Eingangsseite vom Bericht Mexiko Baja California

Reise nach Mexiko - Baja California im März 2004




Vorwort

Dies ist mein persönlicher Reisebericht (mit ca. 50 DIN A-4 Seiten), rein subjektiv und ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit, Richtigkeit, Objektivität, oder Gerechtigkeit in der Sache. Gleichfalls sind mir die Ausdrucksweise und der Stil meiner Aufzeichnung völlig schnuppe; wie es mir aus der Feder (oder besser aus dem Computer) fließt, so steht es eben geschrieben. Mir geht es einzig und allein darum, für mich persönlich - wenn auch lediglich aus der Erinnerung - meine Erlebnisse, Eindrücke, Empfindungen und Gedanken während der Reise festzuhalten. Erstens weil's mir Spaß macht und zweitens weil ich hoffe, dass ich mich später mal darüber freue. Wer es also außer mir lesen will, der hat selbst Schuld und ist selbst dafür verantwortlich.
Jede Ähnlichkeit der handelnden Akteure im Bericht mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig und soll keinen verschnupfen.

Burghard




Bereits vor Jahren hatten wir eine Reise zur ca. 1.300 km langen Halbinsel Baja California, Mexiko gebucht. Leider kam die Tour dann aber nicht zu Stande. 2004 also ein neuer Versuch, die Baja California endlich mal zu erkunden. Erst im Januar erreicht uns die frohe Nachricht, dass die 3-wöchige Reise vom 28.02. bis 19.03.2004 tatsächlich von dem Veranstalter für Natur- und Erlebnisreisen Trails-Reisen aus Kempten durchgeführt wird. Allerdings müssen wir das Programm jetzt von hinten nach vorne lesen, da Start der Reise am südlichsten Punkt der Baja California bei Cabo San Lucas ist und nicht - wie meist üblich - in San Diego, USA bzw. Tijuana ganz im Norden der Halbinsel. Diese Städte sind nun also Endpunkt unserer Bus- und Wander Reise durch die gesamte Länge der Baja California in Mexiko. Baja wird übrigens wie Bacha gesprochen.

Frankfurt - Dallas/Texas - San Jose del Cabo sagen unsere Flugscheine. Mit Umsteigen in Dallas werden wir danach insgesamt 20 Stunden bis zur Landung in San Jose del Cabo unterwegs sein, errechne ich. Denn 8 Stunden Zeitdifferenz, die wir beim Hinflug gewinnen, müssen abgezogen werden. Also sind wir morgen Abend gegen 21.00 Uhr auf der Baja California, noch am Abflugtag. Gepackt haben wir jetzt alles und gehen meine Reiseliste nochmals durch. Was mir gar nicht gefallen will, ist nur das Wetter draußen. Es schneit nämlich unaufhörlich; dicke Flocken kommen herunter. Und das in Düsseldorf, wo es sonst fast nie schneit. Um 1.00 Uhr nachts muß ich mal raus. Beim Blick durchs Fenster graut mir trotz des schönen Bildes. Alles ist tief verschneit und es schneit weiter. Hoffentlich schaffen wir es nach Frankfurt, denke ich, schlafe aber wieder ein. Um 4.00 klingelt der Wecker; es schneit Gott sei Dank nicht mehr. Auch das Taxi zum Zug kommt pünktlich und sogar der ICE fährt fahrplanmäßig ab. Kaum zu glauben, schon bei Köln ist fast alles schneefrei und in Frankfurt hat man nur vom Schneetreiben im Ruhrgebiet gehört. Meine ganze Aufregung war umsonst.

Wir können gleich einchecken. Freundlich wird uns mitgeteilt, dass die Zufallsauswahl Gabi und mich für eine besondere Gepäckkontrolle von Seesack und Reisetasche auserkoren hat. Wir dürfen dabei sein, als die so schön verpackten Klamotten eins nach dem anderen heraus genommen werden und dann recht wirr wieder hinein kommen. Die nächste Kontrolle gilt dem Handgepäck, den Schuhen und dem Feuerzeug, das ich versehentlich in der Brusttasche gelassen habe. Das gute Stück kommt vor dem Abflug noch mehrfach zum Einsatz, denn ein langer Nichtraucherflug steht bevor. Spät gehe ich erst in die Wartehalle. Zwei Frauen winken mir zu; offenbar sind es die beiden Singles, die lt. Teilnehmerliste mitfliegen und mein Trailsschildchen am Handgepäck gesehen haben. Ein bißchen hübscher hätten sie schon sein dürfen, denke ich und begrüße sie.

Der Flieger von AA scheint neu zu sein und jeder Sitz hat seinen eigenen Monitor auf dem die Flugroute genauestens verfolgt werden kann. Eine tolle Sache. Man kann zudem seinen eigenen Film aussuchen und wer will, auch alle Filme nacheinander sehen. Wer es nicht will - so wie ich -, der sitzt halt während des gesamten Tagesfluges im Dunklen. Denn die Fensterklappen dürfen nicht hoch geschoben werden, da das Licht die anderen beim Fernsehgucken stören könnte. 11 Stunden also im Dunklen sitzen und dabei nicht rauchen und zudem trocken bleiben; die Dose Bier kostet 5 Euro, wozu ich nicht bereit bin. Das Fliegen wird allmählich zur Strafe. In Dallas geht die Strafe weiter. Obgleich wir nicht in die USA einreisen, müssen die Koffer in Empfang genommen, durch den Zoll gebracht und erneut aufgeben werden. Schlimmer jedoch: Rauchverbot im ganzen Flughafengebäude, selbst in Restaurants. Einzige Möglichkeit: Einreise in die USA, außerhalb des Gebäudes rauchen und dann Ausreise aus den USA. Vor dem Weiterflug nach San Jose del Cabo habe ich somit innerhalb von 4 Stunden schon 2 mal die USA besucht. Und saukalt war es in den USA, die ich ohne wärmende Jacke bereisen mußte. Diskriminierung pur im Lande des Tabaks.

Die Lichter von San Jose del Cabo tauchen auf und wir setzen zur Landung an. Die Paßkontrolle geht fix. Uwe - unser Reiseleiter - erwartet uns schon. Endlich kann ich ohne Hetze, ohne Diskriminierung, ohne Kälte, einfach so dahin eine Zigarette genießen - Mexiko, du gefällst mir. Schnell noch ein Geldtausch; ich erinnere mich nämlich an das ärgerliche Vergessen in Dubai. Ein Ehepaar fehlt noch, wie Uwe erklärt und geht sie suchen. Ihr Koffer sei nicht angekommen hören wir dann von ihnen. Die Gruppe ist aber komplett. 4 Ehepaare und 2 Singles - natürlich weiblicher Natur, wie immer bei nicht so luxuriösen Reisen - sind wir, die müde aus dem Flieger gestiegen sind, sich erstmalig beäugen und zusammen die ganze Baja mit Bus und Zelt abklappern wollen. Eine Claudia Schiffer ist nicht dabei, aber Gott sei Dank wenigstens ein Paar, das älter als 60 ist, so dass ich mich als Jüngerer der Gruppe fühlen kann.

Der Weg zu unserem landestypischen Hotel ist nicht weit. Ja, in San Jose del Cabo und am Endziel in San Diego haben wir Luxus, die Zelte werden für die Nacht in Uwes Zimmer verstaut. Uwe, ein drahtiger, kleiner Mann mit stämmigen Trekkingbeinen, ist der richtige Typ für besondere Reisen, was sich schon darin zeigt, dass er sofort für Bier sorgt. Gabi und ich genehmigen uns zudem noch einen Schluck aus der Pulle Osborne, die natürlich auch auf der Baja California dabei ist. Todmüde fallen wir dann ins Bett. Ein herrlicher Sonnenschein weckt uns. Erstmalig lernen wir die Kisten, Säcke und Cooler kennen, die zur Gemeinschaftsausrüstung gehören und an Uwe aufs Autodach gehievt werden müssen. Frühstück wollen wir heute noch nicht selbst zubereiten, sondern fahren in eine Bodega und essen dort unsere erste Torta mit großem Pott Kaffee unter Palmen. Rund herum zufrieden kann nun die lange Tour von San Jose del Cabo durch die gesamte mexikanische Halbinsel starten.

Schild an der Mex 1 in Baja CaliforniaUnsere ersten Buskilometer auf der Baja California gehen noch ein Stück südlicher, 21 km nach Cabo San Lucas. Auf einer 4-spurigen Autobahn mit Mittelstreifen fährt man hier, meist auf der Höhe mit Blick hinüber zum Pazifik. Hotelanlagen sind an der Küste schon reichlich zu sehen. Es scheint ein Mallorca für den Tourismus aus USA sowie Kanada zu sein oder jedenfalls zu werden. Das Städtchen Cabo San Lucas liegt wunderschön in einer Bucht und dahinter aufragend ein Bergstock, der wirklich das südlichste Ende der langen, mexikanischen Halbinsel markiert. Lokale, Kneipen, Geschäfte, Kinos, alles ist da, was so ein Sonnenanbeter zwischendurch begehrt. Es ist schön hier, ein paar Tage könnte ich Cabo San Lukas schon vertragen und am Hafen meine rote oder auch gelbe Mageritha mit Sicht auf die vielen Yachten schlürfen. Tourismus wohin man schaut; viele junge Leute sind dabei. Wir fahren um den Hafen herum zur Bootsanlegestelle für das Kap, denn nur per Boot kommt man dort hin. Und hin will natürlich jeder.

Es tummeln sich daher so etliche Boote auf der kurzen Strecke von Cabo San Lucas zum Kap. Entlang einer hoch aufragenden Felswand auf der einen, sowie teils winzigen Felsinselchen auf der anderen Seite geht die Fahrt unter heißer Sonne. Dicht bevölkert von Kormoranen, aber auch Pelikanen ist selbst das kleinste Eiland und Neuankömmlinge quetschen sich noch irgendwie dazwischen. Eine markante, aus dem Wasser stechende Felsnadel rückt näher. Nach rechts öffnet ein Abbruch die Felswand, fast herunter bis zum hier grün-blau schimmernden Meereswasser. Und dazwischen hat sich ein traumhafter Strand breit gemacht. Das Ganze wirkt so schön, dass man es nicht glauben möchte. Nur noch ein kurzes Stück und das felsige, schroffe Ende der Baja ist erreicht. Ja, dort ist also der berühmte Felsbogen im Meer, der jeden Prospekt und jedes Buch über die Baja California ziert. Er ist es wirklich würdig, an einer so exponierten Stelle zu stehen. Alle Kameras klicken natürlich. Auch ich freue mich, dieses einzigartige Photomotiv vom El Arco in meine Sammlung einreihen zu können.

Nun, so ganz am Ende der Halbinsel ist der Bogen aber nicht. Davor ragen nämlich noch einige mächtige Felstürme aus dem Wasser und davor wiederum ein ganz winziges Felsinselchen, auf dem ein dösender Seehund liegt, dessen Schwanzflosse mehrere Zentimeter südlich über den Fels hängt und damit erst das Ende der Baja ausmacht. Den unumstößlichen Beweis hierfür liefert mein Bild. Der Wellengang auf der Pazifikseite läßt unser kleines Boot ordentlich schaukeln. Ein bißchen schippern wir noch zwischen den dekorativen Felstürmen herum und sind dann froh, wieder ins ruhige Fahrwasser des Golfo zu gleiten. Auf den ersten Blick kaum zu erkennen, auf den Felsen lungern fast überall am Kap Seelöwen herum, gähnen oder schielen schläfrig zu uns herüber. Wir sind begeistert, der traumhafte Strand wird angelaufen und für zwei Stunden ist Aufenthalt angesagt. Jeder kann sich aussuchen, ob er lieber am ruhigen Golf oder aber auf der anderen Seite des weißen Strandes am schäumenden Pazifik sonnen will, denn beides ist hier möglich. Einige Pärchen sind auch in dies Paradies gekommen, ziehen sich nach irgendwohin zurück, um offenbar festzustellen, ob der Name Liebesstrand zu Recht besteht.

Uwe will uns noch einiges zum Tourablauf, hier am Liebesstrand erzählen. Es ist aber nicht so lieb und ich höre einen Wermutstropfen platschen. Reihum ist jedes Zelt für einen Tag verantwortlich, das Essen auf den Klapptisch zu bringen: Menuauswahl, Einkauf, Kochen, Abwasch und am nächsten Tag noch das Frühstück. Bei drei Wochen sind Gabi und ich also mindestens zwei Mal dran. Kein so toller Gedanke, ist nicht nur uns beiden ins Gesicht geschrieben. Uwe wird aber Hilfestellung geben, hören wir. Dann geht's nach Cabo San Lucas zurück. Und schon heute beginnt die Fahrt in Richtung Norden. Auf der berühmten Straße Mex 1, die die Baja California von Nord nach Süd oder auch umgekehrt durchquert und erst 1975 fertig gestellt wurde, fährt man hier üblicherweise. Auch wir halten uns an diese Regel, heute bis nach Los Barriles auf der Seite des Golf von Kalifornien. Andere sagen Gulf of California, Mar de Cortes, oder aber Golfo de California.

Erster Stop noch in San Jose del Cabo am großen Supermarkt, der wirklich alles bietet. Zweiter Stop am Flughafen. Wir alle zittern mit Margrit, ob der Koffer vielleicht doch noch angekommen ist und ihre so wichtigen Dinge, wie Schminktäschchen, Wanderschuhe, Kontaktlinsen, Pille zum rechtmäßigen Besitzer zurückkehren. Strahlend erscheint sie wieder; alles ist im Lot, eine gewaltige Tasche wird angeschleppt. Gebirge, hier Sierras genannt, durchziehen die ganze Halbinsel. Immerhin 3.088 m Höhe werden im Norden erreicht. Uns begleitet linker Hand jetzt aber erst die Sierra de la Laguna und zu meiner Freude tauchen auch alsbald die für die Baja typischen Kakteen in Kandelaberform auf. Diese beeindruckenden Kakteen mit dem Namen Cardon werden wir aber noch millionenfach auf der südlichen Baja zu Gesicht bekommen. Meine Begeisterung für diesen Kaktus, der mit bis zu 20 m Höhe Größter der Welt ist und ca. 200 Jahre lebt, sollte dennoch erhalten bleiben.

Einige kleine Nester liegen an der Straße, die wir aber nur durchfahren, da sie nichts bieten. Rechts läßt sich immer wieder der blaue Golfo de Cortes blicken, mal näher, mal weiter entfernt. Ein breites Wadi wird gequert, in dem es sogar etwas Wasser gibt. Statt einer teuren Brücke wurde an tiefster Stelle die Straße schlicht betoniert und das Wasser kann - sofern es denn welches gibt - einfach drüber fließen. Diese praktische Lösung werden wir öfter auf unserer Reise durch die Baja California erleben. Uwe biegt auf eine Schotterstraße ab; er will noch Propangas für den Kocher kaufen. Außer sechs Hunden ist im Depot aber niemand; der Sonntag scheint in der Prärie des katholischen Mexiko offenbar heilig. Auf einem Hügel mit prächtigem Blick hinüber zum Golf und seine weißen Strände ist für mich Photostop angesagt. Natürlich bin ich wieder derjenige, der alleine solche Stops fordert; lediglich Johannes wird - wenn auch nur ein einziges Mal auf der Tour - auch einen Halt wollen. Und der war bei Uwe sogar vorgebucht. Da ich leider einziger Raucher der Gruppe bin, ist der Grund für meine Stops bei allen anderen selbstverständlich klar. Nur, weshalb steigen sie mit mir aus und lassen ihre Kameras reichlich klicken?

Mein letzter Photostop schon nahe unserem Ziel Los Barriles ist Susanne nicht bekommen. In ihrer Wade hat es geknackst, wie sie schmerzhaft mitteilt. Nur humpelnd kommt sie noch voran und das am ersten Tag der Reise. In Gedanken seh ich sie schon nach Hause fliegen. Doch Susanne ist robust, sie denkt nicht ans Aufgeben und tatsächlich wird sie es mit Bravour schaffen. - Strand, Strand, endlosen breiten Strand gibt es bei Los Barriles. Unser erstes Camp ist erreicht, natürlich am Strand. Allein sind wir nicht. Camper der Amis stehen hier und auch auf allen weiteren Camps, die wir anlaufen werden. Mit allem Pipapo sind sie unterwegs auf der Baja, teils mit gewaltigen Gefährten, umgebauten Bussen oder Trucks. Oft hängt noch ein Pkw hinten dran, andere mit Boot. Selbst ein Hund ist meist dabei, was Gabi besonders freut; denn wenn die Tierchen merken, dass sie gelitten sind, kommen sie begrüßen. In Karawanen fahren die Amis gerne zum nächsten Camp, um dort wieder für Wochen zu bleiben. Es sind fast alles Grauhaarige, Rentner, die auf der Baja unterwegs sind und die liebend gerne mal ein Schwätzchen halten. Zeit haben sie ja in Hülle und Fülle.

Zelte aufbauen, heißt es für uns. Uwe macht's vor, leider aber nicht mit unserem Iglu, so dass wir selbst ran müssen. Es ist jedoch wirklich einfach und bereits nach 5 Minuten können wir einräumen. Uwe ist heute auch für die Küche zuständig; es soll an offenem Feuer gegrillte Garnelen geben. Theodor hat ein Faible für Feuer, wie wir bald merken. Bau der Feuerstelle und Lagerfeuer sind seine Sache und alles weitere in seiner eigenen Familie mit Margrit offenbar auch. Margrit liebt nur das Abwaschen, was ich wiederum nicht verstehe. Wilhelm aus Thüringen hat sich als Kassenwart der Gruppe verpflichtet, da das Essen im Tourpreis nicht enthalten ist. Er bekommt das Kassenbuch von Uwe überreicht und einen dicken Beutel für das kommende Geld. Er will aber nur Pesos annehmen und keine Dollars, obgleich mit Dollars überall auf der Baja auch bezahlt werden kann. Den mexikanischen Peso besitze bislang aber nur ich und ich mach mich lieber aus dem Staub, denn der Strand ruft mich. Endlos zieht sich der Strand nach beiden Seiten hin, doch keine Menschenseele ist zu sehen. Lediglich ein Hund kommt gelaufen, begrüßt mich und will gestreichelt werden. Sehr kühl ist es jetzt am späten Nachmittag bereits geworden. Gegen Abend wird es zu dieser Jahreszeit sogar kalt werden. Ich bin froh, Pullover und dicke Jacke dabei zu haben.

Die Garnelen schmecken bestens unter dem gewaltigen Sternenhimmel. Die funkelnde Milchstraße zieht quer über den Himmel von Horizont zu Horizont. Je südlicher man kommt, um so prachtvoller wird die Sternennacht. Und hier sind wir immerhin auf der Breite der mittleren Sahara. Der Große Wagen zeigt sich in ganz besonderer Form, denn seine Deichsel hängt senkrecht nach unten; ich sehe es das erste Mal. - Bequem esse ich meine vielen Garnelen leider nicht. Das Klappstühlchen mit den drei Beinen im Sand gräbt sich nämlich ein, der Klapptisch vor mir wird immer höher. Bis auf Mundhöhe ist die Platte schon. Das Stühlchen also neu richten, um die nächste Garnele zu erreichen. Dummerweise ist jetzt das dritte Beinchen nach vorne gerichtet und stützt somit nicht mehr nach hinten ab mit der logischen Folge, dass ich beim erneuten Hinsetzten samt Garnele rückwärts wegkippe. Zum Abschluss des Festmahls spendiert Uwe noch eine Flasche roten Bajaweins. Im Norden der Halbinsel soll er wachsen und mundet köstlich.

Vor dem Schlafengehen noch Klobesichtigung mit Katzenwäsche in 200 m Entfernung. Licht gibt's keins, die Dusche ist mir zu kalt. Und immer dran denken: das Klopapier nach Benutzung nicht ins Klo, sondern in den nebenstehenden, offenen Eimer werfen. Aus optischen Gründen möglichst mit der weißen Seite nach oben. So ist es nun mal in vielen Ländern, um der Verstopfung keine Chance zu geben. Dafür stinkts. Genau merk ich mir noch den Weg zurück zum Zelt, der um so etliches Buschwerk herum geht. Gabi hat es nicht getan und nachts beim Herumirren dann bitter bereut. Den Sonnenaufgang sollte man sich ansehen, hat Uwe gemeint; die Bergkette der Sierra de la Laguna glühe dann. Ich verpasse ihn prompt. Monika kommt mit Kamera bereits vom Strand zurück, mosert aber, weil Uwe den Sonnenaufgang und das Glühen der Berge um 1/2 Stunde zu früh prognostiziert hat. Der Kaffee zum Frühstück dampft dagegen pünktlich. Eine Wanderung in der Sierra de la Laguna steht heute an.

Die Wanderschuhe sind geschnürt, die Wasserflaschen gefüllt. Natürlich mit gekauftem Trinkwasser, da das Leitungswasser in Mexiko Gesundheitsprobleme bereiten könnte. Wir müssen auf der Mex 1 wieder ein Stück zurück fahren. Uwe kennt eine Stelle, an der besonders beeindruckende Exemplare von Cardon-Kakteen stehen und lädt uns dort ab. Während er das Propangas kaufen fährt, wandern wir in den Cardon Wald hinein. Fast ehrfürchtig stehen wir vor den ersten Kakteen, die sich mehrarmig vor uns in die Höhe strecken. Unglaublich wie mächtig sie sind, dennoch wunderschön und einzigartig in ihrer Form. Jeder wandert jetzt für sich von einem Exemplar zum nächsten und staunt nur noch. Sogar Blüten tragen diese riesigen Gewächse, die wie Knospen aus den Armen sprießen. Weiß sind sie, aber auch Rote habe ich entdeckt. Und wie es sich für einen Kaktus nun mal gehört, hat er kräftige Stacheln. Reihenweise ziehen sie sich an den vieleckigen Armen und am Stamm rundherum nach oben. Faszinierend was die Natur so alles hervor bringt. Wie alt mögen diese Burschen wohl sein? geht es mir durch den Kopf. 100 Jahre, 150 oder vielleicht sogar 180 Jahre? 200 Jahre alt können sie ja werden. Allzuschnell ertönt das Hupsignal von Uwe; wir müssen weiter.

