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Reise nach Ostpreußen
 
- II -
 

Wappen von Lötzen



     Der Bus fährt im frühesten Morgengrauen ab. Es ist eine wunderbare Stimmung draußen. Über den kleinen Seen in den Senken liegen wattige Nebelschwaden, die dahinziehenden Felder und Wäldchen stecken noch teilweise im Morgendunst und die ab und zu vorbeihuschenden Häuschen und Gehöfte sehen so friedlich und verschlafen aus. Bald ist auch der rote Sonnenball knapp über den Horizont gestiegen und taucht jetzt die herrliche weite Landschaft in warmes, freundliches Licht. Es ist Ostpreußen wie aus dem Bilderbuch. Zwei Stunden schnelle Fahrt durch das hügelige Land und die Grenze zum russischen Teil ist erreicht. Unser Bus ist - wie erhofft - der Erste. Dennoch dauert die Abfertigung mit Gesichtskontrolle durch die Russen fast eine Stunde. Wofür, weiß ich wirklich nicht. Entsetzlich der hoch aufragende, stelzige und mit bewaffnetem Posten besetzte Wachturm. Jetzt der planierte, völlig nackte, mit beidseitigem Stacheldraht eingefaßte, ca. 8 m breite Grenzstreifen. Und diese Schande - wie mit dem Lineal gezogen - quer durch ganz Ostpreußen! Unwillkürlich drängt sich mir der Vergleich zur "Gott sei Dank" untergegangenen DDR auf. Die Atmosphäre und das bedrückende Gefühl ist ebenfalls da. Alles wirkt trostlos: Die Häuser und kleinen Orte total verkommen, hier und dort im Gelände die Gerippe von irgendwelchen kaputten Maschinen, häßliche, aufgegebene Fabrikgebäude stehen herum und natürlich gibt's Militäranlagen. Aus ehemaligem Kulturland ist jetzt Brache, Weideland oder Steppe geworden. Es tut weh, nach draußen zu blicken.

     In der Ferne taucht Königsberg auf, die einstige Perle von Ostpreußen. Wir fahren an der Peripherie vorbei. Es sind nur Plattenbauten und verrußte Schornsteine von hier aus zu sehen. Das Flüßchen Pregel wird überquert. Nebenan ragen noch die Reste der offenbar im Krieg zerstörten Brücke weit aus dem Wasser. Deprimierend! Unsere neu zugestiegene, wohlgenährte russische Reiseleiterin nervt. Ihr Mund steht seit der Grenze nicht still. Ohne Pause, Punkt und Komma und ohne Möglichkeit einer Flucht erfahren wir, wie sie Kuchen bäckt, Gurken einmacht, von ihren Kindern aber auch von den Problemen der heutigen Zeit durch die politischen Umwälzungen und von der Unverschämtheit, daß Jelzins Sohn, statt zum Militär zu sollen wie die anderen auch, sich ein schönes Leben in England machen darf. Auf sämtliche russische Politiker ist sie nicht gut zu sprechen - halt wie überall. Sie kommt aus Wladiwostok, dem anderen Ende des russischen Reiches. Was wollen solche Leute nur in Ostpreußen?

     Das jetzt erreichte Samland erscheint mir irgendwie freundlicher, lichter und grüner. In der Ferne wird die blaue Ostsee sichtbar. Der ehemals mondäne Badeort Rauschen liegt vor uns. Überall stehen Bäume mit Häusern dazwischen. Teilweise typische Sanatoriengebäude aber auch alte, große und etwas heruntergekommene Villen aus deutscher Zeit. Dennoch ein bißchen Atmosphäre wie in südlichen Urlaubsorten, die inmitten von Pinienbäumen liegen. Vor einem Hotel machen wir halt. Alles rennt zum Klo; jedes Blatt Klopapier wird hier einzeln in DM verkauft. Bei herrlichem Sonnenschein wandern wir die Hauptstraße entlang, an kleinen Ständen vorbei, die allerlei Krims-Krams, wie Püppchen, Stricksachen, Souvenirs und Bernsteinschmuck anbieten. Erstmalig sehe ich auch Bilder aus aufgeklebten Bernsteinstückchen. Durch wunderschönen Baumbestand führt eine gewundene Straße die Steilküste hinab und die offene, völlig ruhige Ostsee liegt erstmals vor uns.

