Eingangsseite zur Reise nach Ostpreussen

Meine Reise nach Ostpreußen im August 1997




Vorwort

Dies ist mein persönlicher Reisebericht (mit ca. 30 DIN A-4 Seiten), rein subjektiv und ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit, Richtigkeit, Objektivität, oder Gerechtigkeit in der Sache. Gleichfalls sind mir die Ausdrucksweise und der Stil meiner Aufzeichnung völlig schnuppe; wie es mir aus der Feder (oder besser aus dem Computer) fließt, so steht es eben geschrieben. Mir geht es einzig und allein darum, für mich persönlich - wenn auch lediglich aus der Erinnerung - meine Erlebnisse, Eindrücke, Empfindungen und Gedanken während der Reise festzuhalten. Erstens weil's mir Spaß macht und zweitens weil ich hoffe, dass ich mich später mal darüber freue. Wer es also außer mir lesen will, der hat selbst Schuld und ist selbst dafür verantwortlich.
Jede Ähnlichkeit der handelnden Akteure im Bericht mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig und soll keinen verschnupfen.

Burghard




    ...Lötzen, Masuren, Ostpreußen... Diese Namen begleiten mich schon ein Leben lang. Wie oft habe ich Lötzen, meinen Geburtsort, schon schreiben müssen? Und auch oft mit dem Schrägstrich /Ostpr. Während der Schulzeit, dem Militär, dem Studium, bei Bewerbungen, im Berufsleben und bei meinen Reisen in Länder rund um den Globus. Immer wieder Lötzen. Eigentlich nur ein abstrakter Begriff für mich, mehr ein Gefühl und oft auch mit etwas Wehmut dabei. So viele Länder habe ich bereist, aber Lötzen blieb stets unbestimmt. Es lag über Jahrzehnte auch so unerreichbar entfernt, weit im düsteren Ostblock.

     Auf meinen diversen Atlanten hatte ich in der Vergangenheit des öfteren Lötzen gesucht und gefunden. Inmitten von Seen lag es, nördlich der große Mauersee und südlich der noch größere Spirdingsee. Und quer über ein riesiges Gebiet bis rechts außen nach Ostpreußen hin stand "Unter polnischer Verwaltung". Ich habe diesen Schriftzug nie akzeptiert. Für mich war und blieb alles Deutschland. Es konnte einfach nicht sein, daß so ein riesiges Territorium mit Millionen von deutschen Menschen schlicht abgetrennt wird, die dort Heimischen umgebracht oder rausgeschmissen und mit anderen Menschen, die nichts aber auch gar nichts mit diesem Land zu tun haben, besiedelt werden. Dieses Gefühl beherrscht mich auch heute noch, selbst nach dem jetzigen, tatsächlichen Besuch von Ostpreußen… nur der Verstand versucht das Unfaßbare des wirklichen Verlustes zu verarbeiten. Innerlich akzeptieren werde ich es aber wohl nie.

     Vor hatte ich es schon lange, Lötzen einmal zu besuchen, da ich meinen Geburtsort niemals bewußt erlebt habe. Aber irgendwie war ich gefühlsmäßig doch noch nicht dazu bereit. Hatte ich Angst davor, wenn ich all die fremden Menschen, die Polen sehe, die seit vielen Jahren heute dort leben, daß auch für mich Ostpreußen endgültig als verloren erscheint? Oder daß ich die Feststellung machen muß, daß die Polen nicht anders sind als ich, mit denselben Problemen, Ängsten und Freuden? Oder daß ich mit einzelnen Polen menschlichen, vielleicht sogar freundschaftlichen Kontakt bekommen könnte mit der nachfolgenden auch gefühlsmäßigen Einsicht, daß man diesen dann bekannten Menschen Lötzen, die Masuren und Ostpreußen nicht mehr nehmen will, selbst wenn sich wider jedes Erwarten für Deutschland die Möglichkeit einer Rückgabe ergeben sollte?

     Endgültig aber reifte der Entschluß, meinen Geburtsort nunmehr tatsächlich aufzusuchen, auf dem Rückflug von Nepal nach Frankfurt im November 1993. Ich konnte es nicht fassen, auf dem Monitor im Passagierraum erschien nämlich mitten in der Nacht als Flugleitstelle für unser Flugzeug Lötzen (so fürchterlich häßlich auf polnisch: Gizycko) auf der Landkarte. Und wir flogen exakt darüber hinweg. Unglaublich starke Gefühle kamen in mir hoch. Hier unter uns also, nur ca. 10.000 m tiefer war die Stelle, wo mein Leben begann. Und das fast noch auf den Tag genau vor 50 Jahren. Es war schwierig, es mir wirklich, wirklich bewußt zu machen. Auch die Tatsache, daß meine Eltern dort unten viele Jahre gewohnt, gelebt haben mit all ihren Freuden und auch Kummer und dann dem fürchterlichen Leid, alles zurücklassen und fliehen zu müssen. Daß alle meine Geschwister hier geboren worden sind, Peterchen, Heidi, Renate und eben auch ich. Wie mag es jetzt dort unten aussehen? …Schnell rückte aber unser kleines stilisiertes Flugzug auf der Monitorlandkarte weiter, flog über Westpreußen, den so unseligen polnischen Korridor, der Ostpreußen zu einer Insel gemacht hatte, streifte Pommern und dann die noch grausamere Oder-Neisse-Linie. Das sollte also Deutschlands Grenze sein, Hunderte von Kilometern westlich von Lötzen. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben.

     Ab diesem Zeitpunkt achtete ich nunmehr aber verstärkt auch auf Prospekte, die Ostpreußen im Programm hatten und sammelte sie. Dennoch gingen fast 4 weitere Jahre ins Land, bis es wirklich so weit war und die Buchung endgültig anstand. Der kleine Reiseveranstalter " Warias" in Bergkamen hatte die richtige Tour für Gabi und mich: Eine achttägige Busreise mit dem Stützpunkt Lötzen als Ausgangsort für fest geplante Tagestouren in die Masuren sowie nach Königsberg mit der Samlandküste. Und zudem mit der Möglichkeit, sich noch eine weitere Woche in Lötzen privat einzuquartieren, was ich ja unbedingt vorhatte. – Ende Juni war's dann geschehen ... Lötzen, Lötzen.

     Zur Reisevorbereitung - insbesondere für die zweite Woche - ging ich alsbald auf Suche nach Reisebüchern und Kartenmaterial. Straßenkarten stellten kein großes Problem dar. Die darauf enthaltenen polnischen Ortsbezeichnungen für die deutschen Städte und Dörfer stachen mir allerdings tief ins Herz. Nur teilweise standen noch in kleiner Schrift auch deutschen Namen darunter. Aktuelle Bücher über Ostpreußen gibt's dagegen kaum. Das Ausführlichste ist zu allem Überfluß noch in englischer Sprache abgefaßt. Ich kaufte es dennoch. Es enthielt nämlich tatsächlich den ersten Stadtplan von Lötzen, den ich jemals gesehen hatte. Mir kam dabei nämlich die Idee, Tante Marga einzuschalten, die - wie ich wußte - ehemals bei uns auf Besuch in Lötzen gewesen war. Vielleicht kann sie ja anhand des Plans noch die genaue oder zumindest die ungefähre Lage unseres damaligen Hauses bestimmen. Denn unser Haus zu finden, vielleicht sogar in unsere Wohnung kommen zu können, war mit Abstand mein größter Herzenswunsch. Würde er erfüllt werden können? Stand das Haus aber überhaupt noch? Bei nur 30 %-iger Kriegszerstörung - wie im englischen Buch geschrieben steht - müßte wohl doch einiges dafür sprechen. Ich hoffte es jedenfalls innig.

     Der Brief an Tante Marga wurde alsbald aufgesetzt und eine Kopie des Stadtplans mit den leider nur polnischen Straßennamen beigelegt. Aufgrund meiner zwischenzeitlichen intensiven Nachforschungen in allen alten Alben hatte ich sogar unsere ehemalige Straße mit Hausnummer entdeckt, nämlich "Danziger Str. 39". Es stand schlicht auf meiner Geburtsanzeige, die ich zwar desöfteren schon gelesen hatte, mir insoweit allerdings nie bewußt geworden war. Wahrscheinlich weil diese Angabe für mich noch nie von Bedeutung gewesen ist. Nun wurde sie für meine Suche aber tatsächlich mehr als wichtig, ich war mir jetzt sogar sicher, daß ich erfolgreich sein müßte. Die Antwort von Tante Marga kam auch prompt; ihr Brief ist auf der vorletzten Seite des Albums abgeheftet. Auf dem Stadtplan rot eingezeichnet sollte nach ihrer Erinnerung der mutmaßlich richtige Weg zum Haus sein. Als ich dann allerdings bei meinem nochmaligen intensiven Studium der Karte direkt neben der roten Linie eine Straße mit dem Namen "ul. Gdanska" fand, wurde mir endgültig klar: Nur diese Straße dürfte die Richtige sein ! Mit meinem neuen Wissen und den alten Photos bewaffnet, insbesondere dem von Tante Marga mitgeschickten winzigen Bildchen von unserem ehemaligen Haus, konnte ich nunmehr doch ziemlich beruhigt auf die Reise in meine tiefste Vergangenheit gehen. ---

     Der Wecker klingelt früh, um ca. drei Uhr. Die Augenlider hängen mehr als tief. Unser scharwenzelndes Lenchen (unsere geliebte Hündin) fehlt; wir haben es gestern Abend bei Susanne, Gabi's Kosmetikerin, unterbringen müssen. Nochmals alles in der Wohnung überprüfen, Rucksäcke auf die Schulter und ab geht' s mit dem Taxi zum Busbahnhof beim Düsseldorfer Flughafen. Eine ganze Gruppe älterer, grauhaariger Herrschaften wartet bereits, aber an einem anderen Bussteig. Unser Bus hält aber dort. Wir steigen alle ein; Gabi's und mein fester Platz liegen vorletzte Reihe rechts für die gesamte Tour. Oh je, unsere feste Vorstellung vom Platzangebot bei Busreisen können wir als erstes revidieren: Wir kommen uns vor wie in einem Flugzeug "Touristenklasse". Und das für ca. 1000 km an einem Stück, heute bis Thorn. Na, das kann ja heiter werden! Es geht auch gleich (ca. 4 Uhr) los, da offenbar alle Düsseldorfer komplett sind. Munter sind die Herrschaften vor uns wirklich und - ich finde es toll - man hört, hier sind wirklich echte Ostpreußen versammelt. Der gemütliche, unverkennbare ostpreußische Dialekt, der für mich schon immer faszinierend war, stimmt mich um so freudiger und erwartungsvoller auf mein Land der Masuren. Erster Stopp dann in Essen, Bahnhof, zweiter Stop in Dortmund, Bahnhof und immer steigen weitere grauhaarige, aber äußerst fidele Leutchen ein, die unverkennbar auch Ostpreußen sind. So viele Ostpreußen auf einem Fleck habe ich noch nie erlebt. Herrlich ! Und immer wieder der Dialekt, bei manchen etwas stärker, bei manchen etwas schwächer, aber stets eindeutig. Weiter geht die Fahrt. Irritiert schaue ich allerdings auf das jetzt bergiger werdende Land um uns, in das wir hineinfahren. Bergkamen hätte eigentlich doch längst erreicht sein müssen. Auf den Autobahnschildern tauchen Namen wie Hagen und Lüdenscheid auf. Es kann doch nicht wahr sein, im tiefen Sauerland werden tatsächlich weitere Leute aufgelesen und dann die ganze Strecke wieder zurück. Eine volle Stunde Umweg und noch keinen Schritt näher an unserem Ziel Thorn. 1000 km erwarten uns.

     Endlich in Bergkamen bei Warias. Alle gehen auf den Topf. Die erste Polin wird uns vorgestellt. Sie ist jung und hübsch und kommt … aus Ostpreußen. Gleichzeitig wollen wir durch die Tür. Ich will sie vorlassen, sie will mich vorlassen. Es geht zweimal hin und her, wir müssen lachen. Sie geht vor. Bis Hannover, das endlich ab 7.30 Uhr angesteuert wird, macht sie erstmalig eine Reiseleitung. Stau im Teutoburger Wald, dann Frühstück, später Wechsel des Fahrers und der Reisebegleitung bei Hannover. Die neue Leiterin ist wieder Polin, 57, schick, adrett, bestimmt und gutaussehend. Die Autobahn nach Berlin wird dreispurig ausgebaut, deshalb im dauernden Wechsel mal links rüber, mal rechts rüber. Weit hinter Berlin dann eine kurze, späte Mittagspause. Wir nähern uns nun der Oder bei Frankfurt. Mir wird flau in dem Gedanken an diese fatale Trennung deutscher Gebiete und der hier stattgefundenen millionenfachen Tragödien. Die Oder kommt in Sicht, nicht sehr breit aber schicksalsschwer. Von der Jahrhundert-Überschwemmung ist nichts mehr zu sehen. Wir sind schon auf der anderen Seite und halten. Dies soll also Polen sein; sogar mit offizieller Anerkennung durch Deutschland. Ich schiebe den Gedanken schnell zur Seite. Die Grenzkontrolle ist absolut problemlos. Wir wollen Geld tauschen. Bis ich aber von hinten her aussteigen kann, haben die anderen vor dem Wechselhäuschen schon eine Schlange gebildet. Mehrere jugendliche Polen stehen herum. Sie sehen gut aus, eigentlich gar nicht ausländisch, sprich polnisch. Es hätten ohne weiteres auch Deutsche sein können. Die vielen Zischlaute, s, schs, tz., ys weisen aber eindeutig auf ihre Zugehörigkeit hin. Die Zloty-Scheine sind neu und nur zweistellig. Drei Nullen dahinter wurden erst vor kurzer Zeit gestrichen.

     Wir fahren weiter. Auf der Straßengegenseite stehen über viele Kilometer Laster, da in Deutschland Sonntagsfahrverbot für sie herrscht. Links und rechts zunächst tiefe Wälder, dann öffnet sich das leicht hügelige Land weit mit Blick auf die bereits abgemähten aber noch goldfarbenen Felder und auf verstreut liegende kleine Waldflächen. Ab und zu tauchen auch völlig heruntergekommene Gehöfte oder kleine Ortschaften, jede aber mit einer Kirche versehen, auf. Dann wieder Wälder; eine liebliche Landschaft - wären nur nicht die verfallenden Häuser. Was wollen die Polen mit diesem Gebiet überhaupt, denke ich. Mitten im Wald stehen vereinzelt ausgesprochen hübsche, zum Teil noch blutjunge Mädchen in knalligen, aufreizenden Miniröckchen. Es sollen Rumäninnen, Bulgarinnen, Ukrainerinnen oder auch Russinnen sein, die sich hier verkaufen.

     Die Fahrt hört nicht auf. Stunde um Stunde vergeht. Mir will nicht aus dem Kopf, daß dies alles mal deutsches Gebiet war. Ich kann kaum noch sitzen. Posen muß wegen einer Umleitung zu allem Überfluß noch weiträumig umfahren werden. Gnesen, wo der Papst dieses Jahr über eine Million Polen versammeln konnte, wird durchquert. Völlig eben ist das Land geworden, es ist das Land der Weichsel. Endlich, endlich gegen 10 Uhr abends ist Thorn erreicht. Die Weichselbrücke mitten in der Stadt bietet zu dieser späten Stunde einen wunderschönen Blick auf die angestrahlte Altstadt. Direkt nebenan liegt unser recht ordentliches Hotel. Abendessen, ein herrliches Bier und ab in die Falle.

     Ein strahlender Morgen. Unser Fenster geht genau Richtung Altstadt. Die wuchtigen Kirchen und Gebäude, nur aus roten Ziegelsteinen erbaut, sowie die vielen Türme und Türmchen formen ein beeindruckendes Gesamtbild. Wir nehmen uns zwei Stunden Zeit, das alte Thorn zu durchstreifen. Es war die Geburtsstadt von Nikolaus Kopernikus (1473-1543), dem Astronomen, der auch Medizin und Jura studiert hat. Thorn, insbesondere wegen seiner Pfefferkuchen (Kathrinchen) bekannt, ist kaum zerstört gewesen. Eine Stunde noch und Ostpreußen soll erreicht sein. Alle fiebern dem Augenblick entgegen. Zunächst geht's allerdings an den riesigen, häßlichen Plattenbauten von Thorn vorbei nach Strasburg, das in der Zeit des polnischen Korridors als Umschlagplatz der Bahn zwischen Reich und Ostpreußen eine bedeutende Rolle gespielt hat. Die Landschaft wird hügeliger und die ersten Alleen werden durchfahren. "Ostpreußen ist jetzt nicht mehr weit." verkündet Irene, unsere Reiseleiterin. "Gleich ist es so weit." Mir wird eigenartig zumute. Auch die anderen halten den Atem an. " Achtung… gleich… gleich… jetzt !, jetzt ! Meine Damen und Herren Sie sind jetzt in Ihrem Ostpreußen." Ich kann es nicht fassen, ich bin tatsächlich hier, hier ist Ostpreußen. Nach über 50 Jahren bin ich endlich hier, … wieder hier verbessere ich mich selbst und muß es mir richtig, richtig bewußt machen. Ich finde es einfach unglaublich und kann es auch noch nicht so recht fassen. "Wollen Sie jetzt nicht das Ostpreußenlied anstimmen, Ihre Landeshymne?" fragt Irene und unterbricht mein Gedanken- und Gefühlsdurcheinander. Alle rufen "Ja, ja". "Das mein ich aber auch." erwidert sie. Kräftig und gefühlsbetont schallt es dann durch den Bus "Land der dunklen Wälder …". Es beeindruckt tief, mit welcher Inbrunst diese älteren Herrschaften singen. Draußen ziehen Hügel, Wälder und Felder vorbei. Die Felder sind meist schon abgeerntet. Das goldgelbe Getreideheu ist zu großen Rollen geformt und weitläufig auf den Feldern verteilt. Es wirkt wunderschön. Ab und zu tauchen einzelne Höfe und kleinere Ortschaften auf. Dann der erste See, mehr ein Teich. Idyllisch. Am blauen Himmel wandern einzelne, weiße Wolken. Die Sonne scheint. Ja, so stimmungsvoll habe ich mir Ostpreußen immer vorgestellt. Es ist einfach etwas Besonderes!