Auf eine staubige Straße biegen wir ab und fahren der Sierra de la Laguna entgegen. Der Ort Santa wird durchfahren. Bei einem altertümlichen Haus am Ende einer kleinen Citrusplantage wird der Van geparkt. Schon kurz hinterm Haus öffnet sich ein schmales, steiles Tal im höchsten Bergmassiv der Sierra. Und da wandern wir rein. Uwe mit schnellen Schritten vorweg, dicht gefolgt von Sabine und Monika, unseren Singles. Johannes - jetzt natürlich unbeweibt - reiht sich vor den beiden thüringischen Senioren Ita mit Wilhelm ein, schon abgeschlagen Theo und Margrit sowie Gabi und mich als Letztem. So ähnlich sollte es nämlich auf allen Touren bleiben. Gewundert hat mich diese Reihenfolge aber nicht. Tief unter uns der Bachlauf, in dem aber so gut wie kein Wasser fließt. Zwischen gewaltigen Felsen haben sich jedoch einige Tümpel gebildet, deren schrille grüne Farbe herauf leuchtet. Die Spitzengruppe wartet auf den Rest; eine kleine Kletterpartie steil bergauf steht uns bevor.

Bravourös entschwindet gleich nach Uwe auch der bubenhafte Haarschnitt von Sabine mit der strengen Schirmmütze drüber nach oben. Auch der nicht gerade zierliche Podex von Monika wird alsbald vom Dorngebüsch verdeckt. Wenn die Spitzengruppe es schafft, schaffen wir es ebenfalls, muntere ich Margrit und Gabi auf. Nur wegen der Dornen ist Vorsicht geboten. Ein schmales Viadukt erwartet uns oben, in dem tatsächlich Wasser fließt. Auf dem gemauerten, engen linken oder rechten Rand können wir jetzt weiter laufen, je nach Lust und Laune wenn es das Gestrüpp, die Felswand oder der Abgrund erlauben. Uwe ist mit seinem treuen Gefolge bereits wieder außer Sichtweite. Verlaufen können wir uns hier wirklich nicht. Das leicht steigende Viadukt endet an einem Staudamm, der einem schon leid tun kann. Zu stauen gibt's hier nicht mehr viel; dahinter nur Kies und Geröll bis es in glatten, nackten Fels übergeht.

Ich höre vertrautes Bimmeln, fast wie im Allgäu auf der Alm. Jenseits des Damms kommen wir auf eine Lichtung im Buschwerk und tatsächlich stehen dort drei Kühe, die uns genauso dusslig anglotzen, wie wir offenbar sie. Ein bißchen Gras wächst sogar, doch dürfte das Gestrüpp und das Blattwerk vieler hier am Hang stehender Bäumchen die eigentliche Mahlzeit ausmachen. Schön im Schatten dieser Bäume führt ein Weg aufwärts. Kräftiges Bimmeln jetzt vor uns. Ein Mann kommt herunter, der an langem Seil eine Kuh hinter sich her zerrt. Die will nämlich nicht und bei unserem Anblick erst recht nicht. Also müssen wir ausweichen, den steilen Hang etwas runter bis zum glatten Fels im trockenen Stausee. Die Kuh will zwar immer noch nicht, doch der Gaucho zerrt sie weiter. Für uns ist dagegen Mittagspause angesagt. Wirklich ein idyllisches Plätzchen fürs Picknick und Sonnenbaden. Von drei Seiten durch hohe, steile Berghänge eingerahmt, weite Felsrücken und große Granitblöcke um uns, zur Auflockerung einige - wenn auch nur wenige - dekorative Palmen dazwischen sowie diverse, wassergefüllte Naturpools, die zum Schwimmen einladen.

Uwe erzählt beim Kauen seiner großen Torta was von Wasserschlangen in den Pools, die jedoch harmlos sein sollen. Baden gehen denn auch nur die Frauen - neben Uwe. Ich für meinen Teil genieße die Sonne, schaue die Hänge hinauf, zähle die Cardons oben am Grat, schau Gabi und Monika bei Plantschen zu, seh hoch am Himmel zwei Fregattvögel schweben und freu mich, auf der Baja California zu sein. An sich hätte ich endlich mal Zeit, einige Notizen von der Reise zu machen, denke ich, so wie Monika, die hinter mir jetzt eifrig schreibt. Doch ... ich schau lieber den Fregattvögeln zu. Mein uralter Notizblock wird auch auf dieser Reise jungfräulich bleiben. Uwe, der es sich unter einem ausladenden Baum mit dem Namen Greentree bequem gemacht hatte, mahnt zum Aufbruch. Ita erzählt von mehreren Schlangen, die sie hier tatsächlich gesehen hat. Auf der anderen Seite der Schlucht geht es zurück. Auch hier ist Kraxelei für die Gruppe angesagt, diesmal steil nach unten. Wir überleben und erreichen alle wohlbehalten den Van.

Wasser fassen und tanken müssen wir noch. Recht preiswert ist der Sprit in Mexiko, denn Mexiko fördert eigenes Öl, vorwiegend auf der anderen Seite des Landes, am Golf von Mexico. Margrit und ich füllen die Kanister mit Wasser, das zum Abwasch gebraucht wird. Meine beiden vollen Kanister stehen schon wieder im Auto. Margrit zapft aber immer noch und staunt, dass ihre Kanne einfach nicht voll werden will. Das Überlaufloch auf der Rückseite hat sie nicht bemerkt. Da bis zum Abendessen noch reichlich Zeit ist, erklärt sich der größte Teil der Gruppe bereit, eine oder auch zwei Margeritas zu trinken. Das Lokal dafür war uns gestern schon am Eingang von Los Barriles aufgefallen. In Rot oder in Gelb wird der mit gestoßenem Eis und Saft verquirlte Tequila serviert und haut nach dem zweiten Glas in den Kopf. Margrit neben mir bekommt nach dem Genuß des Gelben erst mal rot glühende Bäckchen. Nach dem Genuß des Roten stimmen die Farben dann überein und ihr ganzer Kopf glüht rot. Beschwingtsein der besseren Ehehälfte ist keine Schande; dem guten Theodor scheint es dennoch fürchterlich peinlich.

Auch ich merke die Margerita und lege mich im Zelt ein bißchen aufs Ohr. Kochdienst haben die beiden Singles für heute übernommen. Andere helfen jedoch mit. Viele Probleme kann aber nur Uwe lösen, da lediglich er die Erfahrung hat, unter diesen ungewohnten Umständen eine ganze Gruppe zu beköstigen; schmecken soll es ja außerdem. Gabi hat jetzt schon Kopfschmerzen bei dem Gedanken, was sie denn auf den Tisch bringen soll. Meinem Vorschlag, Spagettis zu kochen, die ich sogar aufsetzen könnte, will sie als gute Köchin aber nicht folgen. Wirklich keine schöne Sache mit dem Kochdienst im Urlaub; Mithilfe schon, aber das Zepter sollte doch beim Reiseleiter bleiben. Ich glaube, jeder denkt ähnlich. Dennoch alle Essen werden bestens gelingen. Den heutigen Sonnenuntergang schaue ich mir noch am Strand an, bevor die Dose Bier aus dem Cooler gekramt wird.

Schild an der Mex 1 in Baja CaliforniaZwei Zeltübernachtungen im Strandcamp von Los Barriles und eine erste Wanderung in der Sierra de la Laguna liegen hinter uns. Die Stadt La Paz - sie gibt's nicht nur in Bolivien - soll heute auf der Mex 1 erreicht werden. Die Kisten sind aufs Auto gehievt, unser Gepäck hinten im Van exakt gestapelt. Reihum sollen die Sitzplätze gewechselt werden, hat Uwe vorgeschlagen. Aber etlichen Insassen ist es ziemlich egal, wo sie sitzen; deshalb sitz ich wieder - wie schön - in der 2. Reihe, nahe der Tür. Margrit sitzt immer vorne, da ihr kein anderer Platz bekommt. Vorbei geht die Fahrt an Kakteen, Sträuchern und Dorngebüsch. Ich liebe diese karge Landschaft. Immer wieder gibt es auch kleine Baustellen an der Mex 1. Die Ankündigungen hierfür sind mehr als üppig. Schilderverkäufer müsste man auf der Baja California sein. Auch bei den Topes (eingebaute, bösartige Wellen in der Straße zum Zwecke der mexikanischen Verkehrsberuhigung) reichlich Warnungen. Dafür manchmal aber keine, was recht kritisch werden kann, da die Dinger oft sehr hoch sind.

Über die Berge der Sierra de la Laguna geht jetzt die Fahrt. Ein Stop nach drei aufeinander folgenden, wahnwitzigen Topes in einem kleinen Bergort, da jemand pieseln muß. Wieso gerade hier auf der Höhe Geier mit weit ausgebreiteten Flügeln auf Kakteen sitzen, ist mir unklar geblieben. Attraktion im Dorf ist ein Dosenbaum. Eine Unmenge an Bierdosen trägt er, verbunden durch Lichterketten. Für den nächsten Halt bin ich wieder verantwortlich. Ein herrlicher Blick über die Berge bis hin zum blauen Golf in der Ferne öffnet sich. Uwe kann aber erst weiter unten halten. Obgleich es hier nicht mehr lohnt, mach ich aus Anständigkeit mein Bild; die anderen sind nämlich mit ausgestiegen und haben artig ihre Fotos gemacht. In einem gottverlassenen Nest mit dekorativer Kirche und einem häßlichen Industrieschornstein ist sogar ein Museum ausgeschildert. Die weite Ebene der Hauptstadt von Baja California Sur, La Paz, liegt vor uns. Strommasten scheint man hier besonders zu lieben. In drei Reihen laufen sie nebeneinander durch das Land und hinein in die Stadt. Oft ärgerlich beim Fotografieren.

Mehrspurig wird die Straße in La Paz. Hochhäuser gibt es hier keine, alle Bauten sind flach gehalten. Im Außenbezirk parkt Uwe an einem großen Einkaufszentrum, das wirklich alles bietet, bis auf Tempos für mich und Soßenbinder für Gabi. Leckeres Eis, Süßigkeiten, feine Backwaren in Hülle und Fülle; nicht nur die Mexikaner kaufen davon. Die Gruppe tauscht in der Bank nebenan noch Pesos ein, damit unser Wilhelm endlich seine Funktion als Kassenwart ausüben kann. Der Umtausch geht in Mexiko flott, es muß lediglich der Pass kopiert werden, was aber die Bank macht. Computer haben selbst auf der Baja längst Einzug gehalten und die Damen an den Kassen sind schnell damit. Zum Abschluß des Einkaufs werden die Waren von kleinen Jungen oder Mädchen sogar noch in Tragetaschen verpackt. Ein angenehmer Service. Auf der Fahrt in die Innenstadt werden wir gestoppt. Uwe hat nach Ansicht eines Polizisten bei Gelb eine Kreuzung gequert und soll nun auf der Polizeistation ein saftiges Knöllchen bezahlen. Ob zu Recht oder nicht, spielt in Mexiko keine große Rolle; die Polizei hat immer Recht, wenn man nicht weiteren Ärger will.

Das Zentrum von La Paz mit seiner gepflegten Uferpromenade und den vielen netten Lokalen gefällt mir gut. Gabi und ich wandern ein bißchen den Malecon rauf und runter, gehen in Seitenstraßen hinein und bewundern so einige alte herrschaftliche Häuser. Die Geschäfte erscheinen sehr gepflegt, gediegen. Die Auslagen sowie die reichlich vorhandenen Hotels und Pensionen deuten auf erheblichen Tourismus in der Stadt hin. Offenbar nicht nur wegen der Fährverbindungen hinüber aufs Festland. Tacos mit Kaffee in einem der Restaurants mit Blick auf die Promenade wollen wir uns noch genehmigen, bevor es wieder zum Treffpunkt zurückgeht. Die vorbei kommenden Mexikaner sind absolut keine Hinterwäldler, wie man auf der Baja hätte vermuten können. Durchaus schick, zumindest ordentlich gekleidet sind eigentlich alle. Selbst die Nabelfreiheit ist bei den Mädchen groß in Mode gekommen. Nur so ganz schlank sind viele - ebenso wie ihre älteren Geschlechtsgenossinnen - aber nicht. Chips, Fritten, Burger lassen grüßen; die USA sind nicht fern. Uwe hat sein Knöllchen bezahlt und achtet jetzt verstärkt auf die vielen Ampeln und Stopschilder in La Paz, die meist gleich im Viererpack angekündigt werden; sie gelten für die nächsten 4 Einmündungen.

La Paz liegt in einer weiten Bucht, der zwei größere Inseln vorgelagert sind. Ihren Namen, zu deutsch 'Frieden', erhielt die Stadt bzw. zunächst die Bucht bereits 1596 von dem Kapitän Vizcaino. Er war auf der Suche nach einem sicheren Ort für die Manila-Galeonen, die häufig von Piraten überfallen wurden. Da die hiesigen Indios ihm friedlich entgegen kamen, sprach alles für diesen Namen. Das Blutbad ließ nicht lange auf sich warten. Heutzutage fährt man wieder friedlich an der Küste entlang - so wie wir - und kommt alsbald nach Pichilingüe, der Fährstation. Noch ein Stückchen weiter geht die Fahrt bis der weiße herrliche Strand des Playa Tecolote vor uns liegt. Mit Blick auf die Insel Isla Espiritu Santo werden die Zelte in den Dünen aufgebaut. Ein Plätzchen zum Eierlegen, wenn nur nicht der Wind wäre.

Am heutigen, abendlichen Lagerfeuer - jeden Abend machen wir eins - wird Fisch und Manta gegrillt. Einmal fall ich mit meinem Dreibeiner noch hintenüber, dann hab ich es endgültig gelernt. Theo sitzt heute besonders tief und kann direkt vom Tisch in den Mund schaufeln. Sein neben ihm sitzendes Eheweib schaut regelrecht auf ihn herab, was mich doch wundert. Nur an der unterschiedlichen Festigkeit des Sandes kann es wohl nicht liegen. Und tatsächlich, die blauen Stühlchen sind höher als die grauen, alten Dreibeiner, wie ich mir ab jetzt merken werde. Das Sixpack mit Bierdosen fehlt natürlich nicht und die Flasche Tequila wird zum Aufwärmen benötigt. Recht kalt ist es nämlich geworden. Fließend heißes Wasser gibt's hier nicht, auch kein Klo: Uwe zeigt uns, wo der Spaten steht.

Eine Bootsfahrt rund um die vorgelagerten Inseln Isla Espiritu Santo und Isla Partida zwecks Besuches der Seelöwen ist heute angesagt. Ich krieche aus dem Igluzelt und kann es nicht fassen: Es regnet und windet kräftig; kalt ist es auch noch - und das auf der Baja Kalifornia. Es sollte Gott sei Dank aber der einzige Regentag bleiben. Da Kriminalität auf der Halbinsel absolut kein Problem darstellt, lassen wir unsere Klamotten im Zelt und fahren rüber zum Fährhafen in Pichilingüe auf halben Wege nach La Paz. Das Frühstück wird direkt am Hafen in einem urigen Lokal eingenommen. Wie bei jedem Essen hier in Mexiko, neben meinen Rühreiern lagert der Klecks an Bohnen in braunrotem Sud. Die Tortillas fehlen natürlich auch nicht. Das Essen ist ausgezeichnet und - wie schön - es darf im Lokal geraucht werden.

Das Wetter hat sich nicht gebessert, ganz im Gegenteil. Drohend schwarze Wolken hängen am Himmel und es regnet weiter. Unter der Plane des Bootes warten wir noch auf andere Gäste, die sich aber Zeit lassen. Dann geht's los. Hinter uns bleibt das Festland. Viele lange Strände werden sichtbar, auch unser Playa Tecolote. An kleineren Inseln, die von zahlreichen Kormoranen und Pelikanen bevölkert sind, rauscht das Boot vorbei in Richtung Isla Espiritu Santo (Heiliger Geist). Wie eine Festung wirkt die aus rötlichem Sandstein erbaute Steilküste der Insel und interessante Erdschichtungen werden aus der Nähe erkennbar. Auch tiefe Buchten mit herrlichen, weißen Stränden am Ende öffnen sich auf Espirito Santo. Nur wenige Segelboote haben diese Idylle für sich entdeckt. Immer wieder sind Pelikane zu sehen, die während des Fluges plötzlich nach unten wegkippen und wie ein Pfeil ins Wasser schießen. Meist haben sie einen Fisch erbeutet, der hinunter gewürgt wird. Andere Pelikane schweben dagegen majestätisch mit großer Geschwindigkeit so knapp über dem wellenbewegten Wasser, dass man es nicht glauben möchte.

Die Sonne läßt sich genau zur rechten Zeit wieder sehen, denn das Cliff mit den dösenden Seelöwen ist erreicht. Alle Frauen - bis eben auf Susanne, die bekanntlich verletzt ist - steigen in die N-Anzüge, um sich den Seelöwen schwimmend zu nähern. Die Herrn der Schöpfung bleiben lieber hier an Deck, da das Wasser doch verdammt kalt ist und man die Löwen auch vom Boot aus gut sehen kann. Begeistert kommen die Damen aus dem Wasser zurück, haben sie doch mit den Robben spielen und um die Wette schwimmen können. Offenbar ein tolles Erlebnis. Nur Gabi ist maßlos enttäuscht. Ungewohnt in dem bis zum Hals eng geschlossenen Anzug blieb ihr einfach die Luft weg; sie mußte sofort zurück kehren. Schade, sie hat sich so darauf gefreut, den Robben mal auf den Pelz zu rücken. Der Regen setzt wieder ein und alles wird grau. Wir fahren deshalb zurück. Der Regen peitscht gegen das Schiff. Wir flüchten jetzt sogar unter Deck. Lang halte ich es in dem engen Kabuff aber nicht aus. Draußen direkt neben der Tür finde ich mein Plätzchen im Wind- und Regenschatten. Drüben auf der Insel zieht ein kilometerlanger Strand vorbei, der eigentlich für uns zum Sonnenbaden am Nachmittag auserkoren war.

Der Hafen von Pichilingüe ist wieder erreicht. Uwe, unser Macher, hat es irgendwie geschafft, dass wir hier duschen dürfen. Eine Dusche steht zur Verfügung und alle wollen drunter. Sogar warm wird sie, da Theo den richtigen Knopf findet. Im Zweierpack geht es nacheinander in das Duschhaus, alle anderen schauen sich außerhalb derweil den Regen genauer an. Uwe macht Besorgungen in La Paz. Später sitzen wir im einzigen Restaurant am Playa Tecolote, denn was sollten wir sonst machen. Leben kommt in die Bude; eine Busladung amerikanischer Senioren hält Einzug. Sabine bestellt eine Fischsuppe und ärgert sich dann, dass die Garnelen zwar schon gegart sind, aber noch in ihren Panzern hocken. Gabi rückt näher an mich ran, da es neben ihr vom Strohdach tropft. Draußen wird es heller. Ein blauer Streifen am Himmel vergrößert sich stetig. Wir zahlen mit Pesos und treten in die Sonne hinaus. Na also. Jeder geht irgend einer Beschäftigung nach. Mich reizt ein Spaziergang durch die Dorn- und Kakteenlandschaft, die gleich hinter den Dünen beginnt. Faszinierend die verschiedenen Arten der Büsche und Kakteen. Alle aber mit Dornen, mal klein und dünn, mal groß und dick, mal wenige, mal hundertfach.

Ein ganzer Fahrtag auf der Mex 1 liegt vor uns. Die Sonne scheint und es ist warm. La Paz ist schnell erreicht. Einkäufe müssen noch für unseren Einzel- und Gruppenbedarf getätigt und an der Tankstelle auch Wasser in unsere Kanister abgefüllt werden. Im Schritttempo werden die 5 Topes genommen und wir haben freie Fahrt bis zum nächsten Tope, der mit Sicherheit kommt. Aus der La Paz Ebene führt die Straße nach Überwindung einer Steilstufe auf eine höhere Ebene. Und relativ eben wird das Land jetzt bleiben. Eine kurze Strecke lang ist sogar der Golf auf der rechten und der Pazifik auf der linken Seite in der Ferne zu sehen. Eine Straßensperre durch das Militär ist zu überwinden. Wir werden solche Kontrollen noch öfter erleben. Meist dürfen wir aber sitzen bleiben und nur ein mißtrauischer Blick wird in den Wagen geworfen. Manchmal dagegen heißt es aussteigen und ein Soldat wandert durch das Auto und schaut in diese oder jene Tasche. Bloß nicht lachen, weist uns Uwe ein. Mittagspause wird in dem staubigen Nest Santa Rita gemacht. Tortas, Tacos, Bier und Cola bekommt man immer. Aus Cardon gefertigte Barhocker, Tische und sonstiges, klobiges Mobiliar werden mir beim Herumstreunen in Santa Rita angeboten, was ich aber tunlichst ablehne. Die Städte Ciudad Constitucion und Ciudad Insurgentes werden durchfahren, da sie für Touristen nichts zu bieten haben.

In der Ferne zieht die Sierra de la Giganta nach Norden und die Mexicana knickt bei Ciudad Insurgentes östlich in ihre Richtung ab. Die durch ein unterirdisches, natürliches Wasserreservoir bewässerten Felder um Insurgentes weichen wieder den Kakteen und Dornbüschen. Dornig ist auf der Baja California die ganze einheimische Vegetation, wie wir allmählich feststellen. Schlangen gibt's hier auch, es sind meist die giftigen Klapperschlangen, von denen wir noch einige zu Gesicht bekommen werden. Wirklich gut ausgebaut ist die Mex 1 selbst durch die Gebirge, wie hier die Sierra de la Giganta. Man kann sie mit einer deutschen Bundesstraße vergleichen. Der Verkehr hält sich allerdings in Grenzen. Mit einem tollen Blick von hoch herab auf das tiefblaue Wasser des Golfo de California und die gebirgige, rötliche Küste wird die Höhe der Sierra de la Giganta überwunden. Photostop ruf ich Uwe zu, wer denn sonst.

