wohl Ziel unseres Weges sind. Ein letztes steiles Stück noch und der kleine Ort ist erreicht. Es ist immer noch Dhampus, wie ich feststelle; offenbar das Zentrum, denn sogar kleine Guesthäuser gibt es hier und zudem eine Art Restaurant. Unsere Gruppe trifft sich wieder. Was mich aber erstaunt, so etliche andere Touristen laufen ebenfalls herum. Auch einige Typen, die - nach ihren völlig verfilzten Haaren und den unpassenden Klamotten zu schließen - europäische oder amerikanische Aussteiger sein dürften, lassen sich blicken. Unser Sherpa steht zusammen mit Claudio vor einer großen Reliefkarte der hiesigen Himalaya Region. Verschiedene Wege sind darauf eingezeichnet. Claudio hat sich gerade unsere Trekkingroute zeigen lassen. Leider komme ich etwas zu spät, um noch genaueres zu erfahren, denn Aufbruch ist schon angesagt. Vom Poonhill haben sie aber gesprochen und dem Weg dort hin, was mich etwas verwundert; denn diese Tour gehen wir ja gerade nicht. Wegen ihres Schwierigkeitsgrades hatten Gabi und ich die Buchung nicht gewagt.

Der kleine Tagesrucksack, den jeder von uns Trekkern dabei hat, wird wieder umgeschnallt und weiter geht's. Grob gepflastert ist die Dorfstraße, wie in allen Dörfern durch die wir kommen werden. Eine alte Frau sitzt auf dem Gehsteig vor ihrem Haus und webt ein langes Tuch oder sonst was. Ein Motiv wie aus vergangenen Zeiten. Sie läßt sich durch uns nicht beirren, schaut nicht auf, webt in aller Ruhe weiter. Die paar Häuser sind schnell außer Sichtweite und wunderschöner Wald mit hohen Laubbäumen umgibt uns. Der Bergrücken steigt nur leicht an und das Wandern ist angenehm auf dem weichen Waldboden. Eine der so wenigen Abzweigung kommt vorne. Wir nehmen den Weg nach unten. Erwartet hätte ich mehr den Weg geradeaus, der offenbar den Bergrücken gemütlich höher führt. Denn auf dem Bild im Katalog und nach der Beschreibung erschien mir der Machepuchare einer der Schwerpunkte des Trekkings zu sein. Der Fischschwänzige bleibt so aber auf der anderen Seite des Berges. Das Tal sieht mir zudem nicht gerade leicht aus; es scheint ausgesprochen tief sowie mit steilen Berghängen versehen zu sein. Und wenn man hinunter trekkt, muß man meist auch wieder hinauf, geht es mir durch den Kopf. Aber wahrscheinlich sind Abzweigungen doch nicht so selten, denn der Sherpa wird schon wissen, wie zu laufen ist.

Wir wandern abwärts. Nicht steil, aber stetig. Immer am Hang entlang geht der Weg, nur wenige Kehren nimmt er. Die sich eröffnenden Blicke sind phantastisch. Es ist ein tiefes, tiefes Tal, in das wir hinab blicken. Und von unten ziehen sich Hunderte von schmalen Reisterrassen teils in sattem Grün oder Gelb die steilen Berghänge hinauf. Einsame Hütten lugen hier und da heraus und sogar kleine Ansammlungen von Häusern sind an den Hängen auszumachen. Auch Wald und Buschwerk ist reichlich in dieser Schlucht zu sehen. Es sind offenbar die Regionen, die für den Anbau von Reis, Kartoffeln, Bohnen etc. gar zu steil sind. Immer wieder reißen auch die Wolken auf und geben den Blick auf das Massiv des Annapurna und seine schneebedeckten Gipfel für kurze Zeit etwas frei. Das sind die Momente, die jeden von uns einhalten lassen, um nur noch zu schauen, zu schauen und zu genießen. Schnell ziehen die Wolken jedoch weiter oder die Bergwände nach oben und lassen nur noch erahnen, was sich dahinter verbirgt.

Nicht mehr allzu weit entfernt erscheint schon seit mindestens einer Stunde das Dörfchen Landrung am steilen Hang; doch es kommt kaum näher. Denn unser Weg zeichnet die weiten und zum Teil auch tiefen Bergeinschnitte nach. Zwischendurch geht's manchmal sogar wieder aufwärts, um einen Seitenhügel oder kleineren Zwischenberg zu überwinden. Lange Strecken führen durch herrlichsten Wald und so etliche Etappen erscheinen einem Märchenbuch entnommen. Moose, lange Baumflechten, Lianen, verwitternde Stämme abgestorbener Bäume und exotische Pflanzen geben sich hier ein Stell-Dich-Ein der Natur. Besonders geheimnisvoll wird es in dieser Welt vor allem dann, wenn von unten her kommende Wolkenschleier das Wirrwarr durch ziehen und eine gewisse Düsternis um uns Wanderer verbreiten. Nur regnen braucht es dabei nicht unbedingt. Aber wir brauchen uns ja nicht zu beklagen; denn Regen werden wir auf der ganzen Tour nur wenig erleben. Das Wetter hält sich an seine Vorgaben. Im Sommer, der sog. Monsunzeit hat es bei hohen Temperaturen lang und ausgiebig zu regnen, im Winterhalbjahr dagegen bei blauem Himmel warm und trocken zu sein. Na also, deshalb trecken wir - wie es sich auch gehört - erst im November durch den Himalaja.

Nur selten taucht auf unserem Weg nach unten ins Tal eine Hütte oder ein Haus am Wegesrand auf. An einer offenbar uralten, wenig vertrauenserweckenden, dafür aber äußerst malerischen Hängebrücke über ein Bächlein (jedenfalls zu dieser Jahreszeit) finden wir gleich drei Häuser, die sogar bewohnt sind. Sehr idyllisch ist die Lage sicherlich, doch wovon leben die Menschen hier nur, überlege ich, als wir die Brücke glücklich überquert haben. Gabi und ich hatten den lieben Bernd, das Schwergewicht, erst mal vorgehen lassen, da wir Eheleute noch was zu besprechen hätten. Schwankend, aber heil erreicht er die andere Seite. Da unsere Besprechung noch nicht fertig war, ließen wir auch noch Sylvia voraus gehen. Auch sie schaffte es mit Bravour. Wir konnten unsere Besprechung jetzt beenden und uns - einer nach dem anderen - schwankend mutig ebenfalls auf die andere Seite begeben. Essenspause ist angesagt. Unsere voraus eilenden Sherpas haben schon alles vorbereitet. Die große Tischdecke, auf der auch wir selbst Platz nehmen, ist auf dem Boden ausgebreitet und aus den schweren Eisenpötten dampft das Essen. Einen Koch haben alle Trekking-Gruppen dabei und er versteht sein Fach. Die Mahlzeiten sind stets reichhaltig und lecker; es fehlt an nichts. Den Abschluss bildet im Himalaja natürlich immer die Tasse Tee.

Noch ein halbes Stündchen bleibt Zeit zum Ausruhen und Ausstrecken auf der Tischdecke bis unsere Sherpas ihre gewaltigen Frachten wieder aufladen. Rund 10 DM bekommen sie pro Tag (hier natürlich in der nepalesischen Währung, die sich wie in Indien Rupie nennt) und sind damit durchaus Besserverdienende in Nepal. Angeheuert werden sie immer erst kurz vor einer Tour und jeder will dabei sein. Trotz der Schwerstarbeit haben sie immer ein Lächeln für uns übrig, wenn es auch mit der Verständigung manchmal etwas hapert. In Nepal spricht man nämlich hauptsächlich Nepali; es ist die Amtssprache und für die überwiegende Bevölkerung zugleich die Muttersprache. Mit Englisch kommt man hier allerdings auch recht gut durch, denn es findet sich fast immer einer, der es kann. - Durch einen gepflasterten, tiefen Hohlweg wandern wir weiter. Ein nettes Motiv bietet sich unverhofft, das ich mir nicht entgehen lasse. Drei kleine Kinder hocken vor einer strohbedeckten Hütte, jedoch nicht spielend zusammen, wie man annehmen sollte, sondern jedes für sich, mit ernster Miene und es scheint, dass sie über Gott, die Welt und die Schwernisse ihres jungen Lebens tief nachdenken. Ganz interessant auch ihre Unterwäsche, die jedenfalls die beiden Buben zeigen; nämlich keine, was sicher recht praktisch ist.

Immer tiefer geht es in das Tal hinab. Meine Zweifel an der Einfachheit unseres Trekkings steigen in gleichem Maße an. Die gegenüber liegende, steile und mit Hunderten von schmalen Reisterrassen übersäte Talwand wächst immer höher auf und fängt an, meine Gedanken stärker zu beschäftigen. Auch der Punhill drängt sich mittlerweile öfter vor. Von meinem vagen Verdacht will ich Gabi aber lieber nicht erzählen. Es fängt ein bißchen an zu regnen, jedoch nur für kurze Zeit, dann scheint die Sonne wieder. Ein Taleinschnitt muß noch umgangen werden und die ersten Häuser von Landrung sind greifbar nah. Ob die Bewohner die wunderschöne Lage ihres Ortes überhaupt noch sehen, frage ich mich. Gemütlich geht's hier zu. Jedenfalls erscheint es so. Man hat Zeit, sitzt irgendwo vorm Haus, an der Straße, schaut aus dem Fenster auf die ankommenden Trekker, hat eine Beschäftigung oder auch keine. Ein fernab gelegenes Gebirgsdorf, wie es im Buche steht.

