Eingangsseite zur Reise in die Mongolei und Wüste Gobi

Reise in die Mongolei und die Wüste Gobi im Juli 2006




Vorwort

Dies ist mein persönlicher Reisebericht (mit 30 DIN A-4 Seiten), rein subjektiv und ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit, Richtigkeit, Objektivität, oder Gerechtigkeit in der Sache. Gleichfalls sind mir die Ausdrucksweise und der Stil meiner Aufzeichnung völlig schnuppe; wie es mir aus der Feder (oder besser aus dem Computer) fließt, so steht es eben geschrieben. Mir geht es einzig und allein darum, für mich persönlich - wenn auch lediglich aus der Erinnerung - meine Erlebnisse, Eindrücke, Empfindungen und Gedanken während der Reise festzuhalten. Erstens weil's mir Spaß macht und zweitens weil ich hoffe, dass ich mich später mal darüber freue. Wer es also außer mir lesen will, der hat selbst Schuld und ist selbst dafür verantwortlich.
Jede Ähnlichkeit der handelnden Akteure im Bericht mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig und soll keinen verschnupfen.

Burghard




Na also, endlich steht wieder eine Fernreise an. Immerhin 2 volle Jahre sind seit der Mexikoreise vergangen und das ist eine lange Zeit. Natürlich waren die beiden Urlaube auf Hiddensee und nach Sachsen in 2005 wunderschön, doch die Luft z.B. in der Wüste Gobi zu schnuppern, ist für mich halt noch schöner. Gabi sowie unsere Cockerdame Lotti haben Verständnis für mein Fernweh gezeigt und wollen mich für drei Wochen in die weite Welt ziehen lassen. Es soll diesmal die Mongolei werden, steht für mich fest. Eingequetscht zwischen dem Riesenreich China und Sibirien liegt das Land, das ca. 4 1/2 mal größer als Deutschland ist, aber nur um die 2,6 Mio Einwohner hat.

Reiseprospekte, in denen ich nach einer Mongoleireise suchen kann, stapeln sich reichlich bei mir. Doch zeigt sich schnell, dass die Mongolei offenbar kein so großer Renner ist. Nur bei wenigen Veranstaltern werde ich tatsächlich fündig. Gerade recht kommt daher die Info-Mail des mir bestens bekannten Saharaspezialisten Suntours mit einem Expeditionsangebot durch die Wüste Gobi in der Mongolei. Eine Entscheidung für diese Expedition wird mir leicht gemacht. Denn die zunächst ins Auge gefaßte Tour eines anderen Veranstalters ist bereits ausgebucht; die Folgetour noch völlig ungewiss und zudem ohne Besuch des berühmten Naadam-Festes in Ulan Baator, das ich unbedingt mit erleben möchte. Ein dritter Veranstalter hat Inlandflüge dabei, die ich mir aber nicht antun will. Also wird die Wüste Gobi gebucht. Tatsächliche Veranstalter der Tour sind jedoch Kooperationsunternehmen, wie die Reise-Bestätigung ausweist. Ein Antrag auf Erteilung des notwendigen Visums bei der mongolischen Botschaft liegt gleich bei.

Der Flug in die Mongolei geht von Berlin/Tegel 14.00 Uhr ab, sagt das Ticket. Nur, wie komme ich nach Berlin? Im Internet finde ich keinen Flug - auch keinen ausgebuchten -, der Vormittags von Düsseldorf nach Tegel geht, außer einem einzigen mit dem stolzen Preis von 750 Euro; fast so teuer wie der Restflug in die Mongolei. Auch die Dame im Reisebüro ist baff erstaunt und meint, bislang habe es immer reichlich Flüge auch Vormittags nach Tegel gegeben. Es bleibt also nur die Bahnfahrt mit dem ICE um 5.52 Uhr in aller Frühe, um nach Berlin zu kommen. Wofür habe ich eigentlich einen Flughafen vor der Haustür? stelle ich mir die Frage. Irgendwann fällt es aber wie Schuppen von den Augen: Am 09.07.2006 ist Endspiel in Berlin. Na hoffentlich komme ich überhaupt nach Tegel.

Ich habe es geschafft, Tegel sogar problemlos zu erreichen. Mit 2-stündiger Verspätung hebt der Flieger auch ab, quert halb Sibirien und landet nach 8 1/2 Stunden nonstop in Ulaan Baatar, der Hauptstadt der Mongolei. Der Urlaub kann also beginnen, wenn auch bereits mit einem Verlust von 7 Stunden durch die Zeitverschiebung. - Wer kennt in Deutschland schon Ulan Bator, die 'Stadt der roten Helden'? Selbst dem Namen nach kennen diese Hauptstadt die wenigsten, obgleich sie immerhin um die 800.000 Einwohner hat. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass kein Mensch weiß, wie die Stadt wirklich heißt oder wie sie überhaupt geschrieben wird. Ist nun Ulan Bator richtig, oder vielleicht Ulaan Baatar oder gar Ulaanbator oder noch was anderes. Spricht so ein Mongole den Namen seiner Hauptstadt aus, dann passt nach meinem Gehör wiederum alles. Da man in der Mongolei leider meist kyrillisch schreibt, ist auch das nicht sehr hilfreich für mich. Um so größer daher meine Freude, in der Stadt eine Reklame von Siemens zu sehen, auf der Schwarz auf Weiß 'Ulaanbaatar' zu lesen steht. Um einer solch rätselhaften Hauptstadt aber gerecht zu werden, hab ich mich entschlossen, in diesem Bericht die Namen einfach abwechselnd zu gebrauchen.

Nun, der Hauptstadt Ulaan Baator nützen die vielen Schreibweisen nichts, Ulanbaataar ist und bleibt für einen Touristen völlig uninteressant, obgleich es die absolute Metropole der Mongolei ist. Erstaunlich sind nur die vielen Jurten, die in der Stadt stehen. Altes, Gewachsenes, Historisches sucht man dagegen fast vergeblich: Der Kommunismus hat ganze Arbeit geleistet und derartiges im wahrsten Sinne des Wortes dem Erdboden gleich gemacht. Seinen Plattenbauten dürfte allerdings ein ähnliches Schicksal beschieden sein, denn sie verfallen mehr oder weniger im ganzen Land. Auch der große Platz vor dem Parlament im Zentrum der Stadt bietet nichts, was der Erinnerung wert wäre. Ein wichtiges Gebäude liegt jedoch gleich nebenan: die Hauptpost. Ihr statte ich noch am Ankunftstag meinen Besuch ab, denn Gabi soll natürlich wissen, dass ich gut nach Tegel und sogar bis in die Mongolei gekommen bin. In der Gobi dürfte mit Telefonieren sicherlich nicht mehr viel sein. Erstaunlich jedoch, selbst auf der Hauptpost in Ulaan Bator habe ich so meine Probleme. Handvermittlung ist hier noch angesagt, wenn man nach vielem Hin und Her endlich die richtige Stelle im Postgebäude gefunden hat. Dank sei dem jungen Mädchen, das selbst der Verzweiflung nahe, mir bis zum Klingeln in der Zelle geholfen hat. Eine Hotelmeile hat Ulan Bator für seine Gäste im Zentrum errichtet. Doch wir nehmen ein wunderschönes Hotel etwas außerhalb der Stadt. Und damit nächtigen wir gleich typisch mongolisch, nämlich in einer weißen Jurte. Untypisch ist lediglich das Bad mit Toilette, denn solchen Luxus gibt es bei den Nomaden sonst nicht. Zum Eingewöhnen in das Nomadendasein sind wir Touristen jedoch ganz froh um diese Zugabe.

Auch wenn die Hauptstadt architektonisch weiß Gott keine Begeisterung auslöst, entschädigt werden wir jedoch reichlich durch das Naadam-Fest, das freundlicherweise 2006 noch mit der 800-Jahrfeier der Gründung der Mongolei durch Dschingis Khan zusammen fällt. Zwar wird das Naadam Festival jährlich im Juli im ganzen Land gefeiert, in der Hauptstadt findet es aber stets seinen Höhepunkt. Ein grandioses Spektakel mit Tausenden phantastischer, bunter Trachten aus historischen Zeiten, mongolischen Reiter-Soldaten, Ringkämpfen, Bogenschießen und einem extremen Pferderennen über 35 km in der grünen, hügeligen Steppe weit außerhalb der Stadt, steht in Büchern zu lesen. Vor der Reiseplanung hatte ich von diesem mongolischen Hauptfest allerdings noch nie gehört und bin nun äußerst gespannt auf die nächsten zwei Tage. Es sollte ein Erlebnis ohne gleichen in seiner Intensität und Ursprünglichkeit werden!

Ganz Uaanbaator scheint heute auf den Beinen und noch einiges dazu. Mit dem Bus fahren wir genau zur richtigen Zeit in die Stadt, um direkt vor uns eine lange Kolonne an Reitersoldaten auf weißen Pferden vorbei ziehen zu sehen. Unglaublich, jeder einzelne Reiter trägt eine aufwendige, traditionelle Kluft mit Spitzhelm, wie zu Tschingis Khans Zeiten wohl die Mongolenhorden ausgesehen haben. In kurzen Schritten tippeln die kleinen, jedoch muskulösen Pferdchen vorbei. Pferdchen muss man wirklich sagen, denn im Vergleich zu unseren sind es halbe Ponys. Auf dem Zentralplatz vor dem Parlament scheint ihr Endziel zu sein. Menschenmassen haben sich hier versammelt und ein Durchkommen ist fast unmöglich. Nur gut, dass unsere mongolische Reiseleiterin Solo einen Treff vereinbart hat, denn schnell ist man getrennt. Wie beim Karnevalszug in einer Hochburg komme ich mir vor, als endlich die Reiterkolonne erscheint. Alle sind begeistert und jubeln. Viele der Zuschauer haben ebenfalls prächtige Kleidung im Stil der alten Khanzeit angelegt. Ein Vermögen muss so eine Aufmachung kosten. Bis ins kleinste Detail ist jedes einzelne Stück nachempfunden und zudem in bester Qualität gearbeitet. Wahrlich ein Genuss, wie sich die Mongolen in historischen Zeiten unter Dschingis Kahn oder Kublai Khan gekleidet haben. Vermutlich galt dies jedoch lediglich für die oberen Kasten.

Was sich jetzt auf dem Platz bei den Reitersoldaten abspielt, kann ich leider nicht beobachten. Ich komme einfach nicht durchs Gewühl der Menschen. Gott sei Dank trifft sich die Gruppe aber wieder. Das große Stadion von Ulan Bator ist unser Ziel und heute - wie kann es anders sein - nur zu Fuß zu erreichen. Und dort am Eingangstor warten schon Tausende auf Einlass. Eintrittskarten haben wir jedenfalls, was mich immerhin beruhigt. Irgendwann kommen wir tatsächlich durchs Tor, aber auch nicht weiter. Die Bühnen in der Runde quellen schon von Menschen über und auf dem Platz tummeln sich Hunderte, alle jedoch in farbigen, phantastischen Trachten. Gruppenweise stehen oder sitzen identisch Gekleidete beisammen und geben die herrlichsten Motive ab. Eine Freude ist es, auf den Auslöser der Kamera zu drücken, in welche Richtung auch immer. Irgendwie schaffe ich noch das Unmögliche, auf der Tribüne einen Sitzplatz zu ergattern. Und jetzt steht mir endlich der weite Blick durch das Rund offen, auch wenn ich nicht weiß, wohin mit den Füßen.

Es ist schon wirklich beeindruckend, was man unten sehen kann. Schulter an Schulter steht eine Reihe in abwechselnder Farbe gekleideter Mongolen mit je einem langen Zopf hinten dran um das gesamte innere Rund der Arena; zeitweise werden es sogar 2 oder 3 Reihen. Auf der gegenüber liegenden Seite haben gut drei - vier Hundert Musiker mit unterschiedlichen Instrumenten auf Stühlen im Rasenkarree Platz genommen und beginnen nun zu musizieren. Ein Ausschnitt der Tribüne erscheint zunächst weiß und glatt, verändert sich dann jedoch stetig. Immer neue Bilder werden dort mittels kleiner Quadrate produziert; offenbar von drunter sitzenden Leuten. Der Rasenstreifen direkt vor der Tribüne ist durch die vielen stehenden oder sitzenden Gruppen in den unterschiedlichsten, herrlichen Trachten an Farbenpracht kaum zu überbieten. Genau unterhalb meines Platzes wartet zudem eine prächtige Jurte auf einem mit acht Ochsen bespannten Holzwagen auf ihren Einsatz; es ist wohl eine Nachbildung der königlichen Jurte. Natürlich hat auch der Präsident der Mongolei an hoher Stelle Platz genommen. Ihm kommt es zu, mit feierlicher Stimme das Spektakel zu eröffnen. Und - wie überall in der Welt - das Fernsehen darf nicht fehlen.

Mit Begeisterung sind nicht nur die Zuschauer im Arenarund, sondern auch die vielen Tänzer, Musiker, Reiter und sonstigen Akteure bei der Sache. Man spürt förmlich die Ursprünglichkeit dieses Festes und die hier wirklich noch gelebte Tradition. Für mich ein Rausch an Farbenpracht und Schönheit selbst im kleinsten Detail. Die Eröffnung des Spektakels beginnt mit dem Einmarsch einer langen Reitergruppe, deren erste Reiter jeweils eine Standarte stolz in der Hand tragen. Offenbar ist es das alte Symbol aus Khanzeiten: ein Kranz langer, weißer Pferdeschweife an einer Stange. Im Kreis werden die Khanzeichen auf dem Platz aufgestellt und nunmehr von traditionellen Soldaten bewacht. Tanzgruppen in herrlichen Trachten wechseln einander ab, die Musiker geben ihr bestes und musizieren um die Wette. Irgendwann setzt sich auch die Jurte in Bewegung und wird langsam um das ganze Arenaoval von den acht Ochsen gezogen. Hinter dem Gefährt reihen sich die verschiedensten Gruppen ein und defilieren gemessenen Schrittes in ihrer Buntheit mit. Zur Abschlussvorstellung stürmen hübsch gekleidete Kinder den Rasen, stellen sich exakt auf und vollführen in absolutem Gleichtakt eine beeindruckende Darbietung; wie lange mögen sie dafür wohl geübt haben? geht mir durch den Kopf. Und auch die Frage, ob dieser synchrone Tanz tatsächlich aus Khanzeiten oder nicht vielmehr aus kommunistischer Zeit stammt.

Keiner unserer Gruppe kann sich der Faszination des Gebotenen entziehen und ist tief beeindruckt, als wir nach etwa 1 1/2 Stunden die Arena verlassen, um uns außerhalb mal umzusehen. Denn hier findet das Bogenschießen statt. Großer Trubel herrscht schon draußen. Viele Buden wurden aufgestellt, die allerlei Krimskrams, traditionelle Dinge oder Essbares anbieten; ähnlich wie bei uns auf der Kirmes. Dumm nur, dass es genau jetzt anfangen muss, zu regnen. Nicht nur Männer beteiligen sich am Bogenschießen, es gibt auch eine Abteilung für Frauen. Und die schießen gar nicht mal schlecht, wie ich zu meinem Erstaunen feststelle. Denn eine traditionelle Nomadenfrau ist üblicherweise ausschließlich für die häusliche Arbeit zuständig, darf aber auch die Stuten und Ziegen melken. Bis ins 7. Jahrhundert soll die Tradition des Bogenschießens zurück reichen, habe ich gehört. Drei Runden wird auf eine Distanz von 75 Metern auf kleine Lederkörbchen geschossen. Wird das Ziel getroffen, hüpft der nebenbei stehende Kampfrichter in bestimmter Weise, um das Trefferergebnis anzuzeigen. Der Schütze gibt sich jedoch stets gelassen, auch wenn ihm so mancher Schuss schon stinken dürfte. In einer großen Halle nicht weit vom Kampfplatz kann man das Zielen noch üben; denn dort wird mit Bällen auf aufgeschichtete Blechdosen geworfen. Wegen des Regens ist hier aber die Hölle los. Ich flüchte lieber und bleibe beim Bogenschießen traditioneller Art der dritten Runde. Dabei muss der Schütze dem Ziel den Rücken zukehren, den Bogen spannen, sich schnell umdrehen, den Pfeil abschießen ohne sich anschließend zu ärgern.

Der Wettkampf im Ringen - in der Mongolei der Nationalsport Nr. 1 - findet wiederum im Stadion statt, weshalb wir uns erneut dorthin begeben und diesmal sogar problemlos überdacht sitzen können. Nach dem K.O.-System wird hier gekämpft und nach jeder Kampfrunde die Zahl der Kämpfer halbiert. Ob klein, ob groß, ob dick, ob dünn, der zugewiesene Gegner muß irgendwie mit einem anderen Körperteil als den Füßen als erster den Boden berühren, wenn man Sieger werden will. Hat man das geschafft, streckt man beide Arme aus, bewegt seinen Körper auf und ab und tut so, als ob man ein Adler im Fluge wäre. In selbigem Adlertanz verläßt man dann glücklich den Platz, nicht ohne den Verlierer wenigstens einmal gnädig unter seinen Schwingen durchlaufen zu lassen. Diese Prozedur wiederholt sich so lange, bis man selbst unter fremden Flügeln verschämt durchhuschen muss. Nur einem bleibt letztere Peinlichkeit erspart und der erhält den heiß begehrten Titel 'Riese', der Zweitplazierte 'Löwe', dann 'Elefant' und 'Falke'. Die Bemerkung sei mir jedoch erlaubt, dass das Flügelschlagen dieser Recken schon etwas komisch aussieht. Den Schlusstanz erleben wir nicht mehr, da wir uns vorzeitig wegstehlen, um eine Folkloreshow nicht zu versäumen.