     Osterode, das erste Städtchen taucht auf, an einem See gelegen. Leider auch hier zuerst die häßlichen und vielen, großen Plattenbauten. Es bedrückt mich, daß bereits so viele Polen angesiedelt worden sind, die doch eigentlich nicht hierher gehören. Es geht weiter, an Seen mit vielen Segelbooten, Feldern und Wäldern vorbei bis Allenstein vor uns liegt. Wieder riesige Plattenbauten mit 10 bis 15 Etagen und winzigen Balkonen, die offenbar nur zum Wäschetrocknen taugen. Wir fahren bis in den alten Kern der Stadt. Herrlich im Park auf einer Anhöhe gelegen, die rote Backsteinburg mit der zugehörigen Kirche. Im Innenhof der Burg wird noch renoviert. Dennoch ist es ein lauschiges Plätzchen zur Entspannung und Besinnung. Über eine alte Zugbrücke geht die Gruppe zum Markplatz und in nette, alte Gäßchen hinein. Viele der kleinen Häuser sind bereits renoviert, an anderen wird noch gearbeitet. Es ist hübsch hier im alten Allenstein. Ich nehme mir vor, in der zweiten Woche nochmals herzukommen; die Zeit hier war einfach zu kurz. Auf dem Rückweg zum Bus treffen Gabi und ich wieder die alte Frau, die kleine Flöten und einfachen Bernsteintand verkaufen will. Es ist eine echte, deutsche Ostpreußin. Sie ist traurig, daß niemand von uns Deutschen etwas haben wollte. Wir kaufen für ein paar Zloty, sie tut uns leid. Das Mittagessen wird in einem riesigen Gastraum in der Nähe einer gewaltigen, schön wieder hergestellten Kirche eingenommen.

     Dann geht die Fahrt weiter und immer näher an Lötzen heran. Bis an den Horizont reicht das hügelige Land. Immer wieder goldgelbe Stoppelfelder, nackte Felder oder noch mit Bohnengestrüpp bedeckte Flächen, einige Wiesen, kleine Seen zwischen alledem, vereinzelt stehende Bäume oder auch Baumgruppen und Waldstücke sowie hier und dort die für Ostpreußen so typischen langen Reihen der Alleebäume. Ich staune, die Straßen sind eigentlich schon auf der gesamten Strecke stets in bestem Zustand. Zuerst Wartenburg, jetzt Bischhofsburg; hier wurde der ostpr. Gauleiter Koch bis zu seinem Tode Mitte der achtziger Jahre gefangen gehalten. Nun das schöne, an waldumsäumten Seen gelegene Städtchen Sensburg. Kleine - auch etliche neue - Häuschen, alte Villen und prächtige Bauten aus deutscher Zeit zeigen sich. "Gizycko" lese ich jetzt zum ersten Mal auf einem Straßenschild und höre von Irene "Gischitzko" mit stimmhaften "sch".

     Über schmale, herrliche Alleestraßen, unmittelbar an gestreckten Seen entlang, sind's nur noch 30 km bis zu meinem Lötzen. Innerlich ungemein angespannt sauge ich die Landschaft auf den letzten Kilometern regelrecht in mich auf. Noch zwei kleinere Ortschaften werden durchfahren, der Löwentinsee zeigt sich mir erstmalig bewußt und dann tatsächlich: Ich sehe das Ortsschild "Gizycko"… Jetzt habe ich es also geschafft! Ich bin wirklich, wirklich hier, geht es mir durch den Kopf. Hier bin ich also geboren. Hier ist mein Ursprung. Hier hat Vati und Mutti gelebt. Hier ist auch Renate und Heidi geboren. Irgendwie kann ich es immer noch nicht ganz realisieren. - Noch ein Waldstück, dann müssen auch die ersten Häuser von Lötzen auftauchen. Jedoch biegt der Bus plötzlich von der Hauptstraße ab, kommt an einem winzigen See vorbei, nochmals links und unser Hotel liegt vor uns mit schmalem Ausblick auf einen kleinen, wunderschönen See, ansonsten aber mitten im Wald.

     Das Zimmer mit Bad ist sauber und ordentlich. Nach kurzer Dusche gehen Gabi und ich gleich die wenigen Schritte zum See hinunter. Das sich uns bietende Bild ist wunderschön: Blauer Himmel, waldumsäumtes blaues Wasser, weiße Segelboote darauf und eine warme späte Sonne über allem. In mir ist dennoch alles widersprüchlich: Einerseits die unbändige Freude, endlich, endlich und nach dieser langen Anreise in Lötzen zu sein und das herrliche Panorama genießen zu können, andererseits eine tiefe Trauer und auch Wut, daß dieses so friedliche und geruhsame Land nicht mehr deutsch sein soll. - Bald heißt's aber, essen gehen. Am Hoteleingang fährt gerade ein Taxi vor; zwei unserer Leutchen wollen sofort ins Städtchen. " Nach dem Essen fahren wir auch?! " meint Gabi. So recht möchte ich es - trotz meiner immensen, inneren Erregung und Spannung, ob wir unser Haus finden werden - dennoch nicht. Ich hatte mir eigentlich immer wieder ausgemalt, die Suche ganz bewußt zu einem tiefen Erlebnis werden zu lassen. Dafür wollte ich in wirklicher Ruhe, ohne Eile, mit Muße und besonders wachem Bewußtsein losgehen. Von der heutigen Fahrt bin ich aber abgespannt und morgen hieß es, für die Reise nach Königsberg bereits um 3 Uhr früh aufzustehen. Würde ich so die Gefühle bei unserer Suche und dem Finden meines Geburtshauses auch wirklich intensiv auskosten können? Wir machen's, das Wissenwollen siegt!

     Das telefonisch gerufene Taxi ist schnell da und zurück geht's durch den Wald bis zur Hauptstraße und dann links. Erst tauchen Schilder zu Hotels auf, dann tatsächlich die ersten Häuser von Lötzen, von meinem Lötzen. Rechts große Blocks, links kleinere Häuschen. Der Blick weitet sich und wir sind mehr als erstaunt: So groß hätten wir uns Lötzen nun wirklich nicht vorgestellt. Rechter Hand fast ein Häusermeer. Wir fahren hinein, viele große Gebäude, teilweise noch aus wilhelminischer Zeit, dann ein großer, teilweise begrünter Platz. Wir biegen in eine Alleestraße ein; es ist ganz offenbar die Hauptstraße von Lötzen. Dort die alte Kirche; das kann eigentlich nur meine Taufkirche sein, geht es mir durch den Kopf. Ein eigenartiges Gefühl beherrscht mich, wie wir so durch die noch belebte, abendliche Straße fahren. Wir biegen erneut ab, durchfahren eine eng bebaute Straße mit schönen alten Häusern und vorne, das muß der Bahnhof sein: alt, völlig heruntergekommen aber irgendwie typisch. Er ist es wirklich und wir halten direkt davor. Welche Bedeutung muß dieser Bahnhof schon für unsere Familie, für Vati und Mutti gehabt haben! Jede Reise mußte doch von hier aus unternommen worden sein und gerade auch die Flucht. Und ich war mit absoluter Sicherheit auch schon hier!

     Strahlenförmig gehen die Straßen vom Bahnhofsvorplatz ab. Dort drüben, halbrechts, muß die Danziger Straße sein. Meine Gefühle schlagen Wogen. Wir gehen hin; das Schild ist eindeutig: "ul. Gdanska". Gabi und ich schauen uns an. Auch Gabi ist jetzt aufgeregt. Wir gehen los. Rechter Hand, etwas abseits stehen ein paar Häuser, links unmittelbar keine. Wir gehen weiter. Jetzt weder links noch rechts Häuser. Links beginnt ein Wäldchen und rechts auch nur Bäume und hohes Gestrüpp. Es kann doch nicht wahr sein, daß hier keine Häuser sind. Ich bin enttäuscht. Dann muß Tante Marga also doch recht gehabt haben, überlegen wir. Wir gehen zurück und nehmen die andere Straße. Sie ist voll bebaut. Nr. 39 denke ich aufgeregt. Die Straße zieht sich. Nach rechts zweigt jetzt eine Straße ab. Das Wäldchen taucht wieder auf und gegenüber … Häuser. Also doch! Wir biegen in das neue Sträßchen ab, die "ul. Gdanska" wird wieder erreicht. Alte, größere Häuser stehen hier. Links jetzt Nr. 21. Eine Straße wird überquert, dann Nr. 27, 29, wir werden immer aufgeregter, dort vorn …die Gebäude entsprechen eindeutig meinem Bildchen; das letzte muß es sein !! Es ist es, es steht! Es ist für mich fast unwirklich, jetzt tatsächlich die Stelle zu sehen, die seit Jahrzehnten schon in meinen Gedanken war. Nr.37 steht mitten auf dem Haus; aber es gibt zwei Eingänge, jeweils an den Giebelseiten. Der hintere Eingang, unsere Wohnungsseite muß früher also 39 gewesen sein. Fast ehrfürchtig stehen wir noch etwas entfernt vom Haus. Im winzigen Vorgärtchen ist ein älterer Mann beschäftigt. Wir gehen auf die gegenüberliegende Straßenseite und schauen beide tief bewegt auf dieses alte, eigentlich nichtssagende Haus, das für mich eine so große Bedeutung aus der Vergangenheit hat. - Ich will zurück zum Bahnhof. Mir genügt für heute zu wissen, wir haben das Haus gefunden haben und es steht noch. Alles weitere will ich nun in Ruhe genießen. Wir wandern beglückt jetzt die gesamte Danziger Straße bis zum Bahnhof ab. Zur inneren Beruhigung und zur Feier dieses besonderen Tages wollen wir noch ein schönes, großes, frisch gezapftes Bier genießen. Auf der Terrasse eines kleinen Lokals mit Blick auf den Bahnhof wird es gezischt.

     Der Bus fährt im frühesten Morgengrauen ab. Es ist eine wunderbare Stimmung draußen. Über den kleinen Seen in den Senken liegen wattige Nebelschwaden, die dahinziehenden Felder und Wäldchen stecken noch teilweise im Morgendunst und die ab und zu vorbeihuschenden Häuschen und Gehöfte sehen so friedlich und verschlafen aus. Bald ist auch der rote Sonnenball knapp über den Horizont gestiegen und taucht jetzt die herrliche weite Landschaft in warmes, freundliches Licht. Es ist Ostpreußen wie aus dem Bilderbuch. Zwei Stunden schnelle Fahrt durch das hügelige Land und die Grenze zum russischen Teil ist erreicht. Unser Bus ist - wie erhofft - der Erste. Dennoch dauert die Abfertigung mit Gesichtskontrolle durch die Russen fast eine Stunde. Wofür, weiß ich wirklich nicht. Entsetzlich der hoch aufragende, stelzige und mit bewaffnetem Posten besetzte Wachturm. Jetzt der planierte, völlig nackte, mit beidseitigem Stacheldraht eingefaßte, ca. 8 m breite Grenzstreifen. Und diese Schande - wie mit dem Lineal gezogen - quer durch ganz Ostpreußen! Unwillkürlich drängt sich mir der Vergleich zur "Gott sei Dank" untergegangenen DDR auf. Die Atmosphäre und das bedrückende Gefühl ist ebenfalls da. Alles wirkt trostlos: Die Häuser und kleinen Orte total verkommen, hier und dort im Gelände die Gerippe von irgendwelchen kaputten Maschinen, häßliche, aufgegebene Fabrikgebäude stehen herum und natürlich gibt's Militäranlagen. Aus ehemaligem Kulturland ist jetzt Brache, Weideland oder Steppe geworden. Es tut weh, nach draußen zu blicken.

     In der Ferne taucht Königsberg auf, die einstige Perle von Ostpreußen. Wir fahren an der Peripherie vorbei. Es sind nur Plattenbauten und verrußte Schornsteine von hier aus zu sehen. Das Flüßchen Pregel wird überquert. Nebenan ragen noch die Reste der offenbar im Krieg zerstörten Brücke weit aus dem Wasser. Deprimierend! Unsere neu zugestiegene, wohlgenährte russische Reiseleiterin nervt. Ihr Mund steht seit der Grenze nicht still. Ohne Pause, Punkt und Komma und ohne Möglichkeit einer Flucht erfahren wir, wie sie Kuchen bäckt, Gurken einmacht, von ihren Kindern aber auch von den Problemen der heutigen Zeit durch die politischen Umwälzungen und von der Unverschämtheit, daß Jelzins Sohn, statt zum Militär zu sollen wie die anderen auch, sich ein schönes Leben in England machen darf. Auf sämtliche russische Politiker ist sie nicht gut zu sprechen - halt wie überall. Sie kommt aus Wladiwostok, dem anderen Ende des russischen Reiches. Was wollen solche Leute nur in Ostpreußen?

     Das jetzt erreichte Samland erscheint mir irgendwie freundlicher, lichter und grüner. In der Ferne wird die blaue Ostsee sichtbar. Der ehemals mondäne Badeort Rauschen liegt vor uns. Überall stehen Bäume mit Häusern dazwischen. Teilweise typische Sanatoriengebäude aber auch alte, große und etwas heruntergekommene Villen aus deutscher Zeit. Dennoch ein bißchen Atmosphäre wie in südlichen Urlaubsorten, die inmitten von Pinienbäumen liegen. Vor einem Hotel machen wir halt. Alles rennt zum Klo; jedes Blatt Klopapier wird hier einzeln in DM verkauft. Bei herrlichem Sonnenschein wandern wir die Hauptstraße entlang, an kleinen Ständen vorbei, die allerlei Krims-Krams, wie Püppchen, Stricksachen, Souvenirs und Bernsteinschmuck anbieten. Erstmalig sehe ich auch Bilder aus aufgeklebten Bernsteinstückchen. Durch wunderschönen Baumbestand führt eine gewundene Straße die Steilküste hinab und die offene, völlig ruhige Ostsee liegt erstmals vor uns.

     Gabi und ich trennen uns sogleich von unserer großen Gruppe, um allein und in Ruhe den Strand und die steile, oben schön bewaldete Samlandküste zu genießen. Aber leider auch hier Unrat, Plastik, Dosen, Tampons, von der Steilwand gefallene große Steine im Sand und zwischen alledem Russen. Wie ist sowas nur möglich! Wir überspringen ein Abwasserrinnsal und wandern weiter den Strand entlang. Dicke Betonmauern, teilweise gesprengt, müssen über- oder unterklettert werden. Es ist kein Genuß; es ist bitter traurig. Vereinzelt oder auch in kleinen Grüppchen liegen die Russen im Sand und schauen uns nach. Sie erscheinen mir mürrisch, unzufrieden und deplaziert. Wie schön könnte es hier doch sein. Ich kann mir vorstellen, wie es früher gewesen sein muß. Wir gehen zurück; ich habe die Schuhe angelassen. Auch was sich hier Promenade nennt – total verschandelt. Ein wuchtiger, grauer, hoher Betonklotz ragt mitten aus der Promenade und verbindet in luftiger Höhe die obere Steilküste mit dem Strand. Es soll offenbar kein Schlag ins Auge sein, sondern ein Lift. Wir benutzen ihn und zahlen je eine DM. Der Blick von oben ist allerdings wunderschön. Die herrlich bewaldete, sich weit bis zum Horizont dahinziehende, jetzt zur See hin weiße Steilküste, der weiße Strand, das blaue Wasser und darüber der strahlend blaue Himmel. Die Russen unten nur noch kleine, sich verlierende Tupfer im Sand.

