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Seite 2 vom Bericht der Mongolei







Reise in die Mongolei und Wüste Gobi im Juli 2006




Ulaan Bator ~ Naadamfest ~ Ulaanbaatar



Na also, endlich steht wieder eine Fernreise an. Immerhin 2 volle Jahre sind seit der Mexikoreise vergangen und das ist eine lange Zeit. Natürlich waren die beiden Urlaube auf Hiddensee und nach Sachsen in 2005 wunderschön, doch die Luft z.B. in der Wüste Gobi zu schnuppern, ist für mich halt noch schöner. Gabi sowie unsere Cockerdame Lotti haben Verständnis für mein Fernweh gezeigt und wollen mich für drei Wochen in die weite Welt ziehen lassen. Es soll diesmal die Mongolei werden, steht für mich fest. Eingequetscht zwischen dem Riesenreich China und Sibirien liegt das Land, das ca. 4 1/2 mal größer als Deutschland ist, aber nur um die 2,6 Mio Einwohner hat.

Reiseprospekte, in denen ich nach einer Mongoleireise suchen kann, stapeln sich reichlich bei mir. Doch zeigt sich schnell, dass die Mongolei offenbar kein so großer Renner ist. Nur bei wenigen Veranstaltern werde ich tatsächlich fündig. Gerade recht kommt daher die Info-Mail des mir bestens bekannten Saharaspezialisten Suntours mit einem Expeditionsangebot durch die Wüste Gobi in der Mongolei. Eine Entscheidung für diese Expedition wird mir leicht gemacht. Denn die zunächst ins Auge gefaßte Tour eines anderen Veranstalters ist bereits ausgebucht; die Folgetour noch völlig ungewiss und zudem ohne Besuch des berühmten Naadam-Festes in Ulan Baator, das ich unbedingt mit erleben möchte. Ein dritter Veranstalter hat Inlandflüge dabei, die ich mir aber nicht antun will. Also wird die Wüste Gobi gebucht. Tatsächliche Veranstalter der Tour sind jedoch Kooperationsunternehmen, wie die Reise-Bestätigung ausweist. Ein Antrag auf Erteilung des notwendigen Visums bei der mongolischen Botschaft liegt gleich bei.

Der Flug in die Mongolei geht von Berlin/Tegel 14.00 Uhr ab, sagt das Ticket. Nur, wie komme ich nach Berlin? Im Internet finde ich keinen Flug - auch keinen ausgebuchten -, der Vormittags von Düsseldorf nach Tegel geht, außer einem einzigen mit dem stolzen Preis von 750 Euro; fast so teuer wie der Restflug in die Mongolei. Auch die Dame im Reisebüro ist baff erstaunt und meint, bislang habe es immer reichlich Flüge auch Vormittags nach Tegel gegeben. Es bleibt also nur die Bahnfahrt mit dem ICE um 5.52 Uhr in aller Frühe, um nach Berlin zu kommen. Wofür habe ich eigentlich einen Flughafen vor der Haustür? stelle ich mir die Frage. Irgendwann fällt es aber wie Schuppen von den Augen: Am 09.07.2006 ist Endspiel in Berlin. Na hoffentlich komme ich überhaupt nach Tegel.

Ich habe es geschafft, Tegel sogar problemlos zu erreichen. Mit 2-stündiger Verspätung hebt der Flieger auch ab, quert halb Sibirien und landet nach 8 1/2 Stunden nonstop in Ulaan Baatar, der Hauptstadt der Mongolei. Der Urlaub kann also beginnen, wenn auch bereits mit einem Verlust von 7 Stunden durch die Zeitverschiebung. - Wer kennt in Deutschland schon Ulan Bator, die 'Stadt der roten Helden'? Selbst dem Namen nach kennen diese Hauptstadt die wenigsten, obgleich sie immerhin um die 800.000 Einwohner hat. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass kein Mensch weiß, wie die Stadt wirklich heißt oder wie sie überhaupt geschrieben wird. Ist nun Ulan Bator richtig, oder vielleicht Ulaan Baatar oder gar Ulaanbator oder noch was anderes. Spricht so ein Mongole den Namen seiner Hauptstadt aus, dann passt nach meinem Gehör wiederum alles. Da man in der Mongolei leider meist kyrillisch schreibt, ist auch das nicht sehr hilfreich für mich. Um so größer daher meine Freude, in der Stadt eine Reklame von Siemens zu sehen, auf der Schwarz auf Weiß 'Ulaanbaatar' zu lesen steht. Um einer solch rätselhaften Hauptstadt aber gerecht zu werden, hab ich mich entschlossen, in diesem Bericht die Namen einfach abwechselnd zu gebrauchen.