     Gabi und ich trennen uns sogleich von unserer großen Gruppe, um allein und in Ruhe den Strand und die steile, oben schön bewaldete Samlandküste zu genießen. Aber leider auch hier Unrat, Plastik, Dosen, Tampons, von der Steilwand gefallene große Steine im Sand und zwischen alledem Russen. Wie ist sowas nur möglich! Wir überspringen ein Abwasserrinnsal und wandern weiter den Strand entlang. Dicke Betonmauern, teilweise gesprengt, müssen über- oder unterklettert werden. Es ist kein Genuß; es ist bitter traurig. Vereinzelt oder auch in kleinen Grüppchen liegen die Russen im Sand und schauen uns nach. Sie erscheinen mir mürrisch, unzufrieden und deplaziert. Wie schön könnte es hier doch sein. Ich kann mir vorstellen, wie es früher gewesen sein muß. Wir gehen zurück; ich habe die Schuhe angelassen. Auch was sich hier Promenade nennt – total verschandelt. Ein wuchtiger, grauer, hoher Betonklotz ragt mitten aus der Promenade und verbindet in luftiger Höhe die obere Steilküste mit dem Strand. Es soll offenbar kein Schlag ins Auge sein, sondern ein Lift. Wir benutzen ihn und zahlen je eine DM. Der Blick von oben ist allerdings wunderschön. Die herrlich bewaldete, sich weit bis zum Horizont dahinziehende, jetzt zur See hin weiße Steilküste, der weiße Strand, das blaue Wasser und darüber der strahlend blaue Himmel. Die Russen unten nur noch kleine, sich verlierende Tupfer im Sand.







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     Picknick und die Fahrt geht nach Cranz. Verfallende Höfe, Kühe auf den Wiesen und in der Ferne am Waldrand kreuz und quer gebaute neue Häuschen, wie hingewürfelt. Der ehemals so berühmte Badeort, das Saint Tropez von Ostpreußen, bietet absolut nichts mehr; wir fahren gleich weiter zur Kurischen Nehrung und halten irgendwo im Wald. Ein kleiner Pfad führt zum Strand. Wieder einige Russen die dort liegen und Müll. Die bis zum Horizont geschwungene Nehrung mit weißem Sand wird gut sichtbar. Alle haben aber offenbar kein Bedürfnis, hier lange zu verweilen. Der Versuch, weiter auf die Nehrung zu kommen, scheitert. Wir werden von einer Kontrollstelle abgewiesen und müssen - ohne wenden zu dürfen - die mit parkenden PKW's vollgestellte Straße mit dem Bus rückwärtsfahren. Das Wendemanöver unseres Fahrers ist Spitzenklasse.

     Die ersten Häuser von Königsberg sind erreicht. Es sind Blocks aus deutscher Zeit; der Putz bröckelt und viele Fenster sind nur notdürftig repariert. Schlimm auch die Straßen. Im Sturmschritt macht unser Bus die Stadtrundfahrt. Man kann keine Einzelheiten aufnehmen. Wie ein Maschinengewehr und ohne sich auch nur einmal zu verhaspeln (eigentlich faszinierend) erläutert unsere russische Reiseleiterin was links und rechts der Straße an Gebäuden vorbeizieht. Unsere Köpfe fliegen hin und her wie beim Kopfschütteln. Der hiernach allein verbleibende Gesamteindruck der Stadt ist fatal; ebenso auch der genau im Zentrum erbaute gewaltige, graue und noch nie genutzte Betonkoloß. Eines der wenigen alten Gebäude, die jetzt restauriert werden, ist der Dom. Das ehemalige Schloß ist verschwunden. Man sagt, daß Breschnjew einst durch die Stadt gefahren sei und jeweils bedeutet hat, was an deutscher, noch verbliebener Bausubstanz zu beseitigen sei. Das deutsche Element sollte offenbar total vernichtet werden. Den einzigen verbliebenen deutschen Schriftzug las ich noch auf einem Straßengulli in Rauschen; die Herstellerfirma mit Firmensitz: "Königsberg". Es tut weh! Es kommt mir wie eine Flucht vor, als wir Königsberg verlassen.