Das große Pferderennen des Naadam Festes steht heute auf dem Programm und dafür fahren wir hinaus in die Steppe. Allein die Fahrt ist für mich schon ein Erlebnis, denn hier beginnt die Mongolei, wie ich sie mir in Gedanken als typisch vorgestellt habe. Unendliche Weite, sanft geschwungene, sattgrüne Hügel, grasende, langmähnige Pferde mitten drin und hier und da in der Ferne eine weiße Jurte. Eine herrliche Landschaft wie aus dem Bilderbuch. Auf Teerstraße bewegen wir uns zunächst, dann wird sie staubig, irgendwann verlassen wir die Straße, fahren querfeldein über zwei, drei grün bewachsene Hügel und unverkennbar: Wir sind am Ziel. Reihen an Jurten sind bis in die Ferne zu sehen, regelrechte Parkplätze mit Hunderten von Pkw's haben sich im Grün gebildet, galoppierende Reiter und unglaublich das Bild: Abertausende von Menschen verstreuen sich über diverse Hügel und unten im weiten Tal. Besonders massiert sind sie jedoch an einer Stelle. Es ist das Ziel des Pferderennens, wie ich noch erfahren werde. In dessen Nähe wird die Gruppe entlassen und jeder kann - laut Solo - jetzt bis zum Mittagessen (in einer fernen grünen Jurte) machen, was immer er will. Wunderbar, so liebe ich es.

Ich streune auf unserem grünen Hügel herum, ganz ohne Ziel. Ich will einfach nur dem unglaublichen Treiben in dieser für mich herrlichen Landschaft zuschauen und auf mich wirken lassen. Natürlich klickt zwischendurch immer wieder meine Kamera, etwa bei dem greisen Mongolenopa mit dem Kleinkind auf dem Schoß oder der großen Nomadenfamilie, die sich im Gras niedergelassen hat und Mahlzeit hält oder bei dem Mongolen im braunen Deel, der kniend aus einem Koffer Uhren an zwei abgestiegene Reiter verkauft. Das Zelt- und Wagendorf weiter unten ist ebenfalls einen Besuch wert. Essen kann man dort, wie im wilden Westen sein Pferd anbinden und sich ein oder mehrere Wodkas hinter die Binde kippen oder eine riesige Melone, einen Sack Kartoffeln und dazu Klopapier kaufen. Wer will, kann sogar einen Steigdrachen erwerben und ihn durch die Lüfte segeln lassen, wie hier überall zu sehen ist. Geht man wieder etwas bergauf, wird jetzt das gekaufte Klopapier hilfreich, sofern es vom langen Warten vor der mehrtürigen Plumpsklo-Anstalt nicht schon zu spät ist, wie bei dem kleinen Mädchen. Andere tappen von einem Bein aufs andere, kneifen den Hintern zusammen und die Erleichterung ist ihnen anzumerken, wenn endlich die Tür auch für sie aufgeht. Man hört es manchmal regelrecht.

Wirklich leid tun mir - außer den immer noch nicht angekommenen Pferden - die Polizisten und Soldaten, die hier ihren Dienst verrichten müssen. In dicken Mänteln sowie Knobelbechern stehen sie im Abstand von etwa vier Metern einer neben dem anderen stundenlang da und tragen mit beiden Händen ein dickes Seil, das zwecks Absperrung der Rennbahn bis in die Unendlichkeit zu reichen scheint. Es müssen Tausende von Soldaten sein. Pieseln ist die einzige Abwechslung für sie. Dann lassen sie nämlich das Seil hängen, marschieren soldatengerecht etwa 200 m ins Besucherterrain vor und nach Vollendung des Geschäfts geht es wieder zurück ins Glied. Ihre Hoffnung dürfte sein, dass vorbei wandernde Besucher so anständig sind und wegschauen. Die Menschenmassen auf dem Zielhügel werden immer dichter und ich staune, mit welchem Elan so manche Reiter dennoch durchgaloppieren. Ein Raunen ist jetzt zu hören und tatsächlich ganz in der Ferne tut sich was. Eine leichte Staubwolke wird erkennbar und ganz langsam schält sich etwas heraus, das wie ein Lindwurm wirkt. Er kommt näher, wird länger und allmählich werden auch die Rennpferde sichtbar. Schnell wandere ich noch etwas höher, um besseren Blick über die vielen vor mir stehenden, schwarzen Köpfe und Reiter zu erhalten.

Jetzt erkenne ich, eine Spitzengruppe von mehreren Pferden hat sich gebildet und stürmt heran, jedoch davor, gut 100 m abgesetzt, ein einzelnes Pferd mit einem kleinen Knubbel als Reiter oben drauf. In vollem Galopp und Staub aufwirbelnd, verschwindet für mich das Siegerpferd hinter den begeisternd rufenden und klatschenden Menschenmassen im Zieleinlauf. Auch die Pferde der sich auf den letzten 300 Metern auseinander gezogenen Spitzengruppe verschwinden eines nach dem anderen und werden tosend begrüßt. Die Menschenmassen vor, neben und hinter mir geraten jetzt ebenfalls in Bewegung; alle wollen zum Ziel und - wie ich dann sehe - dem Siegerpferd, aber auch den anderen, einen kräftigen Klaps geben. Offenbar dürfen die Pferde nach diesem Gewaltlauf nicht sofort in Ruhestellung übergehen, denn sie werden sämtlich durch die Menschenmenge getrieben. Die Begeisterung kennt keine Grenzen, jeder will ans Pferd kommen; nur ich mache, dass ich wegkomme, wenn so ein Pferd naht. Total naß geschwitzt sind diese armen Tiere und fix und fertig sind offenbar auch die kleinen, draufsitzenden Reiterchen, denn sie strahlen nicht in Siegerpose. Es sind noch Kinder, Jungen und Mädchen zwischen 5 und 13 Jahren. Den Ruhm streichen denn auch nicht sie ein, sondern der Züchter und wie schön, das Pferd selbst.

Immer noch kommen Pferde an, wenn auch vereinzelt. Nach dem Lindwurm zu schließen, müssen es wohl insgesamt einige hundert gewesen sein. Und das bei entsprechendem Alter des Pferdes über eine Strecke von 35 Kilometern in rasendem Galopp. Zwischen 35 und 50 Minuten darf es aber nur dauern, sonst ist es ein lahmer Gaul. - Wie viele Menschen hier auf dem Siegerhügel das Rennen und abschließende Springen von Fallschirmjägern verfolgt haben, kann ich nicht mal schätzen. Wie Trauben überziehen sie den ganzen, weiten Hang, auch noch den Nächsten und natürlich entlang der Soldatenkette. Von Nah und Fern müssen die Mongolen angereist sein, meist mitsamt der ganzen Familie, denn viele Kinder sind dabei. Und alle Menschen wollen nach Beendigung des Rennens wieder nach Hause. Bin selbst schon mal gespannt auf das Kommende und wandere zum weit entfernten grünen Zelt des Mittagessens, denn dort steht auch unser Bus. Gut, dass ich mir einige Punkte in der Ebene gemerkt habe, von grünen Zelten ist jetzt nämlich nichts mehr zu sehen. Auch die lustigen weißen Klozelte samt dem Klochef sind verschwunden. Irgendwann trudeln aber alle der Gruppe wieder ein. Lediglich Helmut wäre noch heute irgendwo in der Mongolei unterwegs, hätten wir ihn nicht zufällig vorbeiwandern sehen.

Aus der Ebene kommen wir ganz gut heraus, auf einem Schleichweg auch über zwei Hügel. Dann aber treffen sich zwei Schleichwege und schon wird's enger. Ab dem Dritten ist zwar Schritt angesagt, jedoch mit der Vorfreude, dass die Hauptstraße bereits in Sicht ist. Und dort geht so gut wie nichts mehr. In drei, manchmal 4 Reihen stehen die Autos in Richtung Ulanbator. Wie schön, Gegenverkehr haben wir keinen. Der ist nämlich gesperrt, wie mir allerdings erst in der Hauptstadt endgültig klar wird. Bis zu dieser Erkenntnis verrinnen aber Stunden. Viele Autos bahnen sich einfach neue Pisten neben der Straße, über Hügel und durch Täler. Nach 9 Uhr abends ist es schon, sechs- auch siebenspurig fahren wir nun durch Ulaan Baator, alle aber in Richtung Zentrum. Aus der Stadt kommt keiner raus. An einem herunter gekommenen Fabrikgelände legt Solo einen Stop ein, um noch was offizielles zu erledigen. In der Ruine nebenan erledigen wir derweil inoffizielles. Bis zur Rückkehr von Solo bleibt für mich Zeit, den schwarz-weiß gefleckten Ziegenbock zu bedauern, den ein alter Mongole an einem Strick mühsam voranzerrt. Offenbar schwant dem Tier das kommende Unheil. Hinter dem Zentrum siehe da, wir haben Gegenverkehr und jetzt rollt unser Bus wieder, sogar bis ins Hotel mit dem Namen "Mongolia".

Drei hochbockige, russische Kastenwagen sollen uns elf deutsche Wagemutige zur und durch die Kältewüste Gobi bringen. Natürlich sind - wie immer - bei weniger komfortablen, aber abenteuerlichen Reisen die (7) Frauen in der Überzahl. Und ebenso selbstverständlich sind Lehrkräfte dabei, diesmal gleich 3 an der Zahl, wovon 2 sogar miteinander verheiratet sind. Der Dritte wollte nicht ohne seine Liebste in die Wüste reisen, so daß wir nun mit zwei Ehepaaren, 5 Singels sowie Helene und meiner verheirateten Wenigkeit gemeinsam auf Tour gehen. Da die Wüste Gobi im Süden der Mongolei liegt, beginnt die Fahrt auf einer der seltenen Teerstraßen auch gen Süden, stets parallel zur nur einspurigen Transsibirischen Bahntrasse, die bis nach Peking führt. Unendlich scheinendes, weich geschwungenes, grünes Hügelland nimmt uns auf. Herden wilder Pferde mit langen Mähnen und Schweifen bis zum Boden grasen in den Senken und vermitteln ein Gefühl von Freiheit, Ursprünglichkeit, Friedlichkeit. Irgendwann zweigen wir von der Teerstraße ab, überqueren den wenig aufregenden Gleiskörper der berühmten Transsibirischen Eisenbahn und jetzt beginnt die Piste, die nicht mehr aufhören wird. Mal wird sie besser sein, mal schlechter, mal noch schlechter, mal nicht mehr erkennbar, dann in 50 Spurreihen neben einander, hier staubig, dort schottrig, an einigen Tagen sogar schlammig, mal unpassierbar, mal überflutet. Dem entsprechend geht es auch voran: Teils mit erstaunlichen 70 - 80 km/h, teils im Schritttempo oder noch weniger, meist jedoch so zwischen 40 - 60 km/h, was für eine Piste durchaus ein guter Schnitt ist.

Je südlicher die Fahrt geht, desto spärlicher wird das Grün. Und das Erstaunliche dabei: Das meiste Gewächs ist über Hunderte von Kilometern schlicht und einfach Schnittlauch. Fettschwanzschafe, Pferde, Rinder, Ziegen, Yaks und Kamele in mehr oder weniger großen Herden grasen und zupfen in der Weite. Immer wieder tauchen auch die weißen Punkte der Jurten in der Ferne auf. Die Nomaden leben selbst in den abgelegensten Gegenden und man fragt sich unwillkürlich, wovon existieren sie eigentlich und wo finden sie überhaupt ihr Wasser. Fährt man so eine Jurte an, um etwa nach dem Weg zu fragen - was sogar für unsere versierten Fahrer nicht ganz ungewöhnlich ist - dann ist man völlig selbstverständlich Gast, erhält umgehend eine Schale Milchtee, Stuten- oder Ziegenkäse oder was man sonst in der Jurte hat. Geplaudert wird über dies und das, gibt ebenfalls ein Dankeschön in Form eines kleinen Geschenkes und ohne Verabschiedung geht die Fahrt weiter quer feldein, bis die richtige Piste erreicht ist. Völlig weg vom Weltgeschehen sind die Nomaden heutzutage jedoch meist nicht mehr. Fernseher, Parabolspiegel, Solarzellen, Motorrad oder gar Autos an der Jurte scheinen keine Seltenheit.

Von außen sehen die Jurten eigentlich alle gleich aus, nur mal größer, mal kleiner. Meist sind sie weiß, selten auch in gedeckter anderer Farbe. Die Konstruktion ist einfach: Eine Art Holzstangengitter in runder Form gebunden bildet das Innenleben der Wand, schräg auf das Gitter gelegte Holzstangen beinhalten den Dachstuhl, der mittig an höchster Stelle an einem offenen Holzring endet. Zwei senkrecht stehende, kräftige Pfeiler unter dem Holzring tragen ihn selbst und damit auch das ganze Dach. Bleibt nur noch die filzgefütterte Außenhaut drüber zu spannen, längs und quer zu binden und schon ist die typische Mongolenbehausung (fast) fertig. Es fehlt nur noch ein schwerer Stein, den man in der Mitte der Jurte aufhängen muss. Warum? weiß ich auch nicht. Wer's noch warm haben will - und das wollen alle Mongolen - der stellt einen Gusseisenofen neben den hängenden Stein und das Ofenrohr oben zum Holzring hinaus. So eine Jurte (ohne Ofen, jedoch mit Stein) ist bereits für den Souvenirpreis von ca. 500 $ US zu haben; eigentlich schade, dass sie nicht in den Koffer passt. Die Dicke des Geldbeutels eines Nomaden erkennt man daher nicht an seiner Jurte, sondern vielmehr an der Inneneinrichtung (und natürlich an der Anzahl seiner Tiere). Hat er z.B. Teppiche auf dem Erdboden oder einfaches PVC oder sogar nichts, Wandverkleidung oder nicht, Truhen usw. Ein Umzug mit Jurte ist für Nomaden kein Thema. In weniger als einer Stunde ist man reisebereit. Gesehen haben wir allerdings keinen Platzwechsel.

Nur wenige Dörfchen so etwa alle 50 bis 60 km - von Städtchen will ich lieber nicht sprechen - hält die Mongolei bereit. Und die sind trostlos. Meist mit einem großen Platz in der Mitte, auf dem hier und da ein paar gemauerte Häuser mit kleinen Geschäften und nahezu identischem Angebot (mit Massen an Bonbons) stehen. Außenrum - an breiten, völlig unbefestigten Straßen - ein durch Bretterzaun umgebenes Karree hinter dem anderen mit jeweils einer Jurte, meist noch einem einfachen Holzhaus und zwei, drei Schuppen drin. Schutz vor dem eisigen Wind im Winter sollen die Zäune bieten, denn Minus 30 - 40 Grad können es hier schon werden, obgleich z.B. Ulanbator auf dem gleichen Breitengrad wie Frankfurt liegt. Was die Menschen in dieser Öde im langen Winter allerdings machen, ist mir schleierhaft. Auch ein Klo in der Jurte habe ich nirgendwo gesehen. Regen - so sagt man - sei Mangelware in der Gobi; drei Jahre soll es praktisch nicht mehr geregnet haben. "Touristen bringen Regen" ist daher die ewige Hoffnung der Nomaden, wird uns glaubhaft versichert. Und sie haben tatsächlich Recht. Unsere Gruppe schafft das Wunder. Zwei volle Tage schnürlt es wie im Allgäu vom Himmel und auch in der Folgezeit bleibt es sehr durchwachsen. Kälte und Hitze, Trockenheit und Nässe geben sich die Hand, manchmal sogar an einem Tag. Eine saftige Erkältung werde ich bis nach Hause mitnehmen.