Nun, der Hauptstadt Ulaan Baator nützen die vielen Schreibweisen nichts, Ulanbaataar ist und bleibt für einen Touristen völlig uninteressant, obgleich es die absolute Metropole der Mongolei ist. Erstaunlich sind nur die vielen Jurten, die in der Stadt stehen. Altes, Gewachsenes, Historisches sucht man dagegen fast vergeblich: Der Kommunismus hat ganze Arbeit geleistet und derartiges im wahrsten Sinne des Wortes dem Erdboden gleich gemacht. Seinen Plattenbauten dürfte allerdings ein ähnliches Schicksal beschieden sein, denn sie verfallen mehr oder weniger im ganzen Land. Auch der große Platz vor dem Parlament im Zentrum der Stadt bietet nichts, was der Erinnerung wert wäre. Ein wichtiges Gebäude liegt jedoch gleich nebenan: die Hauptpost. Ihr statte ich noch am Ankunftstag meinen Besuch ab, denn Gabi soll natürlich wissen, dass ich gut nach Tegel und sogar bis in die Mongolei gekommen bin. In der Gobi dürfte mit Telefonieren sicherlich nicht mehr viel sein. Erstaunlich jedoch, selbst auf der Hauptpost in Ulaan Bator habe ich so meine Probleme. Handvermittlung ist hier noch angesagt, wenn man nach vielem Hin und Her endlich die richtige Stelle im Postgebäude gefunden hat. Dank sei dem jungen Mädchen, das selbst der Verzweiflung nahe, mir bis zum Klingeln in der Zelle geholfen hat. Eine Hotelmeile hat Ulan Bator für seine Gäste im Zentrum errichtet. Doch wir nehmen ein wunderschönes Hotel etwas außerhalb der Stadt. Und damit nächtigen wir gleich typisch mongolisch, nämlich in einer weißen Jurte. Untypisch ist lediglich das Bad mit Toilette, denn solchen Luxus gibt es bei den Nomaden sonst nicht. Zum Eingewöhnen in das Nomadendasein sind wir Touristen jedoch ganz froh um diese Zugabe.

Auch wenn die Hauptstadt architektonisch weiß Gott keine Begeisterung auslöst, entschädigt werden wir jedoch reichlich durch das Naadam-Fest, das freundlicherweise 2006 noch mit der 800-Jahrfeier der Gründung der Mongolei durch Dschingis Khan zusammen fällt. Zwar wird das Naadam Festival jährlich im Juli im ganzen Land gefeiert, in der Hauptstadt findet es aber stets seinen Höhepunkt. Ein grandioses Spektakel mit Tausenden phantastischer, bunter Trachten aus historischen Zeiten, mongolischen Reiter-Soldaten, Ringkämpfen, Bogenschießen und einem extremen Pferderennen über 35 km in der grünen, hügeligen Steppe weit außerhalb der Stadt, steht in Büchern zu lesen. Vor der Reiseplanung hatte ich von diesem mongolischen Hauptfest allerdings noch nie gehört und bin nun äußerst gespannt auf die nächsten zwei Tage. Es sollte ein Erlebnis ohne gleichen in seiner Intensität und Ursprünglichkeit werden!

Ganz Uaanbaator scheint heute auf den Beinen und noch einiges dazu. Mit dem Bus fahren wir genau zur richtigen Zeit in die Stadt, um direkt vor uns eine lange Kolonne an Reitersoldaten auf weißen Pferden vorbei ziehen zu sehen. Unglaublich, jeder einzelne Reiter trägt eine aufwendige, traditionelle Kluft mit Spitzhelm, wie zu Tschingis Khans Zeiten wohl die Mongolenhorden ausgesehen haben. In kurzen Schritten tippeln die kleinen, jedoch muskulösen Pferdchen vorbei. Pferdchen muss man wirklich sagen, denn im Vergleich zu unseren sind es halbe Ponys. Auf dem Zentralplatz vor dem Parlament scheint ihr Endziel zu sein. Menschenmassen haben sich hier versammelt und ein Durchkommen ist fast unmöglich. Nur gut, dass unsere mongolische Reiseleiterin Solo einen Treff vereinbart hat, denn schnell ist man getrennt. Wie beim Karnevalszug in einer Hochburg komme ich mir vor, als endlich die Reiterkolonne erscheint. Alle sind begeistert und jubeln. Viele der Zuschauer haben ebenfalls prächtige Kleidung im Stil der alten Khanzeit angelegt. Ein Vermögen muss so eine Aufmachung kosten. Bis ins kleinste Detail ist jedes einzelne Stück nachempfunden und zudem in bester Qualität gearbeitet. Wahrlich ein Genuss, wie sich die Mongolen in historischen Zeiten unter Dschingis Kahn oder Kublai Khan gekleidet haben. Vermutlich galt dies jedoch lediglich für die oberen Kasten.