     Wie angenehm ist es dagegen im "polnischen" Teil. Er scheint mir jetzt bunt, ungezwungen, luftig und auch nicht marode. Es ist total anders. Ich habe einen ähnlichen Eindruck wie ehemals beim Grenzüberschreiten aus der DDR zurück in den Westen. Lötzen wird wieder erreicht; ich fühle mich hier fast schon wohl, sogar ein bißchen heimisch. Ich geh zum Hotelsee runter und setz mich auf den Steg. Die Abendsonne ist warm; zwei hübsche, junge polnische Mädchen, modisch schick gekleidet - dies erscheint mir nach der Reise fast typisch für einen Großteil der Polen - schlendern herum und grüßen mich freundlich. Nach dem Abendessen geht's eine Etage höher in die Bar. Ein ebenfalls recht attraktives Mädchen zapft das frische Bier; es schmeckt. Auch unser Busfahrer genießt es. Nach meinem ehrlichen Lob für seine an der Nehrung bewiesene Fahrkunst heißt er Helmut. Wir freunden uns etwas an. Auch die beiden Mädchen vom See erscheinen in neuer Robe; gleichfalls die meisten Reisemitglieder, die offenbar alle den schlimmen russischen Tag runterspühlen müssen.







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     Gabi und ich freuen uns, daß wir heute, den Mittwoch endlich zur freien Verfügung haben. Nach dem ordentlichen Frühstück geht's denn gleich mit dem Taxi zum Bahnhof. Das alte Gebäude erweckt erneut besondere Gefühle in mir. Durch die Schwingtüre gelangen wir in einen Vorraum. Nach rechts - wohl zur füheren Gaststätte - alles häßlich verrammelt, nach links offen in die alte, ziemlich verwahrloste Wartehalle. Mannshoch ist der Raum in lila verkachelt und mit drei alten Holzbänken gegenüber der Schalterwand versehen. Ich setz mich und laß den Raum auf mich wirken. Er erscheint mir nicht fremd.

     In Gedanken versetze ich mich zurück und versuche nachzuvollziehen, was sich hier für unsere Familie alles abgespielt haben muß. Abschiede, Wiedersehensfreuden, ankommende Besuche - auch Tante Marga und Onkel Karl - und dann vor allem der endgültige Abschied von Lötzen: Meine Mutter mit drei kleinen Kindern und Gepäck. Was mag meine Mutter gefühlt haben und was muß ihr alles durch den Kopf gegangen sein. Und ich war hier dabei. Und irgendwann muß der Zug gekommen sein. Welches Leid mag diese Halle Ende 44 und 45 gesehen haben. Und über 50 Jahre später sitze ich nun erneut hier in diesem mit Sicherheit völlig unveränderten Raum. - Nachdenklich und bewegt gehen Gabi und ich wieder in die warme Sonne hinaus, wandern über den Vorplatz zur Danziger Straße rüber, so wie es meine Eltern oft gemacht haben müssen. Ich genieße es - wenn auch mit wehmütigem Gefühl - nun diese Straße mit Muße und langsam entlangzuwandern: Das schöne lichte und sonnendurchsetzte Wäldchen linker Hand, dann die ersten alten Wohngebäude, die von Tante Marga erinnerte Querstraße, die nächsten alten Häuser und vorne jetzt unser Haus.

     Im Vorgärtchen werkelt diesmal eine grauhaarige Frau. Etwas entfernt bleiben wir daher stehen, um nicht als zu neugierig zu erscheinen. Ich hole wieder mein Bildchen heraus und vergleiche immer wieder. Es ist aber eindeutig, es kann keinen Zweifel geben. Auch wird mir jetzt klar, welche Bedeutung der dunkle Fleck auf halber Haushöhe hat; es ist eine Halterung zum Einstecken einer kleinen Fahne. Wir nähern uns doch weiter. Ich bin mir sicher, daß die ältere Dame uns bereits bemerkt hat aber so tut, als ob sie uns nicht sehe. Ich kann mir vorstellen, daß sie wohl weiß, wer wir sein dürften, die wir das Haus so genau betrachten. Denn es können eigentlich nur deutsche Flüchtlinge sein. Der rechten unteren Hausecke gehört mein besonderes Interesse. Dort war unsere Wohnung. Auf dem alten Bildchen schauen nämlich meine Eltern aus dem geöffneten Fenster. Und unter diesem Fenster müssen auch die Bildchen entstanden sein, die ich so oft, von klein auf betrachtet habe. Es waren für mich seit je die schönsten Bilder von unserer Familie in Lötzen, insbesondere dasjenige mit Vati und Mutti und uns drei kleinen Kindern inmitten der Blumen. Genau diese Stelle hat es mir besonders angetan und sie wollte ich auch ganz exakt kennenlernen. Die Ziegelsteinanordnung im Hintergrund sollte hier mein Wegweiser sein.