Zeltübernachtung und Jurtencamp an touristischen Orten wechseln sich ab. Beides habe ich genossen. Selbst der nächtliche Gang in die Pampa bzw. zum entfernten Klo wurde hin und wieder mit einem phantastischen, so klar noch nie gesehenen, nördlichen Sternenhimmel belohnt. Sicher eine Folge der Höhenlage von ca. 1.400 m der Gobi. Sogar 2 Milchstraßen will unser lieber Helmut gesehen haben; es dürfte aber wohl mehr dem allabendlich, bis tief in die Nacht kreisenden Wodkabecher zuzuschreiben sein. Wodka ist übrigens eines der wenigen russischen Dinge, die nach der Wende - auch in der Mongolei gab es eine krasse Wende hin zur Demokratie - weiterhin höchst begehrt geblieben sind. Ein weiteres Überbleibsel sind die russischen Stiefel, die jedoch meist nur ältere Mongolen tragen. Gleich die 1. Zeltübernachtung stimmt uns auf die "wüste" Gobi ein. Mit Sturm und peitschendem Regen zeigt sie uns, was in ihr stecken kann. Wären wir samt Zelt in der freien Plaine abgehoben, hätte es mich nicht gewundert. Am Morgen scheint jedoch wieder die Sonne und es wird heiß. Den zweiten und schon letzten (nur kurzen) Sandsturm erleben wir hingegen in einer gemütlichen Jurte bei einer Tasse vergorener Stutenmilch (Airag), dem Nationalgetränk der Mongolen.

Man fährt und fährt und fährt in der Mongolei. Nur sehr, sehr langsam verändert sich die Landschaft, wenn sie sich überhaupt verändert; meist wird sie nur karger. Völlig vegetationslos sehen wir sie hingegen nur selten auf unserer Fahrt durch den Süden der Mongolei, der Gobi. Mir erscheint sie deshalb mehr als Halbwüste, ganz im Gegensatz zur Sahara. In früheren Erdzeitaltern brodelte hier in der Gobi allerdings das Leben. Es war ein Dinosauriergebiet. Versteinerungen dieser Urviecher kommen immer neu ans Tageslicht. Die Flaming Cliffs von Bajan Zag und Roten Schluchten als bevorzugte Fundstellen stehen folglich auch auf unserem Programm. Vor allem die Schluchten haben es mir angetan. Eine phantastische, erodierende, rötliche Landschaft mit einem tiefen, engen Schluchtensystem, das von uns erforscht werden will. Aus Gestein bestehen die Schluchten (und auch Klippen) eigentlich nicht, es ist nichts anderes als getrockneter Schlamm, den man bei Nässe - bei uns hat es wieder mal geregnet - sogar mit den Fingern abdrücken kann. Offenbar hat eine plötzliche, gewaltige Schlammflut die Dinos hier begraben und konserviert, denn man hat sogar noch in sich verbissene, kämpfende Dinos gefunden; von Sauriereiern und gewaltigen Knochen ganz zu schweigen. Besonders eifrig hat sich übrigens unsere Dagmar beim Sammeln von Dinoknochen hervorgetan. Und sie hat eine Menge gefunden. Stolz legt sie ihren Schatz den Fahrern zur Begutachtung vor und tatsächlich, ein halbes Kamel hat Dagmar zusammen getragen - aus der Neuzeit.

Saurierknochen als Tourist zu finden, dürfte schon eine Seltenheit sein, jedenfalls bei größeren Stücken. Und die dürfte man dann nicht mit nach Hause nehmen, so wie es früher Gang und Gebe war. Vor allem amerikanische Knochensammler haben die Dino-Gegenden regelrecht geplündert. Zum Kauf angeboten werden Knochen und Dinoeier aber auch heute noch, wie ein Souvenirhändler in Bajant Sag beweist. Gleich neben dran gibt's als Ausgleich in einer Jurte ein kleines Museum, das wirklich mächtige Knochenstücke dieser Urviecher gegen einen kleinen Obolus zur Bewunderung parat hält. In Ulaanbaatar soll jedoch die größte Saurierausstellung der Mongolei zu finden sein. Nomaden machen an den Flaming Cliffs mit Touristen zudem eigene Geschäfte. Haben sie nämlich durch Zufall einen Knochenfund gemacht, dann wird der Schatz nicht gehoben, sondern bleibt an Ort und Stelle. Gegen Entgelt führt er jedoch - uns z. B. - zu seinem Versteck, säubert vorsichtig und geheimnisvoll den Boden von Sand und Stein und siehe da, die Oberfläche eines großen Knochen tritt zu Tage. Anschließend kommt der Sand und Stein gewissenhaft wieder drüber und kein Mensch weiß, wo der Dino nun begraben liegt.

Auch die Geierschlucht oder Jolyn Am-Schlucht nahe der Stadt Dalanzadgat bzw. Dalandradgad (immerhin mit Bar, kleinem Markt, Flughafen sowie einem Triumphbogen weit vor ihren Toren) steht auf unserem Programm. Durch eine Matschpiste arbeiten wir uns mühsam voran. Seit gestern Abend schüttet es nämlich vom Himmel. Zwei im Schlamm versumpfte Busse - die touristischen Insassen hatten sich bereits zu Fuß, fluchend und triefend ins Camp aufgemacht - werden befreit und schon wird der Himmel heller, wenn leider auch in der Gegenrichtung. In einem Gebirge liegt die Geierschlucht mit über 1000 m aufragenden Felswänden. Eingestimmt auf dies Gebiet wird man beim Besuch des kleinen Naturkunde-Museums gleich am Eingang zu diesem Nationalpark. Ausgestopfte Tiere, Bilder und alte Photographien kann man bewundern und erfährt, dass hier sogar Schneeleoparden leben. Ziehende Wolkenschwaden durch das Gebirge machen die Weiterfahrt recht stimmungsvoll, lassen die Höhe der Berge aber nur erahnen. Das Ende der Schotterpiste tief unten im Tal ist erreicht. Und jetzt heißt es laufen, will man nicht auf ein Kamel oder Pferd steigen. Saukalt und nass ist es in der immer enger werdenden Schlucht, die wir weiter hinunter wandern. Die Felswände rücken allmählich so nahe zusammen, dass nur noch der Bachlauf selbst Platz findet. Schließlich verschwindet auch das Bächlein unter einer Eisbrücke und damit ist das Ende unserer Wanderung erreicht. Bei der herrschenden Kälte wundert es mich jedoch nicht, dass sich hier einige Bänke Eis und Schnee bis in den Sommer erhalten haben. Ein Foto von mir vor dem Schnee will ich als Beweis mitnehmen. Gerne hätte ich noch eins der vielen pfeifenden Murmeltiere in der Geierschlucht mit auf dem Bild gehabt.

Das schlechte Wetter zwingt zu einer weiteren Übernachtung im Camp. Wegen Überfüllung muss unsere mittlerweile etablierte "Wodkagruppe" allerdings in einer Art Tempelchen kreuz und quer nächtigen, der Rest (unsere 2 Lehrerehepaare) erhält die letzte freie Jurte, obgleich - wie üblich - nur zwei Betten drin stehen. Helene als promovierte Dame zieht es vor, nicht zusätzlich in diese Betten zu huschen und logiert lieber allein im 2. Tempelchen hinter zerborstenen Fensterscheiben. Die totale Ausbuchung des Camps hat übrigens - neben dem Wetter - noch einen zweiten Grund, der ebenfalls dem Himmel zuzuschreiben ist. Am Spätnachmittag meine ich, ich spinne. Mit lautem Getöse sehe ich nämlich unmittelbar neben dem Camp eine große, 2-motorige Propellermaschine in wenigen Metern Höhe vorbeifliegen. Es kann nur eine Notlandung sein, rast mir durch den Kopf. Und das bei dem Dreck in der Wüste. Nun, ganz so schlimm ist es dann aber doch nicht. Denn den kleinen Flughafen neben dem Camp habe ich bislang übersehen, da ein befestigtes Rollfeld auch nicht existiert. Geschafft hat es der Flieger bei dem Matsch zwar, doch weit entfernt steht er jetzt in der Wüste. Lange dauert es, bis er endlich aufs Camp zurollt und seine aufgeregte, blass gewordene Menschenfracht entlädt. An einen Abflug der hier wartenden Passagiere ist natürlich nicht zu denken. Sie müssen über Nacht bleiben und uns die Jurten wegnehmen. Von Dalanzadgat werden sie morgen nach Ulan Bator abfliegen.

Die nächsten Tage bringen Gott sei Dank wieder Sonnenschein, denn wir gondeln weiter westlich in die Wüste Gobi hinein. Matsch gibt es zwar immer noch, die Piste wird jedoch zusehens fester. Im Tal unter uns taucht das Dörfchen Sevrey auf. Was ich sehe, scheint mir reichlich Wasserverschwendung zu sein. Eine Rohrleitung kommt nämlich von unserem Berg herab, endet kurz vor dem Dorf und dort rauscht im dicken Schwall das Wasser einfach so in die freie Natur. Wasserfassen ist für uns angesagt und da eine der recht seltenen Tankstellen in der Gobi nicht weit ist, wird auch gleich getankt. Uralte Zapfsäulen wie vor dem Krieg hat es nach hier verschlagen, doch sie machen offenbar ihren Dienst. Der Einkauf steht noch aus. Im Zentrum von Sevrey gibt's dafür ein langes, flaches Steinhaus. Drinnen - man will es kaum glauben - reiht sich ein Geschäft ans andere und alle bieten das Gleiche an. Wo soll ich nur meine Bonbons kaufen? In einem tischplatten Nichts ist das Mittagessen angesagt. Gut 3 Stunden sehen wir schon die entfernte Bergkette, zu der wir jetzt abzweigen. Es ist der östlichste Ausläufer des Altai-Gebirges, wie ich noch erfahren werde. Eine Schotterpiste führt durch die schroffe Bergwelt bis auf einen niedrigen Pass hinauf und dort liegt nun im fernen Dunst ein Zauber vor unseren Augen.

Wir nähern uns nämlich den riesigen, ca. 180 km langen, paradoxerweise jedoch nur ca. 500 m - 3,5 km breiten Wanderdünen von Chongoryn Els, dem wohl schönsten Naturspektakel unserer Mongoleireise. Bis zu 400 m Höhe ragen urplötzlich und ohne jeden erkennbaren Anlaß gewaltige, gold-gelbe Dünen aus der steinigen, trostlosen Ebene auf. Damit aber nicht genug der Faszination: Genau abgegrenzt am Fuße des Sandwalls breitet sich ein ca. 200 bis 300 m breiter und sattgrüner Grasteppich aus - stets entlang der Dünen - und mittendrin mäandert noch ein kleines Flüsschen. Als i-Tüpfelchen grasen im Sattgrün mehrere Herden weißer Schafe, etliche Gruppen an Pferden sowie stolze Kamele hier und da. Ein Bild voller Harmonie und Schönheit. Wir sind begeistert und können uns nicht satt genug sehen, obgleich die Dünen noch ein ganzes Stück vom Camp mit dem hübschen Namen Juulchin entfernt stehen. Bis zum Abendessen sitz ich einfach nur so auf dem winzigen Mongolenstühlchen vor der Jurte und genieße dieses einmalige Panorama samt einem Wodka, während Klaus nebenan seinem Eheweib bissige Bemerkungen über Helmut Kohl aus einem dicken Buch vorliest.

Kamelreiten entlang der Dünen ist heute angesagt. Für mich an sich nichts Neues, wenn ich an die Meharee in Libyen denke. Also rauf aufs Kamel, diesmal allerdings zwischen 2 Höcker, wie es in Asien bei Kamelen eben üblich ist; Dromedare mit einem Höcker leben dagegen in Afrika. Der Sattel in Libyen war wirklich aufreibend für den Po, in der Mongolei hat man deshalb auf einen richtigen Sattel ganz verzichtet. Hier sitzt quasi Knochen auf Knochen, zumindest wenn man schlank ist. Und nach einer halben Stunde des Reitens bereut man schon zutiefst, diese Tortur sogar freiwillig mitgemacht zu haben; ein Teil der Gruppe war da schon klüger. Nur der berauschende Blick von oben auf unsere durch sattes Grün tappende Karawane vor den himmelhohen, jetzt fast weißen Dünen hält mich auf dem Kamel. Direkt am Fuße der Sandgebirges wird endlich eine - wohl von allen - heftig ersehnte, erste Rast eingelegt. Mein Kamel kippt vorne abrupt weg, dann auch hinten, schaukelt etwas aus und ich steige steifbeinig, aber freudig ab. Was für eine Wohltat für den Po. Erst jetzt kann ich das Panorama um mich herum so richtig aufnehmen.

Noch schöner müsste allerdings der Blick von den Dünen herunter sein, denke nicht nur ich, sondern auch Claudia. Und schon steigen wir beide aufwärts, Claudia in ihrer Jugendlichkeit ein bißchen schneller. Mächtig in die Beine geht das Tappen im steil aufragenden Sand. Der Dünenkamm scheint dennoch nicht näher zu kommen. Erst der Blick nach rückwärts zeigt, wie hoch wir tatsächlich schon sind. Klein ist die unten lagernde Gruppe samt der Kamele geworden. Nur Dagmar und Horst haben sich ebenfalls an den Aufstieg gemacht. Die halbe Höhe dürften wir etwa erreicht haben. Schwer sind die Beine geworden, eine Pause scheint mir angebracht. Im Sand sitzend genieße ich jetzt die weite Sicht über die unter uns liegende grün, braun gesprenkelte Ebene bis hinüber zu dem niedrigen Bergzug und die beidseitig endlos dahinziehenden goldgelben Dünen von Chongorin Els. Wie eine riesige Landkarte wirkt die Ebene mit Feldern, Wiesen, Flüssen. Die beiden Nachzügler sind ebenfalls eingetroffen und lassen sich geschafft in den Sand plumpsen. Nur Claudia wandert noch etwas höher, kommt dann aber zurück. Die Zeit bis ganz nach oben reicht einfach nicht. Wahnsinnig schnell sind wir dafür wieder bei den Kamelen.

Im Sand haben es sich die Kamele bequem gemacht und schauen uns mit ihren großen Augen unter langen Wimpern an. Die Mahlmaschine haben manche angeworfen. Von rechts nach links, von links nach rechts gehen ihre Kiefer, dann und wann gibt's vielleicht noch einen Rülpser dazu, von vorne oder von hinten. Saumzeug tragen die Kamele in der Mongolei nicht. Mit einem Strick muss man sie vielmehr lenken, der an ihrer empfindlichen Nase endet. Einen Holzpflock, der an einer Seite gespreizt ist, hat man den Tieren durch die Nüstern getrieben und den Strick dran befestigt. Keine so schöne Sache, wenn man Jungtiere mit noch blutender Nase zu sehen bekommt. Ihre beiden Höcker sind zur Zeit ganz gut gefüllt, was für das reichhaltige Nahrungsangebot spricht. Fett und nicht Wasser speichern sie dort nämlich. Gibt es wenig zu fressen, werden die Höcker erbärmlich und kippen um. Meinen Platz habe ich auf dem Kamel wieder eingenommen und schaue nun über das Flaumhaar auf dem von hinten lustig wirkenden Kopf ins Grün. Umgehend bilden die Kamele aus eigenem Antrieb erneut eine Karawane; die Reihenfolge ist ihnen dabei völlig schnuppe. Irgendeinen Sinn wird es wohl haben.

Eine zweite Erholung für den angeschlagenen Po wird im Sattgrün neben grasenden Pferden und Kamelen eingelegt. Es wird für mich zugleich eines der schönstes Landschaftserlebnisse an das ich mich erinnern kann. Mitten im Sattgrün neben zweihöckrigen, exotischen Kamelen zu sitzen, das himmelhohe, goldgelbe Sandgebirge vor Augen und friedlich grasende Wildpferde mit langen Mähnen um einen herum. Was will man eigentlich mehr? Vielleicht viel, viel Zeit, um einfach hier sitzen bleiben zu können und nicht wieder aufs Kamel steigen zu müssen. Das Zweitschönste wird dann jedoch das Absteigen im Camp und der Schwur, nie wieder ein Kamel mit zwei Höckern zu besteigen. Das freundliche Angebot des Kamelchefs am Spätnachmittag, noch zu einer Wasserquelle zu reiten, lehne ich angesichts meines Schwures ab und gehe mit Uli lieber zu Fuß; Horst schließt sich selbstlos an. Helmut und drei unserer Damen können es jedoch nicht lassen, polstern mit Decken ihr Kamel und steigen auf. So ausstaffiert wollen aber die Kamele nicht mehr. Trotz besten Zuredens, Ziehens, Zerrens, die Kamele bleiben stur. Stolz und mit erhobenem Kopf tappen sie jedoch problemlos in Richtung Heim davon. Die Quelle ist für Touristen eben nur zu Fuß zu erreichen und genau so erscheinen zu unserem Erstaunen die vier Reiter verschämt an der Quelle. Heilend soll das Wasser sein, meint Solo, für und gegen jedes Wehwehchen einsetzbar.