Landrung ist doch etwas größer, als es bisher den Anschein hatte. Denn auf der anderen Seite ziehen sich die Häuser bis etwa 300 m über der Talsohle den Hang hinunter. Und dort sehen wir auch unsere Zelte auf einer Art Campingplatz stehen. Jedenfalls gibt's nebenan einen kleinen Shop und ein Plumpsklo. Was will man im Himalaja mehr? Recht geschafft sind wir jetzt schon und die Beine merken wir auch. Nur die Seesäcke müssen noch zum Zelt geschleift werden, ein bißchen wird eingeräumt, die Zeltklappe - wegen neugieriger Augen - herunter gelassen und dann beginnt unsere Urlaubszeremonie. Aus dem Handgepäck krame ich die Pulle Osborne hervor und schenke in beide Blechbecher ein. Es schmeckt köstlich und wir haben die Gewißheit, in Nepal vor Magen- und Darmgeschichten gefeit zu sein. (Wir waren es auch.) Zufrieden sind wir ebenfalls mit unserer heutigen Leistung. Immerhin waren wir einen ganzen Tag hier im Gebirge unterwegs gewesen, wenn auch meist bergab. An Morgen denke ich lieber nicht; sicher ist es der Tag der Wahrheit.

Der Abend wird für alle heute nicht sehr lang werden, ist die übereinstimmende Prognose. Schnell wird es im Talgrund dunkel. Lediglich die höheren Regionen haben noch Helligkeit, die aber zunehmend erblaßt. Zu unserer Freude reißen jetzt die Wolken auf und geben genau den richtigen Blick frei. Majestätisch erscheint der Annapurna South in voller Pracht, beschienen von den letzten Sonnenstrahlen. Ein würdiger 7219-der und rechts nebenan wischt gerade der 6.441 m hohe Hiunchuli die Wolken weg. Das Glühen der Schneehänge wird stärker und alle stehen fasziniert vor diesem Schauspiel. Allzu rasch senkt sich die Dunkelheit über das Bild und auch die Wolken ziehen wieder auf. Der Koch ruft, die Suppe steht auf dem Tisch und die Flasche Bier wartet ebenfalls. Spät wird es wirklich nicht. Einer nach dem anderen kriecht müde in sein Zelt. Bevor ich einschlafe, klopft der Poon Hill bei mir nochmals an.

Vom Geschirrklappern werde ich geweckt. Die Sherpas sind schon zugange und die Tasse Tee kommt zum Zelt. Ein strahlend blauer Himmel zeigt sich. Die Katzenwäsche ist schnell erledigt und gerade wird das Klo frei. Der typische Geruch eines Plumpsklos umgibt mich. Dummerweise habe ich vergessen, das Klopapier mit zu nehmen, denn diesen Luxus findet man an solchem Örtchen im Himalaya meist nicht. Die Tempos müssen helfen. Gedanken mache ich mir aber über die Methode der Einheimischen. Dass auch in Nepal die linke Hand die Unreine ist, mit der man niemals was geben darf, war mir ja bekannt. Doch wie man konkret an diesem Ort mit der linken Hand arbeitet, werde ich wohl nie ergründen, denn fragen kann man ja schlecht.

Ein paar Kekse kaufen wir noch im Shop, dann geht es wieder steil abwärts mit uns; noch ca. 300 m sind es bis zum Talgrund, an dem eine kleine Brücke wartet. Und jenseits der Furt verläuft ein Weg entlang des Tals und einer, der genau so steil aufwärts führt, wie wir gerade herunter kommen. Unsere ersten der Sherpas erreichen die Brücke - wie ich sehen kann -, überqueren sie und ... steigen aufwärts. Also doch. Wir trekken die härtere Tour nach Ghorapani und dem Poonhill, die wir nicht zu buchen gewagt haben. Na, da bin ich mal gespannt. Vielleicht hat Mechthild es doch richtiger gemacht. Gabi erzähle ich von der neuen Erkenntnis lieber nichts, es würde ja auch nichts ändern. Ich schau nach oben; eine Wand von Berg erhebt sich vor uns, deren Ende nicht zu sehen ist. 1000 m sind's bestimmt, wie ich gestern schon mal in weiser Voraussicht so abgeschätzt hatte. Nun denn, die ersten 30 m Höhe haben wir doch schon erreicht.

In kurzen Serpentinen windet sich der Weg nach oben. Die Sicht auf den andere Talseite, die wir gestern herunter gekommen sind, wird immer eindrucksvoller, je höher wir steigen. Tausende von Reisterrassen scheint es drüben zu geben. Filigran, penibel geordnet und schmuck zeichnen sie den Berg. Ein Steinhaus taucht über uns auf. Alle der Gruppe sind dort versammelt, selbst unsere Sherpas machen Rast und haben ihre schwere Bürde abgelegt. Ich kann es immer noch nicht fassen, was sie hier leisten. Verschwitzt sitzen sie da, sind aber guten Mutes und nicken uns freundlich zu. Vermutlich denken sie dasselbe wie ich: Wir Trekker werden es doch hoffentlich schaffen, nur uns selbst auf den Berg zu bringen. Gabi und ich halten wieder unseren eigenen Schritt und ich staune, wir kommen wunderbar voran. Es macht sogar Spaß, hier nach oben zu steigen, um das Gebirgspanorama noch grandioser werden zu lassen. Und was mich zudem freut, wir holen auf. Sylvia haben wir nämlich schon erreicht und auch Bernd ist in Sicht. Gar so lahme Krücken sind wir Beide offenbar doch nicht.

Zwei Sherpas kommen von oben herab. Was der eine schleppt, erkenne ich erst, als er an mir vorbei ist und ich das Monstrum auf seinem Rücken genauer sehe. Es ist offenbar ein Geldtresor in der Größe eines Schrankes. Einfach unfassbar ! Auf dem weiteren Weg in die Höhe schaukelt vor mir wieder Gabis Rucksäckle. Eine Pause gönnen wir uns ab und an auch mal und genießen den Blick hinab in das mittlerweile tief gewordene Tal. Bernd ist langsamer geworden und geht jetzt mit uns. Stunden sind wir schon unterwegs in den Himmel. Ich hätte wirklich nicht gedacht, dass wir so gut durchhalten. Steinhäuser sind oben zu sehen. Es muß das kleine Dorf Ghandrung sein, wie mir vom Prospekt her noch in Erinnerung ist. Und es dürfte auch unser heutiges Ziel nach diesem gewaltigen Aufstieg sein. Durch einen mit Steinen belegten Hohlweg wandern wir von unten her ins Dorf ein. Natürlich werden wir von Einheimischen beobachtet und freundlich gegrüßt. Die restliche Gruppe mit unserem Sherpa finden wir neben einem kleinen Tempel auf einem Wiesenhang, von dem sich ein wunderschöner Blick über die Berge bietet.

Essen, Trinken, Ausruhen und Faulenzen ist an dieser herrlichen Stelle angesagt und den Beinen tut es gut. Recht vage ist die Antwort auf meine Frage, ob das Lager noch weit entfernt sei. Jedenfalls steht es nicht in Gandrung, da 'wir noch ein Bisschen wandern müssen'. Nun, das steile Tal haben wir jedenfalls hinter uns, hier oben ist es flacher, die Berge sind weiter entfernt. Viel Wald gibt es hier und alsbald tauchen wir in ihn ein. Ich habe den Eindruck, die Gruppe ist langsamer geworden. Sylvia und Bernd bleiben gleich in unserer Nähe, Edda und Claudio verlieren sich nur langsam im Wald vor uns, allein der Sherpa mit Johanna und Hartmut im Gefolge sind rasch verschwunden. Der Weg hat nur eine geringe Steigung und auf dem Waldboden läuft es sich leicht. Mischwald ist um uns herum, der frisch und würzig riecht. Schon über eine Stunde sind wir wieder unterwegs. Auf einem breiten Bergkamm, der in weitem Bogen um Ghandrung herumführt, laufen wir. Denn immer wieder sehe ich in etwa gleicher Ferne die Häuser des Ortes, wenn der Wald die Sicht frei gibt.