Was sich jetzt auf dem Platz bei den Reitersoldaten abspielt, kann ich leider nicht beobachten. Ich komme einfach nicht durchs Gewühl der Menschen. Gott sei Dank trifft sich die Gruppe aber wieder. Das große Stadion von Ulan Bator ist unser Ziel und heute - wie kann es anders sein - nur zu Fuß zu erreichen. Und dort am Eingangstor warten schon Tausende auf Einlass. Eintrittskarten haben wir jedenfalls, was mich immerhin beruhigt. Irgendwann kommen wir tatsächlich durchs Tor, aber auch nicht weiter. Die Bühnen in der Runde quellen schon von Menschen über und auf dem Platz tummeln sich Hunderte, alle jedoch in farbigen, phantastischen Trachten. Gruppenweise stehen oder sitzen identisch Gekleidete beisammen und geben die herrlichsten Motive ab. Eine Freude ist es, auf den Auslöser der Kamera zu drücken, in welche Richtung auch immer. Irgendwie schaffe ich noch das Unmögliche, auf der Tribüne einen Sitzplatz zu ergattern. Und jetzt steht mir endlich der weite Blick durch das Rund offen, auch wenn ich nicht weiß, wohin mit den Füßen.

Es ist schon wirklich beeindruckend, was man unten sehen kann. Schulter an Schulter steht eine Reihe in abwechselnder Farbe gekleideter Mongolen mit je einem langen Zopf hinten dran um das gesamte innere Rund der Arena; zeitweise werden es sogar 2 oder 3 Reihen. Auf der gegenüber liegenden Seite haben gut drei - vier Hundert Musiker mit unterschiedlichen Instrumenten auf Stühlen im Rasenkarree Platz genommen und beginnen nun zu musizieren. Ein Ausschnitt der Tribüne erscheint zunächst weiß und glatt, verändert sich dann jedoch stetig. Immer neue Bilder werden dort mittels kleiner Quadrate produziert; offenbar von drunter sitzenden Leuten. Der Rasenstreifen direkt vor der Tribüne ist durch die vielen stehenden oder sitzenden Gruppen in den unterschiedlichsten, herrlichen Trachten an Farbenpracht kaum zu überbieten. Genau unterhalb meines Platzes wartet zudem eine prächtige Jurte auf einem mit acht Ochsen bespannten Holzwagen auf ihren Einsatz; es ist wohl eine Nachbildung der königlichen Jurte. Natürlich hat auch der Präsident der Mongolei an hoher Stelle Platz genommen. Ihm kommt es zu, mit feierlicher Stimme das Spektakel zu eröffnen. Und - wie überall in der Welt - das Fernsehen darf nicht fehlen.

Mit Begeisterung sind nicht nur die Zuschauer im Arenarund, sondern auch die vielen Tänzer, Musiker, Reiter und sonstigen Akteure bei der Sache. Man spürt förmlich die Ursprünglichkeit dieses Festes und die hier wirklich noch gelebte Tradition. Für mich ein Rausch an Farbenpracht und Schönheit selbst im kleinsten Detail. Die Eröffnung des Spektakels beginnt mit dem Einmarsch einer langen Reitergruppe, deren erste Reiter jeweils eine Standarte stolz in der Hand tragen. Offenbar ist es das alte Symbol aus Khanzeiten: ein Kranz langer, weißer Pferdeschweife an einer Stange. Im Kreis werden die Khanzeichen auf dem Platz aufgestellt und nunmehr von traditionellen Soldaten bewacht. Tanzgruppen in herrlichen Trachten wechseln einander ab, die Musiker geben ihr bestes und musizieren um die Wette. Irgendwann setzt sich auch die Jurte in Bewegung und wird langsam um das ganze Arenaoval von den acht Ochsen gezogen. Hinter dem Gefährt reihen sich die verschiedensten Gruppen ein und defilieren gemessenen Schrittes in ihrer Buntheit mit. Zur Abschlussvorstellung stürmen hübsch gekleidete Kinder den Rasen, stellen sich exakt auf und vollführen in absolutem Gleichtakt eine beeindruckende Darbietung; wie lange mögen sie dafür wohl geübt haben? geht mir durch den Kopf. Und auch die Frage, ob dieser synchrone Tanz tatsächlich aus Khanzeiten oder nicht vielmehr aus kommunistischer Zeit stammt.