Nur eine einzige Durchfahrt durch die Dünen von Khongoryn Els soll es geben und nach dorthin sind wir unterwegs. Flach und flacher werden die Dünen; hunderte von Reifenspuren treffen sich, um gemeinsam auf die Rückseite der Sandberge zu gelangen. Hübsch kriminell sind die tiefen Spurrinnen, durch die die Räder wühlen. Kleine Sicheldünen links und rechts säumen die Durchfahrt. Geschafft; der Boden wird wieder fest, der Fahrer atmet hörbar auf. Ein Stop wird eingelegt, die Gruppe darf ausschwärmen. Für mich Gelegenheit, von erhöhter Warte ein Photo dieses Durchgangs zu machen. Weitere Fahrzeuge sind im Anmarsch, schaffen es ebenfalls und mindestens 25 neue Touristen verteilen sich jetzt über die Dünen, jeder in eine andere Richtung. Es wirkt wunderschön, die vielen krabbelnden Menschen so verteilt auf den riesigen Dünenhängen zu sehen. Eine Schotterpiste führt weiter bergauf, der Dünenwall bleibt zurück. Ein letztes Bild von den phantastischen Chongoryn Els Dünen aus der Ferne lasse ich mir nicht nehmen, dann verdecken schroffe, kahle Felsberge den Blick zurück. Ein trostloses Dorf hat sich zwischen dem fast schwarzen Felsgestein eingenistet und ich kann das junge Mädchen gut verstehen, das mit kräftiger Farbe dem Bretterzaun Leben einpinselt. Wie zu kommunistischen Zeiten beschallt ein Lautsprecher das ganze Dorf mit Musik und Sprache. In einer steinigen Ebene wird Mittagsrast eingelegt. In Erinnerung bleibt mir nur die nicht endende Kolonne an Schafen und Ziegen, die entfernt dahinzieht. Und der kleine Bube, der mit seinem größeren Bruder mindestens eine Stunde auf Wanderschaft ist, um von seiner Jurte bis zu uns zu kommen. Mit einigen Geschenken belohnt, tippeln die beiden wieder zurück.

Zwei Tage habe ich wegen des Kamels Probleme mit dem Sitzen und der Küchenwagen mit dem Getriebe. Gut, dass die Fahrer per Funk verbunden sind, denn die Küche fährt zuletzt. Bereits einmal hatte sie sich verfahren und konnte erst 40 km abseits in einem Nest mit dem Namen Huld gestellt werden. Alles Basteln unter dem Fahrzeug hilft - trotz der anfänglich weißen Handschuhe des Fahrers - aber nichts, ein Ersatzteil muß aus der nächsten Ortschaft her. Also Zeltaufbau und Zeit zur freien Verfügung für uns in der Prärie, während Solo - unsere nette, mongolische Reiseleiterin - sich mit einem Fahrer auf den Weg macht. Jeder der Gruppe wandert alsbald in irgendeine Richtung los, sucht hübsche Steinchen, Dagmar vielleicht wieder Dinoknochen, bewundert winzige Blüten, zählt die nur wenigen Halme auf einem Quadratmeter, bedauert das Kamel, dessen ausgebleichtes Skelett verstreut herumliegt oder versucht sich seinen noch lebenden Verwandten zu nähern. Touristen scheinen sie aber nie zu trauen, denn selbst die liegenden Kamele wuchten sich hoch und tappen langsam davon. Abendrot zeigt sich heute und gegen halb Zehn geht die Sonne unter. Nach dem Abendessen kreist unter den blitzenden Sternen wieder mal der Wodkabecher und je später der Abend, um so sicherer sind wir uns, dass Solo es heute nicht mehr schaffen wird. In der Dunkelheit hatten sie sich auf dem Rückweg denn auch verfahren, was jedoch nicht verwundern kann: Wegweiser habe ich in der ganzen Mongolei vielleicht drei an der Zahl gesehen.

Zur nächsten Ortschaft müssen auch wir. Schmunzelnd zeigt mir dabei der Fahrer drei Querspuren über die Piste, die aus seiner nächtlichen Irrfahrt stammen. Gottverlassen ist das Nest, das sich uns bietet. Es hat im wahrsten Sinne des Wortes aber goldenen Boden. Denn hier wird Gold geschürft und sogar das Waschsieb in Handarbeit ausgestanzt, wie ich in einer Jurte sehe. Wir jedoch dürfen - Gott sei Dank - weiter, denn windig und staubig ist es hier außerdem. Das schon recht nahe Nemengt-Gebirge wäre unser Ziel, wenn die Pisten es zuließen. Die aber laufen schon seit 3 Stunden stur parallel und der Himmel sieht mittlerweile bedrohlich schwarz aus. Genau zur richtigen Zeit tauchen zwei Jurten auf, um einem nahenden Sandsturm zu entgehen. Nur von kurzer Dauer wütet es jedoch um die Jurte, in der wir bei vergorener Stutenmilch im Warmen sitzen und handgewebte Textilien der Nomadenfamilie aus Kamelhaar bewundern. Endlich hat die Piste ein Einsehen und biegt in Richtung Nemengt ab. Alsbald liegen auch die Roten Schluchten vor uns. Kräftig geregnet hat es hier, merken wir spätestens beim Zeltaufbau. Butterweich sind die Heringe in den Boden zu drücken. Meine anschließende kleine Kletterpartie auf dem rötlichen Gestein ist nicht ganz ohne Gefahr. Es ist urzeitlicher, gepresster und fest gewordener Schlamm, der bei Nässe glitschig und an der Oberfläche weich wird. Sogar eine Spur hinterlasse ich auf dem Felsbrocken.

Wirklich kein Wunder, dass sich hier im Laufe der Zeit tiefe Schluchten in das rote Massiv gefressen haben. Eng und hoch sind sie auch. Geradezu ideal, um in einem Manne den Entdeckerdrang so richtig zu wecken. Und da hier ehemals Dinosauriergebiet war, könnte ich ja vielleicht einem Tyrannosaurus Rex begegnen, jedenfalls seinen Knochen. Also nehme ich mir gleich die erste Schlucht vor, die sich öffnet. Offenbar hat auch Dagmar, unsere Knochensammlerin, auf ein solches Erlebnis spekuliert, denn ihr idyllisch im rotem Gestein stehendes Zelt bewacht just diesen Eingang. Schon lugt ihr Kopf heraus. Näße und Feuchtigkeit herrschen am Schluchtgrund, ein kleines Rinnsal bahnt sich seinen Weg und ich versuche halbwegs festen Boden unter die Füße zu bekommen. Durch Matsch wate ich bis zur Abzweigung einer Nebenschlucht voran und in letztere hinein. Immer krimineller wird der Boden; jetzt geht's noch aufwärts. Mir reicht die Erforschung für heute, nicht mal einen kleinen Saurier habe ich aus den Schluchtwänden schauen sehen. Mit Dreck bis über die Schuhe genieße ich jedoch das Abendessen mit anschließendem Wodka.

Ein sonniger Tag bricht an. Alsbald verteilt sich die Gruppe im Dinoland. Von höherer Warte schaue ich über das zerfurchte, rötliche Gebiet. Phantastische Formen hat die Erosion hier geschaffen. Vor allem einzeln stehende Bergstöcke hat die Natur in Paläste umgestaltet, mit Simsen, Säulen, Portalen. Aber auch die Abbruchkante der ehemaligen Hochebene ist phantasievoll ausgeschmückt und natürlich turnt dort oben schon Claudia herum. Klaus und Ulrike klettern unter mir vorbei, gefolgt von Helene. In Richtung diverser Schluchten wollen sie offenbar, was mich ebenfalls interessiert. Der Boden ist Gott sei Dank heute einigermaßen fest. In verschiedene der Schluchten wandern wir hinein, auch in Abzweigungen, die meist allerdings schnell enden. Leider auch hier keine Hinweise auf Dinos, nur auf Ziegen, wie ihre Knittel zeigen. Dennoch macht es Spaß, in diesem überschaubaren Labyrinth mal herum zu wandern. Klaus will unbedingt auf die Höhe steigen. Erstaunlich, dass er in seinen Siebzigern noch so fit ist, denn schon winkt er von oben herab. Irgendwo auf der anderen Seite treffen wir ihn wieder. Claudia hingegen hat die Orientierung verloren und sucht unten nach den Fahrzeugen. Vielleicht ist sie deshalb so gerne auf der Höhe, um den Überblick zu behalten.

Eine Oase weit hinter den Nemengt-Bergen ist westlichster Punkt unserer Reise durch die Wüste Gobi. Touristen haben wir längst keine mehr gesehen. Regelmäßig ist für sie an den Chongorin Els-Dünen das Ende der Welt erreicht. Weiter nach Westen verirrt sich kaum jemand; dafür bedarf es schon mindestens 7 mutiger Frauen, denen man sich dann als Mann verschämt anschließen kann (um die Mindestzahl für die Reise zu erreichen). Sogar eine zehnköpfige und ausschließliche Frauengruppe im Mercedestruck konnte ich in Dalanzadgad sprechen, die hier im Niemandsland unterwegs war. Nun, spektakulär ist die Landschaft jedoch nicht, durch die wir fahren. Unendliche Weite und hier und da in der Ferne blaue Gebirgszüge; ähnliches kennen wir schon. Eine Erholung für die Augen bietet ein kleiner, aber sattgrüner Berghang am Rande einer hufeisenförmigen Abbruchkante mit rotem und weißem Gestein. Eine Wasserquelle ist für das Grün verantwortlich, wobei ich mich allerdings frage, woher sprudelndes Wasser knapp unterhalb des Gipfels kommen kann. Niedrige Sträucher mit kleinen, roten, essbaren Beeren dran, profitieren ebenfalls von dem Nass. Der Blick von oben geht weit über die Gobi. Ein markanter Berg in Form einer Doppelpyramide steht mitten drin. Er wird uns bis zur Oase nicht mehr aus den Augen kommen.

Die Weiterfahrt gestaltet sich außerordentlich schwierig. Ein Bachbett ist hier meist die Piste. Und da wir laut den Nomaden gute Touristen sind, gibt es heute sogar fließendes Wasser, an besonders kritischen Stellen zudem noch Regen. Unseren Fahrern und den Autos wird hier wirklich alles abverlangt. Matsch, Dreck, Gestein und stets die Frage, verläuft die Piste noch im Bach oder bereits außerhalb, denn Reifenspuren zweigen immer wieder ab. Auf der Piste zu fahren, bietet nämlich die größte Sicherheit für haltbaren, noch befahrbaren Untergrund, selbst wenn es ein einziges Schlammloch ist. Diese Abfahrt war falsch, also wieder zurück. Woran der Fahrer es erkannt hat, bleibt mir verborgen. Oft sind es nur kleinste Hinweise, hat Solo mal erklärt. Wir können endgültig das Bachbett verlassen. Auf der Höhe steht ein Schild und es weist aus, hier beginnt der Nationalpark Gobi, von dem ich noch nichts gehört habe. Ein Familienbild mit Schild muß einfach sein, meinen unsere Damen, zumal jetzt wieder die Sonne scheint. Die Oase mit viel grünem Schilf und kleinem See winkt zu uns herüber, auch Myriaden an Mücken und Bremsen scheinen sich schon zu freuen. Nach den ersten Stichen wird schnell klar, weshalb wir weder Menschen noch Tiere sehen: Die Oase ist wahrlich kein Paradies. Die Zelte werden weit ab aufgebaut und nur der Blick hinüber bleibt uns. Ob Horst tatsächlich im See gebadet hat - wie er behauptet -, wage ich allerdings zu bezweifeln.

Ab jetzt geht es nach Norden, heraus aus der eigentlichen Gobi. Es scheint die Fahrer zu freuen, denn heute genießen sie zum Frühstück ihre Fleischsuppe besonders ausgiebig. Fleisch muß für einen Mongolen zu jeder Mahlzeit sein, wofür hält man sonst die vielen Tiere. Rebhuhnartige, auffliegende Vögel lassen unseren Fahrer denn auch lechzen: "Oaah, a very good soup". Fleisch bekommen natürlich auch wir zur richtigen Zeit und jede Menge Salate. Meist noch eine Melone zum Abschluß. Sogar 2 Vegetarierinnen sind mit von der Partie und voll zufrieden, was die rundliche, mongolische Küchenfee so alles zaubert. An dem Drama, dass bei mir einen Tag lang Wasser auch hinten heraus kam, trägt unsere Küche allerdings keine Schuld. Dafür mache ich das nicht voll durchgebratene Spiegelei im Camp schuldig. Schon beim Essen desselben ging mir durch den Kopf, woher das Ei wohl stammen mag, denn Hühner hatte ich in der ganzen Mongolei nirgends gesehen. 6 Pillen Imodium stellen bei mir die Richtung jedoch wieder korrekt ein. Den Joghurt der Nomaden habe ich vernünftigerweise die Gruppe erst mal ausgiebig vorkosten lassen; jedoch ohne Probleme, wie die nächsten drei Tage zeigen. Nur Helmut hat es irgendwann noch erwischt.

Mit Panoramablick nach vorne sitze ich praktisch schon seit Anbeginn unserer Tour durch die Gobi neben dem Fahrer, was mich ausgesprochen erfreut. Ursprünglich machte mal das böse Wort von der Sitzrotation oder gar Fahrzeugrotation die Runde. Gott sei Dank bestand letztlich aber doch keiner darauf. Irgendwie ist diese häßliche Frage eingeschlafen, obgleich Ulrike im anderen Fahrzeug wegen Rücken- und Beinbeschwerden in ihrem engen Sitz hin und wieder aufmuckt. Viel Unterhaltung habe ich vorne allerdings nicht, die findet hinter mir statt. Dort sitzen sich nämlich die 4 Wodkafrauen mit Helmut - meist noch mit Solo - wie in einem Salon gegenüber und bringen Stimmung in unsere fahrende Bude. Der Fahrer spricht - wie die meisten Mongolen - bis auf ein paar deutsche oder englische Brocken ausschließlich Mongolisch, eine eigene Sprache. Sogar eine eigene Schrift, die von oben nach unten geschrieben wird, gibt es in der Mongolei. Nach der Wende mußte sie allerdings erst wieder aktiviert werden. Man sieht jedoch fast nur Kyrillisch. Ohne unsere perfekt Deutsch sprechende Solo wären wir in der Mongolei wohl ziemlich aufgeschmissen gewesen, obgleich es für den Einkauf von Wodka, Bier und Bonbons durchaus reicht. Die zu zahlenden Tausende von Turiks der hiesigen Währung (1 EUR = 1.400 Turik) werden dabei mittels eines kleinen Taschencomputers zusammen gerechnet und uns als Endsumme gezeigt. Meist stimmt es auch.

Die Oase mit ihren Mücken ist hinter uns noch nicht ganz verschwunden und schon melde ich einen Photostopp an. Es ist mein Dankeschön an die Gruppe für den Beifahrersitz; als Ausgleich stelle ich ihr nämlich lohnende Photomotive vor, ob es den einzelnen nun passt oder nicht. Passt es nicht, dann bleibt z.B. Klaus stur im Auto sitzen und liest in seinem Buch über Helmut Kohl und auch Ulrike nimmt ihr Buch zur Hand. Claudia jedenfalls scheint Gefallen an meinen Service zu finden, denn alsbald sieht man sie schon auf dem höchsten Hügel stehen und fotografieren. So auch hier und ich hoffe innig für sie, dass ihre Kamera nicht wieder mangels ausreichender Kontraste in der Landschaft streikt. Wie rötliche Kuppeln sehen die Hügel aus und bieten einen phantastischen Blick hinab in eine weite Senke, die jenseits durch einen blauen Bergstock mit weißem Erosionsgestein an seiner Basis begrenzt wird. Unten taucht unsere Köchin auf der Piste auf und wandert in die Ebene hinein. Offenbar braucht sie Bewegung beim Schmieden der nächsten Mahlzeit. Auch wir genießen es immer wieder, vorzeitig los zu wandern und uns dann von den Bussen aufsammeln zu lassen. Etliche Kilometer werden manchmal sogar draus. Gute zwei Stunden dauert die Fahrt durch die Ebene und zu unserer Begeisterung tauchen neben der Piste erstmalig Springböcke auf. Es ist ein herrliches Bild, diese grazilen Tiere mit gewaltigen Sätzen dahin springen zu sehen. Leider sind sie schnell in der Ferne verschwunden. An der Erosionsstufe hätte ich mich gerne ein Wenig umgesehen, doch wir müssen weiter. Ein Bachbett wird wieder mal zur Piste, dann kommt erneut eine weite, sandige Plaine.

Ein winziger Hauch an Grün ist mittlerweile auf der Ebene zu sehen, der jedoch stärker wird, je weiter wir nördlich kommen. Es scheint, auch hier hat es in letzter Zeit kräftig gegossen, was dafür spricht, dass die 10 Weiber aus Dalanzadgat mit ihrem Truck hier durchgekommen sind. Die Kamele werden wieder häufiger, Schafe und Ziegen (sie zupfen meist gemeinsam) tauchen in immer größeren Herden auf. An einem Ziehbrunnen fast schon inmitten von Schnittlauch wird Rast eingelegt. Für die Augen eine Wohltat, nach der vorherigen Öde hier wirkliches Grün zu sehen. Etwas entfernt stehen drei Kamele und schauen sehnsüchtig zur Tränke herüber, kommen aber nicht näher. Ein LKW-Reifen, aufgeschnitten und in voller Länge ebenerdig festgenagelt, dient als Trog. Unseren Fahrern merkt man jetzt richtig die Freude an, der eigentlichen Wüste Gobi den Rücken gekehrt zu haben. Mächtig treten sie aufs Gas und schnell ist ein niedriger Bergzug erreicht, den wir durchqueren müssen. Was man sieht, will man kaum glauben: Vor dem Berg wachsen tatsächlich grüne Büsche. Beim notwendigen Fotostopp kommt das zuvor überholte Motorrad herangerattert und hält natürlich. Eine zerfurchte, uralte Mongolenoma sitzt quietschvergnügt auf dem Rücksitz und führt das Wort; der junge Fahrer hat bei ihr offenbar nicht viel zu sagen. Dann rattern sie weiter und unserer Gruppe auf der jetzt bösartig werdenden Piste einfach davon.