Die Vegetation wird allmählich dichter. Vom Lager aber noch keine Spur. Johanna sehen wir dafür vorne stehen und auf uns warten. Einen hübschen Wasserfall gibt es hier ganz in der Nähe und sie führt uns hin. Baden oder Duschen will aber keiner, denn das Wasser ist wirklich lausig kalt. Wir lassen uns noch ein bißchen auf dem Felsgestein am Wasserfall von der späten Nachmittagssonne bescheinen, bevor es weiter geht. Und es geht wieder nach oben. Entlang eines munter herunter springenden Bächleins inmitten üppigster Vegetation. Nun, so allmählich reicht es mir für heute aber schon. Die Beine werden schwer. Noch eine weitere halbe Stunde und wir meinen, irgendwo im bayrischen Gebirge zu sein. Ein altes, urgemütliches Gebirgshaus mit weit herunter gezogenem Dach sowie einem langen Balkon, der von Blütenpracht nur so überquillt, steht hier unverhofft im kleinen Tal. Nebenan noch eine schiefe Scheune und ein Schuppen, die von kleinen Beeten und Gärtchen umgeben sind und eine Holzbrücke, die über den Bach zum Plumpsklo führt. Wir sind begeistert, denn Quartier wir im Haus genommen. In der ersten Etage liegen unsere einfachen Holzzimmer mit Zugang vom Balkon her. Gabi und ich genehmigen uns darin erst mal einen kräftigen Schluck Osborne ... oder waren es zwei?

Bis zum Abendessen ist noch etwas Zeit. Jeder unserer Gruppe geht irgendeiner Beschäftigung nach. Gabi sortiert in ihrem Seesack und will noch was waschen, Sylvia fragt nach Nadel und Zwirn, die wir dank unserer Reiseliste zu bieten haben, Bernd pfeift sich was und Hartmut sitzt hinten auf dem Balkon und spricht den heutigen Tag in sein Diktiergerät. Auch ich hätte jetzt Gelegenheit, ein paar Stichworte in mein - seit Jahren mitgenommenes - Heftchen zu schreiben. Über den ersten Tag bin ich aber bei meinen Reisen noch nie hinausgekommen, und das wird auch so bleiben. Jedenfalls bis 2003, wo ich diesen Bericht heute niederschreibe. Ich stromer lieber noch etwas vor dem Haus herum, begutachte den matschigen Weg zum einzigen Klo, den ich heute Nacht mit Sicherheit nehmen muß und helfe dann Hanna beim Haarewaschen. Einen Bottich und zwei Töpfe, je mit warmen und kaltem Wasser hat sie organisiert und vorm Haus aufgestellt. Abwechselnd und nach Vorgabe schütte ich ihr das gewünschte Wasser über den Kopf. Das Rot ihrer Haare bleibt jedoch und erstrahlt beim Abendessen dank meiner Mithilfe in neuem Glanz.

In der Bauernstube wird gegessen, was die Wirtin gerichtet hat: Reis, frisches Gemüse aus dem Garten und wahnsinnig scharf gewürztes Fleisch. Die ganze Familie schaut zu, ob es uns auch wirklich schmeckt. Danach kommt der Tee. Es ist Buttertee, den ich im indischen Ladakh schon mal genießen durfte. Ich lehne dankend ab. Was bleibt den anderen übrig, als die Blechtasse mit dem Buttertee vor den Augen der aufmerksamen Familie leer zu trinken. Beim angebotenen Nachschlag hat jedoch keiner mehr Durst, was ich durchaus verstehe. Ob tatsächlich ranzige Butter drin ist, wie ich vermute? Nepal bietet aber auch anderes an Getränken, was einem kritischen Europäer durchaus entgegen kommt. Die nächste Runde, an der ich mich wieder beteilige, wird aus einer Flasche eingeschenkt. Es ist Kukuri, ein Rum. Und davon nehmen wir alle gerne Nachschlag und dann nochmals. Sogar echte Stimmung kommt jetzt auf, die nur durch unseren Umzug auf den Balkon mal kurz unterbrochen wird. Bernd breitet bis gegen Mitternacht sein schier unerschöpfliches Repertoire an Witzen aus. Irgendwann in tiefer Nacht begegnet mir Johanna auf der kleinen Brücke vor dem Haus - unschicklich bekleidet mit dicker Bergjacke, nackten, weißen Beinen, aber klobigen, dreckigen Bergschuhen an den Füßen. Sie dürfte Ähnliches gesehen haben. Es fängt gerade an zu nieseln.

Geschäftigkeit im Haus weckt uns. Leichter Nebel hängt im kleinen Tal und naß ist es draußen. Unsere Sherpas sind schon auf den Beinen; sie haben im Freien geschlafen. Zur Katzenwäsche müssen wir nach unten und aus dem Haus heraus. Das Waschbecken ist nämlich eine Art Brunnen und man trifft sich dort, um Guten Morgen zu sagen. Ganz praktisch auch, dass die wichtige Brücke gleich neben an ist; allerdings stehen momentan schon zwei dringende Anwärter auf ihr, so dass ich mich aller Ruhe waschen und mir die Zähne mit dem kalten Wasser putzen kann. Da wir in diesem hübschen Hotel den eigenen Schlafsack benutzt haben, muß das Ding jetzt wieder in die Hülle. Ich verfluch es jeden Morgen. Mal zu groß gerollt, mal zu schief gerollt, sauber paßt das Ding aber nie. Die Wasserflasche muß auch noch gefüllt werden und ja nicht vergessen, die Tabletten zur Vorbeugung zu nehmen. Die beiden Seesäcke schleppe ich einen nach dem anderen die schmale Treppe hinunter und bin heilfroh, sie einem Sherpa anvertrauen zu dürfen. Dankbar nimmt er obendrein noch eine Zigarette an. Ein letzter Rundgang durchs Zimmer, um der fetten Spinne an der Decke Tschüss zu sagen und das Frühstück kann beginnen. Die Sonne scheint bereits.

Wir trekken wieder los. Am Haus vorbei, eine kleine Anhöhe hinauf und was sehe ich: Ein Jeep steht einfach so da und hinter ihm die Andeutung einer Straße. Ich komme mir etwas verarscht vor; wir rennen die Berge rauf und runter, um nach hier zu kommen und auf der Rückseite verläuft die Straße. Das Witzbild vom Bergsteiger, der mit Seil und Pickel die Spitze erklommen hat und oben dann reichlich Touristen von der anderen Seite mit Bus antrifft, erscheint vor meinen Augen. Gut, dass wir schleunigst im Wald verschwinden können und sich die Vorstellung wieder breit macht, die da sagt: Der Weg ist das Ziel. Zwischen hohen, gewaltigen Bäumen wandern wir zunächst. Nur wenig Steigung hat der Pfad, manchmal geht es sogar etwas abwärts. Erstmals wandert die Gruppe, wenn auch auseinander gezogen, fast zusammen. Sind Gabi und ich nun schneller geworden, oder aber die anderen langsamer? Über eine Lichtung kommen wir, in der viele geschlagene Bäume liegen. Es ist aber offenbar kein Raubbau, wie an so vielen anderen Stellen in Nepal. Von dem dadurch entstehenden, großen Problem der Erosion werden wir denn auch fast nichts mit bekommen.

Immer dichter und üppiger wächst es um uns herum. Farne, Moose und dichtes Unterholz machen sich breit. Selbst die Baumstämme sind bemoost und Bartflechten hängen herab. Modrig riecht es manchmal, dann aber wieder würzig und feucht. Wir sind in einen Märchenwald gekommen. Kleine unscheinbare Blümchen zeigen sich hier und da und ab und zu schaukelt ein welkes Blatt aus der Höhe herunter. Es raschelt irgendwo im Gehölz dann schreit ein Vogel. Ich atme tief durch und genieße mit allen Sinnen. Nur auf dem Pfad läßt sich's noch laufen und der ist glitschig durch die Feuchtigkeit. Aufpassen muß man aber in jedem Märchen. Es wird lichter, der Pfad geht bergan. Wir kommen auf die Höhe und erneut eröffnet sich der Blick hinüber auf das Massiv des schnee- und eisbedeckten Annapurna. Wunderbar! Wir wandern hier oben auf dem Kamm weiter. Bis ins flacher werdende Land geht die Sicht. Ein einsames Haus taucht auf und vier kleine Mädchen springen heraus. Sicher eine willkommene Abwechslung für sie, wenn mal Fremde zu ihnen finden.

Bald aber müssen wir weiter, denn heute soll es noch bis nach Ghorepani gehen. Unsere Gruppe ist schon längst nicht mehr zu sehen, nur Sylvia ist bei uns geblieben. Der Weg bleibt auf der Höhe, mal im Wald, mal außerhalb mit Blick über die Bergwelt. Vorne, auf dem Kamm, aber direkt am Hang wird ein größerer Gebäudekomplex sichtbar und zudem ein Schotterweg, der ins rechte Tal hinab führt. Unser Weg zweigt jedoch nach links talwärts ab und bleibt im Wald. Steil geht es teilweise zwischen Felsen runter. Ich meine Stimmen und Lachen zu hören. Wir kommen um einen hohen Felsturm; es kann doch wohl nicht wahr sein, was sich mir zeigt. Eine Menge Leute für hiesige Verhältnisse stehen herum, teils Trekker, teils Touristen mit leichter Bekleidung, aber auch Einheimische sind dabei. Etliche Steinhäuschen, die an Buden erinnern, bieten Souvenirkrimskrams, aus anderen qualmt und dampft es; es sind Garküchen. Nun, der Platz ist nicht schlecht gewählt. Es ist eine natürliche Aussichtsplattform, von der der Blick weit, sehr weit ins Land geht. Von den höchsten Bergen hinunter bis ins flache Land, das Terai von Nepal. Unsere ganze Gruppe trifft sich wieder und genießt das Panorama. Die gesehenen Baulichkeiten sind ein Hotel höre ich, was natürlich den Rummel bestens erklärt.