Ab jetzt geht's nur noch bergab. Eine Kurve nach der anderen. Immer wieder ein kurzer Blick auf den Golf zwischen den Bergen. Gern hätte ich noch mal gehalten, doch Uwe scheint Spaß an der Kurverei auf der hier neu ausgebauten Strecke zu haben und fährt daher zügig hinunter. Ob's der Margrit bekommt? Die enge Bucht von Puerto Escondido mit diversen Booten und Yachten auf dem Wasser wäre schon ein Bild wert gewesen. Doch keiner rührt sich, die rasche Fahrt geht weiter. Gewaltig ragt linker Hand das Massiv der Sierra auf, als Uwe auf einen Schotterweg abbiegt. Eine kurze Fahrt durch Buschwerk mit einigen Palmen drin und der herrlichen Strand von El Juncalito liegt vor uns. Hier bauen wir die Zelte auf; hinter uns das gewaltige Panorama der Sierra, vor uns die in der späten Sonne rot glühende Isla del Carmen und zwei am Ufer stehende Pelikane. Wunderschön. Zur Feier des Tages wird heute nicht gekocht, wir wollen ins nahe Touristenstädtchen Loreto zum leckeren Garnelenessen.

Uwe ruft zur Abfahrt nach Loreto. Die Straße steigt an der Felsküste hoch an und bietet einen Blick vom Feinsten auf das abendliche Meer mit den Inselchen drin und der dunklen Küste. Ein Stop - natürlich. Ruhe, Harmonie, Schönheit bietet das Bild. Balsam für die Seele .., wenn Uwe nicht drängeln würde. Es geht wieder runter und für die Baja doch skurril: Die weiten, gepflegten Rasen einer großen Golfanlage mit Hotel tauchen auf. Die Ausschilderung des Flugplatzes läßt nicht lange auf sich warten. Auch so kann man die Baja California erleben. Dann ist mir das Zelt aber lieber, denk ich bei mir. Die jetzt entfernteren Berge glühen dunkelrot in der Abendsonne bei unserer Einfahrt in Loreto. Eine kleine Rundtour mit dem Bus durch den hübschen Ort mit Abfahrt der Uferpromenade will Uwe sich nicht nehmen lassen. Es bleibt noch etwas Zeit für uns. Ein Bild von den roten Bergen will ich unbedingt im Kasten haben. Es gelingt mir aber nicht. Überall sind dicke oder dünnere Drähte durch die Luft gespannt, die jedes vernünftige Photo verhindern. Offenbar hat auf der Baja jedes Elektrogerät seine eigene Zuleitung. Im Sträßchen zur alten Missionskirche von Loreto schauen wir uns noch einige der gepflegten Souvenirläden an und sitzen dann draußen vorm Lokal bei einem Fläschchen Bier, bis es Zeit für die Garnelen wird.

Noch vor Sonnenaufgang bin ich mit der Kamera dort, wo die Schotterstraße auf den Strand Juncalito stößt. Das Glühen des Bergmassivs will ich hautnah erleben, denn von hier bietet sich der beste Blick; zudem garniert von einigen Palmen. Und dann beginnt das Spektakel. Erst ein schwach rötlicher Schein auf der Bergwand, der von Moment zu Moment stärker wird. Von oben her wird das Rot intensiver, dann noch intensiver. Jetzt ein tief dunkelrotes Strahlen auf dem Massiv, fast bis runter an die Basis. Der Berg glüht nun wirklich. Das Rot wird heller und wechselt mehr ins Gelbe. Ein Erlebnis, das offenbar auch Monika früh aus dem Schlafsack getrieben hat, denn sie kommt mir auf der Schotterpiste bereits entgegen. Sie war also noch näher am Massiv, hatte dafür aber keine Palmen in Front, wie sie beklagt. - Wir packen zusammen, es geht wieder nach Loreto. Unser Müllsack muß aber noch in die Tonne. Und die steht - wie schön - hoch oben beim gestrigen Aussichtspunkt. Basura sagt man in Mexiko zu Abfall und das kann man auf der Tonne lesen. Denn auch auf der Baja ist das Problem des Mülls und Abfalls erkannt und Tonnen für Basura sind keine Seltenheit mehr. Geleert werden sie übrigens auch. Eine Müllkippe ist die Baja daher Gott sei Dank nicht.

Geld eintauschen und einkaufen müssen wir noch in Loreto, bevor es hinauf in die Berge der Sierra zur Missionsstation San Javier weiter geht. Dieser Geldtausch wird unserem Schatzmeister Wilhelm in tiefer Erinnerung bleiben. Seinen Pass läßt er hier nämlich liegen. Mir bleiben von Loreto noch in Erinnerung die gute Torta mit Rührei und Käse, die wir im warmen Sonnenlicht verputzt haben, sowie die großen Augen der Brötchenverkäuferin, als Gabi und ich auftragsgemäß 25 Stück kaufen wollten. Unser Bus hält direkt auf die höchsten Berge der Sierra de la Giganta zu. Auf einer Piste fahren wir hier. Über Hügel und durch kleine Täler windet sich zunächst der Weg; gibt oben den Blick auf die Bergkette frei, im Tal zum Teil auf kleine Haine mit besonders hoch gewachsenen Cardons. Wir sind wieder mal fasziniert von diesen Kakteen und lassen die Kameras klicken. Das steile Massiv ist erreicht, kräftig aufwärts geht's ab jetzt. Wir biegen in eine grandiose Schlucht ein, an deren rechtem Seitenhang sich der Schotterweg nach oben schlängelt.

Der Blick in die Schlucht ist ein Genuss. Offenbar führt der von hoch herab kommende, felsige Bachlauf genügend Wasser, denn dicht an dicht stehen an ihm die Dattelpalmen. Ihr sattes Grün erfreut das Auge und bildet den reizvollen Kontrast zum daneben aufragenden, rotbraunen Felsgestein. Nach rückwärts zum Tal hinaus geht die Sicht hin, bis zum blauen Golf in der Ferne. Immer höher kommen wir, immer tiefer wird die Schlucht. Schon fast auf der Höhe noch ein Stop, die Aussicht geht hier über das ganze Tal. Ein anderer Touristenbus fährt staubend einfach vorbei, als ob ihn das tolle Panorama nicht interessieren würde. Die Schlucht bleibt hinter uns, fast eben geht es oben weiter. Nur einige Berge sind noch höher. An einer einsamen, kleinen Ranch mit viel Grün und Blumen im Garten kommen wir vorbei. Der andere Bus hat hier Stop gemacht, die Insassen laufen im Garten herum. Komisch. Die Weg wird fast kriminell. Unser hochbockiger Van setzt sogar kurz auf, was unseren lieben Uwe doch etwas schockiert hat, wie ich merke. Wir kommen wieder tiefer und dann taucht im Tal der Glockenturm der Mission San Javier vor steiler Bergkulisse und inmitten grüner Felder und Haine auf.

Absolut gepflegt und sauber sieht es in San Javier aus. Eine Oase, ein Idylle wurde hier in den Bergen geschaffen. Offenbar ist die gesamte Anlage der Mission erst vor kurzem restauriert worden, denn an der Pflasterung vor der Missionskirche wird noch gearbeitet. Über diese breite, gut 100 m lange und mit Muster versehene Pflasterung wandern wir direkt auf die Kirche zu. Bäume, auch kleine mit Apfelsinen dran, stehen links und rechts des Weges. Eine sympathische, ältere Dame wartet am Eingang der Mission und geht mit hinein. Sie spricht nur spanisch und erzählt offenbar aus der Geschichte der Mission San Francisco Javier de Vigge Biaundo. Bereits seit 1720 steht sie an diesen fruchtbaren Ort. 100 Jahre später wurde sie von den Dominikanern aufgegeben. Die Kirche ist jedoch bis heute in Gebrauch. So ähnlich hat Susanne jedenfalls übersetzt. Mir gefällt das Innere der Kirche mit den vielen, großen Heiligenbildern an Decke und Wänden. Welche Heiligen es mit Namen sind, habe ich aber wieder vergessen.

Hinter der Kirche verläuft ein Stoppelpfad durchs Feld und führt in einen Hain. Die Gruppe geht ihn und kommt zu einer Art Baum, bei dem man nicht mehr erkennt, was Wurzel, Stamm oder Ast ist. Alles ist vielmehr verquirlt, verschlungen, verdreht, aber gewaltig in seinen Ausmaßen. Und er treibt immer noch, wie die grünen Blätter zeigen. Es ist ein gut 300 Jahre alter Olivenbaum. Alle sind beeindruckt von dem Monster, Susanne gleich so stark, dass sie mit ihrem wehen Bein neben eine Erdscholle tappt und es in der Wade wieder knackst. Auf Johannes gestützt, hüpft sie zum Bus zurück. Vielleicht hätte sie doch die Namen der Heiligen ins Deutsche übersetzen sollen. Wir verlassen San Javier auf gleicher Route, wie wir her gekommen sind. Nur Millimeterweise und mit Gefühl fährt Uwe diesmal über die Aufsetzstelle des Van. Die Schlucht nimmt uns wieder auf.

Uwe kennt einen tollen Aussichtspunkt, an dem er zu halten verspricht. Jeder sucht mit seiner Kamera natürlich den besten Blick. Monika steigt hinter mir noch ein kleines Hügelchen hinauf, um Kakteen für den Vordergrund im Bild zu haben. Eine besonders hübsche, weit verzweigte Kaktee ist dabei, die wie aus Würstchen zusammen gesetzt aussieht; immer ein Ende schön am anderen befestigt. Nur leicht streift Monika mit ihren unbesockten Zehen in den offenen Sandalen so ein Würstchen. Und siehe da, schon hängt das Würstchen an ihren Zehen. Abschütteln will es sich nicht mehr lassen. Wie bepelzt sieht es aus, mit feinsten Stacheln und offenbar auch Widerhaken. Vorsichtig mit einem Taschentuch geh ich zu Werke. Lupfe das Würstchen auf der einen Seite und schon hängt es mit der anderen an nächsten Zeh. Es bleibt nur: schnelles Hochreißen. Viele rote Pünktchen zieren jetzt Monikas Zehen. Ohne Socken habe ich ihre schneeweißen Füße nicht mehr gesehen. - Wieder auf der Mex 1 geht unsere Tour jetzt an Loreto vorbei, weiter in den Norden.

Die Fahrt geht heute noch bis zur Bahia Concepcion, hat Uwe gestern Abend bei seiner Vorschau für den nächsten Tag erklärt; am Strand von Playa El Coyote sollen die Zelte aufgebaut werden. Diesen täglichen Überblick für den Folgetag begrüßen wir alle sehr. So wissen wir doch immer, was uns erwartet. Und es sind stets tolle Aussichten, es sei denn, der Kochturnus erwischt einen. Die Überlandfahrt von Loreto bis zur Bahia Concepcion bietet im Wesentlichen Cardons, Cardons und nochmals Cardons. Einen einzigen Stop auf der Hügelhöhe begehre ich daher, der aber mangels Parkmöglichkeit im Tal endet. Wenigstens kann Gabi hier einen jungen Hund streicheln. Genau 55 km sind wir jetzt von Loreto entfernt, sagt uns ein Schild mitten im Nirgendwo. Gut, es zu wissen. Fast jeden km der Mex 1 zeigt ein Schild an. Und damit man es wirklich verinnerlichen kann, steht es auch noch aufgemalt auf der Straße. Berge und Hügel sind um uns und bei km 65 gibt es eine Überraschung, die einen Halt absolut zwingend macht.

Vom Hügel herab öffnet sich der erste Blick auf die Bahia Concepcion. Das Panorama ist unvergesslich. Im Vordergrund eine mit hohen Cardons und Buschwerk bewachsene Ebene, die links und rechts durch karge Hügel begrenzt wird und nach vorne bis ans tiefblaue Wasser der Bahia Concepcion reicht. Die riesige Bucht wiederum umrahmt von rötlich schimmernden Bergen in der Ferne. Die unglaubliche Farbe des Wassers im Zusammenspiel mit der exotischen Form der vielen Kakteen macht wohl den besonderen Reiz dieses Bildes aus. Hier oben hätte ich einen ganzen Tag sitzen wollen. Die Straße führt hinunter in die recht grüne Ebene. In der Nähe wunderbarer weißer Strände aber auch saftigem Mangrovenbewuchs im Uferbereich geht die Fahrt weiter. Die Berge rücken an die Bucht heran und alsbald bleibt nur noch ein schmaler Streifen für die Mex 1 neben dem Strand und dem Tiefblau übrig. Immer an der Bucht geht's entlang, jetzt mal unten am Wasser, mal erhöht am Berg.

Eine kleine Seitenbucht taucht vor uns auf. Dicht mit Mangroven und Palmen ist sie bewachsen und mit einem weißen Sand, der träumen läßt. Wie eine Brücke verbindet er zudem den Hauptstrand mit dem Strand eines grünen, winzigen, davor liegenden Inselchens und teilt das hier grünblaue, flache Gewässer in zwei Lagunen. Wahrlich ein Gedicht. Und in diesem Gedicht haben sich frecherweise vier Camper breit gemacht. Auf der herrlichen, weißen Sandbrücke stehen ihre Wohnmobile eines vor dem anderen. Wäre das nicht auch was für uns, ist die Frage an Uwe. Im Prinzip meint er ja. Nur was ist, wenn nach der Ebbe die Flut kommt? Wir können weiter fahren. Immer wieder wunderschöne Blicke von oben auf die faszinierend blaue Bahia, auf kleine Inseln und hier und da auch mal auf ein weißes Segelboot. Ein toller Strand zieht unten in einer Bucht entlang mit einem Wohnmobil neben dem anderen. Schräg geht hier die Straße den Berg hinab bis auf Wasserhöhe. Uwe biegt auf den Strand ab und fährt ihn fast bis zum Ende durch. Gerade noch ein Plätzchen ist für uns am Playa El Coyote frei geblieben.

Schnell sind die Zelte, diesmal eng nebeneinander, aufgebaut. Theo beginnt alsbald mit dem Ausbau der Feuerstelle, Monika schreibt in ihr Notizheft, die anderen kruschen etwas herum, gehen kalt duschen oder besuchen das wenig einladende Klohäuschen im Hintergrund, dort wo der Berg steil nach oben geht. Unsere Strandecke ist ideal gewählt, da nur noch hier die späte Nachmittagssonne über die hohen Berge scheint. In herrlich warm strahlenden Licht mach ich mir's vorm Zelt am Strand bequem. Erstmals nehme ich das von Trails zugesandte Handbuch über die Baja California zur Hand. Es ist von 2 Frauen mit den Namen Marianne Link und Claudia Steinkusch geschrieben, bei Graphium press verlegt und soll mir jetzt sagen, was ich über die bisher abgefahrene Strecke noch nicht weiß. Das tiefblaue Wasser vor mir, die drei Inseln in Front, der nahe Berg rechts mit den Cordons, die roten Berge links, die Palmengruppe neben mir, wie soll ich da noch lesen können. Ich laß es lieber und genieße unsere phantastische Bucht.

Eine uralte Mühle mit offener Ladefläche kommt den Strand herunter gefahren. Drei Personen steigen aus und bieten frischen Fisch an. Ich bin mir sicher, hier erstmalig Ureinwohner der Baja zu sehen. Klein sind sie, mit typischem Indiogesicht und recht bunter Kleidung. Das Mädchen ist zudem hübsch. Erst weit im Norden werden noch 4 andere Indios auftauchen. Wie jeden Abend, sitzen wir auch heute wieder am Lagerfeuer, öffnen und zerknautschen alsbald die leeren Bierdosen für die Tonne Basura. Ein Deutscher, der vor 30 Jahren in die USA ausgewandert ist, freut sich, hier deutsch plaudern zu können. Ein Farmer in bestem Mannesalter aus Oregon kommt vorbei, plaudert in Englisch und bleibt. Er macht unserer lieben Monika Avancen bis nach Mitternacht, jedoch erfolglos, wie sie uns am nächsten Tag erklärt. Die Farm in Oregon, sogar nahe dem schönen Pazifik, kann man doch nicht einfach sausen lassen, halte ich Monika vor. Sie bleibt uneinsichtig, lächelt dabei aber etwas verlegen, wie ich meine.

Eine Halbtageswanderung, 20 km vom Playa El Coyote entfernt, sieht das Programm für heute vor. Im Bus sitz ich diesmal für den ganzen Tag in der hintersten Reihe, um der wechselnden Sitzordnung auch Rechnung zu tragen. Schnell ist der Ausgangspunkt erreicht. In einem Bachlauf ohne Wasser, dafür aber um so mehr Geröll geht es voran und aufwärts. Die Wanderbedingungen sind schwierig und heiß ist es im Wadi auch; kein Lüftchen bewegt sich. Margrit packt die Wasserflasche schon gar nicht mehr ein, trägt sie nur noch in der Hand. Gewaltige Felsbrocken stehen im Weg und müssen überklettert werden. Mitten im Bachlauf hat ein Insektenvolk unterirdisch Quartier bezogen; große Wespen fliegen ein und aus. In gutem Abstand gehen wir dran vorbei. Das Gestein ist überwunden, wir befinden uns in einem Kessel; nach allen Seiten geht's recht steil nach oben. Ein Weg ist nicht zu erkennen. Lieber Uwe, wo führst du uns hin?

Uwe führt uns hangaufwärts, wohin auch sonst. Er immer vorneweg auf der Suche nach einem halbwegs gangbaren Kletterstieg. Wenn's bei ihm weiter geht, erst dann folgen wir. Teils ziehend, teils schiebend kommt auch unsere Verfolgergruppe zunehmend höher. Sabine hält sich natürlich mannhaft an den Führer, Monika ist abgeschlagen bei uns. Weiter oben wird es besser, schräg geht es jetzt voran. Die blaue Bahia wird sichtbar und alsbald ist auch der untere Teil des Bergrückens erreicht. Auf ihm wandern wir ganz nach vorne bis zum Steilabbruch. Ein Aussichtspunkt par exellence. Die Anstrengung hier herauf wird also reichlich belohnt. Die gesamte Bucht der Concepcion breitet sich unter uns aus. Phantastisch. Blau, blau, tiefblau das Wasser der Bahia bis hinüber zur Bergkette auf der anderen Seite. Auch die Mex 1 zeichnet ihren Weg von den Bergen, über die wir gekommen sind, durch die grüne Ebene bis direkt unter uns. Malerisch im Vordergrund noch eine grüne, mächtige Cardonkaktee am höchsten Punkt, als ob sie über dieses einmalige Panorama wachen wollte.

Unter der Cardon sitzt jetzt die Gruppe, macht Päuschen. Jeder nuckelt an der Wasserflasche, am meisten - wie immer - Margrit; was sie mit dem vielen Wasser, Cola, Sinalco macht, weiß ich wirklich nicht. Die heute morgen selbst gefertigten Sandwichs schmecken bei dem berauschenden Blick besonders gut. Uwe bastelt an seiner riesigen Armbanduhr herum, er will die Höhenmeter feststellen und liest 194 Meter ab. Das kann doch wohl nicht wahr sein. Diese Anstrengung und dann nur 194 m. Für die Gruppe ein klarer Fall: seine Uhr geht falsch. Abmarsch. Uwe mit seinem zweiköpfigen Anhang wieder vorneweg. Ich staune, es geht schon zurück und zwar auf selbiger Route. An einer besonders hohen Cardon kommen wir vorbei. Als Größenmaßstab und aus farblichen Gründen muß Gabi für ein Photo herhalten. Ein rotes Hemd hat sie endlich mal als Farbtupfer für meine Bilder mit auf der Reise genommen, sogar neu gekauft. Und genau darüber hat sie sich heute morgen schon kräftig geärgert. Denn Susanne trug doch tatsächlich exakt das gleiche rote Hemd wie sie. Ja, ja, die Frauen; für mich nur ein weiterer Farbtupfer auf der Baja California.

Ohne Blessuren erreicht die Gruppe wieder das Bachbett mit seinem Geröll, umgeht das Wespennest und klettert über die Felsen zurück. Trockene Äste, Zweige, totes Gestrüpp liegen reichlich herum. Um Theo eine Freude zu machen, schultert jeder etwas von diesem Reichtum an Brennholz. Margrit schleppt gar eine halbe Cardon davon, die jedoch schon so porös und brüchig ist, dass nur noch ein kleines Stück am Bus ankommt. Meinen Platz in der letzten Reihe nehme ich wieder ein. Theo sitzt nebendran und macht - im Bus könnte ich es nicht und auch sonst nicht - während der Fahrt immer seine Notizen über die Reise, wie er mir sagt. Unseren Eifer wegen des Brennholzes hat er sicherlich besonders positiv vermerkt. Der Playa El Coyote ist erreicht. Susanne, in ihrem roten Hemd nicht zu übersehen, war wegen ihres argen Beines natürlich hier geblieben und steht jetzt gebeugt über einem Photostativ, das in die falsche Richtung weist. Denn wo sie hinschaut, ist nur der steile, nahe Berghang, die schöne Bucht liegt entgegengesetzt. Meine Frage wegen der Richtung beantwortet sie jedoch zufriedenstellend. Ein Grünspecht habe sein Heim hoch oben in der ersten Cardonkaktee, sei momentan aber nicht zu Hause. Tatsächlich, mit bloßem Auge sehe ich jetzt das bewußte Loch im Kaktus. Der Grünspecht hat sich bei mir leider nicht sehen lassen.

Es verbleibt noch reichlich Zeit am Nachmittag. Ich sitz am Strand und seh eine Frau mit Hund den nahen Hang herunterkommen. Warum sollte ich dort nicht mal hinaufgehen und unser Camp von höherer Warte aus betrachten? Gabi hat keine Lust dazu, also nehme ich alleine den Wanderstock in die Hand. Wegen der Klapperschlangen allerdings nur, die es hier auch ohne Klapper und Vorwarnung geben soll. Ein Pfad bergan ist erkennbar; ich nehme ihn. Irgendwas huscht vor mir ins Gebüsch. Und dann sehe ich erstmals die possierlichen Tierchen, die Susanne schon mehrfach aus dem Auto heraus gesehen haben will. Es sind Streifenhörnchen, die hier rumtollen. Rasch verschwinden sie leider. Immer wieder klopfe ich mit dem Stock auf den Boden oder das dichte Gebüsch, das den Pfad fast überwuchert hat, um ev. Schlangen zu verscheuchen. Allein herum zu streunen, ist halt doch was anderes, als in der Gruppe zu wandern. Sehr hoch bin ich noch nicht, aber schon hat's sich gelohnt. Der Blick runter aufs Wasser und hinüber zum weiten Strand mit unseren Zelten ist wunderschön.