Keiner unserer Gruppe kann sich der Faszination des Gebotenen entziehen und ist tief beeindruckt, als wir nach etwa 1 1/2 Stunden die Arena verlassen, um uns außerhalb mal umzusehen. Denn hier findet das Bogenschießen statt. Großer Trubel herrscht schon draußen. Viele Buden wurden aufgestellt, die allerlei Krimskrams, traditionelle Dinge oder Essbares anbieten; ähnlich wie bei uns auf der Kirmes. Dumm nur, dass es genau jetzt anfangen muss, zu regnen. Nicht nur Männer beteiligen sich am Bogenschießen, es gibt auch eine Abteilung für Frauen. Und die schießen gar nicht mal schlecht, wie ich zu meinem Erstaunen feststelle. Denn eine traditionelle Nomadenfrau ist üblicherweise ausschließlich für die häusliche Arbeit zuständig, darf aber auch die Stuten und Ziegen melken. Bis ins 7. Jahrhundert soll die Tradition des Bogenschießens zurück reichen, habe ich gehört. Drei Runden wird auf eine Distanz von 75 Metern auf kleine Lederkörbchen geschossen. Wird das Ziel getroffen, hüpft der nebenbei stehende Kampfrichter in bestimmter Weise, um das Trefferergebnis anzuzeigen. Der Schütze gibt sich jedoch stets gelassen, auch wenn ihm so mancher Schuss schon stinken dürfte. In einer großen Halle nicht weit vom Kampfplatz kann man das Zielen noch üben; denn dort wird mit Bällen auf aufgeschichtete Blechdosen geworfen. Wegen des Regens ist hier aber die Hölle los. Ich flüchte lieber und bleibe beim Bogenschießen traditioneller Art der dritten Runde. Dabei muss der Schütze dem Ziel den Rücken zukehren, den Bogen spannen, sich schnell umdrehen, den Pfeil abschießen ohne sich anschließend zu ärgern.

Der Wettkampf im Ringen - in der Mongolei der Nationalsport Nr. 1 - findet wiederum im Stadion statt, weshalb wir uns erneut dorthin begeben und diesmal sogar problemlos überdacht sitzen können. Nach dem K.O.-System wird hier gekämpft und nach jeder Kampfrunde die Zahl der Kämpfer halbiert. Ob klein, ob groß, ob dick, ob dünn, der zugewiesene Gegner muß irgendwie mit einem anderen Körperteil als den Füßen als erster den Boden berühren, wenn man Sieger werden will. Hat man das geschafft, streckt man beide Arme aus, bewegt seinen Körper auf und ab und tut so, als ob man ein Adler im Fluge wäre. In selbigem Adlertanz verläßt man dann glücklich den Platz, nicht ohne den Verlierer wenigstens einmal gnädig unter seinen Schwingen durchlaufen zu lassen. Diese Prozedur wiederholt sich so lange, bis man selbst unter fremden Flügeln verschämt durchhuschen muss. Nur einem bleibt letztere Peinlichkeit erspart und der erhält den heiß begehrten Titel 'Riese', der Zweitplazierte 'Löwe', dann 'Elefant' und 'Falke'. Die Bemerkung sei mir jedoch erlaubt, dass das Flügelschlagen dieser Recken schon etwas komisch aussieht. Den Schlusstanz erleben wir nicht mehr, da wir uns vorzeitig wegstehlen, um eine Folkloreshow nicht zu versäumen.