Ein kleines Sonnenbad genehmigen wir uns noch, bevor das nächste Tal uns aufnimmt. An einem blumenübersäten, offenen Hang wandern wir entlang. Der Berg gegenüber scheint nicht hier her zu gehören, denn dort und nur dort ist der Herbst ausgebrochen. Zwischen sattem Grün haben Bäume ihr Laub verfärbt in alle typischen, herbstlichen Farben. Es sieht wunderschön aus. Das Tal wird enger und nur noch Grün umgibt uns, wie wir es schon gewöhnt sind. Gabi entdeckt einen Stein, der wie eine Muschel geformt ist. Und tatsächlich, es ist auch eine versteinerte Muschel. Nicht so ganz ungewöhnlich im Himalaja, dem höchsten Gebirge der Welt. Der Kontinentalverschiebung verdankt der Himalaya seine Entstehung. Die indische Erdplatte, ursprünglich mal Teil Afrikas, driftete über Jahrmillionen durch den Indischen Ozean nach Norden und drückt nunmehr gegen die eurasische Erdplatte. Der ehemalige Boden des Meeres, der zwischen den Schollen war, wurde - und wird sogar auch heute noch - gehoben und bis auf über 8000 m Höhe gedrückt. Hebung und Abtragung halten sich mittlerweile aber fast die Waage.

In dem engen, ansteigenden Tal tauchen mehrere Häuser auf. Erneut staunen wir, denn hier geht's zu wie in einem Touristenort mit Lokalitäten, Souvenirshops, Guesthaus und erhöht thronend, einem Doppel-Plumpsklo. Auch wir lassen uns zum Essen nieder, trinken Tee und schauen dann das Angebot der Shops durch. Von Zigaretten über Wein, Kukuri, Postkarten, Püppchen, einheimischen Schmuck, Buddhafiguren aus dem nahen Tibet und sonstigen Göttern bis hin zum Meeressalz des Himalaja ist alles zu haben. Eine recht hübsche Verkäuferin fällt mir als besonders geschäftstüchtig auf. Sie scheint aus Tibet zu sein, die - wie viele andere Tibeter - in Nepal Zuflucht vor den Chinesen gefunden haben. Vielleicht ist sie aber auch Angehörige eines der cirka 40 Völker, die es in Nepal gibt und die alle ihre eigene Sprache oder eigenen Dialekt haben, obgleich Nepali als Amtssprache gilt. Letztlich ist es mir allerdings egal, welcher Gruppe sie angehört, da ich sie lediglich fotografieren möchte. Also frage ich sie, wie es in Nepal schon aus Glaubensgründen erforderlich ist. Sie willigt ein und alsbald wechseln eine Rolle Kekse sowie ein buntes Döschen mit Tigerbalsam gegen Erkältungen und sonstige böse Krankheiten den Besitzer.

Wie zu erwarten war, ein Stückchen oberhalb des Ortes kommt von rechts eine Straße über den Berg. Wie ebenfalls zu erwarten war, wir gehen das Tal gerade aus weiter und dann steil aufwärts, dort wo der Berg am höchsten ist. Nach einer Stunde haben wir es geschafft und der Kamm ist erreicht. Wieder berauscht uns ein Panorama über die Gebirgswelt vom Feinsten. Erstmalig sehen wir nicht nur das Massiv des Annapurna nach der einen Seite, sondern zugleich in anderer Richtung einen weiteren Bergriesen; es ist der 8.167 m hohe eisgepanzerte Dhaulagiri mit der zugehörigen schneebedeckten Gebirgskette. Sehr tiefe Täler liegen dazwischen und weit unter uns, aber hoch über dem Talgrund gelegen ist auch das Dörfchen Ghorepani bereits auszumachen, das Ziel für heute. Eine Zeitlang sitzen wir alle begeistert am Hang und schauen abwechselnd zum Dhaulagiri und zum Annapurna hinüber oder auch in die tiefen Täler. Allein schon diese 15 Minuten waren unsere Reise nach Nepal und die Anstrengung des Trekkings wert. Ab jetzt geht es - was uns freut - nur noch abwärts. Meist außerhalb des Waldes, über Wiesenhänge oder steile Felder, stets jedoch mit Blick zu den beiden 8.000-der Massiven.

Nur langsam wachsen die Häuser von Ghorapani an. Wer hätte gedacht, dass Gabi und ich sie überhaupt zu sehen bekommen; sämtliche Bedenken, wir könnten das Trekking nicht schaffen, sind mittlerweile gewichen. Wir fühlen uns bestens und sind auch etwas stolz auf unsere Leistung. Ghorepani und vor allem den Poon Hill haben wir wirklich verdient. Auf einer Bergkuppe immer noch weit oberhalb von Gorapani wird in hohem goldgelben Gras und bei herrlichstem, warmen Sonnenschein Rast eingelegt. Ich sitze mal auf der einen Seite der Kuppe, mal auf der anderen, je nachdem ob mir mehr nach Annapurna oder mehr nach Daulagiri ist. Weite Stufen nehmen uns auf und sie scheinen endlos hinab zu gehen. Mit den Bäumchen links und rechts wirkt es fast wie eine Allee, die bis nach Ghorepani führt. Endlich, die ersten Häuser sind erreicht und es tut jetzt wirklich gut, wieder etwas ebenerdig laufen zu können. Groß ist Ghorapani aber wirklich nicht und schnell ist das Zentrum erreicht; es ist dort, wo unser Weg schlicht und einfach auf die einzige Querstraße trifft. Als Hauptstraße ist sie sogar grob gepflastert.

Unsere feste Unterkunft liegt - wie könnte es im Himalaja anders sein - wieder etwas bergauf, dafür aber mit Blick über den Ort. Es ist ein uriges Haus, teils aus Stein, teils aus Holz errichtet, wie fast alle Häuser im Annapurna Gebiet. Die hier so oft zu sehenden Farben Blau, Lila und Violett für den Anstrich der Holzbalken an Außentüren und Veranden vermisse ich allerdings bei uns. Das kleine Zimmer für Gabi und mich, ganz in Holz gehalten, geht leider nach hinten raus. Der Schrank ist eine gespannte Leine über dem Bett und hat den Vorteil, dass das Zimmer größer wirkt. Für Gemütlichkeit sorgt der fehlende Strom; im Heim ist Kerzenlicht angesagt. Wie schon letzte Nacht, ganz allein sind wir auch hier nicht; eine diesmal dünne Spinne bewohnt die Zimmerdecke. So ein normales Annapurna Haus hat wie bei uns in früheren Zeiten, noch die bewährten Holzbohlen zum Laufen. Nur das Knarren ist tückisch, da es einfach alles an alle verrät, selbst den leisesten Gang zum Klo. Und von nebenan höre ich, dass sich Bernd - oder ist es Hartmut - aufs Bett legt. Denn es klingt eindeutig nach Federquietschen und nicht nach Knarren. Und jetzt seht er schon wieder auf. Sicher will er noch mal ins Dorf runter, wie wir es auch vorhaben.

Unsere dicke Jacke nehmen wir mit; gegen Abend wird es wieder empfindlich kalt. An kleinen Beeten mit viel Blumen und Gemüse sowie einem recht neuen, modern wirkenden Haus vorbei gehen wir tiefer und ins Dorf hinein. Auch andere Trekker halten sich hier auf und wandern die kurze Hauptstraße rauf und runter. Wo sollte man auch sonst hin? Etwas erhöht gibt's eine Imbissstätte mit Tischen und Stühlen außerhalb und lädt uns zu einer Tasse Tee ein. Wir beobachten die gegenüber liegenden Souvenirbuden - aus groben Steinen errichtet - und das Gefeilsche dort. Erstaunlich wie viele Touristen es in Gorapani gibt. Offenbar kommen alle Gruppen früher oder später hier vorbei, um einmal auf dem Poonhill gewesen zu sein. Auch eine Schaf- und Ziegenherde wird durch das Dorf getrieben.