     Picknick und die Fahrt geht nach Cranz. Verfallende Höfe, Kühe auf den Wiesen und in der Ferne am Waldrand kreuz und quer gebaute neue Häuschen, wie hingewürfelt. Der ehemals so berühmte Badeort, das Saint Tropez von Ostpreußen, bietet absolut nichts mehr; wir fahren gleich weiter zur Kurischen Nehrung und halten irgendwo im Wald. Ein kleiner Pfad führt zum Strand. Wieder einige Russen die dort liegen und Müll. Die bis zum Horizont geschwungene Nehrung mit weißem Sand wird gut sichtbar. Alle haben aber offenbar kein Bedürfnis, hier lange zu verweilen. Der Versuch, weiter auf die Nehrung zu kommen, scheitert. Wir werden von einer Kontrollstelle abgewiesen und müssen - ohne wenden zu dürfen - die mit parkenden PKW's vollgestellte Straße mit dem Bus rückwärtsfahren. Das Wendemanöver unseres Fahrers ist Spitzenklasse.

     Die ersten Häuser von Königsberg sind erreicht. Es sind Blocks aus deutscher Zeit; der Putz bröckelt und viele Fenster sind nur notdürftig repariert. Schlimm auch die Straßen. Im Sturmschritt macht unser Bus die Stadtrundfahrt. Man kann keine Einzelheiten aufnehmen. Wie ein Maschinengewehr und ohne sich auch nur einmal zu verhaspeln (eigentlich faszinierend) erläutert unsere russische Reiseleiterin was links und rechts der Straße an Gebäuden vorbeizieht. Unsere Köpfe fliegen hin und her wie beim Kopfschütteln. Der hiernach allein verbleibende Gesamteindruck der Stadt ist fatal; ebenso auch der genau im Zentrum erbaute gewaltige, graue und noch nie genutzte Betonkoloß. Eines der wenigen alten Gebäude, die jetzt restauriert werden, ist der Dom. Das ehemalige Schloß ist verschwunden. Man sagt, daß Breschnjew einst durch die Stadt gefahren sei und jeweils bedeutet hat, was an deutscher, noch verbliebener Bausubstanz zu beseitigen sei. Das deutsche Element sollte offenbar total vernichtet werden. Den einzigen verbliebenen deutschen Schriftzug las ich noch auf einem Straßengully in Rauschen; die Herstellerfirma mit Firmensitz: "Königsberg". Es tut weh! Es kommt mir wie eine Flucht vor, als wir Königsberg verlassen.

     Wie angenehm ist es dagegen im "polnischen" Teil. Er scheint mir jetzt bunt, ungezwungen, luftig und auch nicht marode. Es ist total anders. Ich habe einen ähnlichen Eindruck wie ehemals beim Grenzüberschreiten aus der DDR zurück in den Westen. Lötzen wird wieder erreicht; ich fühle mich hier fast schon wohl, sogar ein bißchen heimisch. Ich geh zum Hotelsee runter und setz mich auf den Steg. Die Abendsonne ist warm; zwei hübsche, junge polnische Mädchen, modisch schick gekleidet - dies erscheint mir nach der Reise fast typisch für einen Großteil der Polen - schlendern herum und grüßen mich freundlich. Nach dem Abendessen geht's eine Etage höher in die Bar. Ein ebenfalls recht attraktives Mädchen zapft das frische Bier; es schmeckt. Auch unser Busfahrer genießt es. Nach meinem ehrlichen Lob für seine an der Nehrung bewiesene Fahrkunst heißt er Helmut. Wir freunden uns etwas an. Auch die beiden Mädchen vom See erscheinen in neuer Robe; gleichfalls die meisten Reisemitglieder, die offenbar alle den schlimmen russischen Tag runterspühlen müssen.

     Gabi und ich freuen uns, daß wir heute, den Mittwoch endlich zur freien Verfügung haben. Nach dem ordentlichen Frühstück geht's denn gleich mit dem Taxi zum Bahnhof. Das alte Gebäude erweckt erneut besondere Gefühle in mir. Durch die Schwingtüre gelangen wir in einen Vorraum. Nach rechts - wohl zur früheren Gaststätte - alles häßlich verrammelt, nach links offen in die alte, ziemlich verwahrloste Wartehalle. Mannshoch ist der Raum in lila verkachelt und mit drei alten Holzbänken gegenüber der Schalterwand versehen. Ich setz mich und laß den Raum auf mich wirken. Er erscheint mir nicht fremd.

     In Gedanken versetze ich mich zurück und versuche nachzuvollziehen, was sich hier für unsere Familie alles abgespielt haben muß. Abschiede, Wiedersehensfreuden, ankommende Besuche - auch Tante Marga und Onkel Karl - und dann vor allem der endgültige Abschied von Lötzen: Meine Mutter mit drei kleinen Kindern und Gepäck. Was mag meine Mutter gefühlt haben und was muß ihr alles durch den Kopf gegangen sein. Und ich war hier dabei. Und irgendwann muß der Zug gekommen sein. Welches Leid mag diese Halle Ende 44 und 45 gesehen haben. Und über 50 Jahre später sitze ich nun erneut hier in diesem mit Sicherheit völlig unveränderten Raum. - Nachdenklich und bewegt gehen Gabi und ich wieder in die warme Sonne hinaus, wandern über den Vorplatz zur Danziger Straße rüber, so wie es meine Eltern oft gemacht haben müssen. Ich genieße es - wenn auch mit wehmütigem Gefühl - nun diese Straße mit Muße und langsam entlangzuwandern: Das schöne lichte und sonnendurchsetzte Wäldchen linker Hand, dann die ersten alten Wohngebäude, die von Tante Marga erinnerte Querstraße, die nächsten alten Häuser und vorne jetzt unser Haus.

     Im Vorgärtchen werkelt diesmal eine grauhaarige Frau. Etwas entfernt bleiben wir daher stehen, um nicht als zu neugierig zu erscheinen. Ich hole wieder mein Bildchen heraus und vergleiche immer wieder. Es ist aber eindeutig, es kann keinen Zweifel geben. Auch wird mir jetzt klar, welche Bedeutung der dunkle Fleck auf halber Haushöhe hat; es ist eine Halterung zum Einstecken einer kleinen Fahne. Wir nähern uns doch weiter. Ich bin mir sicher, daß die ältere Dame uns bereits bemerkt hat aber so tut, als ob sie uns nicht sehe. Ich kann mir vorstellen, daß sie wohl weiß, wer wir sein dürften, die wir das Haus so genau betrachten. Denn es können eigentlich nur deutsche Flüchtlinge sein. Der rechten unteren Hausecke gehört mein besonderes Interesse. Dort war unsere Wohnung. Auf dem alten Bildchen schauen nämlich meine Eltern aus dem geöffneten Fenster. Und unter diesem Fenster müssen auch die Bildchen entstanden sein, die ich so oft, von klein auf betrachtet habe. Es waren für mich seit je die schönsten Bilder von unserer Familie in Lötzen, insbesondere dasjenige mit Vati und Mutti und uns drei kleinen Kindern inmitten der Blumen. Genau diese Stelle hat es mir besonders angetan und sie wollte ich auch ganz exakt kennenlernen. Die Ziegelsteinanordnung im Hintergrund sollte hier mein Wegweiser sein.

     Gabi und ich gehen auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Stück am Haus vorbei, um Sicht hinter das Haus zu bekommen. Ja tatsächlich, dort hinten ist auch das hochgieblige Haus mit dem winzigen dreieckigen Dachfenster, das mir aufgrund der Bildchen ebenfalls wegen seiner Ausgefallenheit seit klein auf im Gedächtnis war. Dort sind also die netten Bilder von der kleinen Renate im freien Feld entstanden. Es ist für mich phantastisch, dies nun endlich alles in Wirklichkeit zu sehen. Es geht mir nahe. Jetzt möchte ich aber doch direkt ans Haus, unmittelbar ans Vorgärtchen. Die ältere Dame ist jedoch noch da. Um es nicht peinlich werden zu lassen wenn wir ständig das Haus und den Garten beobachten, will ich sie aber ansprechen. Mit einem Bildchen in der Hand geh ich über die Straße und auf das Hausmäuerchen zu. Auf mein "Entschuldigen Sie bitte" kommt sie heran und ich halte ihr mein kleines, altes Familienbildchen aus dem Vorgarten hin. Sie schaut es an und versteht deren Bedeutung sofort. Ich will es nicht glauben, aber sie spricht etwas deutsch und lädt uns sofort ein, mit ihr in die Wohnung zu kommen. Wir nehmen erfreut an, gehen hinter ihr die Außentreppe hoch, im Haus an unserer Wohnungstür vorbei und über eine gerade frisch gestrichene und teilweise noch feuchte Holztreppe bis ins Dachgeschoß hinauf. In ihrem kleinen, nett eingerichteten Wohnzimmer nehmen wir Platz. "Möchten Sie Kaffee, Wasser oder Wein?" fragt sie. Wir bekommen letztlich alles drei, obgleich wir eigentlich nicht wollen, daß sie extra eine Flasche Wein öffnet. Aber sie besteht darauf.

     Auch ihre Tochter ist zufälligerweise auf Besuch und begrüßt uns herzlich. Sie spricht nicht deutsch. Wir erfahren, daß sie aus dem ca. 500 km entfernten Wroclaw kommt; "aus Breslau" fügt die Mutter noch hinzu. Es gibt mir einen Stich ins Herz, denn auch das so weit entfernte Breslau gehörte ja zu Deutschland. Die ca. 70 Jahre alte und etwas korpulente Dame ist eine Oma wie aus dem Bilderbuch. Herzlich, lieb, geruhsam und ungemein sympathisch mit ihrem so freundlichen Lächeln. Ich nenne sie bald Mamuscha, auf polnisch Mama. Diese Bezeichnung paßt einfach zu ihr. Wir erzählen, daß wir jetzt in Düsseldorf wohnen und daß ich endlich einmal meinen Geburtsort kennenlernen wollte. Meine kleinen Bildchen gehen durch die Hände von Mutter und Tochter. Sie verstehen die große Freude bei mir, unser ehemaliges Haus tatsächlich gefunden zu haben. Mamuscha selbst wohnt hier erst seit den frühen 60 -iger Jahren. Sie hat sich gemütlich eingerichtet; zwar nichts Wertvolles aber auch nicht ärmlich. Heute bekommt sie ihr erstes Telefon installiert. Wir bewundern die kleine Muschelsammlung in der Vitrine auf die sie stolz ist. Auch zeigt sie ihre Stickereiarbeiten und Gabi darf sich sogar ein besticktes Set aussuchen. Später frage ich, ob ev. die Möglichkeit bestehe, unsere frühere Wohnung mal zu sehen. Die Tochter geht raus und kommt mit der wunderbaren Botschaft zurück, daß keinerlei Probleme bestehen. Zum Abschied umarmen wir Mamuscha und ich verspreche, nochmals in der zweiten Woche vorbeizukommen.

     Die Tochter führt uns nach unten. Zwei Frauen öffnen und Gabi und ich treten gespannt in unsere alte Familienwohnung ein. Vor uns ein länglicher Flur mit einer Tür hinten und jeweils zwei weiteren Türen an den Seitenwänden. Gleich nach rechts in die offene Wohnküche werden wir gebeten. Es herrscht ein ziemliches Durcheinander. Als erstes werden uns auch hier Getränke angeboten. Es ist schon ein eigenartiges Gefühl für mich, jetzt in der Wohnung zu stehen und zu wissen, daß dies der privateste und intimste Bereich unserer Familie gewesen ist: Eine typische Küche aus früherer Zeit, recht geräumig und noch mit Rohren an den Wänden. Der alte eiserne Heizofen mit großem Rauchabzug hat sicherlich schon ehemals hier gestanden; auch noch der alte Fußboden. Die ältere Frau versucht leider immer wieder, sich auf polnisch verständlich zu machen. Ich verstehe aber nichts und versuche aus Höflichkeit irgendwie zu antworten. Dabei hätte ich mich doch so gerne hier ungestört umsehen.

     Wir gehen ins gegenüber liegende Wohnzimmer. Ich stell mich in die Mitte und seh mich um. Die Einrichtung wirkt etwas kitschig aber nicht ungemütlich. Dort ist also das Fenster, aus dem meine Eltern schauten, als das kleine Bildchen von Tante Marga gemacht wurde. Das Fenster steht auch jetzt offen und der Wind bläht die Gardine. Ich gehe hin und schau raus. Ein gleiches Bildchen an selber Stelle von Gabi und mir zu machen, hatte ich mir fest vorgenommen. Die beiden Frauen möchte ich damit aber doch nicht belästigen. Gabi geht deshalb mit der Kamera nach draußen und ich dirigiere sie in etwa dorthin, wo Tante Marga ehemals gestanden haben muß. Die ältere Dame versucht wieder, ein Gespräch zustande zu bringen. Ich gebe mir jetzt mehr Mühe und tatsächlich mit Händen und Füßen und den wenigen von mir erlernten Brocken des Polnischen wird manches verständlich. Fasziniert erfahre ich, daß auch heute noch im Winter Schnee durchs geschlossene Fenster ins Zimmer weht; genau wie Tante Marga es geschrieben hat. An einer Seitenwand scheint eine Türe ins Nachbarzimmer übertapeziert; es wird mir bestätigt. Zu gerne hätte ich gewußt, welches Zimmer dies hier bei uns gewesen ist und welches das Zimmer nebenan. Schlaf- oder Wohnzimmer oder vielleicht das Arbeitszimmer meines Vaters? Von einem Bildchen ist mir jedenfalls bekannt, daß auch ein Arbeitszimmer vorhanden war. Ich hoffe, zu Hause anhand der Alben die Aufteilung jetzt nachvollziehen zu können oder sie noch durch Tante Marga zu erfahren.

     Wenn dies aber das Schlafzimmer war, dann wäre ich in diesem Zimmer auch geboren, geht es mir durch den Kopf. Irgendwie unvorstellbar. Und unsere Nachbarin Gretel Palloks, die mit ihrem Mann und vier kleinen Kindern im letzten Häuschen schräg gegenüber wohnte, war hier als meine Geburtshelferin dabei. Wir gehen in den Flur zurück. Leider machen die beiden Frauen keine Anstalten, auch die anderen Räume zu zeigen. Um noch etwas Zeit zu gewinnen, versuche ich das eine oder andere zu radebrechen. Innig hoffe ich, noch weiteres von der Wohnung zu sehen. Einen kurzen Blick ins hintere Zimmer erhasche ich allerdings, als von dort etwas herausgeholt wird. Das Zimmer ist schmäler. Der Wohnungsgrundriß erscheint mir jetzt aber klar; zwei gleich große Zimmer links, hinten ein Kleineres, rechts vorne die Küche und dazwischen das Bad. Mir gefällt die Wohnung; hier hätte ich mich auch wohl gefühlt. Mir in Gedanken jetzt meine Mutter oder meine Geschwister oder auch mich in der damaligen Zeit in der Wohnung vorzustellen, fällt schwer. Es fehlt einfach die Ruhe dazu. Gabi und ich verabschieden uns daher herzlich von beiden Gastgeberinnen. Ich nehme mir allerdings fest vor, nochmals einen Besuch zu machen. Wir verlassen das Haus und freuen uns riesig, daß tatsächlich alle machbaren Wünsche dieser Reise bereits in Erfüllung gegangen sind.

     Jetzt möchte ich aber noch das Terrain hinter dem Haus erkunden, dort wo Renate im Feld gestanden hat und das hochgieblige Haus im Hintergrund zu sehen ist. Hinter unserem Haus steht ein weiters, offenbar gleich altes Haus aber nur mit Parterre. (Zu Hause sollte ich feststellen, daß es auf dem Winterbild mit Mutti und Peterchen an der Haustreppe erkennbar ist.) Wir gehen daran vorbei. Leider ist aber dahinter, wo Natichen photographiert worden sein muß jetzt nicht mehr Feld, sondern es steht ein recht schickes, neues Haus da mit hohen Hecken außenrum. Dennoch bin ich zufrieden, das hochgieblige Haus von hier aus besser betrachten zu können und auch das lange niedrige Haus im Hintergrund des anderen Bildchens aus ähnlicher Perspektive zu sehen. Wir gehen zurück und schauen auf die Rückseite unseres Hauses. Drei unterschiedlich große Fenster hat unsere Wohnung von dieser Seite. Und offenbar wurden nachträglich Kellergaragen eingebaut. Ein weiteres gleich großes Haus steht im stumpfen Winkel neben unserem. Wir gehen zwischen beiden durch. An unserer Giebelseite entdecke ich oben noch ein kräftiges Einschußloch aus der Kriegszeit. Mamuscha ist wieder im Vorgärtchen beschäftigt. Wir wollen die Danziger Str. diesmal weiterlaufen. Sie biegt nach links ums andere Haus ab. Ich drehe mich nochmals um. Und jetzt wird mir erstmals richtig die unmittelbar vor unserem Haus stehende hohe Tanne bewußt. Das kann doch nur eins der ehemals so kleinen Bäumchen von unserem Familienbild sein. Es ist faszinierend, hier die 50 Jahre Unterschied so klar zu sehen. Ich glaube sogar zu wissen, welches Bäumchen es auf dem kleinen Bild ist. Es erscheint mir fast wie mein Lebensbaum. Für heute reiße ich mich nun aber endgültig vom geliebten Anblick dieses alten Hauses los.