Das große Pferderennen des Naadam Festes steht heute auf dem Programm und dafür fahren wir hinaus in die Steppe. Allein die Fahrt ist für mich schon ein Erlebnis, denn hier beginnt die Mongolei, wie ich sie mir in Gedanken als typisch vorgestellt habe. Unendliche Weite, sanft geschwungene, sattgrüne Hügel, grasende, langmähnige Pferde mitten drin und hier und da in der Ferne eine weiße Jurte. Eine herrliche Landschaft wie aus dem Bilderbuch. Auf Teerstraße bewegen wir uns zunächst, dann wird sie staubig, irgendwann verlassen wir die Straße, fahren querfeldein über zwei, drei grün bewachsene Hügel und unverkennbar: Wir sind am Ziel. Reihen an Jurten sind bis in die Ferne zu sehen, regelrechte Parkplätze mit Hunderten von Pkw's haben sich im Grün gebildet, galoppierende Reiter und unglaublich das Bild: Abertausende von Menschen verstreuen sich über diverse Hügel und unten im weiten Tal. Besonders massiert sind sie jedoch an einer Stelle. Es ist das Ziel des Pferderennens, wie ich noch erfahren werde. In dessen Nähe wird die Gruppe entlassen und jeder kann - laut Solo - jetzt bis zum Mittagessen (in einer fernen grünen Jurte) machen, was immer er will. Wunderbar, so liebe ich es.

Ich streune auf unserem grünen Hügel herum, ganz ohne Ziel. Ich will einfach nur dem unglaublichen Treiben in dieser für mich herrlichen Landschaft zuschauen und auf mich wirken lassen. Natürlich klickt zwischendurch immer wieder meine Kamera, etwa bei dem greisen Mongolenopa mit dem Kleinkind auf dem Schoß oder der großen Nomadenfamilie, die sich im Gras niedergelassen hat und Mahlzeit hält oder bei dem Mongolen im braunen Deel, der kniend aus einem Koffer Uhren an zwei abgestiegene Reiter verkauft. Das Zelt- und Wagendorf weiter unten ist ebenfalls einen Besuch wert. Essen kann man dort, wie im wilden Westen sein Pferd anbinden und sich ein oder mehrere Wodkas hinter die Binde kippen oder eine riesige Melone, einen Sack Kartoffeln und dazu Klopapier kaufen. Wer will, kann sogar einen Steigdrachen erwerben und ihn durch die Lüfte segeln lassen, wie hier überall zu sehen ist. Geht man wieder etwas bergauf, wird jetzt das gekaufte Klopapier hilfreich, sofern es vom langen Warten vor der mehrtürigen Plumpsklo-Anstalt nicht schon zu spät ist, wie bei dem kleinen Mädchen. Andere tappen von einem Bein aufs andere, kneifen den Hintern zusammen und die Erleichterung ist ihnen anzumerken, wenn endlich die Tür auch für sie aufgeht. Man hört es manchmal regelrecht.

Wirklich leid tun mir - außer den immer noch nicht angekommenen Pferden - die Polizisten und Soldaten, die hier ihren Dienst verrichten müssen. In dicken Mänteln sowie Knobelbechern stehen sie im Abstand von etwa vier Metern einer neben dem anderen stundenlang da und tragen mit beiden Händen ein dickes Seil, das zwecks Absperrung der Rennbahn bis in die Unendlichkeit zu reichen scheint. Es müssen Tausende von Soldaten sein. Pieseln ist die einzige Abwechslung für sie. Dann lassen sie nämlich das Seil hängen, marschieren soldatengerecht etwa 200 m ins Besucherterrain vor und nach Vollendung des Geschäfts geht es wieder zurück ins Glied. Ihre Hoffnung dürfte sein, dass vorbei wandernde Besucher so anständig sind und wegschauen. Die Menschenmassen auf dem Zielhügel werden immer dichter und ich staune, mit welchem Elan so manche Reiter dennoch durchgaloppieren. Ein Raunen ist jetzt zu hören und tatsächlich ganz in der Ferne tut sich was. Eine leichte Staubwolke wird erkennbar und ganz langsam schält sich etwas heraus, das wie ein Lindwurm wirkt. Er kommt näher, wird länger und allmählich werden auch die Rennpferde sichtbar. Schnell wandere ich noch etwas höher, um besseren Blick über die vielen vor mir stehenden, schwarzen Köpfe und Reiter zu erhalten.