Der Pfad ist alsbald kaum noch zu erkennen. Bei großen Felsbrocken scheint er dann ganz aufzuhören. Auf dem höchsten Quader mache ich es mir daher erst mal bequem. Lange genieße ich den Blick über die vor mir liegende Bucht mit ihrem fast unnatürlich tiefblauem Wasser. Ein gewaltiges Exemplar einer Cardon mit 5 hochgestreckten Armen steht nicht weit entfernt. Andere kleinere Kakteen verteilen sich über den ganzen Hang. Warmes Licht herrscht jetzt am späten Nachmittag und die länger werdenden Schatten geben allem erst die richtige Kontur und machen so den besonderen Reiz meiner kleinen Wanderung aus. Ein Versuch, die Fortsetzung des Pfades zu finden, scheitert. Gern wäre ich über den Bergrücken gekommen, um auf die nächste Bucht zu schauen. Aber hier durchs Gestrüpp zu tappen, erscheint mir doch etwas zu gefährlich. Oberhalb des Lagers bleib ich deshalb sitzen, bis auch mich der Schatten der Berge erreicht.

Neben unseren Zelten steht jetzt ein roter VW-Kastenwagen mit deutschem Nummernschild. Ein junges Pärchen sitzt davor. Von Alaska bis Feuerland steht auf dem Auto und eine Internetadresse dazu, die an Kompliziertheit sicher nicht überbietbar ist. Wie sie erzählen wären sie froh, wenigstens bis nach Costa Rica zu kommen. Ein Motorschaden habe ihr Budget so arg gebeutelt, dass mehr als 2 weitere Monate nicht mehr drin seien. Sechs Monate waren noch geplant. Ich verspreche, ihre Homepage zu besuchen: http://www.theyellowbrickroad.net Am Playa El Coyote bleibt der Spaten eingepackt. Ein Klohäuschen mit zwei separaten Sitzplätzen gibt's hier nämlich und außerhalb eine Art Brunnen zwecks der Nachspülung und auch zum Waschen. Dummerweise hat mein Klonachbar die Kelle aber offenbar mit ins Häuschen genommen, denn vergeblich such ich nach ihr. Und da der Nachbar - wie ich höre - große Darmprobleme hat und wohl noch längere Zeit sitzen wird, muß denn alles so bleiben, wie es ist. (Vorher sah's aber auch nicht viel anders aus.) Gott sei Dank sieht mich keiner beim schnellen Weggehen.

Der herrliche Strand Playa El Coyote liegt schon hinter uns. Weitere Buchten kommen in Sicht und auch hier stehen Wohnwagen an den Stränden. Eine Palmenoase taucht auf; mitten drin die Ortschaft Mulege. An den ersten Häusern macht Uwe ohne meine Veranlassung einen Stop. Schnitzereien aus besonders hartem Holz soll man hier kaufen können. Ganz hübsch die Sachen, doch viel zu schwer. Auch frag ich mich, was will ich mit Elefanten von der Baja California. Wir fahren in die Oase der Dattelpalmen bis zur hiesigen, alten Missionskirche, die etwas erhöht liegt. Über die ganze Oase kann man hier schauen und das viele Grün zwischen den kargen Bergen erfreut das Auge. Sogar ein Flüsschen windet sich durch den Palmenhain; ein Fließen ist jedoch nicht erkennbar. Für Wasserschildkröten offenbar ein Paradies, denn man sieht sie in aller Ruhe herum paddeln. Die Kirche ist bestens erhalten, wird auch gepflegt. Selbst Staub wird gewischt, wie eine anwesende Putzfrau im Inneren zeigt. Figuren von Heiligen stehen an den Wänden sowie neben dem Altar. Eine sogar mit echten, langen Haaren. Und schön kühl ist es hier drin.

Mulege ist ein hübsches Touristenstädtchen. Wir fahren durch und noch ein Stück entlang des Flusses bis zum Strand. Wunderschön thront hier ein Leuchtturm auf einem Felskegel am Ende des Strandes. Bis auf Gabi steigen denn alle den Weg hinauf, um den Blick von oben über den Golf auf der einen Seite und die Berge, die Palmen sowie die grüne Flusseinmündung auf der anderen Seite zu genießen. Sogar Susanne erscheint oben und schaut den kleinen Fliegern hinterher, die vom nahen Feldflughafen aufsteigen. Bei dem kräftigen Wind hätte ich jedenfalls nicht drin sitzen wollen. Am anderen Ende des Sandes warte ich am längsten von allen auf meinen Kaffee im Strandlokal, dann fehlt die Milch und zuletzt noch der Zucker. Dafür trägt der Ober aber schwarzen Anzug, weißes Hemd mit Krawatte und bedient von der richtigen Seite, auch wenn er um mich rum muß. Jedes Getränk bringt er einzeln. Hundeverbot im gesamten Lokal lese ich dann dort, wo ich den Kaffee mit Milch und Zucker alsbald hinbringen muß.

Der Einkauf in einem kleinen Supermarkt steht noch an. Feigenplätzchen sind eine Spezialität von Mulege, die wir natürlich probieren wollen. Sie schmecken durchaus gut. Auch die hiesigen Hunde scheinen diese Plätzchen zu kennen und zu lieben. Jedenfalls weicht ein Hund nicht mehr von Gabis Seite, bis die süße Spezialität gerecht verteilt in beider Magen ist. Gedränge herrscht auf dem Markt von Mulege. Kirmes ist heute. Da aber offenbar nur reichlich Touristen rumlatschen, wird für mich ein Stop uninteressant. Kräftig bergauf geht die Straße gleich hinterm Ort. Eine Art Canyon wird später durchfahren und irgendwann gehts in Küstennähe weiter, bis die Stadt Santa Rosalia mit ihrem wichtigen Hafen direkt am Golf auftaucht. Von Kupfer lebte die Stadt fast ein Jahrhundert lang. Zahlreiche Minen wurden in die umliegenden Berge getrieben und noch heute sind überall die Reste der großen Fabrikhallen, Schmelzen, Schienen, Loren usw. zu sehen. Ein trauriger, verrotteter, wenig schöner Anblick. Passend dazu erscheinen die riesigen Autofriedhöfe, die es um die Stadt gibt.

Santa Rosalia hatte über mehrere Jahrzehnte eine französische Vergangenheit. Die Companie du Bolelo betrieb hier nämlich ab 1885 bis 1954 den Abbau des Kupfers, baute den Hafen mit Mole aus und zog Franzosen in diese Stadt. Schachbrettartig wurde Santa Rosalia angelegt und noch heute sieht man die vielen, alten Holzhäuschen mit den begrünten, blumenverhangenen Veranden. Richtig idyllisch sind so einige der meist grün-weiß angestrichenen Häuser. Uwe lädt uns vor einer Kirche ab. Sie ist eine Rarität, da sie einmal aus Stahlfertigteilen besteht und zum anderen auch noch vom bekannten Architekten Gustave Eiffel für die Pariser Weltausstellung entworfen worden ist. Irgendwie hat es sie nach Santa Rosalia ans Ende der Welt verschlagen und so stehen Gabi und ich jetzt hier drin. Recht nüchtern erscheint sie mir mit ihren geraden Linien im Inneren. Eigentlich nichts Besonderes, so dass wir uns lieber in den Straßen der Stadt ein wenig umsehen.

Entlang der Uferstraße geht die Fahrt weiter. Eine gewaltig wirkende Fähre liegt im Hafen. Heutzutage besteht nämlich eine regelmäßige Fährverbindung von Santa Rosalia hinüber aufs Festland. Auch kann von hier aus die Insel Isla San Marcos erreicht werden, auf der in großen Mengen Gips abgebaut wird. Wir aber wollen weder auf die Insel noch aufs Festland, sondern nach San Ignacio im Inneren der Baja California. Vorbei geht's an den langen, sich selbst überlassenen Fabrikhallen, den Autowracks nahe dem Ufer und dann in die hügelige Landschaft hinein. Ein markanter, dunkler Kegelberg erhebt sich in der Ferne und 2 weitere in seiner Folge. Es sind Vulkane, wie uns Uwe erklärt, die noch nicht erloschen sind. Es sind die Las Tres Virgenes. In der weiten Ebene vor den Drei Jungfrauen laß ich denn halten, um sie auch für mich zu verewigen. In der Senke dahinter tauchen die Palmenhaine von San Ignacio auf. Das Tagesziel ist damit erreicht.

Das dunkle Grün der Dattelpalmen in der kargen, rötlichen Umgebung ist wohltuend für das Auge. Uwe bittet, die Pässe einzusammeln, da für die morgige Canyonwanderung eine Genehmigung erforderlich ist. Sie werden nach vorne gereicht, nur Wilhelm ist noch am Kramen. Er sucht hier, er sucht da. Ita müßte ihn doch eigentlich haben, sagt er. Doch Ita hat ihn auch nicht. Nochmals die ganze Prozedur. Der Pass will einfach nicht auftauchen. Diverse gute Ratschläge werden gegeben. Wilhelm scheint's allmählich doch zu dämmern, wo das gute Stück tatsächlich sein könnte. Auf der Bank in Loreto hatte er den Pass ja noch zum Kopieren. Sch..., aber hoffentlich ist er wenigstens dort. Was, aber wenn? Der arme Uwe dürfte gefordert sein, denn wofür gibt's nun mal einen Reiseleiter, denke ich so bei mir.

Das vorgesehene Camp inmitten der herrlichen Palmen ist schlicht geschlossen. Ein besonders wichtiges Fußballspiel der Liga stand an, hören wir später. Gott sei Dank gibt's in San Ignacio noch einen weiteren Campground, der zwar nicht so toll ist, die Gruppe dafür aber aufnimmt. Daß Gabi und mir die Güte des Platzes ziemlich schnuppe ist, teilen wir den anderen allerdings nicht mit. Wir beide haben heute nämlich vor, uns ein Hotelzimmer zu genehmigen. Und ein Hotel liegt gleich nebenan, wie ich freudig bemerkt habe. Besser geht es nicht. Runde 80 Dollar für ein Doppel heißt es an der Rezeption. Ein gediegenes, großes Zimmer mit weiß gefliestem Bad sowie einer Toilette, deren Güte und Sauberkeit wir nach der Woche Baja nur in den allerhöchsten Tönen loben können. So ganz wohl ist uns jedoch nicht, vor den Augen der Zeltaufbauenden und Hineinkriechenden mit unserem Gepäck auf und davon in eine andere Welt zu gehen. Wir trösten uns aber damit, daß das Hotel ja jedem offen steht. Einen Akku zum Aufladen gibt mir Wilhelm noch mit auf den Weg. Das Suchen hat er jetzt endgültig aufgegeben. Zum Abendessen sind wir wieder da, verkündige ich als Letztes.

Frisch geschniegelt und gebügelt, vor Sauberkeit strahlend - den einwöchigen Bart will ich erst Morgen abnehmen - wandern wir rüber ins nahe Zentrum von San Ignacio. Es ist nicht viel, was es zu sehen gibt. Z.B. eine gut erhaltene, alte Missionskirche - wieder mal - mit 1.20 m dicken Lavasteinwänden; barocke Holzschnitzereien sowie drei vergoldete Altäre sind drin zu bewundern. Davor eine große Plaza, die von gigantischen Lorbeerbäumen gesäumt wird, und das ist es eigentlich schon. Man kann auch noch in das eine oder andere Sträßchen hineingehen, was wir denn auch machen. Die 80.000 Dattelpalmen, die in der Oase zu Hunderten wachsenden Citrus- Feigen- und Olivenbäume wollen wir uns aber im einzelnen nicht mehr anschauen. Uns genügt zu wissen, dass diese üppige Oase ihren Namen von dem Stifter des Ordens der Jesuiten, Ignatius von Loyola, ableitet. Wir können zum Camp zurückspazieren.

Der geschlagene Wilhelm sitzt mit Ita und Monika vor dem Restaurant des Camps und trinkt was Buntes. Gabi sieht sofort die nebenan festgebundenen, zwei winzigen Hunde. Einer weiß mollig, der andere braun, glatt, dünn. Vielleicht 7 Wochen alt, doch schon putzig munter. Kaum mehr Freiheit haben die Beiden; sie haben sich total verwickelt. Gabi entknotet erst mal. Der hüpfende, schleckende, weiße Knäuel hat es ihr besonders angetan. Die Liebe ist gegenseitig. Zwecks Gleichbehandlung spiele ich ein bißchen mit dem so Dürren. Uwe hat mittlerweile herausgefunden, dass der verlorene Pass jedenfalls nicht bei der Polizei in Loreto abgegeben wurde. Die Bank dagegen hatte schon dicht, also erst morgen weitere Forschung. Das Abendessen ist lecker wie immer und beim Licht der Gaslaternen sowie Theos flackerndem Lagerfeuer stimmungsvoll. Nach dem Besuch des Campklos weiß ich nun auch mit Bestimmtheit, dass die 80 Dollar eine ausgezeichnete Investition waren. Vor dem Hotel werden wir umgehend vom Haushund in Empfang genommen; das Leckerli von Gabi hat er nicht vergessen. Warm geduscht schlafen wir in den superbreiten Betten vorzüglich.

Zum Frühstück hat Uwe bereits eine frohe Nachricht. Der Paß liegt tatsächlich auf der Bank in Loreto, nur 250 km entfernt. Alle gratulieren dem - ob seiner Dussligkeit - jetzt verlegenen Wilhelm und jeder hört das Poltern des Steins, der unserem Kassenwart vom Herzen fällt. Noch nicht ganz klar ist allerdings, wie der Pass wieder zu seinem rechtmäßigen Besitzer kommen soll. Heute sicher nicht, denn die Wanderung hinab ins Canyon steht auf dem Programm. Der Einkauf für 2 Tage muß getätigt werden und frisches Eis braucht der Cooler auch. Nicht zu vergessen das Bier. Abfahrt von San Ignacio. 300 m weiter schon Stop. Militärkontrolle wieder mal. Gleich mehrere Soldaten, einer mit Gewehr, stehen parat. Wir müssen alle aussteigen; ein Soldat inspiziert das Businnere. Weiter geht's auf dem Mex 1, vorwiegend durch ebenes Land mit Kakteen rechts und links. Nur in der Ferne zieht die Sierra San Francisco dahin.

Monika hat Musik CD's dabei, eine wird von Margret eingelegt. Ich glaube, ich spinne. Statt einer zur Landschaft passenden flotten mexikanischen oder Westernmusik, ertönt ein Singsang und Gedudel, das ich nicht mal einem Altenheim zumuten wollte. Auf der ganzen weiteren Reise wurde nie wieder der Wunsch nach Musik geäußert. Der Wegweiser San Francisco de la Sierra zeigt nach rechts. Schnurgerade führt hier eine Holperpiste auf die Berge der Sierra San Francisco zu. Ein Stop ist das Bild für mich wert. Uwe mault auch diesmal nicht; er hält sich streng an die angenehmen Vorgaben im Prospekt von Trails zum Fotografieren. Wie auf einem Wellblech zittern wir dahin. 30 km/h sind absolute Spitze. Kakteen stehen soweit man sehen kann und nur langsam rückt die Sierra näher. Die schnurgerade Fahrt durch den Wald der Kakteen geht zu Ende, ein Ausläufer der Berge ist erreicht und die Straße führt aufwärts. Beim Blick zurück, weiß ich schon den nächsten Stop. Auf der Höhe wird er sein, denn von oben die schnurgerade Straße durch den Kakteenwald aufzunehmen, erscheint mir ein Muß.

Uwe meint, ein Stückchen weiter sei es aber noch besser zum Fotografieren. Auf dem Bergrücken fahren wir also weiter leicht bergauf, bis hinter uns die schnurgerade Straße zur Gänze von hiesigem Bergrücken verschluckt ist. Sie taucht auch nicht mehr auf. Lieber Uwe, man merkt, dass Du nicht selbst fotografierst. Sein Stop ist allerdings auch nicht zu verachten; es wäre mein 2. hier oben gewesen. Weit, weit geht der Blick übers Land. Unterhalb eine Ebene bis zum Horizont und ganz in der Ferne über dem Dunst noch die zarten Konturen einer Bergkette. Das eigentlich Faszinierende aber, die gesamte Ebene ist übersät mit den Stäben der Cardons, Tausende, Abertausende, soweit man schauen kann. Ja, das ist die Baja, wie sie sein soll. Und zur Ehrenrettung von Uwe, die Straße ist ebenfalls zu sehen, wenn auch auf dem Bergrücken und gewunden.

Etwas Eigenartiges ist am Gestrüpp, den Bäumchen und teilweise auch an den Cardons zu sehen. Wie Nester sehen sie aus. Manchmal nur ein Ballen oder nur wenige, manchmal aber in solchen Massen, dass ihr Träger fast völlig verschwindet. Aus trockenem Gras oder Stroh scheinen diese Ballen zu sein, so sehen sie jedenfalls aus. Was es genau ist, ist mir unbekannt geblieben. Schmarotzerpflanzen sollen es laut Uwe aber nicht sein. Johannes haben diese Nester offenbar in besonderem Maße begeistert, denn auf der Rückfahrt begehrt er an solchem Gestrüpp seinen einzigen Stop auf der ganzen Reise. Immer höher führt die Schotterstraße hinauf. Ein Teilstück von ca. 200 m ist eigenartigerweise betoniert; wunderbar fährt es sich drauf. Die höchste Stelle scheint hinter uns zu liegen, denn sacht geht es jetzt abwärts. Eine völlig neue Pflanzenform taucht ziemlich unvermittelt auf, obgleich wir sie ab hier und weiter nördlich dann in Massen zu sehen bekommen. Es ist der Cirio Strauch oder auch Cirius. Einen lateinischen Namen gibt's für ihn ebenfalls, nämlich Idria columnaris.

Wirklich, sehr eigenartig sieht der Cirio aus. Wie eine überdimensionale, umgedrehte Karotte wird häufig gesagt; es ist dann aber meist eine sehr dünne Karotte. Bis zu 20 m kann sie hoch werden und bei älteren Exemplaren sich sogar mal verzweigen. Erbärmlich mickrige, kleine, stachlige Seitentriebe hat der Ciro hingegen von unten bis oben um den gesamten Stamm herum. An der Spitze wächst noch eine Art Fussel, der im Sommer Blüten tragen kann. Dafür müssen aber erst mal 100 Jahre vergehen. Doch Zeit hat er ja mit seinen etwa 300 Jahren Lebensdauer. Manchmal gefällt es dem Cirio auch, nicht nur in die Höhe zu wachsen sondern sich zu biegen oder andere skurrile Formen anzunehmen. Damit er letztlich seine Ruhe hat, gibt's weder essbare Früchte, noch Brennholz aus ihm. Die Cardons scheint er übrigens besonders zu lieben, denn in deren Nähe ist er meist als der schlankere, hoch gewachsene Partner zu sehen.

Um ein paar Ecken geht die Straße noch herum, dann wird ein gewaltiger, weit zerfaserter Riss in einer Hochebene sichtbar. Das dürfte wohl unser Canyonsystem sein, in das wir hinab steigen sollen. Uwe fährt an einem Ausläufer der Schlucht entlang, bis an sein Ende. Gegenüber auf der Höhe sind Häuser zu sehen; es müßte der Ort San Francisco de la Sierra sein. Holpernd nähern wir uns ihm. Ein Schild zeigt an, dass hier erste Malereien der Ureinwohner von Baja California besichtigt werden können. Ein ausgebauter Fußweg führt in wenigen Minuten dort hin. Natürlich nichts für uns, haben wir doch nur eine Fußkranke dabei und die denkt überhaupt nicht dran, hier Station zu machen; auch sie will ins Canyon hinab, um dort die Malereien zu bewundern. Für 30 Dollar hat sie schon ein Maultier im Visier. Ganz schön mutig, finde ich. Trostlos ist San Francisco de la Sierra: Einige steinige Äcker, viele Kakteen, eine Handvoll flache Häuser, ein paar Ziegen, auch Perlhühner und Pfauen, die herumlaufen und sich sogar mit den Hunden vertragen, ja das ist's eigentlich schon, bis eben auf das naheliegende Canyon mit dem Namen Canon San Pablo, den hiesigen Arbeitgeber.

Erst mal Höflichkeitsbesuch beim Bürgermeister, der in seinem neuen Haus aber nicht anwesend ist. In sein goldenes Buch tragen wir uns jedoch alle ein. Maultiere und Eselchen warten schon, um mit unseren Klamotten beladen zu werden. Nur das Nötigste wird mit in die Tiefe genommen. Gepflegt und recht gut genährt sehen die Tiere aus. Verboten ist uns allerdings, ihnen Karotten zu geben; sie sollen nämlich nicht verwöhnt werden. Sehr scheu sind sie uns gegenüber, was Gabi gar nicht gefällt, denn die Eselchen haben doch so liebe Gesichter. Was mir nicht gefällt, ist eine Ziege, die eng ans Haus gebunden in der prallen Sonne stehen muss, ohne sich hinlegen zu können. Sie sieht krank aus. Nur um Ärger zu vermeiden, binde ich sie nicht mit mehr Bewegungsfreiheit. Es fällt mir aber schwer. In üblicher Reihenfolge geht unsere Wanderung ins Canyon los. Uwe mit stämmigen Schritten vorweg und ich bin froh, dass er nicht größer ist, als er eben mit seinen knapp über 1.65 ist. Wenigstens sind seine Schritte dadurch nicht zu weit.

Auf einer Schotterstraße geht's erst mal entlang. Sie endet aber alsbald an einigen Häusern. Nur ein Pfad führt weiter. Ein winziger Friedhof mit noch kleinerer Kapelle wird passiert. Gestrüpp ab jetzt links und rechts. Ein armseliger, kleiner Staudamm taucht auf, der tatsächlich ein bißchen Wasser zurück hält. Ein Ausläufer des Canon San Pablo wird sichtbar und dann links liegen gelassen. Eine weite Plaine liegt vor uns mit niedrigen Sträuchern, aber auch so einigem Grün. Die Spitzengruppe wartet auf uns Nachzügler; der Abbruch hinab ins Canyon ist nämlich erreicht. Sogar eine Tafel steht hier, die übersichtlich das gesamte Canyongebiet darstellt und die Lage der diversen Orte mit den Malereien aus alten Zeiten zeigt. Drei oder vier davon wollen wir ja besuchen. Die liegen aber tief unten im Canyon und wie tief sie wirklich liegen, können wir jetzt absolut plastisch und grandios vor und unter uns sehen. Beeindruckend ist das Panorama auf das Canon San Pablo. Begeisterung zeigt jeder; ob dies allerdings auch für den Gedanken an den Abstieg gilt?