     Meine Eltern hatten sich wirklich keine schlechte Wohngegend ausgesucht. Ehemals sicher ein ganz neues Viertel. Die Danziger Str. mündet in die von Tante Marga benannte Querstraße. Im Straßeneck steht eine recht modern gestaltete Kirche; wohl eine Katholische, da die meisten Polen katholisch sind. Auf dieser Straße wandern wir weiter Richtung Stadt und kommen im spitzen Winkel auf die eigentliche Hauptstraße von Lötzen. Rechts jetzt ein großes, rotes Sandsteingebäude - wohl ein Altersheim wegen der vielen grauhaarigen Leute -, dann ein altes Schulgebäude mit Pausenhöfen beidseitig. Aufgrund der Nähe zu unserer Wohnung spricht für mich vieles dafür, daß mein Vater in dieser Schule als Lehrer tätig war. Nun ein hoher und markanter Wasserturm. Er erscheint mir wie ein trutziges, altes Wahrzeichen der Stadt aus deutscher Zeit. In einem kleinen Laden kaufen wir Postkarten; leider steht nirgends Lötzen drauf, nur das häßliche Gizycko. Der Stadtkern gefällt uns. Es ist ein typisch deutsches Städtchen, wenn auch der Straßenverkehr nicht ganz so stark flutet. Viele alte, zum Teil recht herrschaftliche Häuser mit Stuck und Verzierungen über die ganze Vorderfront sind erhalten. Wenn auch bei weitem nicht alle renoviert oder restauriert sind, so hat man doch nie den Eindruck von echtem Verfall wie bei den Russen. Kleinere Geschäfte und auch Supermärkte befinden sich beidseitig der Straße. Die Auslagen sind reichhaltig wie bei uns bis hin zu deutschen Rheinweinen. Es fehlt offenbar an nichts. Auch die Autos, meist Mittelklassewagen deutscher Produktion sind durchaus keine Rostlauben oder überaltert. Von echter Armut ist jedenfalls nichts zu merken, selbst Bettler haben wir nirgendwo gesehen. Die Menschen, die durch die Straße gehen oder flanieren, erscheinen uns auch keineswegs fremdländisch, weder vom Aussehen noch von der Kleidung her; sie könnten ohne weiteres auch Deutsche sein.

     Es gefällt uns, hier bei dem herrlichen Sonnenschein herumzuwandern. Stühle und Tischchen auf der Straße vor kleinen Restaurants laden zum Kaffeetrinken ein. Vorne, zwischen hohen Bäumen taucht wieder die alte Kirche mit ihrem leicht geschwungenen und etwas chinesisch wirkenden Satteldach auf dem Turm auf. Es ist die alte evangelische Kirche mitten im Zentrum von Lötzen. Sie zieht mich magisch an. Vor ihrem Eingang steht tatsächlich in deutscher Sprache, daß immer Sonntags ein Gottesdienst in deutsch stattfindet. Ich bedaure zutiefst, daß ich hier keinen Sonntag verbringen werde. Zu gerne hätte ich an dieser Stelle eine solche Andacht erleben wollen. Auf einem großen Schild ist ebenfalls in deutscher Sprache die Geschichte der Kirche aufgezeichnet. Gabi und ich gehen in den Vorraum des Kirchenschiffs. Ein Eisengitter versperrt uns aber den weiteren Weg. Ich bin enttäuscht, nur durch die Stäbe sehen zu können. Dennoch ein eigenartiges Gefühl in mir, als ich hineinschaue. Zwei Sitzreihen mit alten Holzbänken, darüber jeweils Emporen und ganz vorne in der Absis ein großes Jesusbild mitten im Altar. Das Bild fasziniert mich. Es erscheint so ausgewogen, zur Besinnung anregend und friedlich. Ich betrachte es lange andächtig. Ich bin mir fast sicher, daß dies hier meine Taufkirche gewesen sein muß. Welche Kirche hätte sonst auch in Frage kommen sollen? Eine weitere war nirgends zu sehen.

     Wir gehen wieder ins Helle hinaus. Briefmarken wollen wir kaufen. Die Post ist in einer Seitenstraße in einem schönen und recht neu restaurierten herrschaftlichen Gebäude untergebracht, doch geschlossen. Durch ein anderes Seitensträßchen - an einem alten Lyzeum vorbei - geht's zurück auf die Hauptstraße und von dort hinunter Richtung Löwentinsee, dem eigentlichen Haussee von Lötzen. Über Bahngleise und eine weite Liegewiese gelangen wir zum herrlich in der Sonne glitzernden Wasser. Auf einem kleinen Sandstrand räkeln sich dicht gedrängt vorwiegend jüngere Gäste in Badehose oder Bikini. Sehr gute Figuren sind dabei. Wir gehen rüber zur Mole, die einen kleinen Hafen abtrennt, setzten uns auf eine der dort befindlichen Bänke und genießen den wunderschönen Blick über den See mit seinen vielen weißen Segelbooten und den bewaldeten, weit entfernten grünen Uferrändern. Was haben wir doch für ein Glück mit dem Wetter, schwärmen Gabi und ich; bisher einzig phantastischer Sonnenschein und Wärme. Ostpreußen zeigt sich uns wirklich von seiner allerbesten Seite.

     Lange bleiben wir sitzen. Irgendwann stehen wir auf, wandern die Mole einmal auf und ab und gehen dann in ein kleines Restaurant unmittelbar am Bahnübergang mit Tischen draußen. Der Fisch schmeckt lecker. Danach sitzen wir wieder auf der Mole und warten auf die Gruppe. Vorneweg mit Irene erscheint sie auch bald. Eine Bootsfahrt steht auf dem Programm. Das Boot tuckert aus dem Hafen ein Stück in den Löwentinsee hinein, wendet sich dann aber dem Schiffskanal Richtung Kissain- und Mauersee zu. Die ganze masurische Seenplatte ist mit solchen Kanälen versehen, so daß man von einem See in den nächsten fahren kann, sogar bis in die Ostsee. Ein Meisterstück aus dem letzten Jahrhundert, um Güter transportieren zu können. Heute werden sie allerdings fast nur noch zu Freizeit- und touristischen Zwecken genutzt. Über zwei Kilometer geht unsere schöne Fahrt auf diesem alten Stadtkanal, bis der Kissainsee erreicht ist. Segelboote, oft aneinander gebunden werden an der Stippe von Land aus von jungen Leutchen unter Lachen, Klamauk und viel Spaß durch den Kanal gezogen. Der neue See öffnet sich zu einem herrlichen Panorama: größere und kleinere Inseln, Segler, Schilf an den Ufern, einzelne Schneisen dazwischen mit angetäuten Booten, Entengruppen, majestätisch vorbeiziehende Schwäne und hoch am blauen Himmel in V-Formation fliegende Störche. Man kann die Friedlichkeit und Ruhe dieser Landschaft nur still genießen. Alle sind begeistert. Eine größere Runde wird durch diese Inselwelt gefahren. Allzubald geht' s jedoch zurück. Erneut kommen wir an einer wunderschön inmitten von Bäumen und direkt am See gelegenen Hotelanlage vorbei. Ich nehme mir vor, die zweite Woche - wenn irgend möglich - hier zu verbringen. Über den schon bekannten Stadtkanal, an dessen parkähnlichen Seiten jetzt Spaziergänger unsere Vorbeifahrt betrachten, erreicht das Schiff den Hafen.

     Was besonderes steht aber noch an. Ein Picknick an einem Försterhaus mit Würstchen und vor allem mit dem typischen Getränk für Ostpreußen, dem Bärenfang. Die Busfahrt Richtung Angerburg nach Possessen ist nur kurz. Eine riesige Flasche mit dem honigfarbenen Gebräu steht schon bereit. Unsere Irene ist für den Ausschank zuständig. Sie füllt gleich eine Unmenge von kleinen Gläschen ab. Wirklich erstaunlich wie geschickt sie mit der Flasche herumhantiert und nichts von dem kostbaren Naß daneben gießt. Fast alle probieren, selbstverständlich auch Gabi und ich. Es schmeckt honigsüß und ausgezeichnet. Das nächste Gläschen wird gleich hinterhergekippt. Würstchen können - an Gertenstöcken aufgespießt - im offenen Feuer gegrillt werden. Etliche Leutchen unternehmen angebotene Kutschenfahrten durch den Wald, andere versuchen sich wohl erstmalig im Reiten, denn sie steigen über eine Leiter mit Podest direkt auf den Pferderücken. Eine kleine Runde wird gedreht und schon reicht's. Die Laune und Stimmung der älteren Herrschaften hebt sich durch den Bärenfang immer mehr; man kann fast zuschauen. Auch faßgezapftes Piwo (pol.: Bier) gibt's an einem kleinen Stand und nebenan bieten 2 junge Mädchen auf Tischen allerlei Krimskrams zum Verkauf an. Auch zwei Buben sind mal hier, mal dort oder sitzen auf den Holzzäunen und beobachten uns. Ob sie wissen, weshalb diese älteren Deutschen überhaupt hier in Ostpreußen sind? Wohl nicht. Wir dürften für sie halt lediglich Touristen und alte Leute sein, die jedoch gut Geld bringen und sich hier den Bärenfang reinhauen. Die Stimmung ist mittlerweile bestens; Witze werden erzählt, es wird viel gelacht, Brüderschaften neu geschlossen und begossen und Rufe gehen hin und her. Die drei - stets futternden - korpulenten Damen, die hinter uns im Bus sitzen und schon normalerweise fidel und polternd sind, laufen jetzt zur Höchstform auf.– Der Bärenfang ist unter die Leute gebracht, als der Aufbruch naht. Im Bus werden die Volksliederbücher zur Hand genommen, Seite 49 heißt's und schon schallt es los.

     Gabi und ich werden an der Lötzener Umgehungsstraße rausgelassen, da wir den Abend noch im Städtchen verbringen wollen. Nebenan ein Friedhof, den Gabi unbedingt ansehen möchte. Er ist sehr gepflegt mit vielen frischen Blumen auf den Gräbern. Nach den Namen ein rein polnischer Friedhof mit Sterbedaten erst ab den fünfziger Jahren. Einen deutschen Friedhof haben wir nicht gesehen - ich auch später nicht -. Er wurde wohl vernichtet und untergepflügt, wie fast alles Deutsche hier. Wir gehen die Straße weiter und erkennen nunmehr erstmalig, daß ganz Lötzen auf einer leichten Hanglage bis zum See hinunter gelegen ist. Ich bin mehr als erstaunt, auch hier enorm viele große Plattenbauten - wie überall nur mit Flachdach und riesiger Numerierung - am Stadtrand. Es ist mir einfach nicht erklärlich, von wo diese polnischen Menschenmassen überhaupt hergekommen sein können. Jetzt ein neurer Marktplatz mit vielen Ständen; offenbar ein Russenmarkt. Leider wird aber schon abgebaut. Der ältere Teil von Lötzen mit Villen, massiv wirkenden Häusern und herrlichem Baumbestand beginnt danach. Die Hauptstraße ist wieder erreicht. Wir genießen das abendliche Treiben, betrachten die Häuser sowie die Auslagen in den Schaufenstern und wandern gemächlich herum. Auch in die Kirche will ich nochmals, aber wieder geschlossen. Irgendwann sitzen wir in einem Straßenkaffee und lassen die anderen vorüberflanieren. Bald nach dem Dunkelwerden wird's jedoch auffallend ruhiger. Der alte Kirchturm zwischen den hohen Bäumen ist warm angestrahlt und auch die Straße beleuchtet. Wir fühlen uns in Lötzen jetzt wirklich wohl. Das Taxi vom Bahnhof nimmt diesmal einen kürzeren Weg über eine Drehbrücke des Stadtkanals. Zu meinem Erstaunen zahlen wir dennoch mehr. In der Bar herrscht großes Gedränge; mit Ach und Krach ergattern wir noch zwei Sitzgelegenheiten in großer Runde. Der Bärenfang hat offenbar ganze Arbeit geleistet.

     Therese aus Allenstein, eine waschechte deutsche Ostpreußin begleitet unsere heutige Tagestour. Geschichten über Mariellchens, Lorbasse, Jelbe von Eeiis und kleine Störche, die schon junge Lehrerinnen fürchterlich erschrecken können, gehen in breitestem ostpr. Dialekt über ihre Lippen. Es wird eine lustige Fahrt mit ihr. Rastenburg, das wir schon mal durchquert hatten, wird heute besichtigt. Als erstes die gotische Kirche St.Georg mit Wehranlage. Mir dauert's zu lange, deshalb sehe ich mich lieber außerhalb noch etwas um. Alte und neuere Häuser passen hier ganz gut zusammen, eine kleine Parkanlage und alles noch sehr, sehr ruhig um 10 Uhr morgens. Danach bleibt noch Zeit für Gabi und mich, im kleinen Zentrum eine Runde zu drehen. Das Rathaus, eine weitere große Kirche sowie recht hübsche, helle und neue Architektur mit kleinen, geschmackvollen Geschäften darin. Die pünktlich vereinbarte Weiterfahrt verzögert sich, da manche jetzt unbedingt noch auf die neue öffentliche Toilette wollen. Vorbei geht's an einer kräftig rauchenden Bierbrauereifabrik, ansonsten aber wieder herrlichster Sonnenschein in Ostpreußen.

     Ein völlig unerwartetes Bild: Der Wallfahrtsort Heiligelinde in einem Tal zwischen zwei Seen gelegen mit seiner phantastischen Barockkirche. Eine ockergelbe Säulenfassade auf weißem Grund mit Doppeltürmen. Bereits die heidnischen Pruzzen hatten diese von Wäldern umsäumte Stelle ausgewählt, um ihren Göttern zu huldigen, weiß Therese zu erzählen. Wunderwirkung wurde dieser Stätte nachgesagt, nachdem ein Schwerverbrecher am Vorabend seiner Hinrichtung hier aus einem Lindenast eine wunderbare Madonnenfigur geschnitzt hatte. Die Richter meinten nun, daß ein zu solchem Wunderwerk fähiger Mensch niemals schuldig sein könne und begnadigten ihn. So jedenfalls berichtet die Sage. Während der deutschen Ordenszeit gab es hier bereits eine kleine Wallfahrtskapelle, deren Dach die Krone einer gewaltigen Linde gebildet haben soll. Der legendäre Baum wurde denn auch zum Namensgeber des Ortes. Die Kirche ist rundum von einer Mauer, die innseitig einen Kreuzgang mitbildet, sowie von Baulichkeiten für Pater und Verwaltung umgeben. Nach obligatorischen Gruppenfotos strömen wir zusammen mit vielen anderen Besuchern ins Innere. Überaus prunkvoll das gesamte Interieur; es erschlägt einen fast. Über dem Eingangsportal beginnt eine wuchtige Orgel mit drei Türmen und beweglichen Figuren zu spielen. Alle sitzen mit nach hinten verrenktem Kopf andächtig da und lauschen dem Konzert. Es ist schon eine beeindruckende Gesamtatmosphäre. Später hören wir, daß die Kirche zu Kriegsende als Lazarett gedient hatte und die Russen rigoros sämtliche hier untergebrachten Verletzten erschossen.

     Weiter geht die Fahrt durch die typische masurische Landschaft nach Sensburg. Es ist ein hübsches Städtchen mit noch vielen alten Häusern gerade auch in der geschäftigen Hauptstraße. Zum Stadtnamen geht die Sage, daß vor langer Zeit ein gewaltiger Bär die Gegend um Rastenburg unsicher machte. Da kamen ihnen die Bauern vom Schoßsee zu Hilfe. Mit ihren Sensen zogen sie gen Rastenburg und hieben dort nach hartem Kampf dem Untier eine Tatze ab, die zum ewigen Gedächtnis mit dem Datum 1348 in ihr Wappen aufgenommen wurde. Fortan nannten sie ihr Dorf stolz Sensburg. Wir fahren lediglich durch. An der Peripherie taucht eine Reihe neuer, erst halbfertiger aber schon teilweise bewohnter Ein- und Zweifamilienhäuser auf. Therese erklärt, daß die Zinsen für Kredite sich in Polen auf bis zu 50% belaufen, was natürlich keiner bezahlen kann. Deshalb wird immer nur so weit gebaut - meist in Nachbarschaftshilfe -, bis das vorhandene Geld verbraucht ist und weiter angespart werden muß. Das Städtchen soll auch in großem Stil Europamöbel herstellen, die nach überall exportiert werden.