Jetzt erkenne ich, eine Spitzengruppe von mehreren Pferden hat sich gebildet und stürmt heran, jedoch davor, gut 100 m abgesetzt, ein einzelnes Pferd mit einem kleinen Knubbel als Reiter oben drauf. In vollem Galopp und Staub aufwirbelnd, verschwindet für mich das Siegerpferd hinter den begeisternd rufenden und klatschenden Menschenmassen im Zieleinlauf. Auch die Pferde der sich auf den letzten 300 Metern auseinander gezogenen Spitzengruppe verschwinden eines nach dem anderen und werden tosend begrüßt. Die Menschenmassen vor, neben und hinter mir geraten jetzt ebenfalls in Bewegung; alle wollen zum Ziel und - wie ich dann sehe - dem Siegerpferd, aber auch den anderen, einen kräftigen Klaps geben. Offenbar dürfen die Pferde nach diesem Gewaltlauf nicht sofort in Ruhestellung übergehen, denn sie werden sämtlich durch die Menschenmenge getrieben. Die Begeisterung kennt keine Grenzen, jeder will ans Pferd kommen; nur ich mache, dass ich wegkomme, wenn so ein Pferd naht. Total naß geschwitzt sind diese armen Tiere und fix und fertig sind offenbar auch die kleinen, draufsitzenden Reiterchen, denn sie strahlen nicht in Siegerpose. Es sind noch Kinder, Jungen und Mädchen zwischen 5 und 13 Jahren. Den Ruhm streichen denn auch nicht sie ein, sondern der Züchter und wie schön, das Pferd selbst.

Immer noch kommen Pferde an, wenn auch vereinzelt. Nach dem Lindwurm zu schließen, müssen es wohl insgesamt einige hundert gewesen sein. Und das bei entsprechendem Alter des Pferdes über eine Strecke von 35 Kilometern in rasendem Galopp. Zwischen 35 und 50 Minuten darf es aber nur dauern, sonst ist es ein lahmer Gaul. - Wie viele Menschen hier auf dem Siegerhügel das Rennen und abschließende Springen von Fallschirmjägern verfolgt haben, kann ich nicht mal schätzen. Wie Trauben überziehen sie den ganzen, weiten Hang, auch noch den Nächsten und natürlich entlang der Soldatenkette. Von Nah und Fern müssen die Mongolen angereist sein, meist mitsamt der ganzen Familie, denn viele Kinder sind dabei. Und alle Menschen wollen nach Beendigung des Rennens wieder nach Hause. Bin selbst schon mal gespannt auf das Kommende und wandere zum weit entfernten grünen Zelt des Mittagessens, denn dort steht auch unser Bus. Gut, dass ich mir einige Punkte in der Ebene gemerkt habe, von grünen Zelten ist jetzt nämlich nichts mehr zu sehen. Auch die lustigen weißen Klozelte samt dem Klochef sind verschwunden. Irgendwann trudeln aber alle der Gruppe wieder ein. Lediglich Helmut wäre noch heute irgendwo in der Mongolei unterwegs, hätten wir ihn nicht zufällig vorbeiwandern sehen.

Aus der Ebene kommen wir ganz gut heraus, auf einem Schleichweg auch über zwei Hügel. Dann aber treffen sich zwei Schleichwege und schon wird's enger. Ab dem Dritten ist zwar Schritt angesagt, jedoch mit der Vorfreude, dass die Hauptstraße bereits in Sicht ist. Und dort geht so gut wie nichts mehr. In drei, manchmal 4 Reihen stehen die Autos in Richtung Ulanbator. Wie schön, Gegenverkehr haben wir keinen. Der ist nämlich gesperrt, wie mir allerdings erst in der Hauptstadt endgültig klar wird. Bis zu dieser Erkenntnis verrinnen aber Stunden. Viele Autos bahnen sich einfach neue Pisten neben der Straße, über Hügel und durch Täler. Nach 9 Uhr abends ist es schon, sechs- auch siebenspurig fahren wir nun durch Ulaan Baator, alle aber in Richtung Zentrum. Aus der Stadt kommt keiner raus. An einem herunter gekommenen Fabrikgelände legt Solo einen Stop ein, um noch was offizielles zu erledigen. In der Ruine nebenan erledigen wir derweil inoffizielles. Bis zur Rückkehr von Solo bleibt für mich Zeit, den schwarz-weiß gefleckten Ziegenbock zu bedauern, den ein alter Mongole an einem Strick mühsam voranzerrt. Offenbar schwant dem Tier das kommende Unheil. Hinter dem Zentrum siehe da, wir haben Gegenverkehr und jetzt rollt unser Bus wieder, sogar bis ins Hotel mit dem Namen "Mongolia".