Der Bergwall ist durchfahren, eine kleine, etwas schüttere Schnittlauchebene tut sich auf, eingefasst von niedrigen Bergzügen und Kuppelhügeln. Dekorativ stehen 2 Jurten mitten im Schnittlauch, von denen wir eine anfahren. Und siehe da, das Motorrad samt Oma ist hier zu Hause. Bis zum heute besonders späten Mittagessen sitz ich auf einem nahen Hügel, genieße die so friedlich wirkende Landschaft und freue mich, in der Mongolei zu sein. Jämmerliches Blöken begleitet unser Essen. Drei festgebundene Kamelbabys stehen neben der Jurte und rufen herzerweichend nach der Mutter. Schreien allerdings mehr als 10 Kameljunge gewinnt das Ganze an Musik. Es klingt fast wie bei einem Chor mit unterschiedlichen Stimmlagen und Einsätzen der Sänger. Heult zudem noch der Wind um die Jurte - wie etwa bei unserem kurzen Sandsturm in der Gobi -, dann ist das mongolische Konzert perfekt. Natürlich hat die Mongolei auch andere Musik und Gesänge zu bieten. Für die heutzutage gängige Musik braucht unser Fahrer nur die Kassette einzudrücken, was er leider erstmalig nach 1 1/2 Wochen macht; dann aber mit wachsender Begeisterung. Es ist jedoch Musik westlicher Prägung, wenn auch mongolisch gesungen.

Traditionelle Musik, Tänze und Gesang bedürfen einer ganz speziellen, intensiven Ausbildung, wird uns schon beim ersten Besuch einer derartigen Veranstaltung in Ulaanbaatar klar. Und was geboten wird, ist schon bezaubernd, nicht nur wegen der bunten, phantasievollen Trachtenvielfalt. Lediglich beim Solo-Gesang dürften sich die Geister in westlichen Ohren scheiden. Das Solo des Mannes - faszinierend für mich - erscheint völlig unnatürlich, roboterhaft, nicht von einem Menschen stammend. Mein Gedanke war denn auch, es liegt an der Lautsprecheranlage. Erst die zweite Veranstaltung in einer Jurte ohne Kabel klärt mich endgültig auf. Das Solo der Frau geht mehr in chinesische Tradition, erscheint kreischend, wie es auch bei westlichen Frauen manchmal so üblich ist, hat mich aber ebenfalls sehr fasziniert. Gleiches gilt für den Blick ins fast weiß geschminkte, maskenhafte Gesicht der Dame in phantastischer, traditioneller Robe. Nur schade, dass ich die Sängerin später zufällig vor der Tür in ihrer normalen Kluft, flachen Schuhen und zudem noch abgeschminkt wieder sehen werde. Was die Musikinstrumente anbelangt, waren sie alle für mich unbekannt; dennoch klingen sie wie Harfe, Geige, Cello usw. Die daraus entlockte Musik kann ohne weiteres als harmonisch in meinen Ohren bezeichnet werden. Eine CD bringe ich mir deshalb mit. Absolut außergewöhnliche Körperakrobatik kleiner Mädchen - wohl noch Kindern - ist sicher einer der Höhepunkte solcher mongolischer Darbietungen. Mit unglaublicher Anmut und Grazie bringen sie Körper, Arme und Beine in Stellungen, wie sie eigentlich nur knochenlosen Wesen eigen sein können. Atemlos schaut man diesen Schlangenmädchen zu, staunt und denkt vielleicht verbittert an sein eigenes Kreuz.

Ohne klare Verabschiedung - wie üblich bei mongolischen Nomaden - verlassen wir die muntere Oma samt Sippe. Hinter einem Bergzug wird der Schnittlauch auf einem weiten Abhang jetzt so saftig grün, dass ich einen Fotostopp für notwendig halte. Unser lieber Fahrer reagiert jedoch etwas zu spät und stoppt erst hinterm Hügel mit Blick auf recht dürftigen Schnittlauch. Selbst Claudia scheint diesmal irritiert; da hier aber offenbar der Kontrast stimmt, fotografiert sie dennoch das vor uns liegende Jammertal. Ein leeres Bachbett ist zwischendurch mal wieder die Piste und auch die richtige Ausfahrt wird gefunden. Eine leicht abschüssige Ebene liegt vor uns, die man wunderschön hinab rauschen kann. Auf halber Strecke erreicht uns ein Notruf aus der Küche; sie ist im Bach eingesandet und muss herausgezogen werden. Also zurück. Die Küche ist wieder flott, wir können erneut losrauschen. Der nächste Notruf läßt nicht lange auf sich warten. Die Achse ist diesmal das Übel und ohne Ersatzteil in angemessener Zeit nicht reparierbar, stellen die drei Fahrer nach der Untersuchung (die weißen Handschuhe bekommen dabei erneut ihr Fett weg) übereinstimmend fest. Na, denn Prost. Der Küchenwagen samt Besatzung muss an Ort und Stelle in der Hoffnung auf eine baldige Reparatur bleiben. Wir packen um und weiter geht die Fahrt, wieder die Plaine hinab. Schluchzen ertönt im Funk. Unsere sensible Küchenfee fürchtet sich von uns allein gelassen bei Nacht in dieser Wildnis. Alle äußern volles Verständnis. Die Küche wird also bis zur nächsten Jurte am unteren Ende der Plaine abgeschleppt.

Ein kräftig grünes, teils Hunderte Meter breites Grasband zieht wie ein Fluss vor unserer Plaine entlang. Zwei Pisten gibt es darin und beide führen in die gleiche Richtung. Wir nehmen die erste, doch schon nach kurzer Zeit meint der Fahrer "not good", fährt ab und hält auf die zweite, parallele Piste zu. Hoffentlich schaffen wir es, ist mein geheimer Gedanke, denn der Untergrund scheint trügerisch weich und Wasser quetscht heraus. Offenbar ist es wirklich ein Flusslauf. Die 2. Piste ist meiner Meinung nach noch schlechter, halte jedoch lieber meinen Mund, sonst fahren wir vielleicht erneut quer durch den Sumpf. Total vermatscht ist die Piste auf langen Strecken. Obwohl bei uns noch die Sonne scheint, im nahen seitlichen Gebirge hängen schwere, fast schwarze Wolken und es blitzt daraus. Eine junge Mutter mit kleinem Sohn sitzt neben ihrem Motorrad an der Schlammpiste und scheint nach den grasenden Schafen zu sehen. Ausgesprochen hübsch ist sie. Claudia will deshalb unbedingt ein Photo. Wie alle Frauen auf dieser Welt, in einem verdreckten Deel ziert sich auch eine Mongolin. Ein einsam in der Prärie stehender Triumphbogen kündigt die nächste Ortschaft an. Sie gleicht allen anderen, hat nur eine besonders kriminelle Ortseinfahrt und heißt Bayangovi. Bonbons, Kekse, Bier und Wodka sind - wie immer - Renner beim Gruppeneinkauf. Solo kauft den Rest. Weit außerhalb von Bayangovi werden die Zelte zwischen kleinen, bewachsenen Hügelhaufen aufgeschlagen, stets mit besorgtem Blick hinüber zu den näher gerückten Gewitterwolken und dem jetzt blutroten Sonnenuntergang gleich neben dran. Irgendwann nachts muss ich raus. Eine Milchstraße in voller Pracht funkelt über mir, begleitet von den Blitzen im Gebirge und einem fernen Wetterleuchten aus der Wüste Gobi. Gut, dass wir dort nicht mehr sind, denke ich noch und krieche wieder ins Zelt.

Unseren schönen bayrischen Biertisch samt Bänken vermissen wir beim Frühstück. Was mag nur mit der Küche sein? Bei dem heute herrlichen Sonnenschein wandern wir wieder mal vor den Autos los. Weit sind wir schon in die Ebene gekommen; die Autos stehen jedoch immer noch. Und siehe da, in der Ferne nähert sich ein weiterer Kübelwagen und zu Dritt steuern sie jetzt auf uns zu. Mit großem Hallo fahren wir die Wanderstrecke wieder zurück, denn es war die falsche Richtung. Ein einsamer, ferner Berg in der flachen Unendlichkeit weist das Ziel. Wie eine Pyramide sieht er aus und will nicht näher kommen. Am Horizont tauchen Luftspiegelungen auf, die entweder Erhebungen verdoppeln oder verschlucken. Hinter der Pyramide wartet lange Zeit ein gleiches Bild. Langsam kommen Berge näher, ein Hügel mit weißem Sand und grünen Büschen wird genommen und zur Rechten breitet sich unvermutet ein See aus. Zwei Mal muß man aber schon hinschauen, denn kaum erkennbar ist er mit seiner fast identischen Wasserfarbe wie das Umfeld. Arme Claudia, wie soll sie denn diesen See ohne Kontraste in ihre Kamera bringen. Mein Stopp wird gleich als Signal zur Mittagspause genutzt und schon wandert jeder in Richtung See davon.

Viele Seen gibt es in diesen Breiten der Mongolei wirklich nicht, obgleich es vor wenigen Jahren noch weitere gegeben hat. Diese sind aber versiegt, wie auch einige Flüsse. Man hat ihnen einfach das Wasser genommen, denn das hier gefundene Gold muss nun mal ausgewaschen werden. Ausländische Firmen sind es meist, die mittlerweile jedoch stärker werdenden Druck durch die Bevölkerung erhalten. Man geht sogar auf die Straße - in der Mongolei wohl auf die Piste - um zu demonstrieren. Der wieder fließende Bach vor den Klosterruinen von Ongij ist sichtbares Zeichen für einen Erfolg. Auch wir freuen uns über den Blick von den weißen Sandhügeln hinab auf den See und über die hier wachsende, prächtige Art von dichten Pinienbüschen, hinter denen man mal so richtig ausgiebig verschwinden kann. "Kinder essen kommen" höre ich zwar diesmal nicht, ich sehe Solo jedoch vom Küchenwagen aus winken und den Tisch gedeckt. Der Fahrer geht derweil schon wieder seiner Lieblingsbeschäftigung nach und liegt mit den weißen Handschuhen prüfend unter dem Auto. Es ist übrigens sein eigenes Auto, denn jeder Fahrer ist - wie in der Mongolei üblich - selbst Unternehmer und muss für das Fahrzeug, Sprit, Reparaturen aus eigener Tasche aufkommen. Für jede Tour muss er daher um einen neuen Auftrag buhlen. Und sehr viel mehr als ein Fahrzeug hat man als Betriebsvermögen nicht, was schon recht kritisch werden kann, zumal eine ganze Familie daran hängt.

Für die Familie sorgt derjenige, der Arbeit hat und Geld verdient. Unsere Solo z. B. verdient Geld und unterstützt daher die Eltern, ebenso die Geschwister. Dafür spricht der Bruder seine Schwester Solo auch mit 'Sie' an. Das 'Sie' in der Familie ist in der Mongolei allerdings nichts besonderes. Es zeigt meist nur die Verehrung an. Auch der Begriff Opa z. B. beinhaltet vorwiegend eine Wertschätzung, woran ich mich bei solcher Titulierung jedoch erst mal gewöhnen muss. Andererseits bedeutet es aber auch, dass ich auf meiner Mongoleitour - trotz unseres Nesthäkchens Susanne mit ihren 49 Jahren - ausschließlich mit Omas und Opas reise. Schon eine schlimme Vorstellung. In höchste mongolische Wertschätzung haben sich auf der Reise jedoch Margrit mit ihrem 50. und Horst gar mit seinem (uns verschwiegenen) 60. Geburtstag begeben. Einen lustigen Wodkaabend war uns Europäern die Wertsteigerung von Margret in der Mongolei jedoch auch wert.

Den einsamen, kontrastlosen See lassen wir hinter uns, die Berge sind fast erreicht und schon geht es aufwärts mit uns. Windig und hübsch kalt ist es auf der Höhe geworden, wie der nächste Stop zeigt. Wie kalt mag es hier aber erst im Winter sein, geht mir durch den Kopf. Unser Fahrer ist dann nämlich auch mit seinem Fahrzeug unterwegs, natürlich ohne Touristen, jedoch mit sonstiger Fracht. Denn er muss ja Geld verdienen - wie alle Fahrer - selbst bei minus 30 oder 40 Grad. Ein interessanter Blick geht hinab ins Tal, in dem sich sonnige, dunkle, grüne, rötliche Streifen unter einem wolkenverhangenen Himmel zeigen. Wie meist auf einer Passhöhe, gibt es auch hier einen Steinhaufen mit einer Fahne oben drauf, die eine für die Mongolei typische blaue Farbe hat. Es ist ein Owoo (auch Ovoo geschrieben), dem religiöse Bedeutung zukommt. Auch die spezifisch blaue Farbe findet man stets im Zusammenhang mit dem Überirdischen. Wir bleiben aber bei dem Irdischen, fahren ins Tal hinunter und lutschen die Bonbons, die nach vorne gereicht werden und deren Nachschub unaufhörlich ist. Glänzende Augen bekommt der Fahrer jedoch nur einmal, als nämlich ein dünnes Hartwürstchen aus Claudias Hand den Weg zu ihm findet und ich seine Frage nach 'meat ?' (Fleisch) bejahen kann.

Es wird eine lange Fahrt auf der grünen Sohle des Tales, die ihren Reiz durch die sich immer wieder verändernden, wenigen sonnenbeschienenen Flecken und Streifen am Grund sowie den Seitenwänden erhält. Ein kleiner Bach im Tal wird überquert und aufwärts müssen wir. Am Hang, nicht weit entfernt, ziehen Schafe und Ziegen dahin und - ich will es nicht glauben - ein Schäfer ist auf dem Radel dabei. Meist hütet in der Mongolei nämlich überhaupt niemand, gleich welche Herden es sind und wenn schon, dann allenfalls mal auf dem Pferd. Wir kommen über die Kuppe; ein eigenartiges Bild zeigt sich. Aus dem nächsten Tal ragt einsam und verlassen ein hohes, schwarzes Rohr heraus. Wir fahren weiter und erst jetzt wird auch eine zugehörige Ortschaft sichtbar, es ist Bogd. Das Rohr gehört zu einer zentralen Heizungsanlage für Plattenbauten aus kommunistischen Tagen. In den Bauten scheinen aber nur noch die Ärmsten zu wohnen, denn die Häuser sehen überall in der Mongolei schon böse ramponiert aus. Was mich allerdings verwundert, eine Schule ist mir in keinem Ort aufgefallen. Es muss sie aber geben, denn auch Nomadenkinder gehen in die Schule und wohnen in diesen Zeiten am Schulort, wie wir hören. Bei durchschnittlich 2 Kindern pro mongolischer Familie dürften es schon einige Schüler sein. In Bogd hält uns - natürlich - nichts, was sollte man sich in einem mongolischen Dorf auch anschauen. Wir fahren wieder hinaus in die Natur. Und die wird jetzt gegen Abend wunderschön.

Unsere Igluzelte sind mittlerweile Ruck Zuck aufgebaut und jetzt bleibt Zeit, sich irgendwo erhöht am felsigen Hang auf einen Stein zu setzen und einfach nur das vor uns ausgebreitete Tal zu genießen. Weit ist es bis zu den gegenüber liegenden, blau und rötlich gemalten Bergen. Und bis dort hin ziehen durch das ganze Tal zartgrüne bis dunkelgrüne, auch schwarze oder rötliche Streifen neben einander dahin. Nur langsam verändern sich die Farben, andere wandern mit den Wolken. Stundenlang könnte ich diesem Spiel zuschauen und die Friedlichkeit, Harmonie und Schönheit in mich aufsaugen. Helmut, unser Bayer, kommt zufällig vorbei und meint begeistert: "Widerlich scheee." Auch Claudia ist beeindruckt, wandert jedoch durch das Felsgewirr höher und ruft plötzlich nach unten: "Hier ist eine Felszeichnung." Tatsächlich, sie hat die Erste entdeckt. Natürlich will auch ich sie sehen, bin beim Anblick dann allerdings doch etwas enttäuscht. Wie Strichmännchen sieht das Ganze aus und wenig künstlerisch. Mehrere Tausend Jahre alt sollen sie jedoch sein, sagt unser Lehrer im Ruhestand Klaus; und seine Gattin Ulrike pflichtet ihm bei. Auch sie haben Zeichnungen gefunden, aber keine schöneren.