     Gabi und ich gehen auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Stück am Haus vorbei, um Sicht hinter das Haus zu bekommen. Ja tatsächlich, dort hinten ist auch das hochgieblige Haus mit dem winzigen dreieckigen Dachfenster, das mir aufgrund der Bildchen ebenfalls wegen seiner Ausgefallenheit seit klein auf im Gedächtnis war. Dort sind also die netten Bilder von der kleinen Renate im freien Feld entstanden. Es ist für mich phantastisch, dies nun endlich alles in Wirklichkeit zu sehen. Es geht mir nahe. Jetzt möchte ich aber doch direkt ans Haus, unmittelbar ans Vorgärtchen. Die ältere Dame ist jedoch noch da. Um es nicht peinlich werden zu lassen wenn wir ständig das Haus und den Garten beobachten, will ich sie aber ansprechen. Mit einem Bildchen in der Hand geh ich über die Straße und auf das Hausmäuerchen zu. Auf mein "Entschuldigen Sie bitte" kommt sie heran und ich halte ihr mein kleines, altes Familienbildchen aus dem Vorgarten hin. Sie schaut es an und versteht deren Bedeutung sofort. Ich will es nicht glauben, aber sie spricht etwas deutsch und lädt uns sofort ein, mit ihr in die Wohnung zu kommen. Wir nehmen erfreut an, gehen hinter ihr die Außentreppe hoch, im Haus an unserer Wohnungstür vorbei und über eine gerade frisch gestrichene und teilweise noch feuchte Holztreppe bis ins Dachgeschoß hinauf. In ihrem kleinen, nett eingerichteten Wohnzimmer nehmen wir Platz. "Möchten Sie Kaffee, Wasser oder Wein?" fragt sie. Wir bekommen letztlich alles drei, obgleich wir eigentlich nicht wollen, daß sie extra eine Flasche Wein öffnet. Aber sie besteht darauf.

     Auch ihre Tochter ist zufälligerweise auf Besuch und begrüßt uns herzlich. Sie spricht nicht deutsch. Wir erfahren, daß sie aus dem ca. 500 km entfernten Wroclaw kommt; "aus Breslau" fügt die Mutter noch hinzu. Es gibt mir einen Stich ins Herz, denn auch das so weit entfernte Breslau gehörte ja zu Deutschland. Die ca. 70 Jahre alte und etwas korpulente Dame ist eine Oma wie aus dem Bilderbuch. Herzlich, lieb, geruhsam und ungemein sympathisch mit ihrem so freundlichen Lächeln. Ich nenne sie bald Mamuscha, auf polnisch Mama. Diese Bezeichnung paßt einfach zu ihr. Wir erzählen, daß wir jetzt in Düsseldorf wohnen und daß ich endlich einmal meinen Geburtsort kennenlernen wollte. Meine kleinen Bildchen gehen durch die Hände von Mutter und Tochter. Sie verstehen die große Freude bei mir, unser ehemaliges Haus tatsächlich gefunden zu haben. Mamuscha selbst wohnt hier erst seit den frühen 60 -iger Jahren. Sie hat sich gemütlich eingerichtet; zwar nichts Wertvolles aber auch nicht ärmlich. Heute bekommt sie ihr erstes Telefon installiert. Wir bewundern die kleine Muschelsammlung in der Vitrine auf die sie stolz ist. Auch zeigt sie ihre Stickereiarbeiten und Gabi darf sich sogar ein besticktes Set aussuchen. Später frage ich, ob ev. die Möglichkeit bestehe, unsere frühere Wohnung mal zu sehen. Die Tochter geht raus und kommt mit der wunderbaren Botschaft zurück, daß keinerlei Probleme bestehen. Zum Abschied umarmen wir Mamuscha und ich verspreche, nochmals in der zweiten Woche vorbeizukommen.







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     Die Tochter führt uns nach unten. Zwei Frauen öffnen und Gabi und ich treten gespannt in unsere alte Familienwohnung ein. Vor uns ein länglicher Flur mit einer Tür hinten und jeweils zwei weiteren Türen an den Seitenwänden. Gleich nach rechts in die offene Wohnküche werden wir gebeten. Es herrscht ein ziemliches Durcheinander. Als erstes werden uns auch hier Getränke angeboten. Es ist schon ein eigenartiges Gefühl für mich, jetzt in der Wohnung zu stehen und zu wissen, daß dies der privateste und intimste Bereich unserer Familie gewesen ist: Eine typische Küche aus früherer Zeit, recht geräumig und noch mit Rohren an den Wänden. Der alte eiserne Heizofen mit großem Rauchabzug hat sicherlich schon ehemals hier gestanden; auch noch der alte Fußboden. Die ältere Frau versucht leider immer wieder, sich auf polnisch verständlich zu machen. Ich verstehe aber nichts und versuche aus Höflichkeit irgendwie zu antworten. Dabei hätte ich mich doch so gerne hier ungestört umsehen.