Den Pfad hinab können wir ja sehen, jedenfalls das oberste Stück. Uwe mit Anhang wandert schon drauf. Margret ist noch hinter den Kakteen verschwunden. Es dauert uns zu lange, deshalb wandern auch Gabi und ich schon los. Steinig ist der Pfad und das wird bis unten so bleiben. Lose Steine und Geröll liegen drauf, was nicht gerade schön und angenehm ist. Der Augen müssen nämlich ständig nach unten auf den Weg gerichtet bleiben. Nur ab und zu ein Blick hinab in die Schlucht, auf die grandiose Umgebung oder nach oben zum Rand, von dem es abwärts ging. Margret und Theo haben mittlerweile aufgeschlossen. Margret sieht aber gar nicht glücklich aus. Die Wasserflasche trägt sie wieder in der Hand. Erst später sollte Gabi von Margret verschämt erfahren, dass sie mit ihrem Allerwertesten einer Würstchenkaktee etwas zu Nahe gerückt war. Und eins der Würstchen hatte gerade nichts besseres zu tun, als sich gleich dran fest zu pieken. Es hatte allerdings die Rechnung ohne Theo gemacht, der auf den Hilferuf umgehend dem Würstchen samt sämtlicher Stacheln den Garaus bereitete.

Heiß ist es in der Schlucht. Der Schweiß rinnt bei uns allen. Immer wieder der Griff zur Wasserflasche, die im Rucksack geschultert ist. Pitschnaß ist der Rücken drunter und es ist unangenehm, den Rucksack wieder über zu streifen. Außerdem habe ich den Eindruck, dass er immer schwerer, statt leichter wird. Hoch oben beim Schild haben wir jetzt auch die Eselchen kommen sehen. Bin mal gespannt, welche Figur die liebe Susanne machen wird. Obwohl ich es kaum glauben möchte, die Karawane wird uns überholen, hat Uwe gesagt. So einige Stellen sind steil, sehr steil sogar und quasi wie durch einen Kamin steigt man über Fels nach unten. Mehr als einmal müssen auch die Hände benutzt werden. Wie sollen da die Esel und Maultiere herab kommen, ist mein Gedanke und dann noch schneller als wir. Das ständige Abwärts geht in die Knie. Mal ein kurzes Päuschen, der Griff zum Wasser, ein Blick rund herum und ein Photo, dann geht's weiter. In einem Seitental befinden wir uns hier; von der tiefen Hauptschlucht ist bislang nur ein Ausschnitt zu sehen.

Jammerschade, dass man ständig auf den Weg, die Steine, den Fels achten muß. Die Schluchtwände, jetzt fast rund herum, werden immer höher. Es ist ein phantastisches Bild. Tiefer und tiefer geht es hinab. Drei Stunden sind wir in dieser brütenden Hitze schon abgestiegen. Um eine Felsecke geht jetzt der Pfad und das Haupttal öffnet sich für uns. Gewaltig streben die Wände nach oben, aber leider auch noch nach unten. In der Tiefe ein Bachlauf mit riesigen Felsen drin, aber wunderschön gesäumt von vielen Palmen. Auch eine Ranch inmitten von Grün ist unten auszumachen, es ist unser Ziel. Gott sei Dank haben wir jetzt wenigstens das Ende des Abstiegs vor Augen, denn sowohl Gabi als auch Margret sind bereits bestens bedient. Zu allem Überfluß geht der Pfad wieder aufwärts, bleibt dann aber auf gleicher Höhe. Wir hören, die Esel kommen tatsächlich hinter uns. Und das gerade an der richtigen Stelle, an der ein Ausweichen überhaupt möglich ist.

Der erste Esel kommt um die Ecke. Die Kisten kennen wir doch, die er schleppt. Uwe wird sich freuen, seine Habe wohlbehalten wieder zu sehen. Der nächste Esel erscheint, dann ein Maultier mit Reiter. Glänzend naß ist das Fell aller Tiere, die jetzt hinter einander an- und vorbeitappen. Damit sie nicht scheuen, haben wir uns ein Stück zurückgezogen. Eine stolze Reiterin ist die Nächste. Hoch zu Maultier kommt unsere Susanne heran. Nun, stolz kann sie wirklich sein, denn sich auf diesem Pfad nach unten tragen zu lassen, dürfte schon so einigen Mut erfordern. Ängstlichkeit ist ihr jedenfalls nicht ins Gesicht geschrieben, im Gegenteil. Wie eine Fastnachtsprinzessin winkt sie lässig auf uns Fußvolk herab, tappt vorbei und das Gespann läßt nur noch die beiden wippenden Pferdeschwänze - Susanne hat nämlich auch einen - sehen, bevor es um eine Felsecke verschwindet. Ein bißchen Leid tut mir nur das Maultier, denn es hat immerhin die gewichtigste Fracht nach unten zu schleppen. Die Karawane ist vorüber, die uns so willkommene Pause ebenfalls.

Uwe drängelt schon ein bißchen; er weiß, noch eine andere Gruppe steigt ins Canyon ab und könnte unser vorgesehenes Camp in Beschlag nehmen. Immer noch auf gleicher Höhe wandern wir am steilen Hang, in Richtung der Ranch. Theo hätte mittlerweile einen Esel brauchen können. Margret hat ihm den Rucksack gegeben und so schleppt Theo jetzt zwei davon sowie seine schwere Phototasche. Margret ist fertig, sie läuft nur noch mechanisch mit ihrer roten Wasserflasche in der Hand. Und Theo redet mit ihr ohne Unterlass, wie mit einem kranken Gaul. Mut will er ihr machen und wie ich so höre, haben wir die Ranch eigentlich ja schon erreicht, so nahe ist sie. Allzu weit erscheint sie wirklich nicht, doch näher kommt sie auch nicht. Gabis Probleme werden ebenfalls größer. Auch mir bleibt jetzt nichts anderes übrig, als die Ranch immer näher zu reden und das Panorama in den höchsten Tönen zu loben, was ja schließlich auch stimmt. Uwe ist besorgt um seine Schäfchen. Er bietet Gabi an, den Rucksack zu tragen. Gabi will nicht, aber ich will. Er bekommt ihn.

Die Ranch liegt direkt unter uns und endlich geht es wieder abwärts. Theo und mir fällt ein Stein vom Herzen, wird das Zureden jetzt doch leichter und vielleicht sogar glaubhafter. Die 5. Wasserflasche kramt Theo aus dem Rucksack, die letzte Volle. Was macht Margret bloß mit dem Wasser, frage ich mich, denn meine Flasche ist bei weitem noch nicht leer. Die Ranch will einfach nicht näher rücken. Uwe bietet jetzt sogar an, das schwächste Mitglied nach unten zu tragen. Aber keiner will. Das letzte steile Stück liegt hinter uns, schräg nach unten führt der Pfad auf die hohen Palmen zu. Das Lager mit den Maultieren und Eseln wird dazwischen erkennbar. Es ist geschafft. Theo und Margret kommen als Letzte an. Kaputt sind wir alle, wohl bis auf Uwe, vielleicht auch Sabine. Erstaunlich jedoch, die Lebensgeister kehren alsbald zurück und die Zelte können aufgebaut werden. Eine herrliche Abendsonne scheint ins Canyon.

Hier unten im Grund breiten sich schnell die Schatten aus und es dauert nicht lange, bis das ganze Camp in der Dämmernis steht. Dafür leuchten jetzt die hohen Felswände immer stärker in ihrem Rot. Wunderbar kontrastieren die fast schwarzen Silhouetten der uns umgebenden Palmen vor diesem rötlich strahlenden Hintergrund. Wie ein grandioses Schattenspiel wirkt es. Rasch aber wandert die Dunkelheit aus unserem tiefen Tal aufwärts. Nur noch die höchsten Klippen scheinen im letzten Sonnenlicht, dann kehrt auch oben die Dämmernis ein. Nur noch die Ränder des Canyons zeichnen sich gegen den Himmel ab. Die ersten Sterne schimmern bereits. Ich freu mich auf den Anblick der Milchstraße von hier unten aus. Später wird auch ein Vollmond aufgehen, denn gestern fehlte noch ein ganz kleines Stück. Theos Lagerfeuer flackert, es wird zum Essen gerufen. Gabi und ich ziehen uns - wie bislang jeden Abend - als Erste ins Zelt zurück. Müde genug sind wir heute wirklich.

Die Helligkeit weckt im Zelt, meist schon gegen 6.00 Uhr in der Frühe. Regelmäßig müssen wir zu dieser Zeit aber ohnehin aufstehen. Heute zwar nicht, doch ich bin halt wach und schäl mich schon mal aus dem Schlafsack. Der zu sehende Himmelausschnitt ist strahlend blau, wie nicht anders zu erwarten war. Bis hier runter kommt die Sonne zwar noch nicht, doch ein warmes, morgendliches Licht umgibt das Camp bereits. Zeit für die Morgentoilette. Der Spaten steht am Baum neben dem Lagerfeuer, hat Uwe gestern Abend verkündet. Doch dummerweise ist selbst zu dieser frühen Stunde jemand schneller als ich gewesen. Aus dem Buschwerk sehe ich jetzt aber Monika kommen; der Spaten wechselt den Besitzer. Ein lauschiges Plätzchen ist alsbald hinter Kakteengestrüpp gefunden. Nur ein Eselchen schaut plötzlich zu unser beider Erstaunen mit großen Augen über die Dornhecke. Der Kaffee dampft schon. Das Frühstück ist wie immer reichhaltig, selbst hier unten im Canyon. Mein Müsli laß ich mir dennoch nicht nehmen; genauso wenig wie Margret ihr Brot, dick bestrichen mit pampiger Nutella.

Die Malereien der Ureinwohner von Baja California wollen wir heute besuchen. Der arme Uwe muß diesmal als Zweiter laufen, wir haben nämlich einen Führer dabei. Einer unserer drei Gauchos läuft leichtfüßig vorne weg. Im Bachbett wandern wir und darin gibt's ausschließlich Geröll, Geröll bis hin zu gewaltigen Felsbrocken, aber auch schiefem, glatt geschliffenem Felsgestein. Nicht einfach ist hier das Vorankommen für uns Ungewohnte. Nur der Gaucho scheint zu schweben, so behände und leicht geht er dahin. Immer enger wird die Schlucht. Die Felswände wachsen höher und höher hinauf. Auch die vielen Palmen, die unseren gesamten Bachweg säumen, scheinen mir zu wachsen. Denn in solcher Höhe wie hier, so meine ich, die Wedel noch nie gesehen zu haben. Schön schattig laufen wir Gott sei Dank; dennoch wird es immer wärmer. Zwischen den Palmen in der engen Schlucht werden Zelte und Esel sichtbar. Es ist offenbar das Lager der anderen Gruppe. Sie sind jedoch ausgeflogen, nur 2 Gauchos wachen hier. Ein Schwätzchen mit ihnen ist selbstverständlich fällig. Zudem gute Gelegenheit, einen kräftigen Schluck aus der Wasserflasche zu nehmen.

Über Stock und Stein geht es im Bachlauf ohne Wasser weiter. Die Schlucht öffnet sich mehr und mehr, ein Seitental zweigt nach rechts ab. Wir jedoch bleiben im Haupttal. Es kann nicht wahr sein. Hoch über uns am steilen Hang setzt doch unsere Susanne auf ihrem Maultier schon wieder zum Überholvorgang an. Irgendwas läuft verkehrt auf der Baja California, wenn Alte, Fußkranke, Lahme schneller sind, als so engagierte Wanderer wie wir hier unten. Huldvoll winkt Susanne herab. Sie hat sicher einen schönen Blick auf die Gruppe im Tal. Steil müssen auch wir jetzt nach oben kraxeln, denn dort oben soll die erste Bildergalerie aus der Vorzeit zu bewundern sein. Unter einem Felsüberhang sehe ich schon aus der Entfernung jetzt die Gemälde in Rot und Schwarz. Sogar ein hölzerner Steg mit Geländer wurde bei den Bildern angebracht, um die Bilder in aller Ruhe und Bequemlichkeit studieren zu können. Das einzige Problem ist nur, erst mal auf den Steg zu kommen. Wir sind halt von der falschen Seite aufgestiegen, wie sich alsbald beim Abstieg zeigen wird.

Menschen, Tiere, Ideogramme sind erkennbar, meist in Schwarz und Rot gemalt. Aber auch Weiß ist dabei. Übereinander gezeichnet wurde ebenfalls, was dafür spricht, dass die Malereien aus unterschiedlichen Epochen stammen. Die Menschen sind fast alle mit erhobenen Armen und offenen Händen dargestellt. Die Vermutung geht dahin, dass für reiche Beute gedankt oder Jagderfolg erfleht wird. Von den Künstlern ist nichts weiter bekannt; man weiß nicht mal, aus welcher Zeit diese Kunstwerke eigentlich stammen. Auf den hier stehenden Schildern wird das stolze Alter von 10.800 Jahren v.Ch. genannt. Na ja, warum auch nicht. Trocken ist dies Gebiet jedenfalls und geschützt sind die Zeichnungen durch die Überhänge. Aber eine solche Qualität noch nach dieser Zeit? Zutreffender dürfte da schon die Einordnung zwischen 500 und 1.500 n.Ch. sein, die in Büchern genannt wird. Etwa 100 Orte derartiger Felszeichnungen sind im Gebiet des Canyons bislang bekannt geworden. Meist durch Zufall von Hirten auf der Suche nach verirrtem Vieh entdeckt.

Zum Weltkulturerbe zählen diese Stätten heutzutage. Eine Auszeichnung, die die hiesigen Menschen sicher sehr gefreut hat. Kommen jetzt doch mehr Touristen in diese abgelegene Gegend und bringen ihre Pesos mit. Unsere drei Gauchos und die Esel leben z.B. davon und auch der Bürgermeister von San Francisco de la Sierra, der - wie Uwe aus eigener Erfahrung weiß - als amtlich Zuständiger, den Eselspreis von Mal zu Mal höher setzt. Die Begeisterung der Gruppe über die Malereien hält sich in Grenzen, habe ich so den Eindruck. Mir geht es ähnlich. Die Menschen finde ich gut gemalt, die Tiere dagegen weniger. Bei letztern fehlt mir einfach der kühne, künstlerische Schliff, der mich bei Urmalereien an anderen Orten der Erde immer so fasziniert hat. Dennoch, gesehen haben muß man sie, wenn man schon mal auf der Baja ist.

Hinunter zum Bach steigen wir wieder, diesmal auf rechtem Pfad und ohne die Hände zu gebrauchen. Etwas Wasser ist hier sogar zu sehen. In flachen Tümpeln steht es; giftgrüne Algen gedeihen vorzüglich drin. Mittagspause ist angesagt. Jeder kramt sein Sandwich hiervor, setzt sich irgendwo in den Schatten, trinkt reichlich und macht dann seine Siesta. Einen Naturpool soll es ein Stück unterhalb geben, hat Uwe gesagt. Also nichts wie hin. Das Gekreische von Badenden ist schon zu hören. Gewaltige Felsbrocken umschließen den Pool und man muß erst mal hinkommen. Gabi greift in eine Kerbe im Fels, um sich abzustützen. Wie von der Tarantel gestochen zuckt ihre Hand zurück. Irgendwas Glitschiges ist da drin, ekelt sich Gabi. Die Untersuchung fördert ein winziges Fröschchen zu Tage. Ein Hopser und weg ist es. Sehr zum Leidwesen von Gabi, die das Tierchen natürlich in die Hand nehmen wollte. Susanne sowie Monika paddeln im Pool herum und preisen die Vorzüge des kühlen Naß in den höchsten Tönen. Erfolg haben sie jedenfalls weder bei mir, noch bei Wilhelm. Blutegel soll's nämlich drin geben, vielleicht ja auch Wasserschlangen oder noch Schlimmeres. Es ist halt nur was für die Frauen, wie schon mehrfach auf dieser Reise.

Die offizielle Pause ist zu Ende; Uwe ruft nach seinen Schäfchen. Zwei weitere Stätten der Malereien sollen noch besichtigt werden. Eine ist sogar von hier unten aus zu sehen. Oben am Steilhang verläuft ein waagerechter Einschnitt im Felsgestein und mit Fernglas hat Susanne darin bereits abgebildete Menschen und Tiere erkannt. Alle Schäfchen wollen aber nicht hinaufsteigen und noch viel weniger wollen zudem die dritte Stätte besuchen. Also werden 3 Gruppen gebildet; drei Gauchos haben wir ja dabei. Gabi, Ita und Margret bleiben bei Susanne. Mit der ersten Gruppe klettere ich steil aufwärts. Über mir diesmal der Hintern von Monika. Eine ganz neue Erfahrung für mich; so weit vorne war ich bei einer Wanderung auf der Baja noch nie. Recht schnell ist der Überhang mit den Malereien erreicht. Weit geht der Überhang seitwärts; auch hier wurde ein Holzgerüst errichtet, auf dem man bequem an allen Malereien entlang wandern kann. Bis hoch über uns haben die Ureinwohner ihre Werke hinterlassen. Recht monumental sind manche Tiere und Figuren geraten. Selbst in 20 m Höhe sind noch Zeichnungen zu erkennen, die nur in liegender Stellung von den Künstlern gemalt werden konnten. Man nimmt daher an, dass Gerüste, aus den hohen Palmen gefertigt, hier gestanden haben.

Sogar Wale sind abgebildet und erstaunlich gut erhalten. Jeder wandert einmal die ganze Galerie ab und fotografiert dieses oder jenes Gemälde. Unten in der Schlucht sind unsere zurück gebliebenen Damen zu erkennen; sie haben es sich jetzt in der Sonne bequem gemacht und winken herauf. Die 2. Gruppe koppelt sich ab und nimmt direkten Weg zu unserem Zeltlager. Ich will es nicht glauben, auch unsere liebe Sabine verläßt ihren angestammten Platz hinter Uwe und geht ebenfalls auf und davon. Sie muß krank sein, denke ich, oder aber fix und fertig. Abmarsch zur dritten Galerie. Durch einen Felskamin klettern wir nach oben. Es dürfte das bisher schwierigste Stück gewesen sein. Ein wunderschöner Blick geht hinab ins Tal. Auf gleicher Höhe bleibt jetzt der Pfad; sehr steinig ist er auch nicht, so dass man sogar ein bißchen Zeit zum Genießen hat. In das schon gesichtete Seitental zweigen wir ab. Auch hier gehen die Felswände steil in die Höhe. Der Wandern ist weiterhin angenehm, zumal es jetzt nicht mehr so heiß ist. Nach einer halben Stunde taucht der Überhang mit den Malereien vor uns auf. Sie entsprechen denen der anderen Galerien, sind jedoch nicht so massiert.

Da unser Interesse nicht übermäßig ist, machen wir uns alsbald auf den Rückweg zum Zeltlager. Das erste Stück auf gleichem Pfad, dann heißt es Absteigen im Seitental. Steil, sehr steil geht es hinab. Ein Weg ist hier nicht erkennbar. Über Fels, Steine, Geröll hangeln wir uns irgendwie abwärts, immer auf der Hut, nicht samt Gestein nach unten zu schliddern. Die Palmen im Grund kommen schnell näher. Monika und ich bleiben zusammen und leisten gegenseitig Hilfestellung. Die letzten Felsbrocken der Schluchtwand sind überwunden, der Bach ohne Wasser auf der Sohle ist erreicht. Aber auch hier reichlich Steine, Geröll und Felsgestein, das überwunden werden muß. Es geht kräftig in die Beine und man kann sich nur wundern, wie leichtfüßig unser Gaucho voran kommt. Das Haupttal nimmt uns wieder auf. Immer enger wird es hier unten; immer höher wachsen die Wände des Canyon auf. Nur selten kommt mir eine Stelle vom Hinweg heute morgen bekannt vor. Wir scheinen durch eine völlig andere Schlucht zu tappen.

Johannes zeigt erstmals Wanderprobleme auf der Reise. Nur schwer steigt er jetzt über das Geröll. Mir geht es noch erstaunlich gut. Das Tal weitet sich endlich, rechts wird der Kegelberg sichtbar an dessen Fuß unser Lager steht. Durch dichtes Gestrüpp führt hier der Weg und siehe da, eins unserer Eselchen läßt sich sehen. Weitere kommen hüpfend durch die Büsche. Ihre Vorderbeine sind zusammen gebunden, um sie am Weglaufen zu hindern. Dennoch werden wir einen Verlust zu beklagen haben. Auch unser Gaucho taucht auf. Offenbar treibt er die Esel näher ans Lager heran. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als hinter dem hüpfenden Pulk her wandern. Unsere Gruppe ist natürlich als Letzte am Lager und damit auch am Cooler mit seinem herrlich kühlen Bier. Ein Tecate gluckert alsbald meine Kehle hinab. Schön, dass wir heute keinen Küchendienst haben, denke ich dabei. Erst morgen ist unser Auftritt.

Besonders früh geht es heute aus dem Schlafsack. Auf Uwes Anregung haben wir es gestern Abend am Lagerfeuer beschlossen. So können wir nämlich noch gute 2 Stunden im Schatten der Schlucht nach oben wandern, denn der Aufstieg aus dem Canyon zurück nach San Francisco de la Sierra steht heute auf dem Programm. Begeisterung ist jedoch keinem ins Gesicht geschrieben; jeder denkt noch an den Abstieg. Um ausreichend Kräfte zu sammeln, hat Margret gleich drei Brote dick mit Nutella bestrichen; auch mein Napf mit Müsli quillt über. Die Zelte sind schon verpackt. Also bleibt nur noch der Abwasch und das Einräumen der Küche samt Mobiliar in die Kisten und Säcke. Das muß allerdings gelernt sein. Nur eine Tasse am falschen Ort und schon geht die Kiste nicht mehr zu. Jetzt ist sie aber zu und es kann für uns Wanderburschen los gehen. Susanne hat noch etwas Galgenfrist; Esel und Maultiere folgen später. Einer der Esel grüßt noch zum Abschied mit seinem anhaltenden I-A, einem Geräusch, das unglaublich klingt. Man kann es einfach nicht beschreiben, man muß es schon gehört haben.