Nicht weit vom Zelt entfernt, müssen vor Jahrtausenden Tränen geflossen sein. Denn dort hat man einen Steinhaufen errichtet und weitere Steine im Kreis drum herum gelegt. Es ist ein uraltes Grab und gleicht denen, die man auch in der Sahara finden kann. Ich will daraus aber keine Schlüsse über Zusammenhänge ziehen. Den ganzen Tag über läuft mir schon die Nase und einen Husten habe ich obendrein. Eine saftige Erkältung hat mich erwischt, stelle ich endgültig fest und kalt wird mir auch noch. Besorgt bringt Solo heißen Tee, wickelt mir dicke Tücher um den Leib, dass ich kaum noch atmen kann und steckt alles zusammen in den wärmsten Deel, den sie auftreiben kann. So machen es die Nomaden, klärt sie mich auf. Schon merke ich, wie es in diesem wadenlangen, dicken, mongolischen Nomadenmantel warm wird. Schlicht und unauffällig braun ist mein Deel, wie er bei Männern hier so üblich ist und der Natur des Mannes am besten entgegen kommt. Bei Frauen ist ihrer Natur entsprechend der Deel mehr auf das Äußere, die Optik gerichtet, weshalb sie meist bunter sind und sogar aus Seide sein können. Bemuttert sitz ich noch einige Zeit im Faltstühlchen, schaue dem Dunkelwerden im Tal und der dummen Kuh zu, die den Heimmarsch ihrer Herde von der Tränke verpasst hat und jetzt mutterseelen allein und immer wieder aufgeregt muhend den weiten Weg zurückrennt.

Heut Nacht ist Margret 50 geworden. Die Wodkarunde hat natürlich singend hineingefeiert, jedoch ohne mich. Ich wollte meiner Nase lieber Gutes tun und mich gesund pennen. Viel geholfen hat es leider nicht. Dennoch, ein gutes Geschäft habe ich mit der Nase jedenfalls gemacht. Denn drei überzählige Päckchen Tempos der freigiebigen Gruppe bringe ich mit nach Hause. Suche nach Felszeichnungen steht morgens noch auf dem Programm, dann geht die Fahrt weiter durch endlose, grüne Steppe. Immer wieder zweigen Pisten nach links, rechts oder auch geradeaus ab. Wer soll sich hier bloß ohne jede Markierung zurecht finden? Auch unser Fahrer verzweifelt manchmal, wie ich ihm schon anmerke. Als letzte Rettung bleibt somit nur eine Jurte, die irgendwo am Horizont sichtbar ist. Querfeldein ist dann angesagt, gleich ob 10, 20 oder mehr Kilometer. Die Gruppe scheint es nicht einmal zu merken, freut sich für den Stopp an der Jurte und geht irgendwo pieseln. Heute laufen wir sogar mehrfach Jurten an. Melkzeit ist für Schaf, Ziege und Rind am Spätnachmittag, also genau richtig, um mal wieder zur Verzweiflung des Fahrers auf eine Jurte zuzusteuern. Kopf an Kopf und wechselnd gegenüber sind die Muttertiere an einem Querbalken ohne jede Ausweichmöglichkeit festgezurrt. Das Melken kann beginnen. Bei Rindern muß das Kälbchen aber erst mal ran, um den Milchfluss anzuregen. Nur Claudia hat es gewagt, so ein Kalb bis an den Euter zu bringen. Mein zaghafter Versuch, die Männerehre zu retten, scheitert hingegen kläglich. Nun, Claudia ist allerdings auch ein weibliches Wesen und somit für derartige Dinge kompetenter, was - so denke ich einfach mal - uns Männer durchaus entschuldigt.

Die richtige Richtung wissen wir jetzt und das richtige Ziel, nämlich die Klosterruinen von Ongij, wußten wir bereits vorher. Mit Volldampf geht es voran, bis die passende Piste erreicht ist und dann weiter auf derselben. Leider nur nicht lange, denn unser aufmerksamer Fahrer hört Verdächtiges aus dem Getriebe. Und tatsächlich, irgendwas fließt unten am Wagen wie ein Rinnsal raus. Eine längere bis lange Pause wird nach näherer Begutachtung durch die 3 Fahrer sicherheitshalber schon mal angekündigt. Was soll's, in Gedanken sehe ich hier bereits Zelte stehen. Die Herde von Pferden mit langer Mähne und bis zum Boden reichendem Schweif ist kaum mehr zu sehen, auch die beiden Kamele sind schon weit gekommen, nur das Hämmern und Klopfen am Wagen bleibt. Ein Motorrad rattert auf der Piste heran. Eine Familie mit zwei kleinen Buben sowie reichlich Gepäck sitzt drauf und hält an den Fahrzeugen. Nach üblichem, obligatorischem Schwätzchen steigt alles wieder auf und rattert weiter. Wie Solo sagt, wollen sie uns Joghurt bringen ... wenn wir dann noch da sind. Wir sind aber noch da, als die ganze Familie nach gut einer Stunde mit drei großen Kannen zurückkommt. Kaum zu glauben, welche Mühe sich die Nomaden machen. Ein Teddy und ein Äffchen zum Geschenk lassen die Augen der beiden Buben strahlen. So etwas Tolles haben sie noch nie bekommen.

Ganz anders meine Augen. Verzweifelt sehe ich nämlich, dass das Objektiv meiner neuen Digitalkamera nicht mehr einfährt. Der schon auf der ganzen Reise befürchtete GAU ist also eingetreten; die Akkus sind leer, wird mir sofort klar. Und ein Ladegerät habe ich nicht dabei, denn wo sollte ich in der Wüste Gobi auch laden können, war meine Vorstellung. Sch... . Mein erster, bereits verbrauchter Akkusatz fährt zwar noch das Objektiv ein, mehr aber auch nicht. Nochmals Sch... . Mein Jammern hilft nichts; jedoch erfahre ich dadurch, dass Horst ein Ladegerät dabei hat. Und er meint, im Camp müßte man laden können. Meine Stimmung wird umgehend besser, zumal das Fahrzeug wieder flott ist und wir mit Höllentempo durch die Prärie rasen. Es dunkelt nämlich schon und das heißt in der Mongolei, es ist etwa halb Zehn Uhr abends. Bei völliger Dunkelheit wird erst der Ort Ongij, nach weiteren 30 km auch das Gercamp an den Ruinen des Klosters von Ongij erreicht. Es tröpfelt wieder mal; ein schönes Bier lasse ich mir dennoch nicht entgehen. Gleiches denkt eine andere hier logierende Gruppe, mit der ich ins Gespräch komme. Sie ist - man höre und staune - in der Mongolei mit dem Fahrrad unterwegs. Viel Vergnügen wünsche ich ihr für die weitere Strampelei in Richtung Gobi und noch mehr wünsche ich ihr einen blauen Himmel. Zum würdigen Abschluss des Tages darf eine Runde Wodka zusammen mit der Gruppe nicht fehlen. Am Ladegerät hängen heute Nacht allerdings die Akkus von Horst. Ich kann es ihm nicht mal verübeln.

Während der Besichtigung der Ruinen hängen endlich meine Akkus dran. Leider ist die Besichtigung des Klosters nur recht kurz, denn viel zu besichtigen gibt es nicht mehr. Man sieht lediglich, dass die Anlage sehr groß gewesen ist und beiderseits des kleinen Flüsschens angelegt war. Mehr als Tausend Mönche sollen in buddhistischem Glauben hier gelebt, meditiert und gebetet haben. Nur ein kleiner Tempel und ein Stupa sind heute noch der Besichtigung wert. Wie phantastisch die Gesamtanlage mal gewesen sein muss, kann man sich aber doch vorstellen. Bei Regen und mit minimal geladenen Akkus geht's zum Einkauf nach Ongij. Ziel des Tages ist die Stadt Arwaicheer, mal keine so lange und zeitraubende Strecke, wenn alles gut geht. Erneut muss das - durch die Demonstrationen der Bevölkerung gegen die Goldwäsche - wieder fließende Flüsschen durchquert werden. Unser zweites Fahrzeug dürfte schon 6 Mal durchgefahren sein, denn die Möglichkeit einer Unterbodenwäsche hatte sich der Fahrer gestern Nacht nicht entgehen lassen. Entlang der - bis in die Unendlichkeit stehenden - Strommasten zieht wie so häufig in der Mongolei die Piste dahin. Der Blick in die Weite zeigt nach allen Richtungen jetzt gleichmäßiges Grün. Recht viel Schnittlauch ist dabei. Nur einmal muss eine Jurte angefahren werden, eigentlich schade. Es sind sehr wohlhabende Nomaden, denn erstmalig sieht man vor der Jurte einen Traktor stehen. Nur die Felder zum Beackern fehlen. Irgendwo inmitten der Prärie wird das bayrische Mobiliar ausgepackt; es ist Zeit für das späte Mittagessen.

Es dauert nicht lange und schon bekommen wir Gesellschaft. Mit Pferd oder dem Motorrad kommen die Nomaden aus verschiedenen Richtungen angereist. Jung und alt ist dabei und man platziert sich. Bei den kleineren Kindern weiß man oft nicht so recht, ob es ein Junge oder Mädchen ist. Denn auch den Buben werden manchmal Zöpfchen geflochten, um andere Familien nicht zu verärgern, die keine Jungens haben. Solo hat offenbar recht, die Nomaden sehen und merken sich alles, was um sie herum so vor sich geht. Selbst die kleinsten Kleinigkeiten werden bemerkt und abgespeichert. Denn solches Wissen kann in der Weite und Einsamkeit der Steppe durchaus mal lebensnotwendig werden. Ein Fernglas hat deshalb besonderen Reiz in Nomadenkreisen und man teilt es im wahrsten Sinne des Wortes. Es wird nämlich meist durch gesägt und jeder beobachtet nur durch eine Linse. Den Rest kann man ja vor Ort beobachten, so wie es unsere Gäste jetzt tun. Natürlich teilen auch wir. Alsbald macht sich ein junger Bursch auf seinem Pferd davon, um uns frischen Joghurt zu bringen. Nur leider hilft bester Joghurt bei Hexenschuss nicht, wie Margret mitten in der Prärie schmerzhaft feststellen muss. Hier ist vielmehr Uli mit ihren massierenden Händen gefragt und meine beim dritten Bild immer noch funktionierende Kamera.

Die Bewölkung nimmt auf unserem Weg in den Norden weiter zu. Zur Seite hin ist der Himmel fast schon schwarz geworden. Ein Unwetter scheint sich dort zusammengebraut zu haben. Parallel dazu fahren wir allerdings dahin, was mich freut. Denn eine eigenartige Stimmung liegt hier über dem Schnittlauchland. Noch weit vor uns verdunkelt sich ebenfalls der Himmel, eine Wolkenwand schiebt sich vor. Nach links wird jetzt ein Regenvorhang vom Himmel bis zur Erde herunter erkennbar und er nähert sich uns. Wie es nicht anders sein kann, die Piste hat natürlich nichts besseres zu tun, als nunmehr ebenfalls nach links zu schwenken, genau in das Chaos hinein. Nun, ich habe es mir weit schlimmer vorgestellt. Relativ rasch wird es wieder heller, das Pladdern auf dem Autodach geringer, die Sicht besser. Offenbar haben wir den höchsten Punkt der Strecke erreicht, denn ein aufgeschichteter Owoo ist hier zu sehen. Die Regenfront mit dem Ovoo im Vordergrund scheint mir ein schnelles Bild wert. Deshalb stopp, raus aus der Kiste, Photo machen, noch ein Stossgebet an die guten Geister und wieder rein in die Kiste. Jetzt gießt es erst richtig.

Die Stadt Arwaicheer taucht hinter einem Hügel auf. Sie scheint tatsächlich so etwas wie eine Stadt zu sein. Denn hier sieht man erheblich mehr als nur 5 feste Häuser und einen Flugplatz gibt es auch. Einen Start oder eine Landung haben wir aber nicht erlebt. Die geteerten Straßen - wie erstaunlich - glänzen noch vor Nässe, obgleich die Sonne wieder durchkommt. Solo hat die gute Idee, heute mal eins der seltenen, in Stein gebauten Hotels zu nehmen: ca. 10 EUR pro Zimmer, mit warmer Dusche für 13 EUR. Leider gibt es im Hause aber nur eine warme Dusche und die nimmt unser Lehrerehepaar, jedoch mit dem Versprechen, dass wir alle duschen dürfen. Da die Dusche aber nicht nur warm, sondern kochend heiß ist, kaltes Wasser hingegen ausschließlich im Waschbecken läuft, bleibe ich bei meiner Vorsprache in Horstens Zimmer - wie alle - ungeduscht. Als Ausgleich erhalte ich jedoch sein Ladegerät, denn dafür gibt's in seinem Zimmer keinen Anschluss. In meinem Zimmer hängen jedoch 2 Strippen aus der Wand an deren Ende eine Buchse klebt, in die man das Ladegerät stecken kann. 4 grüne Lämpchen leuchten auf und ich fühle mich fast so wohl wie an Weihnachten. Angesichts dieses Komforts ist es mir gleichgültig, dass weder die Klotüre im Zimmer, noch dessen Außentür abschließbar oder überhaupt nur schließbar sind. Das Fenster ist dafür derart gut verschlossen, dass es allenfalls mit Außenrahmen zu öffnen wäre, was aber dem vertrockneten Pflänzchen auf der Fensterbank wiederum nicht gut getan hätte.

Zum Abendessen und Frühstück wechseln wir in ein besseres Hotel. Nur Helmut sieht etwas unglücklich aus, hat er doch mit seinem Rührei ein Stück von der Decke gefallenen Verputzes zwischen die Zähne bekommen. Post, Bank, kleines Museum, Supermärkte und sogar einen richtigen quirligen Markt hat das Zentrum von Arwaicheer zu bieten. Und alles wird von uns besucht. Der Markt ist natürlich wieder das Interessanteste für mich. Große Frachtcontainer - einer neben dem anderen - beherbergen die einzelnen Geschäfte. Zu kaufen gibt es hier fast alles bis hin zu Schafen ohne Kopf und Fell. Helmut hat es auf einen kleinen Teppich abgesehen, will aber zuvor meine Meinung wissen. 'Made in China' und aus Kunstfaser finde ich jedoch nicht so gut. Für ca. 18.000 Tugrik (13 EUR) wird übereinstimmend ein mongolischer, hübscher Schafwollläufer draus. Mit dieser Beute kann die Fahrt jetzt weiter gehen, erst auf Teerstraße, dann über einen stillgelegten Feldflughafen auf die Piste. Mit Sirenengeheul und Blaulicht rast ein PKW der Polizei auf uns zu und möchte gerne kassieren. Da unsere 3 Fahrer aber sogar den vorgeschriebenen Feuerlöscher vorweisen können, zieht der Polizist beleidigt wieder von dannen. Alle sind zufrieden: Die Fahrer ohnehin, Helmut mit seinem Teppich, Solo ist wieder flüssig, Claudia hat ihre 50 Karten zur Post gebracht, Susanne wunderschöne Briefmarken im Sonderdruck gekauft, Margret spürt den Hexenschuss nicht mehr und ich habe prall gefüllte Akkus in der Kamera.

Wir fahren durch ein weites, saftig grünes Tal in dem große Herden an Schafen, Ziegen und Rindern weiden. Zu nahe an der Piste grasende Tiere lassen unsere Fahrer schon gerne mal springen, indem sie ungeniert und ungebremst ihr Recht an der Piste wahrnehmen. Vorne wieder eine Herde, die es sich gerade auf unserer Wegstrecke gemütlich gemacht hat. 'Yaks' höre ich. Das erste Mal tauchen diese Tiere auf unserer Reise durch die Mongolei auf. In Nepal hatte ich Yaks zwar schon gesehen, jedoch nicht von Nahem. Das will ich jetzt unbedingt nachholen und der Fahrer weiß es. Eigenartig und unförmig wirken Yaks in ihrem gewaltigen Fell. So als ob man ihnen große, ausgefranste Teppiche über den Leib gehängt und zudem einen Haarwuschel auf den Kopf gesetzt hätte. Welche tatsächliche Körperform die Tiere eigentlich haben, kann man nur erahnen. Vermutlich ähnlich denen der Rinder. Weiß kann das Fell sein, aber auch schwarz, braun oder gefleckt in diesen Farben. Besonders grotesk wirkt so ein Yak, wenn noch Fetzen seines Winterfells an ihm hängen. Das hat er allerdings gemeinsam mit Kamelen, Rindern sogar Hunden. Ein Winter- und Sommerfell braucht man in der Mongolei schon, wenn man als Tier überleben will; Menschen haben dafür ihren Deel. Welchen Nutzen die Nomaden aus der Haltung der Yaks ziehen, weiß ich nicht zu sagen. Aus dem Küchenwagen ist jedenfalls kein Yakfleisch auf unsere Teller gelangt.