Drei hochbockige, russische Kastenwagen sollen uns elf deutsche Wagemutige zur und durch die Kältewüste Gobi bringen. Natürlich sind - wie immer - bei weniger komfortablen, aber abenteuerlichen Reisen die (7) Frauen in der Überzahl. Und ebenso selbstverständlich sind Lehrkräfte dabei, diesmal gleich 3 an der Zahl, wovon 2 sogar miteinander verheiratet sind. Der Dritte wollte nicht ohne seine Liebste in die Wüste reisen, so dass wir nun mit zwei Ehepaaren, 5 Singels sowie Helene und meiner verheirateten Wenigkeit gemeinsam auf Tour gehen. Da die Wüste Gobi im Süden der Mongolei liegt, beginnt die Fahrt auf einer der seltenen Teerstraßen auch gen Süden, stets parallel zur nur einspurigen Transsibirischen Bahntrasse, die bis nach Peking führt. Unendlich scheinendes, weich geschwungenes, grünes Hügelland nimmt uns auf. Herden wilder Pferde mit langen Mähnen und Schweifen bis zum Boden grasen in den Senken und vermitteln ein Gefühl von Freiheit, Ursprünglichkeit, Friedlichkeit. Irgendwann zweigen wir von der Teerstraße ab, überqueren den wenig aufregenden Gleiskörper der berühmten Transsibirischen Eisenbahn und jetzt beginnt die Piste, die nicht mehr aufhören wird. Mal wird sie besser sein, mal schlechter, mal noch schlechter, mal nicht mehr erkennbar, dann in 50 Spurreihen neben einander, hier staubig, dort schottrig, an einigen Tagen sogar schlammig, mal unpassierbar, mal überflutet. Dem entsprechend geht es auch voran: Teils mit erstaunlichen 70 - 80 km/h, teils im Schritttempo oder noch weniger, meist jedoch so zwischen 40 - 60 km/h, was für eine Piste durchaus ein guter Schnitt ist.

Je südlicher die Fahrt geht, desto spärlicher wird das Grün. Und das Erstaunliche dabei: Das meiste Gewächs ist über Hunderte von Kilometern schlicht und einfach Schnittlauch. Fettschwanzschafe, Pferde, Rinder, Ziegen, Yaks und Kamele in mehr oder weniger großen Herden grasen und zupfen in der Weite. Immer wieder tauchen auch die weißen Punkte der Jurten in der Ferne auf. Die Nomaden leben selbst in den abgelegensten Gegenden und man fragt sich unwillkürlich, wovon existieren sie eigentlich und wo finden sie überhaupt ihr Wasser. Fährt man so eine Jurte an, um etwa nach dem Weg zu fragen - was sogar für unsere versierten Fahrer nicht ganz ungewöhnlich ist - dann ist man völlig selbstverständlich Gast, erhält umgehend eine Schale Milchtee, Stuten- oder Ziegenkäse oder was man sonst in der Jurte hat. Geplaudert wird über dies und das, gibt ebenfalls ein Dankeschön in Form eines kleinen Geschenkes und ohne Verabschiedung geht die Fahrt weiter quer feldein, bis die richtige Piste erreicht ist. Völlig weg vom Weltgeschehen sind die Nomaden heutzutage jedoch meist nicht mehr. Fernseher, Parabolspiegel, Solarzellen, Motorrad oder gar Autos an der Jurte scheinen keine Seltenheit.