     Wir gehen ins gegenüber liegende Wohnzimmer. Ich stell mich in die Mitte und seh mich um. Die Einrichtung wirkt etwas kitschig aber nicht ungemütlich. Dort ist also das Fenster, aus dem meine Eltern schauten, als das kleine Bildchen von Tante Marga gemacht wurde. Das Fenster steht auch jetzt offen und der Wind bläht die Gardine. Ich gehe hin und schau raus. Ein gleiches Bildchen an selber Stelle von Gabi und mir zu machen, hatte ich mir fest vorgenommen. Die beiden Frauen möchte ich damit aber doch nicht belästigen. Gabi geht deshalb mit der Kamera nach draußen und ich dirigiere sie in etwa dorthin, wo Tante Marga ehemals gestanden haben muß. Die ältere Dame versucht wieder, ein Gespräch zustande zu bringen. Ich gebe mir jetzt mehr Mühe und tatsächlich mit Händen und Füßen und den wenigen von mir erlernten Brocken des Polnischen wird manches verständlich. Fasziniert erfahre ich, daß auch heute noch im Winter Schnee durchs geschlossene Fenster ins Zimmer weht; genau wie Tante Marga es geschrieben hat. An einer Seitenwand scheint eine Türe ins Nachbarzimmer übertapeziert; es wird mir bestätigt. Zu gerne hätte ich gewußt, welches Zimmer dies hier bei uns gewesen ist und welches das Zimmer nebenan. Schlaf- oder Wohnzimmer oder vielleicht das Arbeitszimmer meines Vaters? Von einem Bildchen ist mir jedenfalls bekannt, daß auch ein Arbeitszimmer vorhanden war. Ich hoffe, zu Hause anhand der Alben die Aufteilung jetzt nachvollziehen zu können oder sie noch durch Tante Marga zu erfahren.

     Wenn dies aber das Schlafzimmer war, dann wäre ich in diesem Zimmer auch geboren, geht es mir durch den Kopf. Irgendwie unvorstellbar. Und unsere Nachbarin Gretel Palloks, die mit ihrem Mann und vier kleinen Kindern im letzten Häuschen schräg gegenüber wohnte, war hier als meine Geburtshelferin dabei. Wir gehen in den Flur zurück. Leider machen die beiden Frauen keine Anstalten, auch die anderen Räume zu zeigen. Um noch etwas Zeit zu gewinnen, versuche ich das eine oder andere zu radebrechen. Innig hoffe ich, noch weiteres von der Wohnung zu sehen. Einen kurzen Blick ins hintere Zimmer erhasche ich allerdings, als von dort etwas herausgeholt wird. Das Zimmer ist schmäler. Der Wohnungsgrundriß erscheint mir jetzt aber klar; zwei gleich große Zimmer links, hinten ein Kleineres, rechts vorne die Küche und dazwischen das Bad. Mir gefällt die Wohnung; hier hätte ich mich auch wohl gefühlt. Mir in Gedanken jetzt meine Mutter oder meine Geschwister oder auch mich in der damaligen Zeit in der Wohnung vorzustellen, fällt schwer. Es fehlt einfach die Ruhe dazu. Gabi und ich verabschieden uns daher herzlich von beiden Gastgeberinnen. Ich nehme mir allerdings fest vor, nochmals einen Besuch zu machen. Wir verlassen das Haus und freuen uns riesig, daß tatsächlich alle machbaren Wünsche dieser Reise bereits in Erfüllung gegangen sind.