Wir steigen aufwärts und so wird es im Wesentlichen auch für die nächsten fünf Stunden bleiben. Schön allerdings das doch recht lange, fast auf gleicher Höhe bleibende Stück hier im Haupttal, bis wir in das Seitental abbiegen müssen. Der Blick hinunter zu den Palmen im Bachlauf und das Schluchtpanorama ist herrlich. Ausgeruht sind wir auch, so dass dem Genuss - jedenfalls bei mir - nichts im Wege steht. Uwe hatte Recht; unsere Canyonseite bereitet sich selbst den Schatten und darin wandern wir. Sogar um die Ecke ins Seitental bleiben wir vorerst noch im Schatten. Höher und höher kommen wir. Erstaunlich, wie leicht es heute geht. Weder Gabi, noch Margret haben bislang Probleme, obgleich uns die Sonne längst erreicht hat. Von irgendwo oben ist Gebimmel zu hören. Offenbar gibt es in der Schlucht auch Vieh oder Ziegen; vielleicht sind es versprengte Tiere. Ab und zu kreisen Geier hoch über uns, mal huscht was ins Gebüsch. Eine kurze Pause, dann geht's weiter bergauf.

Ein paar Kolibris schwirren herum. Klapperschlangen sehen oder hören wir keine. Muß allerdings auch nicht sein. Ein kurzer Felskamin wird durchklettert. Es öffnet sich der Blick nach oben zum Abbruch der Hochebene in dies Canyontal fast rund herum. Sogar das Schild 'Galarias de Santa Teresa', von dem wir abgestiegen sind, ist gegen den Himmel zu erkennen. Mit diesem Ziel jetzt vor Augen geht es weiter aufwärts. Noch ein Stündchen etwa, schätze ich zu Gabi, dann ist es vollbracht. Ein letzter weiter Bogen des Pfades mit nur mäßiger Steigung wird abgewandert und nach drei Tagen stehen also Gabi und ich wieder wohlbehalten am Ausgangspunkt der Canyonwanderung, dem Schild 'Galarias de Santa Theresa'.

Die Pause hier oben haben wir uns redlich verdient. Wirklich erstaunlich, wie gut es alle geschafft haben. Wieso uns der Aufstieg aber weniger anstrengend vorgekommen ist, bleibt mir doch ein Rätsel. Denn heiß geworden ist es heute ja auch. Die Eselskarawane mit ihrem Gebimmel naht. Ein Esel nach dem anderen kommt über den Rand der Schlucht. Glänzend naß ist wieder ihr Fell. Auch die drei Gauchos auf ihren Maultieren erscheinen, natürlich mit Susanne. Sie hat den Aufstieg ebenfalls gut überlebt und sieht recht zufrieden auf ihrem durchnäßten Maultier aus. Erstaunt ist sie allerdings, dass wir es geschafft haben, vor ihr das Schild zu erreichen. Die Karawane zieht gleich weiter. Wir bleiben noch ein bißchen am Abgrund und jeder genießt das gewaltige Panorama des Canyon San Pablo auf seine Weise. Die grüne Ebene wird wieder durchschritten, dann das Dorngestrüpp, am trostlosen Staudamm, dem Friedhof geht's vorbei und die ersten 4 einsam in der Öde stehenden Häuser von San Francisco de la Sierra sind erreicht.

Ein Einheimischer hat sich mit seinem Lieferwagen hier schon postiert. Kalte Getränke und Speiseeis bietet er an. Seine Geschäfte gehen vorzüglich. Noch ein letztes Stück auf der Schotterstraße und die 10 Häuser des Zentrums von San Francisco de la Sierra sind um uns. Es hat sich hier nichts verändert, nur die festgebundene Ziege fehlt. Mit einem dicken Fladen Käse dieser Tierart als Geschenk der Gauchos kehrt Uwe nach finanzieller Abwicklung der Canyonwanderung zurück. Alles ist im und auf dem Van verstaut, wir können abfahren. Auch die Eselchen sind bereits verschwunden. Auf schon bekannter Route geht es wieder Richtung Mex 1. Den 1. Stop an einer großen Cirio mit dem Canyon San Pablo im Hintergrund habe ich zu verantworten, den 2. bekanntlich Johannes bei den Ballen am Gestrüpp. In angenehmer Ruhe ohne Musikbegleitung von Monikas CD wird selbige Strecke auf der Mex 1 - wenn auch in umgekehrter Richtung - diesmal überwunden. Die Palmen von San Ignacio grüßen schon von fern.

Unschönes steht Gabi und mir heute noch bevor. Und gleich am Eingang von San Ignacio geht es damit los. Uwe hält nämlich am Supermarkt, um uns Ärmsten Gelegenheit zum Einkauf für das Abendessen zu geben. Der bösartige Turnus des Küchendienstes hat uns das 2. Mal erwischt. Eine Vorstellung vom Abendmahl haben wir Gott sei Dank bereits. Grundlage sollen leckere, gekochte Kartoffeln werden. Die feine Zutat zu den Kartoffeln, habe ich leider schon wieder vergessen. Jedenfalls waren Champignons dabei. Ein Brokkolisalat soll dem Vitaminhaushalt dienen. Und als Höhepunkt der Mahlzeit haben wir für die vielen, lieben Mitesser saftige, gegrillte Hähnchenschenkel und auch derartige Brüste vorgesehen. Der uns schon bekannte Zeltplatz wird wieder angefahren. Gabi und ich nehmen erneut ein Zimmer im Hotel; wir haben es schon vorgebucht und verlängern gleich auf 2 Nächte. Diesmal sind wir nicht allein, die sich am Hotel absetzen lassen. Wilhelm und Ita schließen sich nämlich an und sogar Sabine macht Pesos locker, natürlich für ein ausdrückliches Nichtraucherzimmer. Einen kleinen Rabatt schlage ich für die drei Zimmer noch raus.

Wir genießen das Bad, das große Zimmer und einen kräftigen Schluck Osborne. Während sich Gabi weiter für den Küchendienst fein macht, sitz ich lieber am Pool in der Sonne und beobachte das Kommen und Gehen. Eine große Gruppe Amis ist gerade angekommen; jeder schleppt sein Zeugs zum Zimmer. Meist ältere Herrschaften, wie fast immer auf der Baja. - Das Abendessen gelingt und alle werden satt. Uwe spricht das Wort zum nächsten Tag. Es ist gerade der Puffertag, der laut Programm für eigene Zwecke zur Verfügung steht. Für Wilhelm eine klare Sache. Eine Tagesfahrt mit Uwe nach Loreto, um seinen Pass endlich wieder in Händen zu haben. Alle anderen entscheiden sich für eine Walbeobachtung auf eigene Kosten in der Laguna San Ignacio am Pazifik. Der Abwasch ist erledigt. Gabi und ich sind froh, es für heute geschafft zu haben. Reichlich müde sind wir auch. Der kleine, weiße Knäuel von Hund begleitet uns noch bis zum Ausgang des Camps, 50 m weiter kommt der Hotelhund gelaufen, begrüßt uns begeistert, muß dann aber am Eingang des Hotels zurückbleiben.

Eine Walbeobachtung soll es heute also geben. Na, hoffentlich sehen wir überhaupt welche. Es wäre dann das erste Mal, dass wir Wale gesehen hätten. So ganz vorstellen, vermag ich es mir eigentlich noch nicht. Es heißt ja sogar, dass man sie in den Lagunen eventuell auch streicheln kann. Wie groß mögen dann aber die Boote sein, wenn die Hand bis zum Wasser reicht? Und diese Wale haben immerhin ein Kaliber um die 15 m Länge. Abwarten und Tee trinken, denke ich. Dummerweise geht heute morgen unser Dienst in der Küche noch weiter, so dass Gabi und ich den Tee für die Gruppe sogar selbst bereiten müssen. Uwe und Wilhelm machen sich auf den Weg nach Loreto. Unser Kleinbus zur Laguna San Ignacio wartet am Campeingang. 2 fremde Personen sind mit dabei: Eine recht hübsche Frau sitzt schon neben dem Fahrer; nur spanisch spricht sie mit dem anderen, der mir aber Amerikaner zu sein scheint. Bei ihr tippe ich auf Mexikanerin. Genügend Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, habe ich ja im Bus. Denn zu sehen gibt es eigentlich nichts. Recht trostlos sieht draußen die vorbei ziehende, leicht hügelige Landschaft aus. Ein paar Kakteen, etwas Gestrüpp und viele Steine.

Zwei Stunden sind wir schon unterwegs. Das Land ist jetzt flach geworden, ansonsten nichts Neues. Der Fahrer ist jedoch in seinem Element und ich bin mir sicher, dass der Bus nicht in seinem Eigentum steht. Mit 60-70 km/h rauscht er schon seit San Ignacio auf der Wellblechpiste dahin. Eine einzige Zitterpartie für das Fahrzeug mit uns. In der Ferne taucht das Meer auf, nur durch die blaue Farbe zu unterscheiden vom absolut flachen Land. Ein Wattgebiet wird durchfahren. Etwas erhöht verläuft hier die Straße, links und rechts zeigen sich die typischen Schlieren von Meeresboden. Tausende von Vögeln sind auf der Suche nach Nahrung im Watt. Der Boden wird wieder fest. Am Horizont zeigen sich eine Handvoll flache Häuser, die bei unserer rasanten Fahrt rasch näher rücken. Sie sind offenbar das Ziel. Unverkennbar sind wir hier richtig. Ein gewaltiges Walskelett ist korrekt angeordnet am erhöhten Ufer aufgebaut und gibt gleich mal eine Vorstellung von den Ausmaßen dieser Tiere. Es sind übrigens keine Fische, wie man als Laie meinen könnte. Es sind vielmehr Säugetiere und Lungenatmer.

Die einzigen hier wartenden Besucher sind wir nicht. Mit privaten PKW's sind andere gekommen. Boote sind jedoch noch keine zu sehen. Die Gruppe entdeckt ein separat stehendes Klohäuschen und schon rennt alles hin. Etwas peinlich ist es für den jeweiligen Benutzer des nicht Geräusche isolierten Hauses schon, da er ja Wohl oder Übel vor aller Augen wieder heraus kommen muß. Als Vorletzter habe ich natürlich Glück, zumal ich die noch anstehende Dame nicht kenne. Dennoch wird diesem Häuschen ob seiner Sauberkeit von unseren Zeltbewohnern großes Lob zuteil. Zwei Boote sind endlich angekommen; jeder erhält eine rote Schwimmweste und versucht das Ding anzulegen. Richtig zünftig sehen wir aus, als es in die beiden Boote geht. Groß sind die Boote wahrlich nicht, eher mittlere Ruderboote mit Motor. Rasant rauschen wir jedoch davon und in die weite Lagune hinein. Das andere Ufer ist nur als schmaler Strich am Horizont zu sehen. Der Himmel hat sich total zugezogen. Ziemlich düster sieht es gerade in unserer Fahrtrichtung aus. Hoffentlich fängt es nicht an, zu regnen.

Gut 20 Minuten sind wir schon mit großer Geschwindigkeit auf dem völlig ruhigen Wasser der Laguna San Ignacio unterwegs. Auf der linken Uferseite zeigen sich nur ab und an mal einige kleine Häuser oder auch Campmobile. Die andere Seite bleibt zu weit entfernt, um Einzelheiten zu erkennen. In Front sind weit vor uns jetzt aber eine Handvoll Boote zu sehen. Es wird aufregend für uns. Jeder schaut angestrengt über das Wasser, um den ersten Wal zu entdecken. Und dort tatsächlich sprüht eine Wasserfontäne. Und dort noch eine. Mal hier, mal da tauchen sie jetzt auf. Völlig gelassen rauscht unser Kapitän weiter in Richtung auf die anderen Boote zu. Und dann sehen wir's. Ein dunkler Körper neben einem Boot. Begeisterung kommt auch bei uns auf. Ein Wal so nahe am Boot, phantastisch. Und am anderen Boot ist jetzt auch einer zu sehen. Unglaublich! Die Wale bleiben immer noch an den Booten. Stur fährt unser Führer aber weiter. Na, er wird's ja wohl wissen.

Nichts tut sich bei uns. Der Motor tuckert schon einige Minuten leise vor sich hin, wir warten an Ort und Stelle. Bei den anderen Booten tut sich dagegen viel. Immer wieder sind dort Grauwale zu sehen. Ich könnte verrückt werden. Im Geheimen mache ich unserem Kaptain schon schwerste Vorwürfe wegen Unfähigkeit. Rechts, rechts ruft jemand im Boot. Dort, in etwa 100 m Entfernung ein gewaltiger Rücken. Elektrisiert ist jeder an Bord. Unser Boot rauscht sofort los; nicht direkt auf den Wal zu, nur in seine vermutliche Schwimmrichtung. Der Rücken taucht weg. Jeder hält gespannt Ausschau. Links, links tönt es jetzt im Boot. 200 m entfernt taucht der Walrücken auf und verschwindet wieder. Sch... Gleiches Spiel von neuem. Wieder nichts. Von den anderen Booten hört man Begeisterung herüber schallen. Unser Boot wird von den Walen offenbar gemieden wie eine Seepocke. In Gedanken habe ich unseren Kapitän jetzt schon wegen absoluter Unfähigkeit ins Wasser gestoßen. Und wiederum klappt es nicht. Ein Fluch muß auf dem Kaptain liegen, auch wenn er sich noch so bemüht, was ich ihm mittlerweile zugestehe.

Unter uns - da ist einer! schreit jemand von der rechten Seite im Boot. Alle wollen jetzt nach rechts; das Boot schwankt ebenfalls bedrohlich nach rechts. Auf dieser Seite ist auch einer! schreit jemand von links. Das Boot richtet sich wieder auf. Und jetzt sehe ich ihn. Ein gewaltiger Körper schimmert durch das Wasser. Weiß-Grau gefleckt scheint seine Haut. Es ist nur einer, der unterm Boot jetzt auf die linke Seite gewandert ist. Eine unglaubliche Begeisterung hat uns alle erfaßt. So nah, wer hätte das gedacht. "Toll, herrlich, phantastisch, unglaublich, faszinierend" sind die ständigen Worte, die jetzt durch das Boot schwirren. Die Kameras klicken im Sekundentakt. Sein Kopf kommt höher, fast bis zur Oberfläche. Er geht wieder tiefer. Auf der anderen Seite erscheint sein breiter Körper erneut. Leider aber nur für kurze Zeit dann taucht er endgültig in die Tiefe ab. Dennoch, unsere Begeisterung kennt keine Grenzen, alle strahlen, auch unser Kapitän scheint mir entspannter zu sein. Gesagt hat er bisher aber noch nichts, auch lächeln habe ich ihn noch nicht gesehen.

Ein weiterer wuchtiger Walrücken hebt sich in einiger Entfernung aus dem Wasser. Mit Vollgas startet das Boot und bleibt dann wieder ruhig liegen. Wir warten. Jetzt sehen wir ihn. Der enorme Körper des Wals schiebt sich nach oben, der Kopf kommt übers Wasser, dann auch der Rücken. Und er hält genau auf unserem Kahn zu. Wie ein gewaltiges U-Boot zielt er auf uns ab. Unfaßbar dieser Anblick. Angst hat offenbar keiner. Alle halten nur gespannt den Atem an. Immer näher kommt er heran, fast schon zum Greifen nahe ist er. Eine graue Haut hat der Grauwal auch tatsächlich. Es ist aber nur seine Grundfarbe, wie wir jetzt genauestens sehen können. Über und über ist seine Haupt nämlich mit weißen Flecken bedeckt, auch Streifen und weiße Strahlen sind zu sehen; fast wie ein Blick aus dem All auf die Erde in Schwarz-Weiß wirkt seine Oberfläche für mich. Aber auch Farbe ist auf der Haut zu sehen. Inseln gleich, erheben und verteilen sich Ansammlungen von gelblichen Seepocken auf dem ganzen Körper. Mal sind große, mal auch nur keine Stellen befallen.

Typisch sind die Seepocken für Grauwale. Als gleichmäßige Sechsecke erscheinen die einzelnen Pocken um die noch ein runder Kranz von kleinen Strahlen - es sind wohl Füßchen - verläuft. Die Seepocken sind übrigens keine Schmarotzer, sie leben vielmehr mit dem Wal, aber nicht von ihm. Fest haben sie sich in der Walhaut verankert und fächeln sich mit ihren Füßchen kleine Schwebeteilchen aus dem Wasser zu, die als Nahrung dienen. Angenehm sind diese Mitfahrer den Grauwalen offenbar aber nicht. Sie wollen die Geister gern los werden, wie Susanne noch feststellen sollte. Und es juckt wohl auch, da sich manche der Wale schon mal an der Bootswand ein wenig kratzen. Vielleicht sind es aber auch die Walläuse, die sie dazu veranlassen. Beide Plagegeister sind jedenfalls verantwortlich für die weiß-grauen Zeichnungen auf der Haut dieser friedfertigen Riesen.

Wirklich eindrucksvoll sind jetzt auch die beiden verschließbaren Luftlöcher am Hinterkopf zu sehen. Es sind schon gewaltige Nüstern, die da zwischen richtigen Knochenhügeln eingebaut sind. Und aus ihnen schießen die weithin sichtbaren, typischen Fontänen der Wale. Eigentlich soll es ja nur Luft sein, die er beim Auftauchen als Lungenatmer ausstößt; an die 1000 Liter. Ich weiß es aber besser. Eine Menge Wasser ist vielmehr dabei, denn allein durch Luft hätte meine Kamera und ich nicht naß werden dürfen. Unser gerade angekommener, lieber Grauwal öffnet nämlich just in dem Augenblick, in dem ich meine Kamera über ihm klicken lasse, die beiden Nasenlöcher und atmet mal kräftig durch. Ein ordentlicher Luft-Wasser-Schwall erfaßt mich dabei. Wer hat sowas schon mal erlebt? Auch das Atemgeräusch des Kolosses beeindruckt sehr. Wie aus einer riesigen, hohlen Dampfmaschine presst er die Luft heraus.

Ob es nun aber ein Männlein oder Weiblein ist, bleibt für uns die Frage. Vermutlich aber ein Männchen. Die weiblichen Wale haben zu dieser Zeit nämlich meist ein Junges im Schlepptau. In den Lagunen der Baja California werden sie während der Monate Dezember bis März geboren und nur in dieser Zeit wird zudem für den Nachwuchs des kommenden Jahres gesorgt. Von den Liebesspielen der Grauwale werden wir leider nichts zu sehen bekommen. Akrobatik, sogar mit Purzelbäumen sollen diese gewaltigen Tiere vollführen können und meist sind es gleich zwei Bullen, die um eine Walkuh buhlen. Gesellig sind sie jedoch nur hier und auf der Wanderschaft von und nach der Arktis. Jedes Jahr wird diese 8000 km lange Reise zwischen Beringmeer und Baja fast vom gesamten Bestand der Grauwale unternommen. Klar, es wird ihnen im Winter in der Arktis zu kalt, denn es sind schließlich Warmblütler und als solche müssen sie die Körpertemperatur konstant halten.

Immer noch ist der Riese bei uns. Mal ein bißchen weiter vom Boot entfernt, um seinen langen Schädel oder den gewaltigen Rücken zu präsentieren, mal auch unter dem Boot oder mal seitwärts. Selbst die Schwanzflosse stellt er jetzt senkrecht aus dem Wasser, damit mein Film endlich voll wird und ich im schwankenden Kahn wechseln muß. Etwas Tang hat er vom Meeresboden mit gebracht, was dafür spricht, dass er bereits eine Mahlzeit hinter sich hat. Von dem Kleingetier und den Pflanzen dort unten ernährt er sich hauptsächlich. Mit seinen ca. 50 cm langen Barten durchkämmt er eifrig den Boden, denn er braucht bei seiner Größe naturgemäß viel an Nahrung. An die 500 kg Krustentiere, vorwiegend Krill, stehen auf seinem täglichen Speiseplan. Und um den auch einzuhalten, hebt er zum Abschied in voller Breite seine Schwanzflosse für einen Moment aus dem Wasser; dann taucht er endgültig weg. Das Erlebnis können wir kaum fassen. Sogar unser Kaptain lächelt, gibt aber gleich wieder Vollgas. Der nächste Grauwal ist in Sicht. Das Boot ruht, wir warten gespannt.

Fast neben unserem Kahn taucht sein Kopf auf. In Gedanken leiste ich dem Kapitän bereits Abbitte. Ein gewaltiges Tier ist auch dieser Grauwal. Viele der grau-weißen Schlieren und Flecke hat er überall auf seinem Körper, dazu einige Inseln mit Seepocken. Zum Greifen nahe bleibt sein Kopf knapp unter der Wasseroberfläche. Jetzt dreht er sich etwas und der Schädel mit dem langen Strich des gewaltigen Mauls hebt sich leicht aus dem Wasser. Unfaßbar dieser Anblick. Hände strecken sich zu ihm aus und ganz sacht streichen sie über seine Haut. Er läßt es sich gefallen. Eine weitere Hand berührt ihn, streichelt. Eine unglaubliche Faszination hat uns fest im Griff. Die Begeisterung kommt aus jedem Mund, man muß sie einfach von sich geben. Er geht wieder unter Wasser, taucht jetzt auf der anderen Seite auf. Langsam hebt sich sein Kopf erneut aus dem Wasser. Diesmal ist auch meine Hand dabei. Ich kann es nicht fassen: ich berühre ihn tatsächlich. Auf seiner Haut streiche ich hin und her. Ledrig fühlt sie sich an, kein bißchen glitschig. Er geht wieder unter Wasser. Ich habe einen Wal gestreichelt, steht in meinem Kopf.