Von außen sehen die Jurten eigentlich alle gleich aus, nur mal größer, mal kleiner. Meist sind sie weiß, selten auch in gedeckter anderer Farbe. Die Konstruktion ist einfach: Eine Art Holzstangengitter in runder Form gebunden bildet das Innenleben der Wand, schräg auf das Gitter gelegte Holzstangen beinhalten den Dachstuhl, der mittig an höchster Stelle an einem offenen Holzring endet. Zwei senkrecht stehende, kräftige Pfeiler unter dem Holzring tragen ihn selbst und damit auch das ganze Dach. Bleibt nur noch die filzgefütterte Außenhaut drüber zu spannen, längs und quer zu binden und schon ist die typische Mongolenbehausung (fast) fertig. Es fehlt nur noch ein schwerer Stein, den man in der Mitte der Jurte aufhängen muss. Warum? weiß ich auch nicht. Wer's noch warm haben will - und das wollen alle Mongolen - der stellt einen Gusseisenofen neben den hängenden Stein und das Ofenrohr oben zum Holzring hinaus. So eine Jurte (ohne Ofen, jedoch mit Stein) ist bereits für den Souvenirpreis von ca. 500 $ US zu haben; eigentlich schade, dass sie nicht in den Koffer passt. Die Dicke des Geldbeutels eines Nomaden erkennt man daher nicht an seiner Jurte, sondern vielmehr an der Inneneinrichtung (und natürlich an der Anzahl seiner Tiere). Hat er z.B. Teppiche auf dem Erdboden oder einfaches PVC oder sogar nichts, Wandverkleidung oder nicht, Truhen usw. Ein Umzug mit Jurte ist für Nomaden kein Thema. In weniger als einer Stunde ist man reisebereit. Gesehen haben wir allerdings keinen Platzwechsel.

Nur wenige Dörfchen so etwa alle 50 bis 60 km - von Städtchen will ich lieber nicht sprechen - hält die Mongolei bereit. Und die sind trostlos. Meist mit einem großen Platz in der Mitte, auf dem hier und da ein paar gemauerte Häuser mit kleinen Geschäften und nahezu identischem Angebot (mit Massen an Bonbons) stehen. Außenrum - an breiten, völlig unbefestigten Straßen - ein durch Bretterzaun umgebenes Karree hinter dem anderen mit jeweils einer Jurte, meist noch einem einfachen Holzhaus und zwei, drei Schuppen drin. Schutz vor dem eisigen Wind im Winter sollen die Zäune bieten, denn Minus 30 - 40 Grad können es hier schon werden, obgleich z.B. Ulanbator auf dem gleichen Breitengrad wie Frankfurt liegt. Was die Menschen in dieser Öde im langen Winter allerdings machen, ist mir schleierhaft. Auch ein Klo in der Jurte habe ich nirgendwo gesehen. Regen - so sagt man - sei Mangelware in der Gobi; drei Jahre soll es praktisch nicht mehr geregnet haben. "Touristen bringen Regen" ist daher die ewige Hoffnung der Nomaden, wird uns glaubhaft versichert. Und sie haben tatsächlich Recht. Unsere Gruppe schafft das Wunder. Zwei volle Tage schnürlt es wie im Allgäu vom Himmel und auch in der Folgezeit bleibt es sehr durchwachsen. Kälte und Hitze, Trockenheit und Nässe geben sich die Hand, manchmal sogar an einem Tag. Eine saftige Erkältung werde ich bis nach Hause mitnehmen.

Zeltübernachtung und Jurtencamp an touristischen Orten wechseln sich ab. Beides habe ich genossen. Selbst der nächtliche Gang in die Pampa bzw. zum entfernten Klo wurde hin und wieder mit einem phantastischen, so klar noch nie gesehenen, nördlichen Sternenhimmel belohnt. Sicher eine Folge der Höhenlage von ca. 1.400 m der Gobi. Sogar 2 Milchstraßen will unser lieber Helmut gesehen haben; es dürfte aber wohl mehr dem allabendlich, bis tief in die Nacht kreisenden Wodkabecher zuzuschreiben sein. Wodka ist übrigens eines der wenigen russischen Dinge, die nach der Wende - auch in der Mongolei gab es eine krasse Wende hin zur Demokratie - weiterhin höchst begehrt geblieben sind. Ein weiteres Überbleibsel sind die russischen Stiefel, die jedoch meist nur ältere Mongolen tragen. Gleich die 1. Zeltübernachtung stimmt uns auf die "wüste" Gobi ein. Mit Sturm und peitschendem Regen zeigt sie uns, was in ihr stecken kann. Wären wir samt Zelt in der freien Plaine abgehoben, hätte es mich nicht gewundert. Am Morgen scheint jedoch wieder die Sonne und es wird heiß. Den zweiten und schon letzten (nur kurzen) Sandsturm erleben wir hingegen in einer gemütlichen Jurte bei einer Tasse vergorener Stutenmilch (Airag), dem Nationalgetränk der Mongolen.

Fortsetzung: Fahrt in der Wüste Gobi


 



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