     Jetzt möchte ich aber noch das Terrain hinter dem Haus erkunden, dort wo Renate im Feld gestanden hat und das hochgieblige Haus im Hintergrund zu sehen ist. Hinter unserem Haus steht ein weiters, offenbar gleich altes Haus aber nur mit Parterre. (Zu Hause sollte ich feststellen, daß es auf dem Winterbild mit Mutti und Peterchen an der Haustreppe erkennbar ist.) Wir gehen daran vorbei. Leider ist aber dahinter, wo Natichen photographiert worden sein muß jetzt nicht mehr Feld, sondern es steht ein recht schickes, neues Haus da mit hohen Hecken außenrum. Dennoch bin ich zufrieden, das hochgieblige Haus von hier aus besser betrachten zu können und auch das lange niedrige Haus im Hintergrund des anderen Bildchens aus ähnlicher Perspektive zu sehen. Wir gehen zurück und schauen auf die Rückseite unseres Hauses. Drei unterschiedlich große Fenster hat unsere Wohnung von dieser Seite. Und offenbar wurden nachträglich Kellergaragen eingebaut. Ein weiteres gleich großes Haus steht im stumpfen Winkel neben unserem. Wir gehen zwischen beiden durch. An unserer Giebelseite entdecke ich oben noch ein kräftiges Einschußloch aus der Kriegszeit. Mamuscha ist wieder im Vorgärtchen beschäftigt. Wir wollen die Danziger Str. diesmal weiterlaufen. Sie biegt nach links ums andere Haus ab. Ich drehe mich nochmals um. Und jetzt wird mir erstmals richtig die unmittelbar vor unserem Haus stehende hohe Tanne bewußt. Das kann doch nur eins der ehemals so kleinen Bäumchen von unserem Familienbild sein. Es ist faszinierend, hier die 50 Jahre Unterschied so klar zu sehen. Ich glaube sogar zu wissen, welches Bäumchen es auf dem kleinen Bild ist. Es erscheint mir fast wie mein Lebensbaum. Für heute reiße ich mich nun aber endgültig vom geliebten Anblick dieses alten Hauses los.







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     Meine Eltern hatten sich wirklich keine schlechte Wohngegend ausgesucht. Ehemals sicher ein ganz neues Viertel. Die Danziger Str. mündet in die von Tante Marga benannte Querstraße. Im Straßeneck steht eine recht modern gestaltete Kirche; wohl eine Katholische, da die meisten Polen katholisch sind. Auf dieser Straße wandern wir weiter Richtung Stadt und kommen im spitzen Winkel auf die eigentliche Hauptstraße von Lötzen. Rechts jetzt ein großes, rotes Sandsteingebäude - wohl ein Altersheim wegen der vielen grauhaarigen Leute -, dann ein altes Schulgebäude mit Pausenhöfen beidseitig. Aufgrund der Nähe zu unserer Wohnung spricht für mich vieles dafür, daß mein Vater in dieser Schule als Lehrer tätig war. Nun ein hoher und markanter Wasserturm. Er erscheint mir wie ein trutziges, altes Wahrzeichen der Stadt aus deutscher Zeit. In einem kleinen Laden kaufen wir Postkarten; leider steht nirgends Lötzen drauf, nur das häßliche Gizycko. Der Stadtkern gefällt uns. Es ist ein typisch deutsches Städtchen, wenn auch der Straßenverkehr nicht ganz so stark flutet. Viele alte, zum Teil recht herrschaftliche Häuser mit Stuck und Verzierungen über die ganze Vorderfront sind erhalten. Wenn auch bei weitem nicht alle renoviert oder restauriert sind, so hat man doch nie den Eindruck von echtem Verfall wie bei den Russen. Kleinere Geschäfte und auch Supermärkte befinden sich beidseitig der Straße. Die Auslagen sind reichhaltig wie bei uns bis hin zu deutschen Rheinweinen. Es fehlt offenbar an nichts. Auch die Autos, meist Mittelklassewagen deutscher Produktion sind durchaus keine Rostlauben oder überaltert. Von echter Armut ist jedenfalls nichts zu merken, selbst Bettler haben wir nirgendwo gesehen. Die Menschen, die durch die Straße gehen oder flanieren, erscheinen uns auch keineswegs fremdländisch, weder vom Aussehen noch von der Kleidung her; sie könnten ohne weiteres auch Deutsche sein.

     Es gefällt uns, hier bei dem herrlichen Sonnenschein herumzuwandern. Stühle und Tischchen auf der Straße vor kleinen Restaurants laden zum Kaffeetrinken ein. Vorne, zwischen hohen Bäumen taucht wieder die alte Kirche mit ihrem leicht geschwungenen und etwas chinesisch wirkenden Satteldach auf dem Turm auf. Es ist die alte evangelische Kirche mitten im Zentrum von Lötzen. Sie zieht mich magisch an. Vor ihrem Eingang steht tatsächlich in deutscher Sprache, daß immer Sonntags ein Gottesdienst in deutsch stattfindet. Ich bedaure zutiefst, daß ich hier keinen Sonntag verbringen werde. Zu gerne hätte ich an dieser Stelle eine solche Andacht erleben wollen. Auf einem großen Schild ist ebenfalls in deutscher Sprache die Geschichte der Kirche aufgezeichnet. Gabi und ich gehen in den Vorraum des Kirchenschiffs. Ein Eisengitter versperrt uns aber den weiteren Weg. Ich bin enttäuscht, nur durch die Stäbe sehen zu können. Dennoch ein eigenartiges Gefühl in mir, als ich hineinschaue. Zwei Sitzreihen mit alten Holzbänken, darüber jeweils Emporen und ganz vorne in der Absis ein großes Jesusbild mitten im Altar. Das Bild fasziniert mich. Es erscheint so ausgewogen, zur Besinnung anregend und friedlich. Ich betrachte es lange andächtig. Ich bin mir fast sicher, daß dies hier meine Taufkirche gewesen sein muß. Welche Kirche hätte sonst auch in Frage kommen sollen? Eine weitere war nirgends zu sehen.