     Bald ist für heute unser südlichstes Ziel erreicht, das Flüßchen Krutinna. Es gilt als das sauberste und am ursprünglichsten belassene Gewässer in ganz Ostpreußen. Wir werden auf 10 Boote verteilt und eine Stakerfahrt geht los. Jeder Reiseveranstalter hat sie im Programm. Nun ja ganz hübsch, aber halt rein auf Tourismus abgestellt. Bei so vielen Booten, die hier hin und her staken, ist's mit der Ruhe und dem Genuß leider nicht allzuweit her. Dennoch scheint die Gruppe ganz zufrieden. Ein kleines Mädchen steht im seichten Wasser am Ufer und ist dabei, sich das Höschen auszuziehen; die herbeigeeilte Mutter versucht's vergeblich zu verhindern. Die Kleine spreizt die Beinchen und pieselt los. Alle von uns lachen amüsiert. Nur der Mutter ist die Peinlichkeit anzumerken, daß ihr Töchterchen genau in dem Moment, in dem Touristen die so klare Krutinna bewundern sollen, hier ihr Geschäft erledigt. Nach einer halben Stunde geht's zurück. Die nächsten Busse warten schon. Mittagessen ist angesagt. Das neue, mit grünem, lichtdurchlässigem Welldach versehene Restaurant ist nicht weit. Das nette ältere Pärchen aus Goslar hat Gabi und mir - wie die letzten Male auch schon - Plätze an ihrem Tisch freigehalten. Sie scheinen uns ins Herz geschlossen zu haben. Nur sie ist Ostpreußin. Suppe, Fisch und Nachspeise. Die Gerichte sind sicher nichts Exquisites, aber - wie bisher eigentlich immer -, eine ganz normale, vernünftige Hausmannskost. Ich bin's zufrieden. Die Inhaberin des Lokals macht einen flotten, geschäftstüchtigen Eindruck, die beiden attraktiven Kellnerinnen bedienen erstaunlich flink die doch recht große Gruppe. Mein Tischnachbar hat Probleme mit den vielen kleinen Gräten im Fisch und läßt das meiste dann liegen. Ums Haus ist ein kleiner Markt aufgebaut, der handwerkliche Souvenirs anbietet; immer natürlich auch Bernsteinsachen. Fünf große Reisebusse aus Deutschland parken hier.

     Wir fahren nach Nikolaiken, das auch als masurisches Venedig bezeichnet wird. Es ist wunderschön gelegen; der Beiname aber doch mehr aus dem Märchenbuch. Der Bus hält an der alten, etwas höher gelegenen Kirche. Wir wandern die Hauptstraße hinab. Ein Bernsteingeschäft liegt hier neben dem anderen. Es sind luxuriöse Läden mit großer Auswahl an Schmuck. Unsere Damen wandern alle rein und kaufen recht ordentlich. Gabi und mir erscheinen die Sachen etwas zu klobig und eher für ältere Herrschaften geeignet. Wir verabreden, daß ich wenigstens ein Schmuckstück als typisches Souvenir, jedoch aus Lötzen mitbringen werde. Wir wandern noch ein bißchen im Städtchen mit seinen vielen erhaltenen kleinen Häuschen herum und trinken unseren Kaffee am Zentrumsplatz. Gegen 5 Uhr geht's zu unserem Hotel "Gwarek" zurück.

     Eine wichtige Sache wollen wir heute noch erledigen. Gabi hat die Idee, ihrem Opa, der Lötzen und die Masuren so geliebt hat, Erde für sein Grab mitzunehmen. Durch den Opa kannte Gabi ebenfalls von klein auf bis zum Überdruß die Namen Lötzen und Masuren. Wenn sie ihn früher gut stimmen wollte, brauchte sie regelmäßig nur das Gespräch auf Lötzen zu bringen. Auch ich hatte natürlich schon beim ersten Kennenlernen seine volle Zuneigung, als er von meinem Geburtsort erfuhr. Im Gedächtnis ist uns beiden vor allem die so oft gehörte Geschichte von seinem Schwimmenlernen in Lötzen geblieben. Nun soll er diese geliebte Erde wenigstens auf seinem Grab wiederhaben. Neben dem Hotel führt ein kleiner Wanderweg parallel zum See durch den herrlichen, dichten Wald. Die Sonnenstrahlen scheinen nur hier und dort bis auf den Waldboden herab oder lassen das Blätterdach stellenweise hellgrün aufleuchten. Manchmal zeigt sich auch das blaue Wasser zwischen den Bäumen. Es ist ein wunderschöner Spaziergang. Dort wo der Weg sich dann endgültig verliert und wir umkehren müssen, klauben wir ein Häufchen Erde zusammen. Es hat jetzt seinen endgültigen Platz beim Opa gefunden; er wird darüber glücklich sein.

     Eine 2-Mannkapelle spielt abends in der Bar zum Abschied von Lötzen auf. Alle versammeln sich heute. Fahrer Helmut sitzt bei uns und erzählt von seinen privaten Problemen mit Frau und Kind, die getrennt von ihm leben. Das Piwo schmeckt ihm dennoch. Auch die beiden Grazien von vorgestern sind wieder da und sitzen genau in meinem Blickfeld. Bereits nach kurzer Zeit bekommen sie aus unserer Gruppe einen Cocktail spendiert. Die Hübschere von beiden trägt wieder Mini. Im Sitzen zeigt sie jetzt ihre wirklich aufregenden Beine fast in voller Länge. Deren Wirkung auf die Männer scheint sie jedenfalls zu kennen. Äußerst geschickt, ganz lässig - wie rein zufällig - werden die Beine mal so übergeschlagen, mal nach der anderen Richtung, dann wieder langgestreckt oder angezogen, mal auch leicht gespreizt, aber immer schön langsam, genüßlich und aufreizend. Die Männerwelt schaut - wie ich bemerke - zwar verstohlen, jedoch fasziniert zu. Erst als das Faßbier zu Ende geht und laues Flaschenbier ansteht, leert sich endgültig die Bar.

     Für die Gruppe und auch für Gabi ist heute Abschied von Lötzen. Ich fahre zwar ebenfalls mit, komme aber von Danzig mit dem Zug wieder hierher zurück. Ich bin wirklich froh, eine weitere Woche in Lötzen bleiben zu können. Gabi bedauert zutiefst, bereits weg zu müssen; Lötzen hat es ihr ebenfalls angetan. Die Fahrt geht das 3. Mal nach Rastenburg, weiter bis Bartenstein nahe der Grenze und jetzt beginnt Neuland. Recht enge Täler befinden sich hier zwischen den Hügeln, auch viel Wald und abgeerntete Felder. Die winzigen Dörfchen und Höfe erscheinen hinterwäldlerisch und vergammelter als sonstwo. Dennoch wirkt es wie verträumt. Begeisterung kommt jedes mal im Bus auf, wenn ein noch zurückgebliebener junger Storch irgendwo im Feld herumstakt. Diese schon von Kindheit auf als Babybringer so vertrauten Vögel sind einfach etwas ganz besonderes mit ihrem schwarzweißen Federkleid und dem langen roten Schnabel. Herrlich gerade hier in Ostpreußen sie zu sehen.

     Mehlsack und Braunsberg werden nur durchfahren. Die Namen wecken bei einigen Reiseteilnehmern offenbar traumatische Erinnerungen; ich sehe zum ersten mal auf der Reise Tränen fließen. Die Ortschaften lagen 1945 im Zentrum des Heiligenbeiler Kessels, der so fürchterlichen Einschnürung Rest-Ostpreußens durch die Rote Armee. Gleiches gilt auch für Frauenburg unmittelbar am Frischen Haff, das wir jetzt erreichen. Eine gewaltige Domanlage mit vielen Türmen und Türmchen in kräftigem Ziegelrot erhebt sich auf einem Hügel mitten in der kleinen Ortschaft. Durch ein großes Tor in der - den Komplex umgebenden - Wehrmauer gelangen wir in den Innenhof. Wuchtig steht der Dom darin sowie einige ausgewachsene Kastanienbäume. Das 3-Farbenspiel des stahlblauen Himmels, des grünen Blätterdachs der Bäume und der karminroten Domfassade mit Mauer begeistert mich. Auch das Kirchenschiff mit seinen Pfeilern ist gewaltig, alles ist in weiß gehalten mit vielen Altären, Gemälden sowie Grabstätten verstorbener Bischöfe. Gabi und ich wandern einmal rund und setzen uns dann, um den Eindruck zu verinnerlichen; die Gruppe läßt sich das erklären, was sie sofort wieder vergessen wird. Danach steigen wir den großen Glockenturm in der Mauer hoch, der einen weiten, herrlichen Blick auf die schilfbewachsene Küste, das Frische Haff und auf den schmalen Streifen der 11 km entfernten Nehrung am Horizont gestattet. Einige Reiseteilnehmer erscheinen mir geistig wie abwesend und in sich gekehrt. Ich bleibe so lange wie möglich oben und schaue über das Dörfchen mit seinen rot-orangen Dächern und das scheinbar endlose Haff. Im Turm sind Bilder eines modernen Malers ausgestellt. Unten befindet sich ein kleines Kopernikusmuseum, denn hier hatte der Astronom sein Observatorium eingerichtet. Er war es auch, der die Sonne in den Mittelpunkt des Weltsystems rückte und die Erde lediglich um sie kreisen ließ. Ein (später) eingebautes, ca. 35 m langes Schwere-Pendel im Turm erweist anschaulich die Rotation der Erde. L. Foucault hatte 1851 in Paris mit solcher Anordnung erstmalig den Nachweis der Erddrehung erbracht, da die Schwingebene eines Pendels im Raum bestehen bleibt.

     Hügeliges Land auch hier in der Nähe des Haffs bis nach Elbing. Eine recht große Stadt, die durch den Krieg fast völlig zerstört gewesen sein soll. Wir fahren im Halbkreis außenrum und kommen auf eine neu ausgebaute Straße Richtung Danzig. Lang sehe ich noch den hohen und außergewöhnlich gestalteten Kirchturm aus dem Stadtzentrum. Leider erfahre ich erst später aus alten, noch erhaltenen Briefen, daß mein Vater in Elbing als Studienassessor gewohnt hat. Hier hat er den Brief an meinen Großvater nach Berlin geschrieben, in dem er um die Hand meiner Mutter anhielt. Das Flüßchen Nogat, das zwischen den beiden Weltkriegen die Grenze zur "Freien Stadt Danzig" bildete, wird überquert; bald auch die Weichsel. In der Ferne taucht die alte Hansestadt Danzig auf. Davor allerdings ein riesiges Kohlekraftwerk mit drei fürchterlich qualmenden Schloten, die bei Ostwind ganz Danzig einrußen, wie Irene bitter erklärt. Eine typisch kommunistische Rücksichtslosigkeit gegen Mensch und Natur, sagt sie. Wir fahren durch die sog. Dreistadt - Danzig, Sopot, Gdingen -, die keine Übergänge erkennen läßt sofort zum Hotel "Dom Marynarza". Es liegt schön im Grünen und direkt an der langen, gepflegten Uferpromenade von Gdingen mit weitem Blick über die Danziger Bucht und die fernen Docks und Kräne von Danzig.

     Während die Gruppe in die Kaschubische Schweiz ins Hinterland fährt, um Kinderfolklore zu erleben, wandern Gabi und ich lieber die Promenade entlang. An beiden Enden befinden sich feine Sandstrände, auf denen sich viele gebräunte Menschen tummeln. Sehr hundefreundlich scheinen die Polen zu sein, denn sie kümmern sich rührend um ihre Tiere; die Polen sammeln weitere Pluspunkte bei uns. Elegant und mit Schick gekleidet sind die reichlich vorhandenen Spaziergänger. Auch Jogger, Inliner, Rennradfahrer und viele hübsche Frauen auf Plateausohlen bevölkern die Promenade. Es könnte hier ohne weiteres Scharbeutz sein. Weit draußen in der Bucht liegt bewegungslos - wegen totaler Flaute - eine Segelbootregatta. Wir wandern bis zum Hafen und setzen uns vor eins der kleinen Imbißläden. Sie sind gut besucht und bieten eine herrliche Fischauswahl. Erstmals sehen wir einen abgerissenen Mann, der in Abfallkörben nach Eßbarem sucht und sich dann - nach Vergewisserung, daß ein paar Fritten und etwas Fisch tatsächlich als Reste übrig sind - blitzschnell den Pappteller schnappt und verschwindet. Auf der anderen Seite des Kais sind zwei stolze Dreimaster vertäut. Wir bleiben bis nach 6 Uhr in der warmen Sonne sitzen und beobachten das Kommen und Gehen der Gdingener. Was wir von der Stadt hier sehen, ist grün, leicht hügelig, weitläufig mit großen Häuserblocks neueren Datums und - man muß den Polen allgemeine Anerkennung zollen - es ist überall recht sauber. Gdingen wirkt jedoch unpersönlich. Abends in der kleinen Bar finden sich Helmut und weitere zum Piwo ein. Die Folklore soll - wie von uns erwartet - mit nachträglichen, mehr oder weniger erzwungenen Tanzversuchen durch Gruppenmitglieder zur Belustigung der anderen über die Bühne gegangen sein; ansonsten aber ganz nett. Die dabei servierten Kartoffelpuffer sind unserer Dicken aus Castrop-Rauxel auf den Magen geschlagen; wohl doch mehr wegen der Menge als des Öls, wie sie behauptet, wegen.

     Das reichhaltige Frühstück wird an großen, runden Tischen serviert. Gabis und mein Platz sind neben den Goslarern wieder freigehalten. Die hübsche Kellnerin mit den wohlgeformten Beinen und dem schwarzen, kurzen Rock mit Schürzchen, bedient leider nur nebenan. Wir freuen uns auf die Stadtbesichtigung. Gdingen ist erst durch die Entstehung des "Polnischen Korridors" in den 20er Jahren, ab dann aber rasend schnell zum (damaligen einzigen polnischen) Großhafen und zur Stadt herangewachsen. Fahrt durch Sopot, dem ehemals mondänen Bade- und Kurort, der auf drei Höhenebenen liegt und noch viele herrschaftliche, wenn auch ziemlich heruntergekommene Häuser vorzuweisen hat. Vor dem deutschen Konsulat eine lange Schlange von Polen, die offiziell eine Arbeitserlaubnis beantragen. Die berühmte Altstadt von Danzig liegt vor uns. Aurelia, unsere heutige Stadtführerin ist vom Schlage einer Therese und sammelt die Gruppe stets mit lautem "Hu Uu" und hoch erhobenem Stock mit Fähnchen ein. Sie erzählt, daß die Altstadt im Krieg nicht zerstört worden sei. Erst danach hätten die Russen Feuer gelegt und alles niedergebrannt. Das machte auch Sinn, da militärische Orden nach dem Grad der Zerstörung der Städte und Dörfer vergeben wurden und die Obrigkeit pauschal davon ausging, je zerstörter ein Ort, um so schwerer mußten die Kämpfe gewesen sein.

     Die Altstadt ist absolut sehenswert. Jede Hausfassade hat ihren eigenen Stil und unverwechselbare, reiche barocke Ornamente. Es macht Spaß, die einzelnen Straßen rauf und runter zu wandern. Gabi und ich gehen wieder alleine, um dem Gruppenzwang zu entkommen. Viele exklusive Geschäfte, auch Antikläden bitten zum Kauf. Wir erwerben aber nur Kathrinchen und eine Erinnerungstasse für die Sammlung von Gabi. Auch das Rathaus, die diversen Kirchen und alten Stadttore begeistern uns. Gewaltig die 25.000 Menschen fassende, gotische Marienkirche; sie ist die größte Backsteinkirche der Welt. Sie durfte nicht höher gebaut werden als die Marienburg des Hochmeisters des Deutsch-Ritterordens. Wir steigen im 78 m hohem Turm nach oben bis aufs Dach. Die Anstrengung wird mit einem grandiosen Ausblick über die Stadt, Umgebung und die Danziger Bucht belohnt. Die Struktur der Altstadt wird mir jetzt klar. Unten treffen wir die Gruppe wieder. Sie wartet vor einem Bernsteingeschäft auf einige sich noch drin befindende Kaufinteressenten mit Aurelia. Es ist typisch für Reisegruppen in aller Welt; für Sehenswürdigkeiten zu wenig Zeit, für Geschäfte dann reichlich. Die Provision der Reiseleitung lockt. Allein gehen wir weiter zum eigentlichen Wahrzeichen von Danzig, dem Krantor. Es liegt direkt am Schiffskanal und ist größtenteils aus Holz erbaut. Die Häuserfront am Kanal und die gegenüberliegenden, z.T. restaurierten Speicher geben ein prächtiges Bild ab. Das Mittagessen wird im neuen Novotel eingenommen.

     Danach Besuch des integrierten Städtchens Oliva. Wir wandern durch den wunderschönen, mit Baumalleen und toll geschnittenen Hecken versehenen Schloßpark. Eine im Inneren phantastische Kathedrale liegt gleich nebenan. Sie gefällt mir mit ihren Verzierungen, bepunkteten und in sich strukturierten Gewölben von allen bisher Gesehenen am besten. Sie wirkt beschwingt und macht andächtig. Unseren Besuch rundet feierliche Orgelmusik ab. Ein Brautpaar - sie in weiß - fährt gerade vor, als wir raustreten. Kann es eine schönere Hochzeitskirche geben? denke ich. Nach vielen Photos geht das Paar jedoch nicht in die Kirche, sondern folgt unserem Weg. Wohin? bleibt offen. Eine betrunkene Frau und drei Männer mit Fusel in der Hand sitzen unter einem Baum beim Bus. Zurück im Hotel wollen Gabi und ich die Sonne noch ausnützen. Wir promenieren wieder am Wasser entlang bis zu den Fischständen am Hafen. Erst zum Abendessen gehen wir zurück. Unser Platz ist wieder freigehalten. Es ist angenehm, mit unserem Goslarer Ehepaar zu plaudern. Die Bar ist bereits geöffnet und das Piwo schmeckt. Für die Gruppe und leider auch für Gabi ist Abschied. Unser Fahrer Helmut sollte weniger trinken, denn morgen früh um ca. 4 Uhr ist schon Abfahrt. Zum Ausklang des Tages sitzen Gabi und ich auf der Dachterrasse des Nachbarhotels mit Blick bis zur Lichterkette der Halbinsel Hela.