Zum Essen müssen wir wieder hoch. Im Aufenthaltsraum ist für uns gedeckt und nebendran knistert und knackt es im Lehmofen und strahlt kräftige Wärme ab. Viele Postkarten aus aller Welt sind mit Nadeln an die Wand gespickt. Sie kommen alle von früheren Besuchern dieses Hauses. Bevor es in die Falle geht sitzen wir noch eine zeitlang um den Ofen und trinken Tee oder auch Bier. Natürlich nehme ich in Nepal - wie immer in der Welt - nur das lokale Bier; es schmeckt durchaus gut. Hartmut, unser Kinderarzt, löffelt zum Abschluss des Tages aus einem Teller noch eine ordentliche Portion leckeren Joghurts. Gabi äußert Bedenken an solchem Nachtisch, was ihm den Geschmack aber nicht verderben kann. Er löffelt zu Ende, denn schließlich sei es ja kein ungekochtes Wasser oder Gemüse oder ungeschältes Obst, was man in Nepal natürlich nicht zu sich nehmen sollte, wie ja jedes kleine Kind weiß.

Oropax ist für mich ein Wundermittel, das ich auf jede Reise mitnehme. Denn was interessiert's mich, dass die Gruppe nachts so häufig aufs Klo wandert oder sich im Bett umdreht oder gar, dass Bernd bei Nacht ganze Wälder absägt. Das Knarren der Holzbohlen, das Quietschen der Betten, das Schnarchen von Bernd entfernt sich umgehend nach dem Verschluss meines zweiten Ohres. Früh, sehr früh heißt es morgen aufstehen, denn der für mich schon fast zur Legende gewordene Punhill erwartet uns. Der Wecker ist auf 3.30 Uhr gestellt, was ich nochmals kontrolliere. Mein letzter Gedanke gilt dem Poonhill.

Der Wecker zerrt mich aus tiefstem Schlaf. Aus den anderen Zimmern höre ich schon die Bohlen knarren. Also raus aus dem so herrlich warmen Schlafsack in die Kälte. Gabi dreht sich nur um und murmelt, dass wir Morgen auch noch auf den Poonhill können. Nein, ich will heute schon rauf und mach mich fertig. Ein paar Kekse stecke ich noch ein, denn Frühstück ist erst bei der Rückkehr vom Poon Hill. Die Flasche mit Wasser muß natürlich auch mit, die Entkeimungstablette Micropur ist drin. Die Taschenlampe hätte ich beinahe vergessen. Draußen ist es stockdunkel. Eine andere Gruppe kommt schon am Haus vorbei; wir sind also nicht die einzigen, die auf den Berg wollen. Unsere Gruppe bleibt jedoch unvollständig. Auch Hartmut, Edda und Claudio wollen offenbar erst Morgen nach oben. Im Dunklen auf einen Berg krabbeln, ist ein völlig neues Erlebnis für mich. Und es geht recht steil auf schmalem Pfad nach oben. Über uns und jetzt auch unter uns sind wandernde Lichtkegel von Taschenlampen auszumachen. Ein erster Schimmer des neuen Tages zeigt sich am Himmel.

Der Schimmer wird schnell stärker und breitet sich aus. Etwas rötliche Farbe kommt hinzu. Wolken werden erkennbar. Hoffentlich schaffen wir es, rechtzeitig zum Sonnenaufgang oben zu sein, denke ich und lege einen Schritt zu. Wald taucht auf. Gott sei Dank windet sich der Weg nur kurz hindurch und geht dann wieder auf offenem Hang weiter nach oben, so dass der Blick frei bleibt. Schemenhaft werden erste Bergkuppen gegen den Himmel sichtbar. Die Helligkeit nimmt zu und auch das Rot wird intensiver. Immer wieder schaue ich mal kurz zur Seite zum heller werdenden Himmel, dann wieder auf den engen, aufsteigenden Pfad, der seine Tücken, Wurzeln und Steine hat. Nach unten hin bleibt es stockduster, hoch oben breitet sich dafür die Helligkeit jetzt immer schneller aus und formt einen Blick, der wirklich in ein himmlisches Reich führt. So etwas von überirdischer Schönheit habe ich noch nicht gesehen! Johanna, die mit mir gekraxelt ist, und ich erreichen gerade ein optimales Plätzchen am Hang, eine kleine, natürliche Aussichtsplattform. Die Kameras klicken wild, um etwas von dem phantastischen himmlischen Szenario, das drüben immer heller erstrahlt, fest zu halten. Vor allem die Doppelspitze des Machhepuchre hat es mir angetan; sie schwimmt in der sie umgebenden Helligkeit sowie einem Kranz von lichten, rötlich-gelben Wolken. Nach links hin wächst hinter zarten, durchscheinenden, dunkleren Wolkenschleiern das weiße Massiv des Annapurna immer höher auf. Und das eigentlich Unfassbare, alles was das Auge jetzt sieht, spielt sich ausschließlich am Himmel ab, wie gepolstert auf hohem, pechschwarzem Samt.

Die Höhe des Poonhill ist fast erreicht, eine Felsbarriere muß noch überstiegen werden und vor uns liegt die mit großen Grasbüscheln bewachsene Kuppe des Hügels. Sogar ein Haus gibt es und jede Menge Leute tummeln sich schon hier oben. Die meisten stehen allerdings auf der anderen Seite des Hügels vor einer kleinen Steinmauer und schauen alle gebannt in dieselbe Richtung. Unwirkliches, Unglaubliches ist dort zu sehen. Die gesamte, erhabene Gebirgskette des Dhaulagiri mit ihm selbst als unumschränktem Herrscher in der Mitte zeichnet sich gegen den Himmel ab. Schnee- und eisbedeckt die obere Region, klar abgegrenzt nach unten und immer dunkler werdend bis ins tiefe, tiefe Tal hinab. Der Talgrund ist nicht zu sehen, er liegt noch in völliger Dunkelheit. Ein Blick über 6.000 m Höhe sicherlich. Ergriffen wie vor einem Heiligtum stehen jetzt auch Johanna und ich vor der Mauer und stehen und stehen und schauen und schauen.

Nur langsam können wir uns von dem Anblick lösen. Fast schon vergessen ist der Annapurna und Machapuchare. Nur eine halbe Kopfdrehung mache ich und glaube meinen Augen nicht zu trauen. Gewaltig und in absoluter Schönheit - in diesem Augenblick für mich auch völlig unvorbereitet - steht dort über weißen Wolken das schneebedeckte Massiv des Annapurna im Himmel. Und nach unten in die schwarz -blaue Dunkelheit weich abgegrenzt durch die weißen Wolken sowie im Vordergrund durch goldgelb aufleuchtendes hohes Büschelgras. Einfach traumhaft diese Komposition der Natur! Wir eilen jetzt in diese Richtung fast bis zum Abgrund um noch näher zu sein. Von Minute zu Minute verändert sich das Bild. Es wird heller, die Wolken verschieben sich, ziehen höher, teilweise auch tiefer oder lösen sich ganz auf. Die Helligkeit erreicht mittlerweile den Talgrund und unten gebildete Wolken wandern langsam die Hänge aufwärts. Ein Erlebnis wie es nicht schöner sein kann.

Auf der rückwärtigen Seite des Poonhill haben sich zwischenzeitlich gewaltige, dunkle Wolkenmassen zusammen gebraut. Sie ziehen unten ins Tal hinein und wandern auch auf unserer Etage halb um die Kuppe herum. Eine tolle Stimmung ergibt sich hieraus, zumal die bereits aufgegangene Sonne weiter bei uns bleibt und das Büschelgras - wie nach einem Regenguß - wunderschön leuchten läßt. Vom Dhaulagiri ragt nur noch die eisige Spitze über die Wolken hinaus; das Massiv des Annapurna bleibt dagegen fast wolkenfrei. Wir wandern mal in die Richtung, mal in die andere. Gut, dass ich nur einen Film dabei habe, denn mit meinen lediglich 12 Filmen für jede Reise hätte es sonst eine Katastrophe gegeben. Die Sonne steigt höher und läßt den Glanz dieser phantastischen Umgebung etwas verblassen. Gut drei Stunden bin ich jetzt schon auf der Kuppe. Nur noch sehr wenige Besucher sind geblieben, von unserer Gruppe ist sonst keiner mehr da. Also mach auch ich mich auf den Weg. Absolut begeistert steige ich den Poon Hill hinab. Wer hätte das gedacht, dass ich auf diesem Berg stehen würde und dann noch bei dieser unglaublichen Sicht. Ich bin wahrhaftig mit mir und der Welt rundherum zufrieden.

Die Häuser von Ghorepani sehe ich unten liegen und sie kommen schnell näher. Die Gruppe hat tatsächlich mit dem Frühstück auf mich gewartet. Nur Hartmut ist nicht zu sehen. Er hat's mit dem Magen oder auch Darm oder sogar mit beidem zu tun, klärt mich Bernd auf. Die halbe Nacht hätte er schon auf dem dunklen Klo verbracht. Nie wieder wolle er Joghurt essen. Den ganzen Tag haben wir heute Zeit für uns. Also wandern wir die Hauptstraße rauf und runter und wieder runter und rauf. Die Souvenirshops werden begutachtet, ein paar Nepalesische Rupies (NR) und kleine Paisa wechseln den Besitzer, wir trinken Tee, schauen in die Häuser, soweit es von der Straße aus möglich und nicht zu aufdringlich ist, sagen häufig Namaste, den hiesigen Gruß und jeder versucht irgendwie, ein hübsches Motiv von den Einheimischen in seinem Kasten unterzubringen. Nur mit Erlaubnis natürlich. Auch Hartmut bekommen wir im Haus mal kurz zu Gesicht. Wie ein Häufchen Elend sieht er aus. Den Spätnachmittag und Abend verbringen wir bis auf Hartmut um den kräftig geheizten Ofen, denn es ist empfindlich kalt draußen und jeder kennt Ghorapani ohnehin bereits bis in die letzte Ecke.