     Wir gehen wieder ins Helle hinaus. Briefmarken wollen wir kaufen. Die Post ist in einer Seitenstraße in einem schönen und recht neu restaurierten herrschaftlichen Gebäude untergebracht, doch geschlossen. Durch ein anderes Seitensträßchen - an einem alten Lyzeum vorbei - geht's zurück auf die Hauptstraße und von dort hinunter Richtung Löwentinsee, dem eigentlichen Haussee von Lötzen. Über Bahngleise und eine weite Liegewiese gelangen wir zum herrlich in der Sonne glitzernden Wasser. Auf einem kleinen Sandstrand räkeln sich dicht gedrängt vorwiegend jüngere Gäste in Badehose oder Bikini. Sehr gute Figuren sind dabei. Wir gehen rüber zur Mole, die einen kleinen Hafen abtrennt, setzten uns auf eine der dort befindlichen Bänke und genießen den wunderschönen Blick über den See mit seinen vielen weißen Segelbooten und den bewaldeten, weit entfernten grünen Uferrändern. Was haben wir doch für ein Glück mit dem Wetter, schwärmen Gabi und ich; bisher einzig phantastischer Sonnenschein und Wärme. Ostpreußen zeigt sich uns wirklich von seiner allerbesten Seite.

     Lange bleiben wir sitzen. Irgendwann stehen wir auf, wandern die Mole einmal auf und ab und gehen dann in ein kleines Restaurant unmittelbar am Bahnübergang mit Tischen draußen. Der Fisch schmeckt lecker. Danach sitzen wir wieder auf der Mole und warten auf die Gruppe. Vorneweg mit Irene erscheint sie auch bald. Eine Bootsfahrt steht auf dem Programm. Das Boot tuckert aus dem Hafen ein Stück in den Löwentinsee hinein, wendet sich dann aber dem Schiffskanal Richtung Kissain- und Mauersee zu. Die ganze masurische Seenplatte ist mit solchen Kanälen versehen, so daß man von einem See in den nächsten fahren kann, sogar bis in die Ostsee. Ein Meisterstück aus dem letzten Jahrhundert, um Güter transportieren zu können. Heute werden sie allerdings fast nur noch zu Freizeit- und touristischen Zwecken genutzt. Über zwei Kilometer geht unsere schöne Fahrt auf diesem alten Stadtkanal, bis der Kissainsee erreicht ist. Segelboote, oft aneinander gebunden werden an der Stippe von Land aus von jungen Leutchen unter Lachen, Klamauk und viel Spaß durch den Kanal gezogen. Der neue See öffnet sich zu einem herrlichen Panorama: größere und kleinere Inseln, Segler, Schilf an den Ufern, einzelne Schneisen dazwischen mit angetäuten Booten, Entengruppen, majestätisch vorbeiziehende Schwäne und hoch am blauen Himmel in V-Formation fliegende Störche. Man kann die Friedlichkeit und Ruhe dieser Landschaft nur still genießen. Alle sind begeistert. Eine größere Runde wird durch diese Inselwelt gefahren. Allzubald geht' s jedoch zurück. Erneut kommen wir an einer wunderschön inmitten von Bäumen und direkt am See gelegenen Hotelanlage vorbei. Ich nehme mir vor, die zweite Woche - wenn irgend möglich - hier zu verbringen. Über den schon bekannten Stadtkanal, an dessen parkähnlichen Seiten jetzt Spaziergänger unsere Vorbeifahrt betrachten, erreicht das Schiff den Hafen.