     Nachts klingelt der Wecker. Gabi macht sich fertig und wünscht mir zum Abschied eine schöne zweite Woche in Lötzen. Vor dem Wiedereinschlafen höre ich den Bus noch abfahren. Aus dem Lunchpaket nehme ich mein Frühstück und fahr dann mit dem Taxi zum Bahnhof. Die Information benennt mir den Bahnsteig 4. Überall ist Rauchverbot, selbst auf den offenen Bahnsteigen. Aus den Fahrplänen und Anzeigen geht der Zug nach Allenstein aber von 5 ab. Andere Reisende bestätigen es mir. 3 Minuten vor Abfahrt leert sich mein Bahnsteig. Mit wehenden Fahnen sause ich wieder nach 4. Pünktlich um 9.15 Uhr ist Abfahrt. Ich sitze 1.Klasse im leeren Abteil. Danziger Hauptbahnhof. Er ist wunderschön neu renoviert durch…Mc Donald's. Der Lohn, drin ein Restaurant. Ein hagerer Mann mit himmelblauen aber traurig wirkenden Augen und nur einem Plastikbeutel in der Hand setzt sich mir gegenüber. Die Fahrt geht durch die tischebene Weichselniederung. Einzig Felder und wenige Gehöfte sind zu sehen; ab und zu auch ein Kirchturm in der Ferne. Mein Mitreisender versucht ein Gespräch. "Nie rozumiem" klaube ich meine wenigen polnischen Worte zusammen. "Niemiecku?" (deutsch) fragt er. "Tak" bestätige ich. Er kennt einige deutsche Vokabeln. Wieder das Phänomen, das mir schon bei Mamuscha aufgefallen war, die wenigen deutschen Worte absolut akzentfrei. Ob sie vor 50 Jahren gut deutsch sprachen? In Erinnerung werden mir die Wörter des Polen "Bruder" und "Scheiße" bleiben. Er kam nach dem Krieg aus Wilnius in Litauen. Er fährt heute nach Ostpreußen, vielleicht wohnt er dort. Wir schweigen im wesentlichen; die Verständigung ist einfach zu anstrengend.

     Marienburg wird erreicht. Einen kurzen Augenblick sehe ich die Feste des Hochmeisters. Eine gewaltige Anlage in knalligem Ziegelrot, wie eben frisch erbaut. Im Nov. 97 ist sie von der UNESCO zum Kulturerbe der Menschheit erklärt worden. Ein etwas grobschlächtig aussehendes Ehepaar kommt in unser Abteil. Sie packt belegtes Brot aus, er blättert in einem Touristenprospekt der Marienburg. Es ist ein völlig anderer Menschenschlag. Es scheinen Russen zu sein. Der Schaffner kommt kontrollieren. Die Beiden sitzen falsch und verlassen kurz das Abteil. Mein Gegenüber macht eine wegwerfenden Handbewegung und sagt dazu: "Russki, Scheiße". Sie steigen in Elbing wieder aus. Viele steigen zwar zu, leider aber nicht in unser Abteil. Mir wäre es lieber gewesen; das auf Dauer doch peinliche Schweigen wäre unterbrochen worden. Etwas Polnisch habe ich ja zu lernen versucht. Das Problem ist aber, Slawisch hat fast keine Ähnlichkeit mit den mir vertrauten Sprachen und fällt deshalb so schwer. Die typisch ostpreußische Landschaft zieht jetzt wieder vorbei. Preußisch-Holland, Mohrungen, Locken. An jedem noch so kleinen Ort hält unser "Schnellzug". Mir ist es recht, ich genieße es. Allenstein. Hier muß ich raus und mit dem öffentlichen Bus weiter bis Lötzen fahren; die Bahn macht leider einen gar zu großen Umweg. Wie gerne hätte ich das Erlebnis gehabt, - wie früher unsere Familie - am Lötzener Bahnhof auszusteigen und durch die Bahnhofshalle nach draußen zu gehen. Der Busbahnhof liegt gleich nebenan. Eine Stunde Aufenthalt.

     Viele warten hier, auch etliche jüngere polnische Rucksackreisenden. Es tut mir im Herzen weh, wieder so viele Polen und die Unmenge von bewohnten Plattenbauten in Ostpreußen zu sehen. Wie schon so oft frage ich mich, wo kommen diese polnischen Menschenmassen her. Jede Stadt, jedes Dörfchen ist doch voll bewohnt, auch jeder alte Bauernhof, jedes noch so kleine Haus aus deutscher Zeit. Und noch schlimmer der Versuch meiner Vorstellung: Mindestens so viele deutsche Menschen haben hier ehemals gewohnt und sind hier genauso herumgelaufen, wie ich es jetzt sehe. All diese Menschen sind schlicht weg, als ob sie nie dagewesen wären. Es ist nicht - wie nach 50 Jahren normal wäre - die nächste Generation die hier herumläuft, sondern es ist ein völlig anderes Volk. Es sprengt fast meine Vorstellungskraft, weil es eigentlich auch unvorstellbar ist, was sich hier zugetragen hat. Und all dies Furchtbare wird in Deutschland - in der Welt ohnehin - praktisch nicht wahrgenommen. Es geht einzig und allein stets nur um Hitler und von Deutschen begangene Verbrechen. Daß hier ein Völkermord an Deutschen und eine, wahrscheinlich sogar die größte und brutalste Vertreibung der Menschheitsgeschichte begangen worden ist, scheint offenbar irrelevant oder jedenfalls problemlos hinnehmbar und bedarf keiner weiteren Erörterung. Die Deutschen haben daran ja selber schuld! Als ob Russen, Polen, Amerikaner etc. kein eigenbestimmtes, eigenverantwortliches Handeln gehabt hätten oder dazu nicht in der Lage gewesen wären. Ein volles, blutiges Kapital der Weltgeschichte wird ganz bewußt nicht geschrieben. Es ist die Anklage gegen die sog. Siegermächte von Millionen deutscher Ermordeter, Geschändeter, Vertriebener und Kriegsgefangener. Darunter Tante Gerda, die 1948 - als psychisches und seelisches Wrack - aus Königsberg mit 34 Jahren "ausgewiesen" wurde. Was sie in den 3 Jahren Russenzeit erlebt hat, mag sich jeder selbst denken.

     Konsequent hier auch die deutsche Geschichtsschreibung. Sie hört 1945 bei Hitler auf und beginnt innerhalb der 4 Besatzungszonen bis zur Oder-Neisse wieder. Die Millionen Flüchtlinge aus dem weiten Osten werden allenfalls als Fakt, ohne jede Bewertung im Rahmen der neuen Grenzen hingenommen. Das erlebte Schicksal dieser Menschen ist nicht mehr als ein kleines Sätzchen oder eine Fußnote der Geschichte wert; sie wurden halt aus eigener Schuld verjagt oder sind eben "verschollen" geblieben. Wie könnte man Siegermächten auch Vorwürfe machen; sie würden es sich - unter Hinweis auf alleinige deutsche Schuld - verbitten. Zudem könnte es das Schwarz-Weiß-Bild vom bösen, brutalen Deutschen ja relativieren. "Wehe dem Besiegten" gilt offenbar auch in der Geschichtsbewertung. Und als weitere Erkenntnis: Jede Menge sog.Fakten schaffen durch Macht bzw. Gewalt. Allein Das zählt im Ergebnis offenbar und wird letztlich von der Völkergemeinschaft voll akzeptiert, da es sie selbst ja nicht unmittelbar betrifft. Durch das grausamste Beispiel fahre ich gerade.

     Die Stunde Wartezeit ist vorbei; pünktlich fährt der Bus auf Steig 7ein. Die Strecke über Sensburg bis Lötzen kenne ich ja schon. Lediglich ein kleiner Umweg wird gemacht, um ein weiteres, im Zentrum hübsches Dörfchen aufzusuchen. Es wirkt richtig proper und gemütlich. Auf Schornsteinen, alten Dächern und hohen unerreichbaren Gemäuern finden sich jetzt überall leere Storchennester. Diverse Getreidefelder wurden abgebrannt und sind nun schwarz gezeichnet; oder man sieht sie noch in den verschiedenen Richtungen brennen und qualmen. Irene hatte uns erzählt, daß Abbrennen verboten sei; dennoch machten es fast alle Bauern. Es sei am einfachsten und dünge zudem. Irene bewundere ich immer noch. Sie ist eine feine Frau, die weiß was sie will. Und am Beeindruckendsten für mich war… ihr Einfühlungsvermögen. Ich werde nie vergessen, wie sie, als Polin, den Übertritt nach Ostpreußen für uns Vertriebene so gefühlvoll gestaltet hat. Dazu bedurfte es wirklicher Größe. Ich weiß noch, daß ich -wenn auch mehr oder weniger unbewußt - äußerst gespannt war, wie sich gerade ein Pole in dieser doch ungemein schwierigen Situation verhalten würde. Irene war eine Stunde vor mir von Gdingen nach Warschau, in ihre Heimatstadt abgefahren.

     Der Bus hält am Lötzener Bahnhof. Die Sonne scheint wieder herrlich. Welche Unterkunft von Warias für mich vorgesehen ist, weiß ich immer noch nicht so genau; wahrscheinlich ihr außerhalb liegendes Privathaus, denn von dort wollte man mich - vor der Danzigfahrt - schon einmal abholen. Da ich aber in die herrliche Anlage am Kissainsee will, hatte ich mich absichtlich nicht weiter darum gekümmert, um nicht bösgläubig zu werden. Für 4,5 Zloty fährt mich das Taxi zum COS. Der Name war mir bekannt geworden, da auch Warias-Reisen dort ab und zu logiert. Ich staune nicht schlecht, allein die Berufung auf Warias genügt. Mit dem Bemerken, daß die Gruppe gegen Abend komme, wird mir problemlos in der weiten, schönen Anlage ein Zimmer zugewiesen. Auspacken möchte ich sicherheitshalber aber lieber noch nicht. Es geht mir etwas zu glatt.

     Ich steige vom Haus-Hügel herab, dorthin, wo unser Boot vom Stadtkanal kommend, auf den Kissainsee hinausfuhr. Es ist wunderschön hier. Ein kleiner Spazierweg geht direkt am Ufer entlang. Auf einer der hohen Bänke nehme ich Platz und laß (notgedrungen) die Beine baumeln. Eine Gruppe Schwäne schwimmt lautlos vorbei; ein offenbar behindertes "Häßliches Entlein" immer hinterher. Es scheint von den anderen nicht akzeptiert zu werden. Nur einige Segelboote sind auf dem Wasser und das vor einer Woche noch so lebendige Hotel gegenüber sieht fast leer aus. Hoch über mir wandern herrliche Wolkengebilde und lange gefiederte Kondensstreifen gehen quer über den ganzen Himmel. Ein winzig wirkendes Flugzeug zieht einen neuen Streifen von Ost nach West. Plötzlich fällt mir wieder das aufregende Erlebnis im Nepalflieger ein. Natürlich, genau das ist die Route, die auch wir damals genommen hatten. Nur bin ich diesmal am Ziel meines Jahrzehnte währenden Wunsches und schau nach oben. Meine Gefühle von vor 4 Jahren sind mir jedoch noch bestens in Erinnerung. Das Flugzeug ist vorbeigezogen; aus der Gegenrichtung erscheint ein neues, es fliegt in Richtung Moskau. Lange bleibe ich bei diesem Sonnenschein und dem masurischen Panorama sitzen. Nur einmal kommen drei ältere Polen vorbei. Irgendwann spaziere ich am See ein Stück weiter. Ein kleines Restaurant mit Tischen draußen lädt mich zu einem kühlen Bier ein. Ein paar jugendliche Polen sitzen nebenan und haben sich wahnsinnig viel zu erzählen.

     Vor meinem Zimmer werde ich vom Hausmädchen abgefangen. Die Gruppe sei da, ich müßte jedoch ins Nachbarhaus, sagt sie mir. Das dortige Zimmer liegt im Dachstuhl und ist rustikal, fast bayrisch hergerichtet. Mir gefällt's auch ohne den kleinen Balkon. Es klopft. Die neue, recht burschikose Reiseleiterin begrüßt mich und nimmt meine Anwesenheit als offenbar völlig planmäßig hin. Vor dem Haus versammelt sich gegen 7 Uhr die Gruppe zum Abendessen. Ich werde vorgestellt. Ihre Reise war hauptsächlich auf das nördliche Ostpreußen ausgerichtet bis ins Memelland und den obersten Teil der Kurischen Nehrung mit der höchsten Düne der Welt. Auch das Memelgebiet war deutsch bewohnt und gehörte zu Deutschland bis zum "Versailler Diktat" (In der Geschichtsschreibung - wie kann es anders sein - so harmlos als Vertrag bezeichnet) nach dem 1.Weltkrieg. Es wurde völkerrechtswidrig Litauen zugesprochen; die erste Vertreibungswelle in Ostpreußen - wie auch im neu errichteten polnischen Korridor, d.h. Westpreußen - konnte ungehindert vor den Augen der Welt ablaufen. Auch hier zeigt sich: Vertrauen in die Gerechtigkeit der Völkergemeinschaft zu setzen, ist einer der schlimmsten Fehler!

     Das Essen wird an Tischen zu je 4 Personen eingenommen. Ich werde zu 3 Frauen verwiesen. Wie sich herausstellt, sind die beiden sich gegenüber sitzenden Walküren Mutter und Tochter. Mein direktes Gegenüber (in etwa meinem Alter) ist sicherlich die Ansprechendste von den Dreien. Äußerst gepflegt und gestylt bis zum letzten Häarchen, das 100%-ig richtig liegt, teure Garderobe und behängt mit pompösem Goldschmuck an jeder freien Stelle. Ganz Etepetete und ganz Dame. Jede Bewegung, jedes Wort scheint überlegt, nichts ist natürlich oder impulsiv, alles geziert. Wichtig für ihr Ego sind auch ihre Augen. Die werden so groß wie möglich gemacht, fast schon rund. Und dann rollen die Augäpfelchen hierhin, dorthin oder schauen mich wie erstaunt, aber doch verstehend an. Neben ihr als Kontrastprogramm das stämmige ca. 30-jährige Töchterchen: Ein grob geschnitztes, polterndes und wenig appetitliches Mannweib mit Frauenbärtchen. Mehr als skeptisch sieht sie drein, als das Essen aufgetragen wird. Das "Roß" (wie unser verstorbener Hausnachbar Gorczynski sicherlich gesagt haben würde) stochert mit der Gabel auf dem Teller rum und fängt zu schimpfen an. "Schon wieder nichts Vegetarisches, die Warias haben mir doch bestätigt, daß ich es hier bekommen kann." Die Mutter versucht sie zu beruhigen und bietet ihr das eigene Gemüse an. Eine unverschämte Antwort folgt; die Mutter ist augenblicklich ruhig gestellt. Mir ist es peinlich. Auch mein Gegenüber macht besonders große Augen und rollt mit den Augäpfeln. Auf meinen vorsichtigen Hinweis, daß man möglicherweise in der Küche anderes bekommen könne, meint sie nur dumm, daß sie nicht einsehe, in der Küche nachfragen zu müssen, wo ja bekannt sein dürfte, daß sie nichts Tierisches esse. Ich zucke mit den Schultern. Ein paar Häppchen Gemüse und Kartoffeln ißt sie dann doch. Ein Teil bleibt ihr allerdings zwischen den Zähnen hängen. Sie scheint überhaupt ein problematisches Gebiß zu haben, denn auch außerhalb der eigentlichen Essenszeiten klebt dort fast immer was. Daß sie nur wenig ißt, finde ich gut. Denn sie hat die Angewohnheit, während des Essens zu sprechen und dabei einen unappetitlichen Blick in ihre Kaumaschine zu gestatten. Gott sei Dank bin ich durch die Bundeswehrzeit aber ausreichend abgehärtet. Trotz allem finde ich den Tisch mit den drei so unterschiedlichen Frauen recht amüsant und habe meinen stillen Spaß dabei.

     Nach dem Essen will ich noch auf ein Bier ins Städtchen. An der mir lieb gewordenen alten Kirche steige ich aus und wandere die Hauptstraße entlang. Eine kleine, gemütliche Kneipe im Stil des Nußbäumchens von Niederkassel mit hoher Außentreppe und Sitzgelegenheiten auf dem Treppenpodest war mir bereits letzte Woche aufgefallen. Auch das etwas flippige Publikum erinnert mich an Düsseldorf. Ich trinke draußen mein Bier und beobachte das Kommen und Gehen der polnischen Jugendlichen. Es wäre wohl auch mein Stammlokal gewesen, wenn, ja wenn… Ich habe den Eindruck, es wird jetzt jeden Abend kälter. Mit dem Taxi zurück zum COS kostet es 9,50 Zloty. Verärgert weigere ich mich zu zahlen. Unter Hinweis auf "falsch" eingestellten Tarif entschuldigt sich der Fahrer: 6 Zloty. Ich schau kurz in die Hotelbar. Jeder Tisch ist besetzt; auch meine drei Damen sind da.