Natürlich lasse ich es mir nicht nehmen, wieder um 3.30 früh aufzustehen. Diesmal steht auch Gabi auf, denn meine Schilderung vom Punhill war zu eindeutig. Wieder sind wir gut 3 Stunden oben und können uns nicht satt genug sehen. Sylvia hat sogar Luftballons in allen Farben mit nach oben geschleppt, warum auch immer. Jedenfalls werden sie von uns aufgeblasen und mit Dhaulagiri oder Annapurna sowie der Gruppe in wechselnder Besetzung aus jeder Kamera fotografiert. - Gegen Mittag ist Abmarsch aus Ghorapani und sehr schön, es geht bis morgen Mittag ausschließlich bergab. Gleich hinter Gorapani sogar recht steil und teilweise noch mit Stufen. Unser armer Hartmut bleibt erstmalig sofort bei mir als dem Letzten der Gruppe. Blass, sehr blass ist sein Gesicht. Auf dem Poonhill war er nicht, er kennt nur das Klo von Ghorepani. Reisen - unser beider Spezialgebiet - ist Thema auf dem jetzt gemütlich gewordenen Weg hoch oben über einem tiefen Tal. Ich meine, dass Hartmut dabei wieder ein ganz kleines bißchen Farbe bekommt. Irgendwann will er wissen, wie viele Länder ich schon bereist habe, aber nur diejenigen außerhalb von Europa würden für ihn zählen. Ob kurz oder lang spiele allerdings keine Rolle, man muß nur mit beiden Füßen drin gestanden haben. Meine Frage, ob denn auch Zwischenlandungen gelten, wurde dagegen klar verneint.

Da wir hier in Asien sind, beginne ich mit der Aufzählung denn auch in Asien und wechsle dann rüber nach Amerika. Wahrscheinlich täusche ich mich, dass Hartmut wieder blasser geworden ist. Nach Aufzählung auch der afrikanischen Länder bin ich mir aber sicher, dass er die alte, ungute Farbe wieder angenommen hat. Mein abschließender Hinweis, noch nie mit beiden Füßen auf dem australischen Kontinent gestanden zu haben, scheint ihm aber Erleichterung zu verschaffen; er habe schon sämtliche 5 Kontinente bereist und gerade Australien sei ein ganz besonderer Kontinent. - Unser enges Tal mündet in ein größeres Tal. Ich vermute, es könnte das Tal nach Landrung und weiter zum Annapurna Sanctuary mit dem Basiscamp sein, was sich jedoch als voreilig heraus stellt; erst Morgen in Birethani wird es soweit sein. Vorne und weiter unten taucht jetzt das Dörfchen Banthani auf. Wie ein Schwalbennest hängt es am steilen Hang unmittelbar an der Schlucht. Sogar ein Rasthaus mit Terrasse und tollem Blick ins Tal gibt es hier. Die Gruppe sitzt bereits bei einer Tasse Tee im warmen Sonnenlicht. Hartmut hat erst mal anderes vor und verschwindet umgehend. Na, hoffentlich wird ihm nicht noch schlechter, wenn er die Toilette sieht, meint Sylvia nur dazu.

Lange dauert es bis Hartmut zurückkommt. So was hab ich noch nicht erlebt, ist sein knapper Kommentar. Wirklich neugierig geworden, mache ich mich auf den Weg. Über Treppen geht's hinterm Haus steil nach unten und dann dem Geruch nach. Ein aus knorrigen Ästen gefertigtes Häuschen steht direkt am Abgrund, der hintere Teil sogar darüber, nur durch einige Stecken abgestützt. Todesmutig gehe ich hinein und schau durch das Geäst weit hinunter in die Schlucht. Circa 300 m hängt mein Hintern über dem schäumenden Bach in der Tiefe. Alles was hier hinunter fällt, ist auf immer verschwunden, geht es mir durch den Kopf. Wirklich erleichtert verlasse ich diesen unheimlichen Ort. Unser Koloss Bernd ist der Nächste. - Treppen ziehen sich durch ganz Banthani und wir wandern an unterster Stelle aus dem Ort heraus. Eine Zigarette muß ich allerdings hier lassen, um das obige Bild von Mutter, Tochter und dem dekorativen Balken der Veranda in der Mitte machen zu dürfen.

Weit unterhalb von Bhanthani im nächsten Ort werden die Zelte von uns aufgebaut. Schwierig nur - wie üblich im Himmalaja - ein Plätzchen zu finden, das nicht gar zu schräg den Hang hinab geht. Heute Abend scheint im Dorf was los zu sein. Viele Menschen haben sich versammelt und Musik ist zu hören. Nach dem Essen wandern auch wir hinauf und fühlen uns umgehend in das Fest integriert. Jeder bekommt eine Girlande mit Blumen um den Hals gehängt und eine weitere Blume in die Hand gedrückt. Schmuck zurecht gemacht sind die Einheimischen und ich bin sicher, ihre beste Garderobe zu sehen. Es wird gelacht, getanzt, getrommelt was das Zeug hält und alle sind begeistert mit dabei. Welches Fest hier gefeiert wird, kann aber selbst unser Sherpa nicht sagen, da es in Nepal nun mal mehr Feste gibt, als das Jahr Tage hat. Das bekannteste und ausgiebig gefeierte Neujahrsfest, das Bisket Jatra, kann er jedoch ausschließen, da es erst im April gefeiert wird. Ansonsten richten sich die Feste in Nepal nach dem Mondkalender und verschieben sich von Jahr zu Jahr; wer soll da noch durchblicken.

Irgendwann in der Nacht suchen wir mit unserer Stirnlampe den Weg zurück zum Zelt, obgleich das Fest noch weiter geht. Kräftig abgefärbt haben die Girlanden, wie wir am nächsten Tag feststellen. Aber was soll's, unseren Spaß hatten wir. Heute ist wieder Tablettentag. Nur wegen des Chitwan Nationalpark und seiner Malariagefahr ist die Vorbeugung geboten. Der Rest, Hepatitisspritze, Typhus, Polio- und Tetanusschutz wurde ja schon zu Hause erledigt. Es geht weiter bergab. Ich staune, wie hoch wir doch waren. Einen Yeti haben wir leider nicht getroffen. Das liegt aber nur daran, dass die Sherpas durch List und mit reichlich Alkohol die hier lebenden, jedoch Menschenfleisch fressenden Yetis dazu brachten, sich selbst umzubringen. So behaupten die Sherpas jedenfalls. Birethani ist irgendwann erreicht. Es ist ein besonders sauberer und netter Ort; sogar eine Bank mit Geldwechsel gibt es hier. So etliche Touristen wandern von Birethani aus nach Gorephani, um (lediglich) den Poonhill zu besteigen. Eine schwankende Hängebrücke hat Birethani auch und viele wunderschön blühende Weihnachtssterne.

Zu meinem Erstaunen bleiben wir nicht unten im Tal, sondern unser Sherpa steigt nach Überquerung der ordentlich schaukelnden Brücke wieder kräftig aufwärts. Eine Frechheit, wie ich meine; aber was bleibt uns anderes übrig, als hinterher zu trekken. Eine Schaf- und Ziegenherde lass ich diesmal vor uns die Brücke testen. Die Tiere wollen nicht so recht, aber auch ihnen bleibt nichts anderes übrig. Für uns ist jetzt Eile geboten, denn es folgt eine schwer bepackte Eselkarawane, mit der ich nicht unbedingt zusammen auf der Brücke stehen will. Ich fotografiere sie lieber von gegenüber. Nach gut 2 Stunden ist der Bergkamm erreicht und auf der Höhe wandern wir jetzt entlang mit weitem Blick in Richtung Terai, dem Flachland von Nepal. Einige Dörfchen werden hier oben passiert und am späten Nachmittag ist das Ziel für heute erreicht. Es ist der Ort Naudanda mit tollem Blick auf den Machapuchre. Und wen treffen wir - fast schon vergessen - wieder? Unseren verlorenen Sohn in Gestalt der weiblichen Mechthild. Eine Urlaubswoche hat sie in Nagdanda verbracht und scheint mir sehr zufrieden, als sie uns so abgewrackt antrekken sieht. Gemeinsam geht's am nächsten Tag wieder hinunter ins Tal, aus dem wir gerade gestern von Birethani aufgestiegen sind. An der Abstiegsstelle mäandert das Flüsschen diesmal und bietet idealen Platz für Reisfelder und eine letzte Trekkingsrast der Gruppe bis der Bus kommt.