Was für ein Erlebnis, was für eine Faszination. Einfach unglaublich!! Nur ein einziges Mal in meinem Leben habe ich bisher eine vergleichbare Situation erlebt. Es war der Besuch bei den Berggorillas in Ruanda. Die Gorillafamilie war im Busch gefunden, nur der Alte, der Silberrücken, fehlte noch. Wir suchen ihn krabbelnd auf allen Vieren; es ist die zwingend notwendige Demutshaltung. Beim Blick ins Gebüsch stockt mir der Atem. Der gewaltige Kopf des Silberrücken nur etwa 50 cm vor mir. Aug in Aug schaun wir uns an. Dann kommt er heraus, touchiert mich kurz - wohl unabsichtlich - und richtet sich auf. Ein 2-Meterbrocken, fast ebenso breit wie hoch, steht vor mir, gähnt und zeigt sein fürchterliches Gebiss. Damals ging mir allerdings kräftig die Muffe; heute dagegen nicht. Sanfte Riesen sind sie aber beide. Der heutige Riese hat sich seine Streicheleinheiten abgeholt, taucht unters Boot. Für kurze Zeit schimmert seine grau-weiße Haut noch durchs Wasser, dann ist er weg.

Was haben wir doch für ein Glück gehabt. Unsren Kaptain könnte ich mittlerweile umarmen. Auch das Wetter hat sich gehalten, es hat trotz der dunklen Wolkendecke nicht geregnet. Wir müssen zurück. Volle Geschwindigkeit nimmt das Boot auf und rauscht durch das graue Wasser der Laguna San Ignacio. Der Kapitän sitzt jetzt zufrieden mit sich und der Welt hinten am Steuer. Gesagt hat er aber immer noch nichts. Ein bißchen Information über die Grauwale wäre sicher nicht schlecht gewesen. Hochstimmung herrscht an Bord. Die Begeisterung über das Erlebte schaut jedem aus den Augen, auch wenn eine Unterhaltung bei dem strengen Fahrtwind kaum aufkommt. Das zweite Boot zieht parallel zu unserem dahin. Wir sind jedoch etwas schneller. Der Himmel wird freundlicher, je näher es zur Anlegestelle geht. Klein ist die Laguna San Ignacio, einer der drei Nationalparks der Baja California zu Gunsten der Grauwale, wirklich nicht. Gejagt werden sie hier natürlich nicht mehr; wahrscheinlich sind die Riesen deshalb so zutraulich geworden. 1976 gab es übrigens in der Lagune San Ignacio die erste Kontaktaufnahme eines Grauwals zu Menschen.

Die felsige Anlegestelle ist erreicht, die Schwimmwesten werden eingesammelt. Das Walskelett sehe ich jetzt mit etwas anderen Augen; man hat Beziehung zu diesen Tieren bekommen. Am Klohäuschen herrscht wieder Hochbetrieb. Wehmütig schaut die Mexikanerin auf ihren von Susanne okkupierten Platz neben dem Fahrer. In die zweite Reihe muss sie nun. Dem Fahrer ist's egal. Hauptsache, er kann das Gaspedal durchtreten. Als Abschiedsgruß lässt er eine Staubwolke hinter sich. Nur einem Auto begegnen wir auf den ersten 50 km. Und das natürlich an der einzigen Baustelle der gesamten Straße, zudem im Watt, in dem ein Ausweichen nicht möglich ist. Also warten wir, bis der Andere, als knapper Erstankömmling, die 200 m Einbahnstrecke durchfahren hat. Noch 2 Stunden Zittern und Wackeln im Bus, dann tauchen die Palmen von San Ignacio wieder auf. Hier im Landesinneren scheint die Sonne vom blauen Himmel.

Gabi und ich sind froh, das Hotel auch für diese Nacht gebucht zu haben. So können wir es uns jetzt bei dem herrlichen Sonnenschein am Pool bequem machen. Nebenan planschen drei Kinder im kleinen Becken herum. Mal sprechen sie Englisch, mal Spanisch wie ich höre. Spielautos haben sie dabei und es macht ihnen Spaß, sich damit zu bewerfen. Wieder ein Wurf; er landet am Kopf des Kleinsten. Der muß sich aber erst mal klar werden, was nun zu machen ist. Die Entscheidung ist getroffen, die Heulsirene geht los. Der Werfer zieht sich vorsichtshalber gleich hinter einen Hauspfeiler zurück und beobachtet von dort das weitere Geschehen. Der Verletzte rennt schreiend zu seinen Eltern und verschwindet dann mit ihnen im Zimmer. Das Geplärre muß offenbar auch die Mutter des kleinen Werfers aufgeschreckt haben. Denn eine junge Mexikanerin erscheint, sieht ihren Buben hinterm Pfeiler und will nun wissen, was passiert ist. Es hilft dem Kleinen nichts, er wird zur Zimmertür des Verletzten gezogen und muß mit hinein. Nach 10 Minuten planschen die Drei wieder im Becken, diesmal ohne ihre Autos.

Eine Busladung von Amis stürmt die Zimmer um den Pool. Von Jung bis Scheintot ist alles dabei. Ein älteres Paar versucht vergeblich die Tür zu öffnen. An der Nachbartür passt dann endlich der Schlüssel. Aber nur Sie geht hinein, er verabschiedet sich galant und mit Verbeugung. Allmählich müssen auch wir zum Camp aufbrechen. Traurig bleibt der Hotelhund zurück, freudig empfängt uns der kleine Camphund. Der Van samt Uwe, Wilhelm und Pass fährt aus Loreto ein. Alle gratulieren zum Erfolg ihrer Mission. Eine Margerita für jeden der Gruppe ist es Wilhelm Wert. Und wenn wir schon ins Restaurant müssen, dann sollten wir dort auch gleich essen, ist der gemeinsame Beschluss: z.B. leckere Garnelen. Uwe zeigt sich über unser heutiges Walerlebnis erstaunt. Hat er doch bei 15 Versuchen erst ein Mal einen Wal so nah erleben können. Vielleicht klappt's morgen ja nochmals bei der offiziellen Walbeobachtung in der Laguna Ojo de Liebre. An der Lagune des Hasenauge werden wir die Zelte aufbauen, verkündet Uwe in seinem Wort für den Folgetag. Und in Guerrero Negro kann telefoniert werden, sagt er zur Beruhigung für Sabine. Ihr Handy funktioniert zwar ausgezeichnet und das schon auf der ganzen Baja, das Ding findet nur kein Netz zum Einloggen, wie sie mir, dem absoluten Laien, als stolze Handybesitzerin beibringt. Oft genug ist sie nun wirklich mit ihrem Handy und tiefer Stirnfalte hin und her gelaufen, das kann ich guten Gewissens bestätigen. Welche Sorgen mag sich ihr Freund im fernen Deutschland nur machen?

Sehr weit brauchen wir heute nicht zu fahren, deshalb lassen wir es schon morgens gemütlich angehen. Die Zelte und die Küche werden nach dem ausgiebigen Frühstück verladen, dann geht's rüber zum Hotel, um auch Sabines sowie Gabi's und mein Gepäck zu verstauen. Eine letzte Fahrt durch die Palmenoase von San Ignacio, dann nimmt uns die Mex 1 wieder auf. Stop am Kontrollpunkt; wir dürfen diesmal im Bus bleiben. Es folgt das uns bereits bekannte Terrain bis zum Abzweig nach San Francisco de la Sierra. Die CD bleibt eingepackt; Monika muckst sich nicht auf ihrer Musikstrecke. Vielleicht hat sie das Gedudel aber auch so im Ohr. Die Cardons werden weniger. Dafür begleiten uns jetzt über Kilometer riesige, flache, mit weißen Planen überspannte Gewächshäuser. Von der Sierra aus hatte ich sie schon gesehen, konnte mir nur keinen Reim draus machen. Aus der Ferne wirkten sie wie ein weißer See. Immer ebener und karger wird das Land um uns. Wir kommen in die Vizcainowüste, die sich bis zum Pazifik erstreckt und auch bis zur Stadt Guerrero Negro in Fahrtrichtung.

Eine richtige Wüste ist die Vizcaino aber nicht, wie ich feststelle. Denn etwas Gestrüpp und niedriges Gewächs ist bis zum Horizont zu sehen. Das Schönste jedoch: Tausende von kleine Blümchen haben sich hier entfaltet. Wie ein Teppich wirkt es hin und wieder aus der Seitenansicht, mal in gelber Farbe, mal in rötlich oder auch in weiß. Es muß hier ausgiebig geregnet haben, meint Uwe, da er die Vizcaino-Wüste noch nie so bunt erlebt hat. Schnurgerade führt die Mexicana durch die Vizcaino. Ein Schild taucht auf mit dem Schriftzug: Laguna Ojo de Liebre. Nach hier kommen wir wieder zurück, aber erst steht der Besuch von Guerrero Negro für uns an. Eine breite Straße führt in die Stadt hinein. Nur eine flache Häuserzeile zieht links und rechts vorbei, dahinter nichts. Irgendwie wirkt es nach Wild-West. Die Häuser mehren sich; Uwe macht an einem kleinen Restaurant Halt. Besonders leckere Tortas, Tacos, Fisch und sonstiges soll es hier geben. Ich bestelle sicherheitshalber das Gleiche wie Uwe - die Karte kann ich ohnehin nicht verstehen. Es schmeckt vorzüglich.

Zeit haben wir jetzt noch. Uwe muß was Geschäftliches erledigen, Sabine was Privates, Wilhelm ebenso. Der Rest wartet auf die Drei; erst im Lokal, dann draußen. Die Sonne hat sich wieder blicken lassen, was so nahe am Pazifik nicht unbedingt selbstverständlich ist. Über dem kalten Wasser des Meeres bilden sich nämlich häufig Wolken oder Nebel. Ich wandere ein bißchen die Straße hinauf. Interessantes zu sehen gibt es aber nicht. Ein Möbelgeschäft, einen Computerladen, eine verrammelte Disco, dann eine ungeteerte, staubige Seitenstraße, aus der jedoch viel Verkehr fließt. Wilhelm kommt mir entgegen. Er hat mit seinem Sohn telefoniert und schnell eine Verbindung nach Deutschland bekommen. Na dann wird Sabine ja auch glücklich werden. Uwe trudelt ein, Sabine erscheint ebenfalls schnellen Schrittes. Hast du deine Mutter endlich erreicht? höre ich von irgendwo her. 'Bingo' denke ich. Und ich mach mir Gedanken über einen sich vor Sehnsucht verzehrenden Freund in Deutschland. Die Fahrt geht in die Vizcaino-Wüste zurück und am Schild zur 'Laguna Ojo de Liebre' zweigt der Van auf eine Sandpiste ab.

Durch total ebenes Gebiet bis zu Horizont fahren wir hier. In der Ferne werden schneeweiße, weitläufige Flächen erkennbar, aus denen vereinzelt Bagger oder Ähnliches ragen. Meeressalz wird dort gewonnen. In riesige Areale wird Meerwasser geleitet und nach Verdunstung des Wassers kristallisiert das weiße Salz. Verschiedene Stadien der Verdunstung können wir in den einzelnen Becken beobachten, denn die Straße führt exakt durch dieses Gebiet. Hauptsächlich in die USA, nach Kanada und Japan wird das Salz exportiert. Gut 20 km fahren wir, bis vor uns die weite Laguna Ojo de Liebre auftaucht. Man nennt sie auch die Scammon's Lagoon, benannt nach dem erfolgreichen Walfänger Charles Melvine Scammon. 1857 stieß er bis in diese schwer zugängliche Lagune vor. Welchen Raubbau er an diesem Brutplatz der Grauwale betrieb, kann man sich vorstellen. Mr. Scammon und seine Nachfolger schafften es jedenfalls, in hundert Jahren den Bestand von 25.000 auf 250 Grauwale zu dezimieren. 1947 wurden die Grauwale dann Gott sei Dank unter Schutz gestellt. Leider gilt das nicht für alle Wale, deren Bestand bedroht ist.

Die Scammon's Lagoon ist im Jahr 1972 zu einem Nationalpark mit dem hübschen Namen Parque Natural de la Ballena Gris erklärt worden. Und in diesem Park endet unsere Straße an einem großen und 2 kleinen Häusern. Wir fahren aber weiter, nun am gut 300 m breiten Dünenstrand entlang. Wie Perlen aufgereiht stehen in gleichmäßigen Abständen fast bis an den Horizont winzige Häuschen 200 m tief am Strand. An einem dieser Häuschen biegen wir zum Wasser hin ab und haben damit unseren Zeltplatz für die Nacht gefunden. Ein wirklich schönes Plätzchen mit Blick auf die weite Lagune bis hinüber auf die andere Seite, die meist nur noch als Strich am Horizont auszumachen ist. Etwas abseits des Ufers und erhöht werden die Zelte aufgebaut, da Ebbe und Flut in die Laguna Ojo de Liebre einwirken. Die Nachmittagssonne lädt Gabi und mich zu einem Sonnenbad ein; hinter einer Düne machen wir's uns bequem. Die anderen Damen sind schon dabei, das Abendessen zu richten, was Gabi ein schlechtes Gewissen bereitet. Ich rede es ihr aus; bei dieser herrlichen Sonne und der noch so frühen Zeit soll sie mal lieber hier bleiben. Vorgestern bei unserem Küchendienst wurde ja auch erst sehr spät geholfen.

Gabi ist zum Helfen gegangen. Ich bleibe an unserem Plätzchen und beobachte die Pelikane in den Lüften. Vier segeln mit großer Geschwindigkeit dahin, entfernen sich weit, kommen wieder zurück. In typischer Dreiecksformation segeln andere heran und lassen sich auf einer nahen Sandbank nieder, die gerade von der Ebbe freigelegt worden ist. Zwei Schwärme hochbeiniger Vögel ziehen jetzt an mir vorbei. Ihr Ziel ist die gleiche Sandbank. Kurz darauf taucht noch ein Schwarm dieser Vögel auf, aber der will nicht mehr enden. Es müssen Abertausende sein, die hier in weiten Wellen angeflogen kommen. Auch sie lassen sich alle auf dieser einen Sandbank nieder. Dicht an dicht stehen sie schon neben einander, viele mangels Platz mit ihren Füßchen bereits im seichten Wasser. Was das Ganze soll, werden sie wohl wissen. Nur wegen des wunderschönen Sonnenunterganges und der Spiegelung in den Gewässern der Laguna Ojo de Liebre, sind sie sicherlich nicht hier. Für diesen Genuss bin ich vielmehr zuständig.

Die Sonne ist untergegangen, das Essen ruft. Meine dicke Jacke nehme ich noch aus dem Zelt, denn es ist wieder empfindlich kühl geworden. Das Lagerfeuer von Theo flackert bereits und die Töpfe dampfen. Kaum ein Licht ist irgendwo um uns zu sehen; auch der Himmel hält sich bedeckt. Stockduster wird es heute; nicht einmal das für uns zuständige Klohäuschen ist vom Lager auszumachen. Nur gut, dass wir in etwa die Richtung wissen. Allein will Gabi aber nicht gehen. Zu zweit schaffen wir es, wenn auch mit einiger Mühe. Zurück weist das Feuer den Weg. Romantisch wirkt es in der Dunkelheit. Früh aufstehen sollten wir morgen, meint Uwe, damit wir als erste die Wale besichtigen können. Der Andrang ist hier manchmal groß und es dürfen immer nur zwei Boote gleichzeitig zur Walbeobachtung hinaus. Was soll's, denke ich, wann stehen wir denn mal spät im Urlaub auf?

Alles ist verpackt, wir fahren rüber bis vors große Haus. Und siehe da, wir sind absolut nicht die Ersten. Es herrscht schon mächtig Gedränge im Parterre. Sch... Sogar ein Kamerateam mit allem Drum und Dran ist angereist, um für den mexikanischen Tourismusminister Aufnahmen der Grauwale zu machen. Warten heißt es jetzt für uns. Eine andere deutsche Reisegruppe ist auch eingetroffen; zwei hübsche Frauen sind dabei. Es geht also doch. Öffentliche Busverbindungen von und nach Guerrero Negro scheint es sogar zu geben, denn weitere Personen kommen an. Ein Pärchen mit gewaltigen Rücksäcken auf dem Rücken ist offenbar noch unschlüssig, was sie als erstes machen sollen. Sie wandern hinunter zum weit ins Wasser rausragenden Bootssteg, kommen dann aber zurück. Jetzt gehen sie wieder hinunter und kommen erneut zurück. Beim dritten Anlauf endlich scheinen sie's zu wissen. Sie gehen in die Dünen. Wir wissen auch, was wir wollen: Einen schönen, großen Pott Kaffee im Restaurant nämlich. Und dann noch einen und noch einen. Endlich kommen Boote zurück. Wir sind dran. Jeder schnappt sich eine Weste und geht hinunter zum Steg. Das Bändchen um den Arm zeigt, dass wir bezahlt haben.

Das Boot rauscht los, in die Laguna Ojo de Liebre hinein. In den Dünen sehe ich ein kleines Zelt stehen und das unschlüssige Pärchen sitzt davor. Auch unser Nachtlager erkenne ich; am 5. Klohäuschen, wie ich mir gemerkt habe. Das Ufer entfernt sich immer mehr, die andere Seite der Lagune rückt dafür näher. Wir sind gespannt, was uns heute erwartet. Die erste Fontäne wird ausgemacht, dummerweise aber hinter uns. Zwei Boote kommen entgegen, offenbar sind doch mehr als 2 unterwegs. Weitere Fontänen sind zu sehen, hier und dort jetzt auch auftauchende Walrücken. Immerhin, einige Tausend Grauwale sollen sich hier aufhalten. Die Spannung im Boot wächst. Wilhelm setzt sein Fernglas schon gar nicht mehr ab; für ihn ist eine Walbeobachtung ja Neuland. Auch Margret schaut in die Ferne. Irgendwie wirkt sie auf mich meist desinteressiert, so als ob sie neben sich stünde. Begeisterung für die vielen Erlebnisse dieser Reise habe ich bei ihr bislang kaum bemerkt. Außer vielleicht beim Schmieren ihrer Nutellabrote oder nach dem Genuss der gelben und roten Margerita in Los Barriles.

Das Ziel muss erreicht sein, denn mit leise tuckerndem Motor bleiben wir an Ort und Stelle. Ein weiter, weicher Wellengang grünlich schimmernden Wassers ist um das wiegende Boot. Die Sonne scheint warm durch die dünne, weiße Wolkendecke. Zu unserem Glück fehlt eigentlich nur noch ein Grauwal, der sich streicheln lässt. Wir warten. Ein gewaltiger Rücken hebt sich aus dem Wasser. Nicht weit entfernt, genau in unsere Richtung. Das Fieber hat uns wieder gepackt. Er taucht weg. Hier ist er, schreit jemand. Und tatsächlich, ein riesiger, weiß gefleckter Körper zeichnet sich im Wasser unmittelbar am Boot ab. Jetzt dreht er sich etwas zur Seite, dann schiebt sich sein Kopf schräg aus dem Wasser heraus. Phantastisch der Anblick. So nah, so gewaltig, so sacht, so vorsichtig. Einfach unglaublich! Das Maul mit dem langen, geraden Streifen der Lippen geht wieder unter Wasser. Das Auge habe ich leider nicht gesehen. Noch ist er im Wasser erkennbar. Hoffentlich gelingt das Photo, denke ich. Er verschwindet im Dunkel der Tiefe. Weiter entfernt grüßt sein Rücken ein letztes Mal.

Natürlich sind wir wieder euphorisch. Was haben wir doch für ein Glück. Erst in der Laguna San Ignacio und jetzt auch in der Laguna Ojo de Liebre. Rund herum zufrieden bin ich bereits, aber vielleicht kommt ja noch mehr. Wir warten erneut und suchen gespannt das Wasser ab. Viele Fontänen sind zu sehen und immer wieder tauchen irgendwo entfernt die dunklen, massigen Körper von Grauwalen auf. Manchmal zeigt sich auch nur eine Flosse oder ein schräg aus dem Wasser ragender Kopf. Die Wolkendecke reißt über uns auf, die fernen Ufer liegen schon im Sonnenlicht. Auf der anderen Bootsseite tut sich was; man schaut halt immer in die falsche Richtung. Eine dunkle Schanzflosse schwingt durch die Luft, taucht dann wieder ein. An fast gleicher Stelle kommt jetzt aber eine weit größere Flosse mit vielen weißen Flecken zum Vorschein. Es müssen also zwei Wale sein, die da direkt auf uns zusteuern. Es ist tatsächlich eine Walmutter mit ihrem Jungen, stellen wir zu unserer Begeisterung fest. Wer wollte das nicht mal erlebt haben?!

Ein Baby soll das sein, das da wie ein Torpedo auf unser Boot zukommt? Der ganze Kopf ragt aus dem Wasser, nur die Augen sehe ich wieder nicht. Fasziniert schauen wir ihm entgegen. Kurz vorm Boot geht es unter Wasser, taucht dann auf der anderen Seite auf. Mal ist es jetzt hier, mal da. Es scheint dem Jungen Spaß zu machen, um und unter unserem Boot zu schwimmen. Es spielt wohl. Jetzt schupst es das Boot sogar ein bißchen. Seine Mutter ist natürlich stets dabei. Sie scheint genauestens aufzupassen. Ihr großer gefleckter Körper ist meist tiefer im Wasser zu sehen, hauptsächlich unter dem Boot. Wie leicht könnte sie jetzt unseren Kahn einfach hieven oder auch umkippen, ist schon mal ein Gedanke von mir. Doch das Vertrauen in die Friedfertigkeit dieser Kolosse ist zu groß, um echte Bedenken aufkommen zu lassen. Gut fünf bis sechs Meter Länge dürfte der Kleine sicher schon haben. Denn bereits bei der Geburt sind ca. 4 1/2 m durchaus normal und älter als 2 Monate kann er nicht sein. Hier in den Lagunen der Baja California kommen sie nämlich alle auf die Welt und das eben nur in der Zeit von Dezember bis März, wo sie sich in dieser warmen Zone aufhalten.