     Was besonderes steht aber noch an. Ein Picknick an einem Försterhaus mit Würstchen und vor allem mit dem typischen Getränk für Ostpreußen, dem Bärenfang. Die Busfahrt Richtung Angerburg nach Possessen ist nur kurz. Eine riesige Flasche mit dem honigfarbenen Gebräu steht schon bereit. Unsere Irene ist für den Ausschank zuständig. Sie füllt gleich eine Unmenge von kleinen Gläschen ab. Wirklich erstaunlich wie geschickt sie mit der Flasche herumhantiert und nichts von dem kostbaren Naß daneben gießt. Fast alle probieren, selbstverständlich auch Gabi und ich. Es schmeckt honigsüß und ausgezeichnet. Das nächste Gläschen wird gleich hinterhergekippt. Würstchen können - an Gertenstöcken aufgespießt - im offenen Feuer gegrillt werden. Etliche Leutchen unternehmen angebotene Kutschenfahrten durch den Wald, andere versuchen sich wohl erstmalig im Reiten, denn sie steigen über eine Leiter mit Podest direkt auf den Pferderücken. Eine kleine Runde wird gedreht und schon reicht's. Die Laune und Stimmung der älteren Herrschaften hebt sich durch den Bärenfang immer mehr; man kann fast zuschauen. Auch faßgezapftes Piwo (pol.: Bier) gibt's an einem kleinen Stand und nebenan bieten 2 junge Mädchen auf Tischen allerlei Krimskrams zum Verkauf an. Auch zwei Buben sind mal hier, mal dort oder sitzen auf den Holzzäunen und beobachten uns. Ob sie wissen, weshalb diese älteren Deutschen überhaupt hier in Ostpreußen sind? Wohl nicht. Wir dürften für sie halt lediglich Touristen und alte Leute sein, die jedoch gut Geld bringen und sich hier den Bärenfang reinhauen. Die Stimmung ist mittlerweile bestens; Witze werden erzählt, es wird viel gelacht, Brüderschaften neu geschlossen und begossen und Rufe gehen hin und her. Die drei - stets futternden - korpulenten Damen, die hinter uns im Bus sitzen und schon normalerweise fidel und polternd sind, laufen jetzt zur Höchstform auf.– Der Bärenfang ist unter die Leute gebracht, als der Aufbruch naht. Im Bus werden die Volksliederbücher zur Hand genommen, Seite 49 heißt's und schon schallt es los.

     Gabi und ich werden an der Lötzener Umgehungsstraße rausgelassen, da wir den Abend noch im Städtchen verbringen wollen. Nebenan ein Friedhof, den Gabi unbedingt ansehen möchte. Er ist sehr gepflegt mit vielen frischen Blumen auf den Gräbern. Nach den Namen ein rein polnischer Friedhof mit Sterbedaten erst ab den fünfziger Jahren. Einen deutschen Friedhof haben wir nicht gesehen - ich auch später nicht -. Er wurde wohl vernichtet und untergepflügt, wie fast alles Deutsche hier. Wir gehen die Straße weiter und erkennen nunmehr erstmalig, daß ganz Lötzen auf einer leichten Hanglage bis zum See hinunter gelegen ist. Ich bin mehr als erstaunt, auch hier enorm viele große Plattenbauten - wie überall nur mit Flachdach und riesiger Numerierung - am Stadtrand. Es ist mir einfach nicht erklärlich, von wo diese polnischen Menschenmassen überhaupt hergekommen sein können. Jetzt ein neurer Marktplatz mit vielen Ständen; offenbar ein Russenmarkt. Leider wird aber schon abgebaut. Der ältere Teil von Lötzen mit Villen, massiv wirkenden Häusern und herrlichem Baumbestand beginnt danach. Die Hauptstraße ist wieder erreicht. Wir genießen das abendliche Treiben, betrachten die Häuser sowie die Auslagen in den Schaufenstern und wandern gemächlich herum. Auch in die Kirche will ich nochmals, aber wieder geschlossen. Irgendwann sitzen wir in einem Straßenkaffee und lassen die anderen vorüberflanieren. Bald nach dem Dunkelwerden wird's jedoch auffallend ruhiger. Der alte Kirchturm zwischen den hohen Bäumen ist warm angestrahlt und auch die Straße beleuchtet. Wir fühlen uns in Lötzen jetzt wirklich wohl. Das Taxi vom Bahnhof nimmt diesmal einen kürzeren Weg über eine Drehbrücke des Stadtkanals. Zu meinem Erstaunen zahlen wir dennoch mehr. In der Bar herrscht großes Gedränge; mit Ach und Krach ergattern wir noch zwei Sitzgelegenheiten in großer Runde. Der Bärenfang hat offenbar ganze Arbeit geleistet.

- F o r t s e t z u n g - III

Flagge von Ostpreußen
 

 

 

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