Irgendwann klappert unser alter Bus heran; er wird uns die wenigen Km bis nach Pokhara bringen. Tolle Stimmung breitet sich im Bus aus. Das Radio spielt laut und alle Sherpas - jetzt bar jeder Last und auf dem Heimweg - fangen zu singen an. Allzu rasch ist Pokhara, mit ca. 50.000 Einwohnern eine der größten Städte in ganz Nepal, erreicht. Leider halten wir auf dem Zeltplatz. Putz- und Flickstunde ist angesagt, jedenfalls für die Damen der Gruppe. Die Herren haben wichtigeres vor und schauen sich in Phokhara um. Viel Interessantes haben wir aber nicht gefunden und kehren alsbald zurück. Bernd ist glücklich, einer einheimischen Waschfrau sein verdrecktes Zeugs übergeben zu können. Leider hat er die Rechung ohne Beachtung der strengen Zuständigkeitsregelung gemacht. Jedenfalls erhebt sich ein riesiges Geschrei auf dem Campingplatz, da die für Bernd an sich zuständige Waschfrau Wind von dem dreckigen Handel bekommen hat. Aber auch andere Waschfrauen sehen nunmehr das Recht auf ihrer Seite und stimmen in das Gezeter mit ein. Bernd ist die Angelegenheit höchst peinlich und er druckst herum, statt - wie wir ihm genüsslich raten - ein Machtwort zu sagen. Irgendwann werden Bernds dreckige Klamotten aber unter allen gerecht aufgeteilt, Ruhe kehrt wieder auf dem Platz ein und jedes Waschweib zieht mit ihrer Beute aus Bernds schmutzigem Bestand davon. So sauber gekleidet und gebügelt wie am nächsten Tag, haben wir Bernd nie wieder gesehen. Sogar das Loch für den großen Zeh in seinem Socken hat er vergeblich gesucht.

Noch ein Schmankerl ist laut Programm für heute Nachmittag eingeplant. Eine Fahrt mit dem Ruderboot auf dem Fewa See möglicherweise aber auch auf dem Phewa Lake, was jedoch identisch ist. Zwei bunte Boote werden gechartert. Wir dürfen jedoch nicht zu rudern, denn dafür gibt's wiederum Sherpas. Vor allem Bernd hat seine Lektion gelernt, sich ab jetzt strikt an derartige Zuständigkeiten zu halten. Es ist wirklich herrlich auf dem Fewasee. Tiefblaues, spiegelndes Wasser um unsere Boote, Berge um den See und dahinter - alles überragend - die weiße Kette des Himalaja. Eine Insel wird angesteuert, auf der eine feudale Lodge mit dem Namen Fish Tail errichtet ist. Wir dürfen sie besichtigen, durch die Gärten mit den vielen Orchideen und sonstigen exotischen Pflanzen wandern, in der Hängematte liegen um uns - zum Vorzeigen in Deutschland - dabei fotografieren lassen. Da es auf der Insel aber ungemütlich ruhig ist und die Preise die gute Laune verderben könnten, kehren wir nach zwei Stunden lieber zum Zeltplatz und zu unseren - freundlich grüßenden - Waschweibern zurück.

Die Nacht in Pokhara habe ich nicht so gut verbracht. Nur einen einzigen Stein habe ich unter dem Zelt offenbar übersehen und der lag frecherweise genau unter meinem Kreuz. Im Zentrum von Phokara macht der Bus nochmals Halt. Wir wandern ein bißchen herum, schauen einen Hindutempel von Außen an - für Nichthindus ist der Eintritt verwehrt -, und unser Führer erzählt, dass etwa 90 % in Nepal Hinduisten sind und nur circa 5 % Buddhisten. Der Rest Moslems und Christen. Mit diesem Wissen um die Gläubigkeit in Nepal fahren wir auf der schon bekannten Straße Richtung Kathmandu zurück. Nach drei Stunden ist die Brücke über den Trisuli River erreicht und damit auch der große Parkplatz, an dem jeder Bus und jedes Auto Station macht. Denn einen kleinen Markt und etliche Restaurants gibt es hier. Vor dem Rafting wollen auch wir uns nochmal stärken und ein neues Klo kennen lernen. Hartmut ist aber nicht mehr der Erste, der an den beiden fetten Schweinen und Hühnern im kleinen Innenhof vorbei laufen muß, um das vollgesch... Örtchen zu erreichen. Die Ablaufstelle für unser Rafting ist nicht weit. Von oben herab sehen wir schon einige Schlauchboote auf den Trisuli treiben. Ob die Insassen Unglückliche sind, werden wir bald wissen. Keiner von unserer Gruppe hat nämlich Raftingerfahrung.

Steil geht's zum Trisuli runter und jeder sucht sich seine Ausrüstung zusammen. Paddel, Sturzhelm und Schwimmweste sind unsere neuen Utensilien mit denen wir auch gleich recht professionell wirken, selbst unsere Mechthild. Ein großes Schlauchboot nimmt uns auf und das zweifelhafte Abenteuer beginnt. Sehr ruhig fließt der Trisuli im engen Tal dahin. So können wir uns bestens an die neue Umgebung gewöhnen, das Paddel ausprobieren und den Helm fester schnallen. Die ersten Tropfen Wasser hat mir Mechthild bereits auf die Regenhose gekleckert. Der Sherpa beruhigt uns zwischendurch mit dem Hinweis, dass nur der Oberlauf des Trisuli kriminell sei, nicht aber der Unterlauf, den wir hier befahren. Sein Wort in Gottes Ohr. Steil ragen die Wände auf beiden Seiten in die Höhe. Es ist wunderschön, so gemächlich auf dem Wasser durch die Schlucht zu gleiten. Hoch über uns taucht ab und zu auch die Straße ins Terai auf; sie folgt im wesentlichen dem Trisuli und auf ihr fährt der Bus mit unseren Klamotten, dem Koch und einem weiteren Sherpa voraus. Sie bereiten das Nachtlager für heute am Fluss vor.

Weit vor uns ist kräuselndes Wasser auszumachen. Offenbar nähern wir uns jetzt der ersten Stromschnelle. Das Boot wird schneller und schon sind wir hindurch. Viel gemacht haben wir ja nicht. Lediglich der Steuermann mußte Kurs halten. Ich meine aber, allen ist jetzt etwas wohler in der eigenen Haut nach dieser ersten, gut überstandenen Hürde. Juhu, es kommt die nächste Stromschnelle, die schon etwas aufregender, da länger ist und dann die Übernächste. Wir gewinnen allmählich Spaß an der Sache. Nach weiteren spritzigen Erlebnissen wird Kurs aufs Ufer genommen; es ist Badestunde, die wegen des kalten Wassers allerdings zu einem Sonnenbad ausartet. Die Leinen werden losgemacht; die Strömung erfaßt uns wieder und treibt das Boot über weitere Stromschnellen den Trisuli hinab. Ganz cool sind wir schon beim Rafting und naß obendrein. Zwei Stunden später lassen wir uns gegen das Ufer treiben und finden die schon aufgebauten Zelte vor. Der Koch ist eifrig am Köcheln und es schmeckt - wie immer - vorzüglich.

Den ganzen Tag verbringen wir heute auf dem Trisuli. Eine Stromschnelle nach der anderen wird grandios überwunden. Und wir freuen uns immer schon auf die Nächste. Eine freche MarcoPolo Gruppe nähert sich und setzt mit ihrer Fregatte zum Überholen an, was wir natürlich nicht dulden können. Wider Willen setzt eine heftige Seeschlacht auf dem Trisuli ein. Erbittert wird mit Händen und Paddeln das Wasser hin- und herüber geschleudert, wobei sich vor allem Bernd durch großartigen Einsatz auszeichnet. Im gebührt auch der Verdienst, durch Hervorkramen des Eimers im Boot und dessen unermüdlichen Wasserschwalls, den Feind in die Flucht geschlagen zu haben. Sie flüchten auf dem schnellsten Weg stromab. Gekippt oder untergegangen ist keins der Boote und wenn, 'einfach treiben lassen, bis man ans Ufer kommt', so jedenfalls der Sherpa. Wir schütteln alle mit dem Kopf, was in Nepal komischerweise ein Ja bedeutet.

Vor uns schäumt das Wasser diesmal besonders kräftig und es heißt für uns alle, die Richtung mit dem Paddel zu halten, um nicht auf die Felsen zu stoßen. Hinein geht es ins Vergnügen. Das Boot bäumt sich vorne steil, fast senkrecht auf. Die ganze Besatzung, rechts und links auf dem Außenwulst sitzend, rutscht und kippt nach hinten. Bernd, das Schwergewicht vor mir, kann sich auch nicht mehr halten und kracht voll auf mich drauf. Drei Paddel schwimmen im Wasser und nur mit Mühe bleibt die Gruppe halbwegs im Boot. Das Wasser wird ruhiger, wir können uns sortieren und ich vor allem Bernd wieder loswerden, der mich fast erdrückt hält. Die linke Brustseite schmerzt durch seinen Aufprall, gibt sich in den nächsten Stunden aber wieder einigermaßen. Erst zu Hause sollte ich feststellen, dass eine Rippe angeknackst war. Meine Frage an den Arzt, was zu machen sei, wurde lapidar mit 'Nischt' beantwortet. Am Übernachtungsplatz treffen wir wieder auf den in die Flucht geschlagenen Feind, die MarcoPolo Gruppe. Sie sitzt schon friedlich beim Abendessen. Ein herrlicher, warmer Sonnenuntergang am Trisuli beendet den Tag.