Ausgiebig klicken unsere Kameras. Vor allem die Jungtiere, die Kälbchen haben es uns angetan. Bei der Mutter suchen sie meist umgehend Schutz vor unserer Verfolgung. Ein wirklich interessantes Erlebnis meinen alle bei der Weiterfahrt und besonders ich bin glücklich, wieder ohne Hemmung fotografieren zu können. Fast am Ende des Tals zweigen wir von der Piste ab und fahren zwecks der Mittagspause eine einzeln am Hang stehende Felsformation an. Ein herrliches Plätzchen inmitten von grünem Schnittlauch mit weitem Blick übers Tal. Jeder wandert wieder in seine Richtung los. Ich schau mir die 6 senkrecht aufgestellten Felsbrocken in der Nähe an, die ein Steingrab sein sollen. Auf dem Nebenhang ein weiteres Grab, jedoch in der uns schon bekannten Kreisform. Auf einem Fels bleibe ich sitzen, schaue hinunter ins Tal zu den beiden weißen Jurtentupfern im Grün sowie den dort grasenden Pferden. Ein friedliches Bild. Nach dem Essen bleibt noch Zeit für ein Mußestündchen. Die Gruppe verteilt sich dekorativ auf und um das Felsgestein; ein Foto ist es mir wert. Nur das Klappern aus der Küche stört diese Idylle und mein Gedanke, dass die heutige Restfahrt wieder mal spät in den Abend gehen dürfte.

Das Tal wird über die nahe Höhe verlassen und hinab geht es ins nächste, erst enge, dann sich weitende Tal. Ein mäanderndes Flüsschen wird erreicht; die Piste führt in seiner Nähe weiter, jetzt immer leicht aufwärts. Auf den seitlichen, hübsch gerundeten Bergen geschieht erstaunliches. Sie bewalden sich ohne jeden ersichtlichen Grund. Bald fahren wir fast wie in einem deutschen Mittelgebirge weiter nach oben. Meine Frage, ob die südlicher liegenden Hügel und Berge denn abgeholzt seien, verneint Solo, sie seien von Natur aus kahl. Jedenfalls ist für uns jetzt das Rätsel gelöst, woher die vielen Bretterzäune um die Jurten stammen. Die Passhöhe liegt in einer Gebirgswiese, wie sich nicht schöner sein kann. Blumen über Blumen, Weiße, Blaue, Rote. Sogar zwischen den langnadeligen Bäumen eine einzige Pracht. Pilze und Edelweiß dürfen natürlich nicht fehlen. Durch diese Wiese, den angrenzenden Wald zu wandern, zu riechen ist was herrliches. Leider viel zu kurz. Mehr als ein Schnuppern an der Schönheit des Khangai-Gebirges war es wirklich nicht; wir wollten ja die Gobi sehen.

Eine absolute Rarität hat die Passhöhe noch zu bieten: Ein Verkehrsschild steht an der Piste. Und es weist auf Rutschgefahr und Steilheit hin. Beides stimmt, wie wir gleich feststellen können. Steil geht es nämlich abwärts auf einer Piste voll Schlamm und fließendem Wasser. Ganz wohl ist mir nicht, trotz der Blumenpracht rechts neben mir an der Steilwand; von einer linken Begrenzung ist nicht viel zu sehen. Das kritische Stück liegt hinter uns, die Räder waten jetzt inmitten einer Art phantastischer Sumpfvegetation durch Dreck und Wasser. Die Piste suche ich vergeblich. Aber auch das schaffen unsere Fahrer. Das Wasser hat einen anderen Weg gefunden, die Piste wird wieder sichtbar, dann sogar fest. Und jetzt sehen wir nicht nur, woher die Bretterzäune um die Jurten kommen, sondern wie so ein Wald nach der Holzung aussieht: Ein Baumstumpf steht neben dem anderen und das über große Areale. Aufforstungen sind keine auszumachen. Weiter geht es nach unten und ich staune, wie hoch wir doch waren. Eine Ortschaft, eine Ebene kommen auf uns zu und in die Ebene fahren wir hinein. Vollgas ist wieder angesagt, denn spät genug ist es schon.

Die Ebene wird zu einem weiten Tal. Dicht bewaldete Berge zeigen sich links, auf der rechten Talseite sind die Berge zwar kahl, jedoch wunderschön grün abgerundet und davor mäandert ein Fluss. Weiter und weiter rauscht unser Kasten durch das Tal, nur einmal unterbrochen durch den Notruf aus der Küche. Offenbar aber nichts Schlimmes, denn alsbald taucht der Wagen wieder auf. Warmes Abendlicht liegt jetzt auf den herangerückten Bergen. Auch das Tal ist saftig grün geworden, Pferde weiden drin und weiße Tupfer von Jurtencamps tauchen auf. Ein Bach muss noch durchquert werden, dann stehen wir vor einem der vielen hiesigen Camps, was mich ausgesprochen freut; sieht doch das schriftliche Programm am Orchon Wasserfall eine Zeltübernachtung vor. 'Problem nicht erkannt', meine ich fast von Klaus zu hören. Denn was Schwarz auf Weiß im Programm steht, muss schließlich tiefere Bedeutung haben. Also besteht unser Lehrerehepaar eisern auf Zeltaufbau und macht sich umgehend neben den Jurten an seine Ausführung. Dem Rest der Gruppe scheint es völlig gleichgültig zu sein, aus welchen hehren Gründen die Beiden nun ihr Zelt aufschlagen. Denn jeder schleppt sein Zeugs zur nächsten Jurte, läßt sich dort kräftig einheizen, da es mittlerweile ordentlich kühl geworden ist und behält im Hinterkopf, für die Jurte morgen 4 EUR an Solo abzuführen.

Da laut Solo für das Abendessen noch eine halbe Stunde Zeit ist und Zeitbestimmungen in der Mongolei recht flexibel sind, will ich schon mal einen Blick auf den Orchon Wasserfall werfen. Nicht weit entfernt stehe ich schon am Rande einer Schlucht, in der das Wasser rauscht. Hinab steigen kann man auch, denn unten sehe ich unsere Helene bereits am Ufer sitzen. Vom Wasserfall ist allerdings noch keine Spur und das Rauschen kommt allein von unten. Also müßte er weiter stromaufwärts liegen, denke ich mir so und wandere in diese Richtung los. Dummerweise wird die Schlucht jetzt aber immer flacher, was für einen Wasserfall doch bedenklich ist. Auch Horst und Dagmar wollen den Wasserfall sehen, lassen sich von meinen Zweifeln bzgl. der Richtung aber nicht abschrecken und wandern - wie es sich für einen Lehrer gehört - der Logik entsprechend weiter stromauf. Gegen jede Vernunft gehe ich jedoch zurück und sogar noch weiter und siehe da, vor mir taucht tatsächlich ein Wasserfall auf, der in einen kreisrunden Felskessel stürzt. Gespeist wird er nur nicht vom Fluss in der Schlucht, sondern von dem kleinen Bach, den unser Auto vorhin durchquert hat. Wer kommt auch auf so eine Idee? Ein bißchen enttäuscht bin ich bei der Rückkehr ins Camp von der Gewalt des Wasserfalles aber schon.

Dicke Wolken stehen beim Abendessen am Himmel und ich bin froh, heute eine Jurte mein Heim nennen zu können. Unklar bleibt mir nur, weshalb in diesem Gercamp alle Jurten auf Holzpodesten mit einer Balustrade außen rum aufgebaut sind; dazu noch über einen Meter hoch. An der Bezeichnung Jurte oder Ger kann es sicher nicht liegen, denn Ger ist lediglich der mongolische Name für die Jurte, weshalb ein Gercamp natürlich dasselbe wie Jurtencamp ist. Und sowohl ein Ger als auch eine Jurte haben einen ausgesprochen niedrigen Eingang, der stets von einem farbig angemalten Holzrahmen gebildet wird. Mit letzterem schließt man als Mitteleuropäer sicherlich nur selten Freundschaft. Drei Mal habe ich nämlich schon den Kopf zu früh gehoben und immer hat es selbige Stelle erwischt. Hat man den Türrahmen aber heil hinter sich gebracht, auch die Türschwelle nicht betreten, was als schlechtes Omen zu werten wäre, braucht man in der Jurte keine Bedenken mehr zu hegen, denn als normaler Europäer kann man drinnen fast überall stehen. Jetzt verweile ich jedoch draußen auf unserer Balustrade und schaue zum entfernten, mutterseelen allein stehenden Plumpsklo sowie zu den in weitem Abstand wartenden drei Anwärterinnen hinüber. Ich muß mich gedulden, bis meine Zeit naht. Endlich bin auch ich draußen fertig, verbeuge mich vor der Jurtentür, richte mich wieder auf ... zu früh, wie ich gleich schmerzhaft feststelle; die alte, gerade gestern schorffrei gewordene Beule blutet wieder. Vielleicht haben Klaus und Ulrike es mit dem Zelt doch richtiger gemacht. Die allabendliche Runde bestreiten heute nur unsere vier Wodkadamen.

Geregnet hat es nachts nicht und morgens scheint die Sonne. Eine Gruppenbesichtigung des Wasserfalls steht auf dem Programm und Solo wandert vorneweg. Weit ist es wirklich nicht, wie ich ja schon weiß. Von oben schauen wir in den Felskessel hinunter, der sich auf der anderen Seite zur Schlucht hin öffnet. Herrliche, hohe Nadelbäume stehen in der kurzen Passage bis zur Schlucht, und eine ganze Reihe an Besuchern tummelt sich bereits unten. Vom Orchon Wasserfall selbst ist noch nicht allzu viel zu sehen, da wir quasi auf ihm stehen. Um ihn in voller Größe und Schönheit bewundern zu können heißt es, das jenseitige Ufer des Wasserfallbaches zu erreichen. Sehr schwer ist es aber nicht; sogar trockenen Fußes schafft es die ganze Gruppe auf Steinen im Bach hinüber. Und von dieser Seite kann man um den halben Felskessel wandern mit uneingeschränkten Blick auf den etwa 20 m hohen Orchon Wasserfall. Nun, er ist zwar nicht gewaltig, auch nicht grandios zu nennen, doch einen schönen Anblick bietet er - zumal bei dem herrschenden Sonnenschein - schon.

Recht viele (insbesondere wohl mongolische) Touristen kraxeln in die Schlucht hinunter, um den Orchon auch von unten zu sehen. Wir sind natürlich dabei. Reiche Vegetation hat sich bei dem Wasserüberfluß angesiedelt. Viele Blumen sprießen und ganze Teppiche an Vergißmeinnicht begeistern. Klaus an meiner Seite kommt in Fahrt. Zu jeder Pflanze und Blume weiß er was zu sagen. Auch die Geologie scheint mir sein Metier, denn ich höre so einiges Interessante über die Entstehung der mich umgebenden Felswände. Leider habe ich alles wieder vergessen, weshalb ich es hier nicht aufschreiben kann. Den Blick in den wassergefüllten Felskessel mit dem herab rauschenden, weiß schäumenden Wasserfall hab ich Gott sei Dank nicht vergessen. Auch nicht die beiden Waghalsigen, die völlig frei an der Kesselwand nach oben geklettert sind. Vielleicht sollte ich aber doch endlich mal anfangen, wenigstens einige Aufzeichnungen während der Reise zu machen. Denn wie eifrig haben etwa Helmut oder Claudia täglich in ihr Büchlein geschrieben. Mein Schreibheftchen habe ich ja auf allen Reisen mit dabei, schon seit über 20 Jahren. Und immerhin 3 Seiten sind schon beschrieben. Zwei davon betreffen die Ägyptenreise 1984 und eine halbe Seite beinhaltet die Mexikoreise 1996. Auf jeden Fall nehme ich mir jetzt schon vor, ein neues, noch unbeflecktes Heftchen auf die nächste Reise mit zu nehmen. (Vielleicht glaubt man mir dann endlich, dass alle meine Reiseberichte - auch dieser - ausschließlich aus dem Gedächtnis geschrieben sind.)

Nach und nach trudelt die Gruppe oberhalb des Orchon Wasserfalls wieder ein. Noch ein paar Bilder werden geschossen; die Fahrzeuge warten schon in der Nähe. Die legendäre Hauptstadt Karakorum des Dschingis Khan ist das Tagesziel und leider auch das letzte Ziel vor Ulaan Baator, der Hauptstadt heutiger Zeit. Auf gestriger Route geht's zunächst zurück. Den ersten Stop bringt ein junger Iltis, den unser Fahrer entdeckt. Im Laufschritt kann er das Tier zwischen Felsbrocken sogar stellen. 'A very good soup' erkennen unsere Mädels offenbar in seinen Augen und flehen, das niedliche Kerlchen in Ruhe zu lassen. Nur Schnappschüsse gibt es daher und die sind bei mir noch verwackelt. Ein zweiter Stop erfolgt an einer wahrhaftigen, eisernen Brücke über den Orchonfluss. Selbst die Mongolen scheinen darüber erstaunt, denn jeder hält hier, wandert auf der Brücke hin und her und auch Picknick wird gemacht. 2 Mal fahren wir sogar drüber, weil Solo nicht über die so harmonisch gerundeten, grünen Berge fahren will und die Autos per Funk zurückpfeift. Der Orchonfluss erscheint hier im Zentrum der Mongolei sicherlich nicht sehr beeindruckend, dennoch mausert er sich auf seinem weiteren Weg zum längsten Fluss des Landes und mündet schließlich in den sibirischen Amur

Die uns schon bekannte Piste hinauf ins Changai-Gebirge sowie das für mich namenlos gebliebene Dorf lassen wir rechts liegen und rauschen im breiten Tal weiter. Der dritte Stop führt in ein kleines grünes Seitental. Ein uraltes Gräberfeld gibt es zu besichtigen. Im Karree senkrecht aufgestellte Steinplatten sind hier die Orte der Bestattungen. Etliche Steine sind im Laufe der Zeit aber schon umgefallen oder wurden zertrümmert. Manche Platten weisen sogar Gravuren auf, die allerdings kaum mehr erkennbar sind. Hoch über dem Orchonfluss an einem Steilhang folgt ein weiterer Halt. Jeder versucht mit Steinwürfen das Wasser zu treffen. Nur unser Fahrer schafft es, vielleicht aus Frust über die verpasste Fleischsuppe. Erstaunlich, wir werden von einer Mongolin auf Deutsch angesprochen. Sie war als au-pair Mädchen in Deutschland, erzählt sie und freut sich riesig, hier mit uns Deutsch sprechen zu können. Das späte Mittagessen wird zwischen Schnittlauchhügeln zubereitet. Die Zeit bis zur Fertigstellung liege ich gemütlich in der Sonne, denn die Küchenfee will sich von der Gruppe einfach nicht helfen lassen, was mir persönlich allerdings sehr entgegen kommt. Klaus hat sein dickes Buch über Helmut Kohl zur Hand genommen, auch Ulrike liest, der Rest bemüht sich, das Erlebte nicht zu vergessen, sitzt irgendwo im Schnittlauch und schreibt. Eine große Herde Schafe und Ziegen grast in der Nähe und ist dabei - wie immer - auf der Wanderschaft, auch wenn es absolut nicht nötig wäre. Ist ein Trupp mal wegen des reichhaltigen Fressangebots zurück geblieben und bemerkt sein Versäumnis, rennt das erste Schaf los und die anderen panisch hinterher.

Dicke, dunkle Wolken sind über den Hügeln aufgezogen. Es donnert sogar bei der Abfahrt. Je mehr wir dem alten Karakorum näher kommen, um so düsterer wird es um uns. Fast schwarze Wolken haben sich mittlerweile am Himmel zusammen gebraut. Lediglich in der Ferne hält sich ein Himmelsfenster, aus dem weiße Wolken und blauer Himmel herüber leuchten. Eine eigenartige Stimmung liegt über dem ganzen Land, zumal es unverständlicherweise immer noch nicht regnet. Hohe gerundete Hügelberge kommen auf uns zu und jetzt erst öffnet der Himmel seine Schleusen. Der Regen prasselt herab und klatscht gegen die Fenster. Recht steil müssen wir hinauf, fahren über die Kuppe, dann wieder hinunter und erneut hinauf. Ein besonders hoher Berg taucht vor uns auf und auch der will genommen werden. Auf der schlammig gewordenen Piste erscheint es bei der nun noch beginnenden extremen Steilheit kaum möglich. Selbst der sonst so souveräne Fahrer wirkt diesmal angespannt; doch wir schaffen es nach oben. Und da der Regen gerade eine Schnaufpause einlegt, walte ich gleich meines Amtes mit 'Stop'. Denn ein bißchen von der aufregenden Stimmung in den Hügelbergen soll die Gruppe (und damit ich) schon festhalten können.