     Nach dem Frühstück laufe ich Richtung Lötzen. Gleich außerhalb der Hotelanlage links eine Kaserne mit schwerem Flugabwehrgerät. Daher also die unangenehmen Donnerschläge, die mir gestern so unerklärlich waren. Ich gehe nach rechts einen unbefestigten Weg entlang und erreiche die gewaltige preußische Festung Boyen. Unglaublich dicke Mauern bilden einen mehrstrahligen, zudem noch gezackten Stern mitten im Wald. Wegen seiner Größe wird er mir allerdings nicht erkennbar. Hinter einem kleinen idyllischen See beginnen die ersten Häuser. Auch hier eine alte, sicherlich deutsche Kaserne. Kasernen wurden im Krieg eigenartigerweise nur selten zerstört. Ein Soldat schaut gelangweilt - wie überall auf der Erde - aus dem Fenster. Er soll ja demnächst sogar NATO-Soldat sein. Eine militärische oder sogar freundschaftliche Partnerschaft mit Polen, das mehr als 1/3 deutschen Gebietes entvölkert und seit über 50 Jahren besetzt hält, ist für mich eigentlich kaum vorstellbar. Daran ändert auch eine - zur Erreichung der Wiedervereinigung - erzwungene deutsche Anerkennung der sog. Oder-Neisse-Grenze nichts. Denn m.E. müssen zuerst die Folgen verbrecherischen Völkerhandelns, die zum Teil ja durchaus beseitigungsfähig sind, auch gerecht geregelt werden, um eine tragfähige Grundlage für die Zukunft zu schaffen. Bisher hat aber lediglich Deutschland als eines der ganz wenigen Länder dieser Welt Wiedergutmachung für begangenes Unrecht geleistet oder leisten müssen.

     Über eine Fußgängerbrücke im Park quere ich den schon vertrauten Stadtkanal und gelange ins Zentrum. Die Kirche ist leider wieder vergittert; drin sind jedoch Arbeiter beschäftigt. Da nebenan das Pfarrhaus liegt, beschließe ich dort zu schellen. Ein altes, verkniffenes Weib öffnet die Türe nur einen kleinen Spalt. ´Mit der hat der Pfarrer jedenfalls nix´, geht es mir spontan durchs Gehirn. Ob sie meinen Wunsch versteht, weiß ich nicht. Jedenfalls kommt ein Schwall polnischer Worte über ihre Lippen und mir wird klar, daß dieser Hausdrachen mich nicht vorlassen wird. Vor dem Nachbargebäude bietet ein kleiner Stand Bernsteinschmuck an; das eigentliche Geschäft ist aber im Haus. Alle möglichen Farben, wie etwa grün, schwarz, weiß oder eben auch bernstein kann das uralte Harz haben. Allein die ehemalige Umgebung des Baumes oder die Einschlüsse sind hierfür maßgeblich. Ein hübsches Armkettchen, natürlich in Bernsteinfarbe erstehe ich für Gabi zur Erinnerung an Lötzen.

     Durch die recht belebte, morgendliche Hauptstraße wandere ich bis zum Bahnhof. Ich habe vor, die Stelle zu suchen, an der das Bildchen mit meiner Mutter und Kinderwagen am See entstanden ist. Hier in der Nähe kann es eigentlich nur gewesen sein, um von unserem Haus mit dem Wagen am See spazieren zu gehen. Etwas entfernt, fast schon in den Feldern ist ein Bahnübergang erkennbar, sogar mit Schranke und Bahnwärterhaus. Etliche Gleise, die zum Teil mit Gras überwuchert sind, müssen überquert werden. Offenbar war Lötzen früher ein wichtigerer Knotenpunkt als heute. Ich komme auf einen parallel, hier aber etwas ab vom See verlaufenden und vergammelten Spazierweg. Es ist mit Sicherheit der Gesuchte. Ich gehe zuerst nach links, von Lötzen weg. Wildes Feld, nur am Seeufer dichterer Baumbestand oder Schilf. Dann Schrebergärtchen zwischen denen sich mein jetzt schmal gewordener Weg durchschlängelt. Unmittelbar am Ufer geht's weiter. Immer schwieriger wird allerdings mein Durchkommen: Alte Bäume, Gestrüpp und Schilf, dazu ein morastiger werdender Weg. Dennoch ist es für mich wunderschön, hier am See entlangzustreunen. Auf dem teils ganz seichten Wasser sitzen viele Vögel; Enten und Schwäne sind auch dabei. Einfach toll dieses Masuren denke ich. Und wieder herrlichster Sonnenschein. Das Wasser glitzert und spiegelt, das Schilf bewegt sich leicht im lauen Lüftchen … Stimmung, Stimmung pur. Erst ein angeketteter, zähnefletschender Schäferhund bei einem Sägewerk zwingt mich zu Umkehr. Der Spazierweg in die Gegenrichtung wird leider bald durch die Abzäunung eines weiteren Sägewerks versperrt. Hier ganz in der Nähe muß das Bildchen aber von Tante Marga gemacht worden sein. Vielleicht komme ich ja von der Hafenseite aus an die Stelle. Über die Gleise zurück gehe ich den Weg geradeaus. Recht exklusive Anwesen stehen hier. Die Danziger Str. und unser Haus sind nicht mehr weit. Dort ist es. Mit Freude aber auch mit großer Wehmut im Herzen bleibe ich wieder lange schräg gegenüber stehen. Wie vertraut das Haus mir doch geworden ist. Ebenso das kleine, hochgieblige Knusperhäuschen von Palloks. Eine Frau beginnt vor der Außentür zu fegen und vertreibt mich damit.

     Ich geh durchs Städtchen zum Hafen runter. Der letzte Woche noch so belebte Strand ist heute trotz des Sonnenscheins völlig leer. Die Touristen sind aus dem masurischen Feriengebiet - mit Lötzen als Zentrum - wieder abgereist. Man erzählt mir, daß gestern am 1.September die Schule in Polen wieder begonnen habe. Mit Blick auf den glitzernden Löwentinsee sitze ich auf der Mole. Ein paar Angler sind zu sehen. Auch einige ältere Ehepaare kommen vorbei; ich höre deutsche Laute. Sie sind wohl das, was man so leicht als "Heimwehtouristen" abtut. Ich empfinde dieses Wort als fatal, aber bezeichnend für die Verharmlosung dessen, was diese Leuten tatsächlich bewegt hat, hierher zu kommen. Touristische Ambitionen sind es nicht. Es ist vielmehr ein überaus hartes und tief aufwühlendes Erlebnis für jeden Vertriebenen, sehen, erleben und gefühlsmäßig durchstehen zu müssen, daß ein anderes Volk von allem, aber auch wirklich von allem, was doch eigentlich nur ihm, dem Vertriebenen allein zusteht, totalen Besitz ergriffen hat. Dennoch habe ich auf der gesamten Tour keinen einzigen Laut der Klage von irgend jemandem gehört. Keiner kann oder will offen darüber sprechen; alles spielt sich innerlich ab. Jeder tut so, als ob das Herumwandern, Herumfahren und Ansehen der Häuser, der Dörfchen, der Städte und der herrlichen masurischen Landschaft völlig normal sei. Nur auf diese Weise ist das traumatische Erlebnis wohl überhaupt zu verkraften. Allenfalls mal zufällig am Tisch oder abends beim auflockernden Bier werden ganz wenige der schrecklichen Erlebnisse und des Leides durch die Vertreibung erzählt, aber dann übertrieben neutral, fast unpersönlich. Das Gefühl muß einfach außen vor bleiben. Alle versuchen stets lustig, gelockert und gut gelaunt zu erscheinen, selbst wenn sie gerade vom Besuch ihres Heimatörtchens zurückkehren. Keiner will dem anderen sein eigenes Leid noch zusätzlich aufbürden, sondern es ihm allenfalls auf diese Art und Weise leichter machen. Ich kann es gut nachvollziehen.

     Was ich bislang - trotz diverser Versuche - noch nicht nachvollziehen kann, ist die Gedanken- und Gefühlswelt eines Polen, der hier lebt, ggf. hier schon geboren wurde und nunmehr so oft die Busse mit den vielen Vertriebenen zu sehen bekommt. Oder sogar einzelne dieser Personen von Angesicht zu Angesicht in seine/desanderen Wohnung einläßt, so wie ich es erlebt habe. Macht er sich überhaupt weitere Gedanken? Nimmt er es einfach hin, so als ob er ein normaler Vormieter mal anklopft? Oder sagt er sich, es geschieht ihnen recht, sie haben ja selber Schuld, daß sie nicht mehr hier sind; jetzt bin ich eben hier. Oder fühlt er sich vielleicht schuldig? Ich habe darüber nie mit einem Polen gesprochen; ich will es letztlich wohl auch gar nicht wissen. Ich weiß aber auch nicht genau, wie ich selbst in gleicher Situation hier fühlen und denken würde, obgleich mich dies schon oft beschäftigt hat.

     Meine Versuche, die genaue Stelle des Bildchens doch noch zu erreichen, scheitern. Ein breiter Hafenkanal liegt leider dazwischen. Auf dem Weg ins Städtchen komme ich an einem Kindergarten vorbei. Sehr viele, insbesondere auch blonde Kinder tummeln sich auf dem Hof und schreien vor Vergnügen. Mir macht es das Herz aber schwer, diesen polnischen Nachwuchs in Lötzen zu sehen. Nebenan wird gerade ein mit Ornamenten überladenes Gebäude aus alter Zeit renoviert. Es wird ein Prachtstück. Auf der Hauptstraße, in einem italienischen Restaurant, bestelle ich meine Spaghetti und eine weitere Portion gleich hinterher. Draußen auf dem breiten Bürgersteig esse ich, trinke meinen Kaffee und beobachte dabei das vorüberwandernde Lötzener Publikum und einige mit dem Auto angereiste Deutsche. Um hier so viel wie möglich in mich aufzunehmen, gehe ich wieder zu Fuß zum COS zurück. Ein Stündchen Ruhe im Zimmer und mein gestriges Plätzchen am Kissainsee ruft. Auf dem Weg dorthin treffe ich die junge polnische Reiseleiterin von Bergkamen wieder. Sie begrüßt mich herzlich mit Küßchen links und Küßchen rechts und erzählt, daß sie jetzt ihre erste Gruppe allein durch Ostpreußen begleitet. Am See ist es wieder wunderschön. Ich sitze an verschiedenen Stellen. Hinter mir wird der Wald von Soldaten gefegt. Man merkt, es macht ihnen keinen Spaß. Das Restaurant ist leer; das Ende der Saison ist jetzt halt überall zu spüren. Die vielen Entengruppen auf dem See scheint dies aber wenig zu stören.

     Zum Abendessen gehen Mutter und Tochter getrennt. Offenbar hatte die Mutter mit der Reise einen letzten Versuch unternommen, mit ihrem Kind wieder in Kontakt zu kommen. Daß es voll in die Hose gegangen ist, tut mir leid für sie. Sie ist sicher eine herzensgute Frau. Das Essen für das Roß stimmt wieder nicht. Sie ist nicht nur Vegetarierin, sondern noch was Extremeres; ich habe die Bezeichnung dafür vergessen. Es dürfen auch keine Eier verarbeitet sein und in den Klößen werden sogar die mit tierischem Fett gebräunten Brotstückchen beanstandet. Das Lachen konnte ich allerdings nicht mehr unterdrücken, als das - vom Töchterchen schon befürchtete - "corpus delikti" in den Klößen sichtbar wurde. Die Gestylte schaut mich mit runden Augen vorwurfsvoll an; sie scheint so etwas wie verständnisvollen Mutterersatz spielen zu wollen. Doktorin soll sie sein, wie ich zwischen den Zeilen heraushöre. Nach dem Essen wandere ich durch die weite Anlage zum Ausgang, um von der Rezeption Gabi anzurufen. Da schon zu viele warten fahr ich doch erst mit dem Taxi zum "Nußbäumchen". Es herrscht wieder guter Betrieb. Später in der Hotelbar finde ich noch ein Plätzchen in großer, netter, ostpreußischer Runde.

     Ein paar Schlafutensilien packe ich sicherheitshalber morgens ein; über die Seenplatte will ich heute mit dem Schiff nach Nikolaiken fahren. Es erscheint mir interessanter, als die Geburtsstadt Goldap meines Vaters aufzusuchen. Ich hab einfach zu wenig Informationen darüber. Das Schiffchen verpasse ich aber um genau eine Minute; ich sehe es noch aus dem Hafen rausfahren. Also mit dem Bus und Morgen halt mit dem Schiff zurück. Bis um 11 Uhr muß ich am Bahnhof allerdings jetzt warten. Gegenüber sehe ich die Kneipe vom ersten Abend in Lötzen. Schmunzeln muß ich wieder bei dem Gedanken, daß sich weder Gabi noch ich den Namen des Hotels gemerkt hatten. Nur mit Mühe und einigen Umwegen hatte ich den Taxifahrer dann zum "Gwarek" lotsen können. Der alte Bus schuckelt gemütlich durch die Masuren, es ist wieder wunderschön. Über schmale Alleestraßen, das Dörfchen Rhein geht's bis zur Kirche in Nikolaiken. Die Kirche ist zufällig offen und drinnen wunderschön renoviert. Ganz in der Nähe die Stadtbrücke, unter der ein Relikt aus der "guten, alten Zeit" angekettet und mit einer goldenen Krone auf dem bemoosten Haupt schwimmt: Es ist der legendäre Stinthengst, der "König der Fische". Die Sage erzählt, daß der Riesenfisch eifersüchtig über seine "Untertanen" im Spirdingsee herrschte und wachte. Er zerriß die Netze der Fischer, befreite die gefangenen Fische und stürzte die Boote um. Als man ihn endlich überlistet hatte, versprach er den Fischern für immer einen reichen Fang, wenn man ihn nur am Leben ließ. So beschloß der verängstigte Dorfrat schließlich, den (künstlichen) Stinthengst für alle Zeiten an einen Brückenpfahl zu binden, wo er noch heute auf den Wellen schaukelt. Und steinern spuckt er seine Fontänen am alten Marktplatz aus, an dem es sich auch sehr gut Kaffetrinken und essen läßt, wie ich später feststelle. Quartier beziehe ich in der langen, beidseitig mit nur winzigen Häuschen bebauten Straße, die direkt vom Markt abzweigt.

     Es ist geruhsam und gemütlich in Nikolaiken wenn auch schon erkennbar wird, daß der aufstrebende Tourismus hier viel verändert. Ich schlendere an der Uferpromenade entlang und beobachte das Treiben auf den vielen kleinen und größeren Jachten, die hier vor Anker liegen. Von Armut der Polen kann auch hier keine Rede sein. Das Ruhestündchen auf meinem schönen Zimmer wird leider immer wieder durch laute Stöße eines Straßengullis unterbrochen, wenn ein Auto drüber fährt. Mein Versuche, Oropax zu kaufen, schlagen fehl. Abends sitze ich noch lange an der Promenade unter einem glitzernden Sternenhimmel. Nach und nach gehen die Segler zum Schlafen auf ihre Kajütboote. Aus einem Hafenlokal tönt laute Musik; eine große Gruppe Jugendlicher sitzt außerhalb und läßt sich's beim Bier gut gehen. Ich bekomme nur noch drinnen einen Platz. Vor dem Nachbarhaus meiner Pension wurde eine gewaltige Fuhre Koks abgeladen und zwei Männer sind noch dabei, die Kohlen durchs Kellerfenster zu schippen. Na dann gute Nacht, denke ich.

     Das Frühstück ist vom Feinsten. Andere Deutsche müssen hier ebenfalls abgestiegen sein, wie die vielen parkenden Autos hinterm Haus aufzeigen. Bei herrlichstem Sonnenschein will ich am Hafen mein Bootsticket kaufen. Vom netten Verkäufer werde ich aber immer wieder hingehalten. Offenbar hängt die Durchführung der Fahrt vom Passagieraufkommen ab. Gott sei Dank werden es - wenn auch tröpfelnd und deshalb recht aufregend - ausreichende 24 Personen. Die Fahrt durch mehrere wunderschöne, blaue Seen und kilometerlange Kanäle kann losgehen. Ich genieße fast 4 volle Stunden mal am Bug des Schiffes, mal beim Heck, mal links, mal rechts oder nach oben schauend, zu vorbeiziehenden Vögelformationen bis in der Ferne die Häuser von Lötzen auftauchen. Mit zwei Leipzigern, die per Auto Ostpreußen durchstreifen und mir vom Spirding-"Meer" vorgeschwärmt hatten, wird im mir schon bekannten Restaurant an den Bahngleisen Fisch gegessen. Der eine erzählt, daß ihm genau hier vor drei Jahren sein Mercedes bei nur ganz kurzer Abwesenheit gestohlen worden sei.