Nur noch den Vormittag haben wir heute auf dem Trisuli vor uns. Die Berge sind schon recht flach geworden; das Terai kündigt sich an. Der Fluß bleibt gezähmt und wir treiben gemütlich auf ihm weiter abwärts. Jeder hängt seinen Gedanken nach, nur Hartmut diktiert eifrig in sein Mikrofon, dass wir gerade unter einer Hängebrücke durchfahren, mehrere Häuser am Ufer stehen und uns einige Kinder von dort heftig zuwinken. Das Rafting geht leider zu Ende, der Bus erwartet uns schon. Die letzten Hügel bleiben hinter uns und durch Felder geht die Fahrt ab jetzt. Eine große Ortschaft wird durchquert, in der das Leben nur so pulsiert. Chaotisch ist der Verkehr und mühsam quält sich der Bus hindurch. Zwei Kühe haben es sich auf der Straße bequem gemacht und schauen uns mit großen Augen wiederkäuend an. Um ihre Heiligkeit wissen sie offenbar und danken es der Stadt als Müllschlucker. Selbst Papier, Kartonage und sonstiges wird gefressen. An Gemüseständen ist für die Heiligen allerdings auch Schluß, dort gibt's höchstens einen Tritt in den A... Der Chitwan Nationalpark mit seiner wunderschönen Lodge ist erreicht. Die Zivilisation hat uns endgültig wieder.

Der Chittwan NP ist nicht übermäßig groß, etwa die doppelte Fläche von Bremen hat er jedoch schon. Bis gegen 1950 war die Region Jagdgebiet für die Rana-Herrscher und Staatsgäste. Es wurde geschossen, was sich bewegte. In nur 11 Tagen soll der englische König George 18 Rhinozerosse und 39 Tiger abgeknallt haben. Der Bestand an Nashörnern war denn auch auf ca. 100 Tiere gesunken. Mit Einrichtung des Parks erholte sich die Spezies bis 1986 wieder auf 354 Nashörner und wächst weiter an. Man nennt sie die indischen Nashörner. Sie sind etwas kleiner als die Afrikanischen und haben auch wesentlich kleinere Hörner. Stark geschützt werden sie heutzutage vor Wilderern. Selbst Soldaten sind zum Schutz der Tiere im Park abgestellt und sie dürfen auf Wilderer ohne weitere Vorwarnung schießen. Ein weiteres Problem stellen die Bauern dar, die immer wieder versuchen, Teile des Chitwan Parks zu roden und als Ackerland nutzbar zu machen.

Den späten Nachmittag sind wir uns selbst überlassen. Wir kruschen herum, der Seesack wird jetzt ganz geleert und man staunt, wie viel ungebrauchte Klamotten noch so vorhanden sind. Tiptop eingekleidet, wenn auch zerknittert, machen wir die Runde durch die gesamte Lodge. Ein toter Flussarm ragt in die Anlage und diverse, flache Einbäume schwimmen drauf. Im hinteren Teil der Loge sind die Gehege und Ställe der Elefanten. Durch den Chitwan Nationalpark wird man nämlich in einer Sänfte hoch zu Elefant geschaukelt, wie ehemals die Maharajas oder Rana-Könige. Und früh am nächsten Morgen, die Nebelschwaden ziehen noch durchs Land, heißt es aufsteigen. Einen Holzturm hinauf und dann rüber in die Sänfte; ein Einheimischer sitzt dem Elefanten im Nacken und dirigiert das völlig harmlos und behäbig wirkende Tier mit einem Eisenstock. Man schaukelt hin und schaukelt her und fühlt sich in der Höhe wie aus königlichem Geblüt - trotz der ramponierten Sänfte.

Wir tappen durch das flache Wasser des Flussarms und stehen vor der Uferböschung. Faszinierend wie der Elefant das Hindernis meistert, ohne dass die königliche Fracht hinten runter fällt. Die Vorderbeine gehen ein Stück hinauf, werden dann geknickt und im Knien schieben die Hinterbeine das Tier nach vorne. Dann gehts hinten halb hoch und der Elefant seht vorne wieder auf. Und schon sind wir ohne übermäßige Schräglage auf der steilen Böschung. Gemächlich gehts durch Wald mit dichtem Unterholz und dann auf die freie Plaine hinaus. Ein aufregender Augenblick; aus dem Morgendunst schälen sich die ersten beiden Nashörner. Erstaunlich klein wirken sie, wenn man hoch auf einem Elefanten sitzt. Wir werden von ihnen beobachtet. Langsam kreisen wir die beiden Kolosse mit unseren vier Elefanten ein, jedoch immer so, dass ein Fluchtweg offen bleibt. Es ist ein tolles Bild, das sich uns bietet. Nicht nur wegen der Rhinos, sondern auch wegen uns selbst in der Sänfte auf dem Rücken der Elefanten. Und das Ganze eingehüllt in den lichten Nebelschleier, durch den jetzt das Licht der Morgensonne immer stärker durchscheint. Irgendwann reicht es den beiden Rhinos verständlicherweise und sie galoppieren davon.

Unsere Fahrzeuglenker haben offenbar ein Gespür für Nashörner, denn alsbald sind die nächsten ausgemacht. Auch sie werden eingekreist, brechen aus, haben uns dann aber wieder auf dem Hals. Ich glaube meinen Augen nicht zu trauen, dort sind doch tatsächlich Touristen zu Fuß unterwegs. Natürlich mit Ranger nähern sie sich langsam den Rhinos, bleiben dann aber in respektvoller Entfernung stehen, ohne sich zu bewegen. Diesen Mut kann ich nur bewundern. Mich hätten keine 10 Pferde vom Elefanten herunter gebracht. Auch von der Höhe herab ist das Erlebnis wirklich einmalig. Es ist völlig anders, als eine Safari mit dem Jeep im afrikanischen Busch zu machen, um Nashörner zu suchen und zu beobachten. Die Nebel haben sich aufgelöst und wir schwanken zurück; das Frühstück erwartet uns. Die Uferböschung wird diesmal in umgekehrter Reihenfolge durch die Elefantenbeine bewältigt. Auch das Aussteigen aus der Sänfte bereitet keine Probleme, bis auf den Umstand, dass es länger dauert, da jeder ein Foto von sich als Maharaja mit nach Hause nehmen möchte.

Nicht nur Nashörner gibt es im Chittwan Nationalpark. Auch der Bengalische Tiger hat hier ein Refugium. Gesehen haben wir ihn leider nicht. Nur eine Tatzenspur direkt an der Lodge von gestern Nacht wird uns gezeigt, was mich jedoch nicht unbedingt begeistert. Den scheuen Leoparden soll es hier ebenfalls geben und natürlich Antilopen verschiedener Arten sowie Kleinwild. Der Nachmittag ist reserviert für eine Flussfahrt im Einbaum. Eine Strömung ist kaum wahrnehmbar, so dass der arme Bootsführer uns mit der Stake vorwärts bringen muß. Zurück geht's dann mit dem Bus, was unserem Staker sicher sehr wohl getan hat. Am nächsten Morgen steht nochmals eine Elefantenpirsch auf dem Programm. Zu unser aller Freude treffen wir auf eine Nashornmutter mit ihrem Jungen. Leider verschwinden die Beiden alsbald im dichten Gestrüpp und sind dort nicht mehr aufzufinden.

Nach dem späten Frühstück wird der Chitwan Nationalpark verlassen. Es geht zurück nach Kathmandu. Dieselbe Strecke wie auf der Herfahrt nimmt der Bus; auch für uns bedeutet es diesmal, hoch über dem Trisuli die Straße in ganzer Länge bis zur Kreuzung nach Pokhara abzufahren. Einige Boote mit Glücklichen können wir dabei auf dem Trisuli sehen. Die beiden Schweine und Hühner im Innenhof des Restaurants am Parkplatz haben überlebt und wir begrüßen sie auf dem Weg zum immer noch vollgesch... Örtchen. Gegen Abend ist Kathmandu erreicht und die Gruppe bezieht das schon bekannte Hotel aus der ersten Nacht in Nepal. Gabi und ich genehmigen uns nach dem Abendessen einen letzten Schluck aus der fast schon leeren Osbornpulle und fallen todmüde ins Bett. Drei Tage verbleiben uns jetzt im Tal von Katmandu mit seinen drei Königsstädten, Palästen und Tempeln.


Mal sehen, ob ich darüber noch was berichten werde.


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