Hinab auf der steilen Schlammpiste wird mir noch unwohler, zumal uns unten gewaltige Felsbrocken beim Rutschen erwarten würden. Aber auch dies kritische Stück wird gemeistert. Es schüttet wieder wie aus Eimern. Die Piste schlägt eine andere Richtung ein und es dauert nicht allzu lang, dann können wir die Regenwand bereits auf der rechten Seite bewundern und nach links in eine Ebene schauen, über der blauer Himmel mit weißen Wolken steht. Genau dort fahren wir hin. Eine erstaunlich gute Teerstraße nimmt uns in der Ebene auf, ein Triumphbogen wird durchfahren, dann das Städtchen Khar Khorin und alsbald ist ein Gercamp erreicht. Von grellem Sonnenlicht werden die weißen Jurten bestrahlt, wie so häufig nach einem kräftigen Regenguss. Die drohende pechschwarze Wand, die noch jetzt den halben Himmel einnimmt, muss hier vor kurzem durchgezogen sein. Ein Photo ist sie mir wert; für die Gruppe fühle ich mich im Camp nicht zuständig. Bei der programmgemäßen Jurtenvergabe hat Klaus sich diesmal vorgedrängelt. Helmut und ich nehmen daher die nächste Jurte. Besonders vorsichtig und tief gebückt betrete ich unser Heim; die Beule verträgt keinen erneuten Schlag. Die Einrichtung ist auch hier wie üblich: 2 Betten, 2 winzige Stühlchen, eine Art Kommode (jedoch kein Schrank), eine Ablage sowie der obligatorische Ofen mit seinem Ofenrohr; nicht zu vergesssen, natürlich der hängende Stein.

Vor dem Abendessen bleibt noch etwas Zeit zum Herumstreunen. Das Blau des Himmels auf der einen, unserer Hälfte, das Schwarz auf der andern Seite bietet dabei eine tolle Stimmung. Unmittelbar an einem Fluss liegt das Camp. Ein flaches Wehr staut das Wasser im hinteren Teil, wenn auch nicht sehr hoch. Ein junger Mann kommt mir seinem Fahrrad durchgewatet, liefert im Wehrhaus was ab und watet zurück. Ein alter Mongole - offenbar der Stauwärter - sieht mich fotografieren, nähert sich und deutet an, dass auch er fotografiert werden will. Seine Frau soll ebenfalls mit aufs Bild und beide lächeln mich aus zahnlosem Mund an. Zufrieden betrachten sie das winzige Bildchen auf dem Display und gehen ins Haus zurück. Was ich mit dem zahnlosen Bild nun soll, weiß ich auch nicht, denn eine Adresse haben sie mir nicht gegeben. Groß wird meine Freude, als ein junges Mädchen mit dem ersten in der Mongolei gesichteten Cocker-Spaniel auftaucht. Absolut gepflegt ist das Tier, doch leider will weder der Hund, noch das Mädchen mit mir was zu tun haben. Absolut gepflegt wird im Camp auch das sanitäre Haus. Gut zehn Toiletten sind allein für die Männer vorhanden, zudem ein großer Waschraum und ein wartendes Mädchen mit Schrubber, Putztuch samt Eimer. Fast schon peinlich diese Pflege; hat man sein Geschäft nämlich erledigt, springt das Mädchen umgehend herbei und säubert sogar am späten Abend. Morgens steht das arme Mädchen wieder wartend da.

Besuch der legendären Hauptstadt Karakorum samt des Klosters Erdene Zuu sagt das heutige Programm. Die phantastische gestrige Abendveranstaltung mit Tanz, Gesang (auch den schon erwähnten Solos ohne Lautsprecher) und Schlangenmädchen steht uns allerdings morgens noch im Kopf. Vielleicht ganz gut, denn unter der alten Hauptstadt Karakorum habe ich mir doch etwas Erhebenderes vorgestellt. Man steht mitten in der legendären Hauptstadt und sieht ... nichts. Nur eine große, grüne Ebene mit leichten Unebenheiten breitet sich um einen aus, und das war's. Stimmt doch nicht ganz. Die große steinerne Schildkröte habe ich vergessen zu erwähnen und die wenigen Gräben, in denen Fundamente von ehemaligen Gebäuden zu sehen sein sollen. Richtig erkannt habe ich sie - im Gegensatz zu dem hier arbeitenden, deutschen Archäologen - aber nicht. Man sucht mit deutscher Hilfe nach den Fundamenten des Palastes von Dschingis Khan, erklärt uns der engagierte Deutsche und berichtet von den vielfältigen, insbesondere klimatischen Problemen bei derartigen Grabungen in der Mongolei. Vielleicht wird man dann auch feststellen, wie die alte Hauptstadt richtig heißt. Karakorum sagen nämlich die einen, Kharkhorin bzw. Khar Khorin die anderen, vermutlich weiß es aber nur der Groß-Khan selbst. Mit dem Namen ihrer Hauptstadt haben die Mongolen wohl seit je Probleme.

Von der Schildkröte ist es nicht weit bis zum berühmtesten Kloster in der Mongolei, dem Kloster Erdene Zuu. Und Erdene Zuu ist wirklich sehenswert, weshalb es wohl keinen Mongoleireisenden gibt, der hier nicht seine Aufwartung macht. Eine noch erhaltene bzw. restaurierte Ummauerung mit einer Stupa hinter der anderen oben drauf ist das Markenzeichen dieser ehemals riesigen Klosteranlage. Zwei gegenüber liegende Tore bieten Eingang in das buddhistische oder genauer lamaistische Heiligtum. Zuvor gilt es jedoch, die vielen Stände der Souvenirhändler zu überwinden. Unangenehm aufdringlich sind sie aber nicht, weshalb die Gruppe so einiges an Imitaten mit nach Hause schleppt. Große, grüne Freiflächen gibt es heutzutage innerhalb der Ummauerung. Sie zeugen von dem Vandalismus der Kommunisten. Viele der Gebäude wurden dem Erdboden gleich gemacht, nur wenige sind noch erhalten. Diese zeugen aber von der Großartigkeit, die hier geherrscht haben muss.

Drei Tempel mit riesigen Buddhafiguren in verschiedenen, religiösen Haltungen sind noch zu bewundern. Sie gleichen denen, die man z.B. auch in Ladakh oder Tibet sehen kann, denn dort hatte der Lamaismus seinen Ursprung. An einer Tempelfassade wird gegenwärtig noch restauriert, was für den Willen der Mongolei spricht, wenigstens die verbliebenen Reste alter Kultur zu erhalten. Die Arbeitsmoral der drei auf dem Gerüst befindlichen Restauratoren überzeugt dagegen weniger. Denn nur einer arbeitet, die beiden anderen sitzen dabei und tragen offenbar die Verantwortung. Eine große weiße Stupa und mehrere kleinere wurden ebenfalls verschont bzw. konnten restauriert werden. Eingänge gibt es in in solche Stupas nicht; meist wurden jedoch religiöse Artefakte mit eingemauert. Dass nicht alles zerstört wurde, ist dem Befehlshaber zu verdanken, dem offenbar doch Bedenken gekommen waren, ob diese sinnlose Zerstörung so seine Richtigkeit hat.

Ein weiteres phantastisches Gebäude dient der Beköstigung der Mönche. Und da gerade Mittagszeit ist, können wir den kahlgeschorenen Novizen in ihren rostroten Kutten beim Mahl zusehen. Von Weihrauch geschwängert ist die Luft und monotoner Männergesang erfüllt den Essraum. In Reihen sitzen sich die jungen Mönche gegenüber und essen aus ihrer Reisschale, sofern sie nicht in den Singsang einstimmen. So ganz bei der Sache sind aber nicht alle Novizen, denn an den Besuchern sind sie auch interessiert. Das Kommen und Gehen der Mönche und Besucher schau ich mir vom Hof mit Blick auf die herrliche Fassade eine zeitlang an. Eine vielköpfige Mongolenfamilie lässt sich hier gerade mit zwei Studenten in traditioneller Dschingis Khan-Soldatenkluft ablichten. Es ist auch ein Bild für mich und klicke ebenfalls hinter dem Fotografen. Es hat keinen gestört und ich freue mich heute über das Photo; nur die Studenten alleine hätte ich nämlich nicht fotografiert. Reichlich Zeit haben wir für die Besichtigung von Erdene Zuu, doch was soll man sich noch anschauen, außer den Shops, die allerdings hochwertige, schöne Dinge, wie Figuren, Zeichnungen in alter Technik etc. bieten, jedoch zu saftigen Preisen. Unsere Damen können sich kaum lösen und deshalb sitze ich lange vor dem Tor im inneren Bereich des Klosters. Ein Mönch nähert sich gemessenen Schrittes dem einsam stehenden Klohäuschen und ich überlege, wie er es mit seiner Kutte machen mag. Vor ihm huscht jedoch schnellen Schrittes eine Touristin hinein und das dauert nun. Endlich geht die Tür wieder auf und nun huscht der Mönch.

Viele Mönche gibt es heutzutage nicht mehr; der Kommunismus hat über 70 Jahre hinweg seine Spuren hinterlassen. In den dreißiger und vierziger Jahren wurden viele Gläubige eingesperrt, meist jedoch gleich hingerichtet. Abertausende haben diese Zeiten nicht überlebt. Und nur langsam erholt sich nach der Wende der Lamaismus bzw. Buddhismus in der Mongolei wieder sowie die Gläubigkeit überhaupt. Ein Beispiel hierfür konnten wir bereits in Ulan Bator vor der Abfahrt in die Gobi erleben. Denn Solo hatte einen Mönch engagiert, der uns Segen und eine problemlose Fahrt durch eifriges Lesen heiliger Bücher garantieren sollte. Sie entsprach damit insbesondere einem Bedürfnis unserer Fahrer. Mit einem Schal in der typisch mongolischen, blauen Farbe für jeden Reisenden hatte der Mönch uns schließlich entlassen. Seine Lesepflichten hat er auch gewissenhaft erfüllt, wie wir jetzt am Ende der Reise positiv wissen. (Für die Erkältung und den Dünnsch... dürfte er mich persönlich verantwortlich machen.) Die eigentliche in der Mongolei heute noch praktizierte Urreligion ist aber der Schamanismus, von dem viele Elemente auch in den Lamaismus übernommen wurden. Ein Schamane gilt als Mittler zwischen den Menschen und der Geisterwelt. Seine Rituale, das überlieferte uralte Wissen und die mystischen Fähigkeiten werden vor allem bei den Nomaden auf dem Lande hoch geschätzt.

Endlich haben unsere Damen ihre Souvenirwünsche befriedigt. Jetzt geht die Fahrt zu einem Denkmal, das an die heroische Zeit unter Dschingis und Kublai Khan erinnert. Oben auf einem Hügel über Karakorum steht es und bietet beste Sicht auf die heutige Stadt Khar Khorin, die lange Mauer von Erdene Zuu und das Tal der historischen Hauptstadt. In Mosaikform ist auf einer Wand die damalige Ausbreitung der Mongolei bis nach Europa und hinab nach Süd-Ost Asien dokumentiert. Für mich bleibt es schlicht unbegreiflich, wie ein so kleines Volk die halbe Welt erobern konnte. Denn selbst heute sieht man in der Weite der Mongolei nur hier und da mal eine weiße Jurte. Und jetzt kann ich sogar hinabschauen auf genau den Ort, von dem um das Jahr 1200 n. Ch. alles ausging. Historisch sieht er weiß Gott nicht aus. Außer einem guten Überblick in die Struktur der heutzutage typisch mongolischen Ortschaft mit ihren breiten, unbefestigten Wegen und ihren Bretterzäunen um die Jurten, bleibt eigentlich nur die Vorstellung übrig, an einem geschichtlich bedeutsamen Platz zu sein.

Ein weiterer, noch höher liegender Aussichtspunkt steht auf dem Programm. Souvenirhändler belagern ihn, eine steinerne Schildkröte aus Dschingis Khans Zeiten bewacht ihn. Offenbar gilt das Tierchen als heilig, denn als ich mich draufsetze, erhebt sich sofort Geschrei. Ein guter Platz hier oben, um ein Foto von unserer lustigen Wodkagruppe zu machen, meint Susanne. Steil geht die Piste nach unten und auch dort warten Händler auf Kundschaft. Ein Fruchtbarkeitssymbol in Form eines steinernen Phallus aus alter Zeit ist die Attraktion des Ortes und zieht die einheimischen, jungen Frauen magisch an. Mit Hingabe binden sie blaue Tücher drum, dass man fast neidisch werden könnte. Unsere Frauen dagegen beschäftigen sich lieber mit den Händlern bzw. mit deren an langen Tischen ausgebreitetem Krimskrams. Zufrieden mit den billig erhandelten Staubfängern steigen sie dann wieder in den Bus, lassen sich zum Schwarzmarkt von Khar Khorin schaukeln, um noch Nachschub an Wodka für den Abend zu kaufen. Es hätte nur noch gefehlt, dass eine Partie Billard auf einem der vielen Billardtische des Marktes gespielt worden wäre. Unsereiner hätte sich schon gefreut, wenigstens ein Päckchen Tempo-Taschentücher auf dem Schwarzmarkt erstehen zu können.

Leider, leider sind die drei Wochen in der Mongolei fast schon vorbei und wir starten geradewegs in Richtung Ulan Baator. Bis zum späten Mittagessen bleibt uns die Teerstraße treu. Ein köstliches Mahl und eine Augenweide wird uns heute auf zwei großen Tabletts serviert. Ein Foto ist es unaufgefordert allen wert. Die Teerstraße wird jetzt so löchrig, dass der gesamte Verkehr sich auf die parallel verlaufende, neu entstandene Piste verlagert. Irgendwo bei einer Rast fängt die Gruppe urplötzlich an zu spinnen. Bei lauter Rockmusik aus dem Küchenwagen juckt den Damen das Bein und schon ist eine wilde Tanzerei im Gange. Erst gegen Abend wird die Piste verlassen und an einem wunderschönen Plätzchen inmitten von hohem Grün und weich geschwungenen Hügeln Halt für heute gemacht. Schnell stehen die Zelte, denn jeder will vor dem Dunkelwerden noch ein bißchen an diesem idyllischen Ort herumwandern. Sogar ein Lagerfeuer wird vorbereitet und ich erhalte den Gruppenauftrag, nach dem Abendessen einige warme Lobesworte samt Geschenken bei den Fahrern als unser Dankeschön für ihre Leistung - insbesondere in der Wüste Gobi - anzubringen. Dies obgleich ich mir die Namen der Fahrer (bis heute) nicht merken konnte, was schon etwas peinlich ist. Für die Lobeshymne auf Solo erscheint mir Horst als gestandener Lehrer der richtige Mann, weshalb ich mich auch weigere, diesen Part zusätzlich zu übernehmen. Die Wahl konnte nicht besser sein. Der Abend klingt mit Wodka, Weib und Gesang von Solo mit Gitarre, den Fahrern sowie der Gruppe lange nach meinem Schlafengehen aus.

Der letzte Tag vor dem Heimflug bricht an. Noch aber sind wir in schönster mongolischer Umgebung. Ein Genuss allein schon der Blick aus dem Zelt. Nach dem Frühstück zieht es mich gleich auf die Spitze des nächsten Hügels. Die weite Rundumsicht über die vielen, grünen Hügel bis zu den fernen blauen Bergen läßt Wehmut in mir aufkommen, jedoch auch Freude, als ich erkenne, dass Helmut bereits vor der Zeit mit dem Zeltabbau beschäftigt ist. Für mich bleibt nichts mehr zu tun, ich muss nur noch den Hügel hinunter steigen, durchs hohe Grün auf die schon wartenden Autos zugehen und neben dem Fahrer Platz nehmen. Schon beginnt die letzte Etappe auf der Piste. Von der Fahrt bis nach Ulaanbator gibt es nicht mehr viel zu berichten. Lediglich, dass sie einige Stunden dauert. In der Ferne taucht Ulaan Bator im breiten Tal auf und ich verordne einen letzten Photostop, um wenigstens ein Bild mit Blick über die Hauptstadt zu haben. Am Parlamentsplatz im Zentrum der Hauptstadt gibt es ein gemütliches Esslokal, das ein ausgezeichnetes Buffet für 5 $ US anbietet. Wir besuchen es - wie schon am ersten Tag - heute am letzten Tag wieder. Auch der Chef des Reiseunternehmens in der Mongolei hat sich eingefunden und freut sich natürlich über das fast durchweg positive Echo der Gruppe.

Eine Übernachtung bleibt uns noch im schon bekannten Jurtenhotel Mongolia nahe Ulaan Baator. Sehr früh geht der Flieger. Wie schon beim Hinflug bittet mich wiederum eine junge Mongolin auf dem Flughafen, einen Teil ihres schweren Gepäcks mit auf die Waage stellen zu dürfen. Eine letzte Umarmung durch Solo mit unserem Versprechen, weiterhin in Kontakt zu bleiben. Dann hebt der Flieger aus Ulan Bator nach Deutschland ab. Und in Deutschland finde ich nun das Wetter, das ich eigentlich in der Wüste Gobi erwartet hätte, nämlich heiß und trocken. Aber was soll's, die Reise in die Mongolei war ein voller Erfolg und vielleicht komme ich schon das nächste Jahr wieder, denn Solo plant eine Pilotreise ins Altai-Gebirge ganz im Westen der Mongolei. Und das hohe Altaigebirge könnte mich in gleicher Weise wie die Wüste Gobi durchaus interessieren.


~  Ende meiner Reise durch die Wüste Gobi in der Mongolei  ~


Eingangsseite zur Reise in die Mongolei und Wüste Gobi

( http://www.bp-reiseberichte.de )