     Im COS sitz ich später - wie gehabt - mit dem Blick auf das phantastische masurische Panorama. Hoch oben am Himmel ziehen die Flugzeuge neue Streifen. Im spitzen Winkel scheinen zwei Flieger exakt aufeinander zuzurasen… sie kreuzen sich aber nur. Die Wolkengebilde werden mächtiger und drohender. Die Sonnenstrahlen scheinen nur noch an einigen Stellen - jedoch äußerst stimmungsvoll und wie Fächer ausgebreitet - durch die Wolkenwände. Einige unserer Pärchen sowie die Reiseleiterin leihen sich trotz des eigenartigen Wetters noch Boote aus und rudern damit weit auf den See hinaus. Es dauert nicht mehr lange; der Himmel öffnet seine Schleusen und wie aus Kübeln rauscht der dichte Regen herab. Von unseren Leutchen auf dem Wasser ist nichts mehr zu sehen. Eine gute halbe Stunde muß ich allein im Uferrestaurant ausharren, bis der Regen endlich etwas nachläßt und ich zu meinem Zimmer rennen kann.

     Um 7 Uhr abends ist wieder gemütliche Runde mit meinen drei Damen. Alles wie gehabt: Das Töchterchen mault über das Essen, die Mutter ist im wesentlichen sprachlos und mein Gegenüber macht große Augen. Herr Warias, Chef des Unternehmens und gleichzeitig auch der Busfahrer, kommt vorbei und hält mir ein Fax vor die Augen. Es zeigt meine Reisebestätigung. Und siehe da, im Betreff des Schreibens steht tatsächlich sein eigenes Haus als meine Buchung. Mir war es ehrlich nicht an dieser außergewöhnlichen Stelle aufgefallen. Ich entschuldige mich und erkläre mich selbstverständlich zur Zahlung des Mehrpreises für das COS bereit. Alle sind's zufrieden, zumindest jedoch ich. Gabi erreiche ich diesmal telefonisch. Sie hat 18 Stunden bis nach Düsseldorf gebraucht und wieder mit dem häßlichen Umweg ins Sauerland. Mir graut vor der Heimfahrt, zumal ich noch nicht mal weiß, wo ich überhaupt im Bus sitzen werde. Beruhigend ist aber die offenbare Erkenntnis, daß ich das Kaffeemaschinchen bei der Abreise tatsächlich ausgemacht hatte. Diese Frage hatte mich nämlich auf der Herfahrt doch stark beunruhigt und einige Nerven gekostet. Da ich aber wußte, daß ich einen letzten Überprüfungsgang durch die Wohnung gemacht hatte, durfte eigentlich ja nichts schiefgehen. So jedenfalls hatte ich mich selbst beruhigt. Das abendliche Bier auf der Hauptstraße möchte ich, solange ich hier bin, nicht mehr missen. Es ist nochmals kälter geworden und ich staune wie leicht bekleidet manche Mädchen dennoch rumlaufen. Zufällig erwische ich wieder das Taxi zu 9,5 Zloty. Der Fahrer schaut schuldig drein und zeigt mir ausdrücklich die Tarifstufe 1 auf dem Tachometer. Ich muß grinsen und alles ist wieder im Lot: 4,5 Zloty und eine Visitenkarte mit Telefonnummer.

     Die Hotelbar ist voll. Am Tisch, an dem meine drei Grazien sitzen, wird gerade ein Platz frei. Korn, Wein und Bier werden hier getrunken. Wie ich erstaunt feststelle, hat die Doktorin schon kräftig zugelangt. Und sie kippt weitere Klare hinterher. Später sitzt nur noch sie und ich am Tisch. Sie bestellt sich wieder einen Klaren und Wein. Sie erzählt, daß sie mit ihrem Mann zusammen eine psychologische Praxis führe. Nun, so was ähnliches hatte ich mir schon gedacht, als ich von ihrem Doktortitel erfuhr. Denn eine große Leuchte war sie sicher nicht und daß sie erhebliche eigene Probleme hat, stand für mich ohnehin schon längst außer Frage. Für einen Seelendoktor wohl auch keine so seltene Kombination, wie ich meine. Probleme bekommt sie jetzt auch noch beim Aufstehen. Trotz ihres recht kräftigen Unterteils wollen ihre Beine nicht mehr so recht. Ich muß handgreiflich werden; dankbar rollt sie dafür mit den Augen. Vor ihrer Haustüre liefere ich sie ab und geh schnell meines Weges zum Nachbarhaus.

     Zu meinem Kummer ist heute endgültig der letzte Tag in Lötzen angebrochen. Nach dem Frühstück fährt die Gruppe - wie jeden Tag - mit dem Bus irgendwo hin. Ich dagegen mache meinen morgendlichen Spaziergang ins Städtchen, vorbei an den Kasernen, über die diesmal geöffnete Drehbrücke des Stadtkanals bis zur alten Kirche an der Hauptstraße. Die Sonne scheint. Das Gitter in der Kirche ist natürlich geschlossen, obgleich die Arbeiter bereits drinnen werkeln. Lange schaue ich wieder hinein. Im Kirchenschiff taucht auf einmal der pastorale Hausdrachen auf, öffnet das Gitter um es aber sofort wieder hinter sich zu schließen. Ich versuche ihr erneut verständlich zu machen, daß ich hinein möchte. Sie will aber nicht und brabbelt auf polnisch los. Diesmal laß ich jedoch nicht locker und zeige ihr, wie ich fiktiv ein Baby auf Händen halte und deute dabei eindringlich auf mich. Endlich scheint sie's kapiert zu haben und öffnet tatsächlich das Gitter. 'Fünf Minuten' macht sie mir dabei mit strenger Miene klar. Ich trete ein und - wie aus heiterem Himmel - schießen mir Tränen in die Augen. Wie sowas sein kann, weiß ich nicht und versteh ich auch nicht: Mir wird jedenfalls im selben Augenblick 100 % bewußt, daß ich hier drinnen schon mal gewesen bin; der Kirchenraum ist mir seltsam vertraut und bekannt. Ich bin jetzt völlig sicher, daß dies tatsächlich meine Taufkirche war. Langsam geh ich im Mittelgang bis zum Altar vor. Die Tränen rollen weiter. Lange steh ich bewegt im Angesicht des Jesusbildes. Erst dann nehme ich auch den hölzernen, wohlgeformten Sockel mit dem Taufbecken und Blumen drin wahr. Genau hier an dieser Stelle war es also. Ich versuch es mir vorzustellen… Um das Taufbecken herum ist noch in deutscher Sprache "Im Namen des Vaters des Sohnes und des heiligen Geistes, Amen" eingeschnitzt. So viel Anstand hatten die Polen wohl doch besessen, diesen Schriftzug stehen zu lassen. Oder hatten sie einfach Angst vor dem Zorn einer höheren Macht, wenn nicht nur Menschen, sondern auch die Kirche geschändet wird? Letzteres glaube ich eher. Auf einem Tisch an der Seite liegen Postkarten. In Klammern steht auch Lötzen drauf. Endlich einmal! Ich entrichte meinen dankbaren Obolus für die Kirche sowie die Karte und gehe tief beeindruckt von meinem Erlebnis wieder nach draußen. Hinter mir wird sogleich abgeschlossen.

     Auf der Hauptstraße kaufe ich in einem modernen Geschäft eine Flasche deutschen Rheinweins für Mamuscha und an einem Kiosk noch Blumen. Vorbei am Wasserturm, der Schule, dem Altersheim sowie der neuen Kirche geht's leider das letzte Mal für diesen Urlaub zu unserem Haus. Oben bei Mamuscha schelle ich. Sie scheint jedoch nicht da zu sein. Beim Hinuntergehen öffnet sich dann aber doch noch die Tür und Mamuscha begrüßt mich herzlich. Heute bleibe ich konsequent: Nur Kaffee. Stolz zeigt sie mir ihr neues Telefon; ich hätte ihre Telefonnummer aufschreiben sollen, um ab jetzt immer einen direkten Draht nach Lötzen zu haben. Nach einem halbstündigen Plausch verabschiede ich mich endgültig von ihr und umarme sie dabei. Ob ich sie nochmals in meinem Leben sehen werde? Ich glaube schon.

     Erstmalig drücke ich die Klingel an unserer früheren Wohnung. Die ältere Frau - offenbar ist sie die eigentliche Wohnungsinhaberin - öffnet und bittet mich sofort freundlich herein. Wie schon bekannt, ist die Küche ziemlich durcheinander. Dennoch fühle ich mich wohl. Im Wohnzimmer steh ich wieder längere Zeit. Bin ich hier drin nun geboren? geht es mir erneut durch den Kopf. Ich frage, ob ich auch das hintere, heute geöffnete Zimmer ansehen darf. Sie erlaubt es. Tante Marga wird mir später bei meinem Besuch in München (Januar 1998) erklären, daß dieses kleinere Zimmer Ende 1940 unser Schlafzimmer war. Aber auch noch Ende 1943 mit dann drei kleinen Kindern? Neue Thermopenfenster stehen im Zimmer am Schrank angelehnt. Sie sollen in den nächsten Tagen eingebaut werden, berichtet die Frau stolz. Ich dagegen bin froh, noch unsere alten Fenster, durch die der Schnee hereinwehte, erlebt zu haben. Auch das Badezimmer mit Toilette kann ich betreten und fotografieren. Das jetzige Schlafzimmer bleibt mir allerdings endgültig verschlossen; ich versteh's. Sie erzählt, daß ihr Sohn in Bialystok Jura studiert und bittet für ihn um meine Adresse. Er möchte nämlich gern während der Ferien in Deutschland etwas Geld verdienen. - Es fällt mir schwer, die Wohnung zu verlassen. Immer wieder zurückschauend wandere ich die Danzigerstraße runter Richtung Bahnhof. Das lichte, sonnendurchflutete Wäldchen mit seinen vielen, kräftigen Birken zieht mich diesmal an. Spazierwege und Bänke finden sich darin. Es ist wunderschön hier zu sitzen. Aus einer nahe gelegenen Schule höre ich das Stimmengewirr aus dem Pausenhof und einige ältere Schüler halten sich ebenfalls im Wäldchen auf. Erst zu Hause werde ich feststellen, daß das Bildchen mit meinem Vater, Nati und mir hier gemacht worden sein muß. Ich freue mich über das jetzige Wissen. In der lila Bahnhofshalle verbringe ich ebenfalls einige besinnliche Minuten. Dann sitz ich wieder lange auf der Mole bei dem herrlichsten Sonnenschein und schau gedankenverloren über den weiten, glitzernden Löwentinsee. – Das wäre also meine Heimat gewesen. –

     Am späteren Nachmittag genieße ich nochmals den Blick vom COS aus über den Kissainsee mit seinen Inseln. Da das Seerestaurant wohl endgültig geschlossen ist, trinke ich meinen Kaffee auf der Terrasse vor der Hotelbar. Die flotte Kellnerin von abends bedient schon. Zwei große Busse aus Deutschland kommen gerade an und verteilen ihre grauhaarige Fracht in die Umgebung. Das letzte Abendessen in Lötzen wird eingenommen und natürlich noch ein kaltes Bier auf der Hauptstraße im "Nußbäumchen" getrunken. Eine Unmenge an Polen strömt wie durch einen Trichter Richtung Hafen. Ich laß mich mittreiben und stelle fest, daß heute ein Musikabend in einer riesigen Arena, die die Form eines Piratenschiffs hat, stattfindet. Für mich aber heißt's bald: Auf Wiedersehen mein Lötzen. Es fällt mir sehr, sehr schwer, Dich zu verlassen.

     Mein Platz im Bus ist in der letzten Reihe. Zwei Plätze bleiben wunderbarerweise neben mir frei, so daß ich's mir richtig bequem machen kann. Dennoch ist mein Herz wegen des Abschieds voller Wehmut. Kurze Zeit nach der Abfahrt werde ich aus meinen Gedanken geschreckt, als übers Mikrofon "Pliquett" gerufen wird. Man will mir das wirklich hübsch gelegene Haus von Warias zeigen. Insgeheim bin ich aber doch froh, im näher gelegenen COS mit seinem herrlichen Blick über den großen See gewesen zu sein. Später werde ich - entsprechend meinem geäußerten Wunsch - zum "Cockpit" des Busses gebeten, um mal etwas Fahrtstrecke durch einen der langen, grünen Alleetunnel von vorne zu erleben. Es ist wirklich beeindruckend. Kurz vor Rastenburg kommt wieder der Hinweis, daß nur ca. 5 km entfernt der bisher durch Sprengung nicht zerstörbare Führerbunker liegt. Hier wurde auch das leider fehlgeschlagene Attentat auf Hitler von Graf von Stauffenberg verübt. Die herrliche masurische Landschaft nimmt mich wieder gefangen. Bei Braunsberg achte ich diesmal auf die alte Reichsautobahn, die von Elbing nach Königsberg führt. An den heutigen Autobahnen gemessen, wirkt sie fast niedlich. Ich sehe kein Auto drauf. Es wird uns erklärt, daß die Russen unmittelbar an der Grenze einen riesigen Krater in die Straße gebombt hätten, der bis heute nicht beseitigt sei. Die seit Jahrzehnten währende Diskussion zwischen Polen und Rußland ginge allein um die Frage, wer die Kosten der Straßenerneuerung tragen solle.

     In Frauenburg mache ich diesmal lediglich einen kurzen Rundgang durch den Dom und steige dann sofort auf den Glockenturm. Der Blick von oben über das weite Haff hat es mir angetan. In der Ferne wieder der weiße Streifen der Nehrung. Wo er sich im Dunst verliert, muß die Hafenstadt Pillau liegen, direkt am einzigen Haffausgang. Ich erinnere mich an die Erzählung, daß mein Schwiegervater als Soldat mit dem allerletzten Schiff von dort wegkam. Das Schiff wurde torpediert; er wurde als einer der Wenigen aus dem eiskalten Wasser gefischt und nach Kopenhagen gebracht. Von dort ging er zu Fuß bis nach Deutschland. - Das Essen ist wieder hervorragend. Meine neue Tischnachbarin ißt fast nichts. Leise und mit Tränen in den Augen erzählt sie von ihrer Flucht aus Frauenburg. Als ich nach draußen komme, stehen 4 Personen an der mir schon bekannten Hügelstelle mit der schmalen Sicht durch die Bäume aufs Haff. Tränenerstickt berichtet diesmal eine Frau und mit starrem Blick ein Mann. Offenbar reißt das Frische Haff in ganz besonderem Maße bei vielen wieder schlimmste Wunden aus der Vergangenheit auf.

     Auf der Weiterfahrt nach Danzig beginnt es leicht zu regnen. Und es hört nicht mehr auf bis nach Gdingen. Während die Gruppe in die Kaschubei fährt, sitz ich lieber - wie schon letzte Woche mit Gabi - am Fischstand beim Hafen. Mir ist jetzt bekannt, daß dort drüben, keine 200 m entfernt, bei Kriegsende das mit Flüchtlingen überladene Schiff "Gustloff" vom Kai abgelegt hat, den tausendfachen Tod bereits an Bord. Der Mann vom Hügelrand in Frauenburg hatte das Schiff nur ganz knapp verpaßt. Die Strände sind jetzt leer; der Blick über die Ostsee verschwimmt im Grau. Am letzten Tag sehe ich Danzig hauptsächlich im Regen. Wieviel schöner war es doch letzte Woche. Allein fahre ich mit der S-Bahn vom Danziger Hauptbahnhof nach Gdingen zurück. Unsere Gruppe macht die mir schon bekannte Runde. Der Bahnsteig ist wieder unrichtig ausgeschildert; ich habe es schon geahnt. Abends treffen sich viele der Reisemitglieder zu einem letzten Bier in der Bar. Vor dem Schlafengehen verweile ich noch einige Zeit an der Promenade und hänge meinen Gedanken über die mich so bewegende Ostpreußenreise nach.

     Um 4.30 morgens ist Abfahrt. Es dauert lange bis die Plattenbauten von Gdingen vorbei sind. In Erinnerung wird mir lediglich ein bunt beleuchtetes, kleineres Haus zwischen den Blocks bleiben. Dann beginnt wieder hügeliges Moränenland mit Feldern, Wäldern aber nur wenigen Ortschaften. Hier ist Pommern. Auch Pommern wurde entvölkert und mußte dasselbe grausige Schicksal erleiden wie Ostpreußen. Fünf Stunden fahren wir auf guten Straßen und in hohem Tempo durch. Einige Businsaßen geben kleine, selbstverfaßte Geschichtchen und Gedichte in ostpreußischem Dialekt zum Besten. Auch ein ehemaliger Säufer berichtet frei über seine Lebensgeschichte. Aus dem Alkoholsumpf soll ihn die Kraft eines (erstmaligen und inbrünstigen) Gebetes gezogen haben. Stolp, Stettin, Berlin, Hannover und Bergkamen. Ein kleinerer Bus fährt uns - ohne den Umweg ins Sauerland - sofort weiter bis Düsseldorf. Um 20 Uhr kann ich Gabi zu Hause in die Arme nehmen.

Aufwiedersehen mein Ostpreußen, Masuren und Lötzen. Ich komme wieder!!
 

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