10 m unter Wasser finden die Walgeburten statt. Eine große Walgesellschaft nimmt an diesem Ereignis teil. Das Kleine erhält von der Mutter sofort einen Klaps, damit es an die Oberfläche kommt und dort seinen ersten Atemzug macht. Immerhin wiegt es bei der Geburt schon zwischen 700 und 1.400 kg; bis zum Endgewicht von rund 40 Tonnen hat das Kälbchen aber noch so einiges zu tun. Mit 200 l Milch pro Tag wird der Anfang gemacht und nach zwei Monaten sind die ersten 1000 kg zusätzlich auf den Rippen. Das muß auch so sein, denn schon im März geht die Wanderung der ganzen Sippe zurück in die Arktis. Die Kondition der Kleinen ist zwar noch nicht so toll, aber auf Mamas Rücken darf ausgeruht werden. Und das wird offenbar unter uns gerade geübt. Auf dem Rücken der Mama liegend kommt das Junge jetzt nämlich nach oben, genau vor unsere wartenden Hände. Die Begeisterung ist offenbar gegenseitig. Wir, die streicheln - das Kleine, das die Streicheleinheiten abholt. Keiner von uns an Bord kommt zu kurz. Das Junge hat sich wieder selbständig gemacht, bedient jetzt die andere Seite des Bootes.

Was kaum zu glauben ist, die beiden machen immer noch keine Anstalten, weiter zu ziehen. Auch unser Kapitain scheint seine Freude über unsere Freude zu haben. Sein schwarzer Bartring unter der Nase ist längst zu einem Oval geworden; er lächelt die ganze Zeit schon und ist offenbar stolz, uns sein Land so phantastisch präsentieren zu können. Das Kleine ist wieder links und lässt sich dort kraulen. Der Kopf meist etwas gedreht oder ganz auf der Seite und damit auch der ganze Körper. Es scheint übrigens eine bevorzugte Lage der Grauwale zu sein. Denn nur so können sie ihre drei Flossen überhaupt zeigen. Auf dem Rücken haben sie nämlich keine; lediglich die Schwanzflosse und zwei untere Seitenflossen nennen sie ihr Eigen. Zu unserer Freude kommt endlich auch die Walmutter nach oben. Ihr Kopf schiebt sich jetzt vorsichtig unmittelbar am Boot aus dem Wasser. Sofort sind fleißige Hände am Werk, jeder von uns will sie berühren, sie streicheln. Übersät ist ihre Haut mit Inseln von Seepocken, auch einzelne Haare ragen heraus. Die Faszination des Berührens dieses gewaltigen Tieres ist wieder unbeschreiblich.

Ein Film ist schon verknipst, der Nächste wird eingelegt. Mutter und Kind sind immer noch da, schon fast eine Stunde. Wir können unser Glück nicht fassen. Wie oft hat Gabi das Kleine jetzt schon gestreichelt, wie oft das Muttertier? Gabi ist jedenfalls völlig aus dem Häuschen, sie strahlt. Der Kaptain hat offenbar Zeit zugegeben, denn auch für ihn ist ein so ausdauerndes, unmittelbares Walerlebnis nicht häufig, wie er später erklärt. Auf vielen Touren lassen sich die Grauwale nur von weitem blicken. Das Kleine hat seine Neugier befriedigt, Mutter und Kind verabschieden sich. Ein tolles Bild, die Beiden mit dem Kopf aus dem Wasser ragend, davon ziehen zu sehen. Auch wir müssen zurück. Welch herrliche Tiere sind diese Wale, die miteinander sogar über Hunderte von Kilometern in Frequenzen kommunizieren und in der Not Artgenossen herbei rufen können. Die Sonne scheint, das Wasser bewegt sich weich dahin. Einzelne Möwen schaukeln gemütlich drauf, lassen sich vom Boot nicht stören, das durch die weite Lagune dem noch fernen Steg zurauscht.

Die drei Häuser im Parque Natural de la Ballena Gris samt dem Bootssteg kommen schnell näher. Auch das Wasser wird flacher und dann so flach, dass wir den Steg mit dem Boot nicht mehr erreichen. Es ist Ebbe. Also Wanderschuhe von den Füßen, aussteigen und durchs Wasser zum Steg waten. Das hübsche Bild der Gruppe im Watt lasse ich mir nicht entgehen, die Kamera klickt. Noch ist etwas Zeit vor der Abfahrt nach Guerrero Negro; ein Kaffee wird bestellt. Margrit kommt begeistert zurück; sie hat vom Klo aus einen Wal gesehen. Ungläubig mach ich mich auf den von ihr beschriebenen Weg. Aus dem Haus raus und dann zu den beiden kleineren Häusern dahinter. In großen Buchstaben steht tatsächlich auf beiden Häusern 'Banos' geschrieben; eins für Mujeres, eins für Hommes. Über angebaute Freitreppen gelangt man luftig in die erste Etage, kann sich dort gemütlich - mit Hose unten - hinsetzen, durch das breite Fenster auf die Laguna Ojo de Liebre schauen und den Liebesspielen der Grauwale zusehen. Luxus pur, zumal man sich nicht beeilen muß, da für jedes Geschlecht 2 kostenlose Logenplätze eingerichtet sind. Läßt sich kein Wal blicken - wie bei mir - kann man vorzeitig die Wasserspülung drücken - auch die gibt's - und es später noch mal versuchen. (Die Mitnahme eines Fernglases aufs Klo empfiehlt sich jedoch.)

Der Bus mit Uwe ist da, wir können abfahren. Es geht die selbe Strecke wie auf der Hertour durch die Vizcanio Wüste mit ihren Salzfeldern bis nach Guerrero Negro zurück. Ein Photo von diesem bis zum Horizont total flachen Land muß noch sein. Sogar Margrit steigt mit aus, was wirklich selten ist. Nur wenige jämmerliche Sträucher sind zu sehen, ansonsten verteilt kleine Pflänzchen mit weißen, roten und gelben winzigen Blümchen dazwischen. Es sieht irgendwie lieb aus. Margrit scheinen die Blümchen aber weniger zu interessieren, was für eine Frau eigentlich erstaunlich ist. Ihr Interesse gilt offenbar mehr den kargen, raren Sträuchern, denn als einzige wandert sie tiefer in die Vizcainowüste hinein. Fündig ist sie in dieser ebenen Wüste aber nicht geworden; sie kommt zurück. Der Kaffee muß bleiben, wo er ist. Schon von weitem kündigt sich Guerrero Negro an. Eine riesige Flagge in den Landesfarben Grün, Weiß, Rot weht am Horizont. Sie steht exakt auf der Grenze zwischen Baja California Sur und Baja California Norte, den beiden Provinzen der Halbinsel, so jedenfalls erläutert uns Uwe und dort muß man die Uhr um eine Stunde zurück stellen. Die Provinzgrenze ist nämlich zugleich Zeitgrenze.

Einkaufen, Tanken und Wasser abfüllen, muß in Guerrero Negro noch sein. Ein alter Mann kommt an der Tankstelle auf mich zu. Er zeigt mir ein in Spanisch und Englisch beschriebenes Blatt Papier mit dem Bild eines kleinen Mädchens. Das Kind muß dringend operiert werden, lese ich, es fehlt das Geld. Er bekommt einige Pesos in die Sammelbüchse. Solche Sammlungen sind auf der Baja nicht außergewöhnlich, wie wir schon festgestellt haben. Sogar einen Nationaltag der Sammlung für das Rote Kreuz, hier sagt man Cruz Roja, werden wir noch erleben. Sechs Topes sind zu überwinden und die gewaltige Nationalflagge weht neben uns. Es ist mit Abstand die Größte, die ich je in meinem Leben gesehen habe. In einer Kaserne steht sie, die Mex 1 führt im Oval um sie herum. Wir freuen uns, jetzt Baja California Norte erreicht zu haben. Viel anderes sieht's jenseits der - mit dem Lineal quer durch die Halbinsel gezogenen - Grenze aber nicht aus. Schon bald hinter der Grenze macht der Bus einen ersten Stop, für den ich keinesfalls verantwortlich zeichne. Zu sehen ist hier nämlich nichts, außer einem endlosen Wall an Gestrüpp. Uwe spricht was von Sarafan-Dünen.

Mit schnellen Schritten stapft Uwe, dicht von der Spitzengruppe verfolgt, auf den Gestrüppwall zu und verschwindet drin. Die hinterlassenen Spuren im weißen Sand sind aber nicht zu verfehlen. So ganz eng steht das Buschwerk - wie es den Anschein hatte - jedoch nicht. Hinter Buschinseln geht es stets weiter. Wunderbar ist der weiße Sand, der unter unseren Schuhkloben knirscht. Er gewinnt jetzt auch an Boden, die Büsche werden weniger, es wird dünenmäßiger. Die Spitzengruppe wartet auf uns Nachzügler, saust dann gleich weiter. Von mir aus. Ich schau mir jedenfalls erst die kleinen, gelben Blümchen genauer an, die hier massenhaft direkt aus dem Sand wachsen. Weiter oben auf der Düne gedeiht das Gleiche, nur in Weiß. Und ganz oben ... Ich bin überwältigt. Ohne jede Vorbereitung oder Vorstellung liegt plötzlich das weiße, phantastische Dünenmeer des Sarafan vor mir. Bis zum Horizont reicht diese Pracht und nur in einem kleinen Ausschnitt ist ganz in der Ferne das blaue Meer als schmaler Steifen auszumachen. Die vorderen, hohen Dünen sind teilweise noch grün dekoriert; das Gestrüpp gibt hier dem Bild wahrlich das Tüpfelchen auf dem i. Das zweite Tüpfelchen wird unsere Spitzengruppe, die bereits die nächste Düne erklimmt. Und über allem ein blauer Himmel auf dem weiße Wolkenschleier ziehen.

Herrlich, herrlich. Ich kann mich auf meiner hohen, weißen Düne nicht satt genug sehen. Uwe kraxelt schon auf der übernächsten Düne herum. Verflixt nochmal - ich muß hinterher, um die Gruppe nicht in diesem märchenhaften, weißen Meer zu verlieren. Wie gerne hätte ich aber gerade hier, dem Platz der Überwältigung, noch eine Zeitlang sitzen wollen, um das Bild tief in mich aufzunehmen. Steil, mit großen Schritten geht's an einer noch jungfräulichen Dünenseite hinab. Es ist ein Genuß in diesem feinen und so unglaublich weißem Sand zu tappen. Gabi hat Spaß dran, sich einfach mal in eine kleine, geriffelte und unberührte Dünenwelle zu knien. Weiter müssen wir. Durch ein Tal geht es zur nächsten hohen Düne. Leicht rötlich angehaucht ist der Sand in den Tälern - eigenartig. Hoch stapfen wir, nicht in den Spuren der anderen, man will unberührten Sand unter den Schuhen haben. Anstrengend ist der Aufstieg im Sand, wird aber umgehend belohnt mit dem sich schnell weitenden Blick. Und wieder sieht man über die unzähligen Dünenkuppen bis hin zum Horizont.

Auf einer hohen Düne hat es sich die Gruppe bequem gemacht. Als Letzter schließe ich auf. Begeistert sind alle von den Sarafandünen. Für mich am Beeindruckendsten ist aber das Weiß der Dünen, die ich in dieser Farbe auf meinen Reisen in Wüstengebiete noch nie gesehen habe. So ganz ungefährlich sind die Sarafan-Dünen jedoch nicht, weiß Uwe zu berichten. Denn durch das kalte Wasser des Pazifik herrscht im Sarafan häufig Nebel, insbesondere am Vormittag. Gerät man nun auf seiner Wanderung in Nebel, ist die Orientierung rasch verloren und man verirrt sich total in der Weite des Dünenmeeres. Für uns aber kein Thema, da wir jetzt schon wieder zurück müssen. Die verspätete Walbeobachtung läßt grüßen. Sogar auf festem Boden wandern wir jetzt teilweise in den Tälern. Eine besonders steile Düne dient der Gruppe als Rutschbahn und schneller als gedacht, sind wir wieder am Ausgangspunkt. Wirklich schade, dass wir nicht mehr Zeit für diese wunderschönen Sarafandünen gehabt haben. Die Mex 1 nimmt den Bus erneut auf, eine Zeitlang sind noch die Ausläufer des Sarafan linker Hand zu sehen, dann begleiten uns wieder die Cardons auf dem Weg hinauf in den Norden der Baja California.

Unsere Strecke zeigt wieder mal überaus deutlich, wie menschenleer die Halbinsel Baja California ist. Im südlichen Teil, der B.C.S. wohnen vielleicht eine halbe Mio Menschen und die im wesentlichen nur in La Paz und am Kap. In B.C.N. wohnen zwar etwa 2,5 Mio, die aber wiederum ganz im Norden, an der Grenze zur USA. Und klein ist die Baja California mit ihren 143.396 qkm nun wirklich nicht. Vor 20 Mio Jahren soll sie sich vom Festland durch Spannungen in der Erdkruste, herrührend von der San Andreas-Spalte, abgetrennt haben und noch heute in NW-Richtung driften. Davon haben wir aber absolut nichts gemerkt. Allenfalls die Topes haben uns ab und an mal erschüttert, wenn sie schlecht ausgeschildert waren. Da hier aber über 50 km keine Ortschaft ist, gibt's nicht mal einen Tope. Erst danach kommt der Ort Rosarito, der erste Tope und die schlimmste Holperpiste der ganzen Reise. Letztere Piste, auf die wir gerade von der Mex 1 kurz hinter Rosarito abzweigen, beginnt eigentlich ganz vertrauenserweckend.

Zur selten besuchten Mission San Francisco de Borja Adac führt diese Piste und dann weiter bis zur Bucht 'Bahia de los Angeles'. Heute wollen wir aber nur bis in die Nähe der Mission und dort irgendwo die Zelte aufschlagen. Uwe hat uns schon den Mund wässrig gemacht; die höchsten Idrias (Cirios) und Cardons soll es in diesem Gebiet geben. Zwischen zwei Bergzügen windet sich die Straße durch ein enges Tal. Danach wird es wieder offener und schon ist der erste Stop fällig. Der nahe Berghang hat es mir angetan. Massenhaft ziehen sich an ihm nämlich Cirio-Sträucher aufwärts. Den Cirio als Strauch zu bezeichnen, fällt mir allerdings schwer. Denn hier stehen Kaliber, die problemlos Bäume genannt werden können mit ihren gut 20 m Höhe. An ihren Anblick gewöhnt, habe ich mich immer noch nicht; wie ein abgestorbener Wald wirkt ihr Terrain auf mich, wenn auch faszinierend. Weit den Hang hinauf komme ich allerdings nicht; es hupt, wir müssen weiter. Das skurril gebogene Cirio-Exemplar mit den beiden Enden bis fast auf den Boden bleibt somit ungeknipst. Dafür habe ich jetzt aber eine gerade Idria - am Stamm hoch fotografiert - im Kasten.

Kammerartig scheint dies Gebiet durch die Bergzüge aufgebaut zu sein. Wir kommen in die nächste weit ausgedehnte Kammer. Gras, Dorngestrüpp, verschiedene Arten von Kakteen wachsen hier. Recht niedrig ist der Bewuchs, nur vereinzelt überragt von Cardons und Cirios. Zwei Tafelberge werden sichtbar. Wir halten auf sie zu, schwenken dann aber zum Rechten ab. Ein imponierender Riese wird es aus der Nähe. Wunderschön zeigt er seinen geschichteten Aufbau im Inneren. Eine weitere Kammer öffnet sich. Dichter und höher wird jetzt die Vegetation und immer schöner. Es fällt mir schwer, nicht wieder Halt zu sagen. Abrupt stoppt jetzt jedoch Uwe. Eine Klapperschlange vor uns, höre ich von ihm und keinen Schritt weiter als das Auto. Alle drängen raus. Über die Piste schiebt sich das Reptil gerade. Da hier keinerlei Schutz für die Klapperschlange ist, haben wir das Glück, sie in voller Länge bestaunen zu können. Gut 1 1/2 m lang dürfte sie schon sein. Vorn der kleine Kopf und hinten die Rassel dran. Leider tut sie uns nicht den Gefallen, mal zu klappern. Ein Zeichen dafür, dass sie sich nicht bedroht fühlt. Gemütlich erreicht die Klapperschlange die andere Straßenseite und verschwindet im Gebüsch.

Das also war das gefährlichste Tier auf der Baja California, von dem es hier 18 verschiedene Arten geben soll. Hoch giftig und meist tödlich ist ihr Biss für den Menschen. Dennoch sterben mehr am Stich der Skorpione, die es auf der Baja auch gibt, als an Klapperschlangen. Eins weiß ich jetzt schon, heute Abend wird das Zelt noch sorgfältiger verschlossen, als wir es ohnehin schon immer getan haben. Und die Schuhe werden mit ins Zelt genommen. Nur ausschütteln am nächsten Morgen, erscheint mir nach diesem Erlebnis doch etwas zu wenig. Auch den Stock werde ich jetzt regelmäßig mitnehmen, schwöre ich mir. Eine Gefahr mal ganz konkret zu sehen, ist halt doch nachhaltiger, als gesprochene Warnungen. Weiter geht die Fahrt durch einen mittlerweile phantastisch gewordenen Kakteenwald. Hohe und höchste Cirios und Cardons jetzt überall; dazwischen andere große Kakteen oder ausladende Dornsträucher. Wirklich toll, dass wir hier im Schritttempo fahren, wenn wir schon nicht laufen. Letzteres wäre mir allerdings erheblich lieber gewesen.

Uwe hat nämlich den direkten Weg zur Mission San Francisco de Borja Adac verlassen. Eine mit Steinen übersäte Seitenpiste liegt vor uns und der Van quält sich humpelnd darüber. Ein Kakteenwald ohne Ende, so scheint es. In einem breiten Tal bewegen wir uns. In Front wieder ein Tafelberg und nicht weit hinter ihm ein Bergzug, der dieses faszinierende Tal abschließt. Hier ist unser Plätzchen für die Nacht, hören wir mit Begeisterung. Schöner kann es nun wirklich nicht liegen, ist der einstimmige Tenor. Der Bus wird geparkt, die Klamotten abgeladen und schon schwärmt die Gruppe aus. Jeder will in dieser herrlichen Umgebung natürlich noch die allerschönste Stelle für sein Zelt finden. Man wandert hier hin, man wandert da hin. Endlich habe ich mich entschieden. Susanne legt gerade ihr Zeugs drauf. Im Buschzimmer neben Theo werde ich endlich fündig. Also Steinchen wegräumen, den winzigen Zweig mit den drei Dornen ab ins Gebüsch, die kleine Kuhle ausfüllen, leichte Schräge des Bodens beachten, dann Zeltaufbau. Schnell geht's mittlerweile. Auch Theo ist fertig; Margrit bewundert sein Werk und nimmt einen kräftigen Schluck aus der Wasserflasche.

Bis zum Abend ist noch etwas Zeit. Jeder kann machen was er will. Mit Kamera und Stock spaziere ich los, hinein in den Garten Eden. Wie in einem grandiosen Garten kommt man sich hier wirklich vor. Wege führen in alle Richtungen, gehen um kleine oder große Buschinseln herum, zweigen ab oder enden vor einer gewaltigen Cardon. Man geht ein Stück zurück, nimmt den nächsten Weg, bestaunt hier besonders hoch gewachsene Idrias, dann eine vielarmige neue Kakteenart, bleibt jetzt fasziniert vor einer noch gewaltigeren Cardon stehen. Ein einziger Genuß, in dieser dornigen Vegetation herum zu laufen. Wie diese Wege wohl entstehen, überlege ich. Vermutlich durch Wassermangel. Große Gewächse und dichtes Dorngestrüpp saugen offenbar die Feuchtigkeit der nahen Umgebung so stark auf, dass zwischen ihnen nichts mehr wachsen kann. Viele Arten unterschiedlichster Büsche und Kakteen bewundere ich in diesem Garten. Welche Phantasie die Natur selbst in solchen Trockenzonen hat. Allein schon die Variationen der Stacheln sind unglaublich. Wie ein weicher Pelz wirken sie an manchem Kaktus, an anderen sind wenige, dafür aber große vorhanden. Meist sind die Stacheln aber - gleich ob groß oder klein, ob wenige oder unzählige - starr. Trotz dieses stachlichen Reichtums der Natur um mich herum, die Cardons bleiben mein Favorit.

Gedankenverloren stehe ich erneut vor einer der gigantischen Cardons und schaue an ihr hoch. 5 dicke Arme zweigen ab und streben neben dem Hauptstamm senkrecht in die Höhe. Wahrlich das Symbol der Baja California. Einen kleinen Hangabbruch muss ich runter und zucke erschreckt zusammen. Urplötzlich huscht neben mir was auf und rennt weg. Dann sehe ich das Tier für einen kurzen Moment, bevor es im Gebüsch verschwindet: Es ist ein Eselhase mit riesigen Ohren. Um einem Hitzestau vorzubeugen, dienen diese tollen Löffel. Ganz schön mitgenommen hat mich das Erlebnis schon; im Hinterkopf steht wieder der Anblick der Klapperschlange. Mit klopfendem Stock - wie ein Blinder - gehe ich vorsichtshalber jetzt Richtung Camp zurück. Es raschelt irgendwas hinter mir, aber nichts ist zu sehen. Vielleicht war es ja eine Wüsten-Känguruhratte, die sich auf den Hinterbeinen hüpfend fortbewegt. Auch derartiges gibt es auf der Baja California.

Romantisch liegt das Lager vor mir. Fast umrundet von Buschwerk stehen die einzelnen Zelte. Hier und da eine Cardon oder Idria oder auch eine Yuka dazwischen. Theo ist schon eifrig beschäftigt mit seiner neuen Feuerstelle, die immer ausgefeilter wird. Auch in der Küche unter freiem Himmel tut sich was. Für mich genau die richtige Zeit, um die erste Dose Bier dem Cooler zu entnehmen. Die Abendsonne liegt mit ihrem warmen Licht jetzt auf den Bergen und dem uns umgebenden Kakteenwald. Allmählich werden die Wolken rötlich gefärbt, der nicht weit entfernte Tafelberg fängt leicht an zu glühen. Stimmungsvoll wird es im Kakteenwald. Die Dose Bier ist leer, wird mit dem Fuß platt gemacht und verschwindet als Basura im Müllsack. Sauberkeit muß sein. Bei diesem herrlichen Abend habe ich einfach das Bedürfnis, noch ein Stück Richtung Sonnenuntergang - diesmal aber auf der Piste - zu wandern. Die Dämmernis setzt bereits ein und ich weiß, in diesen südlichen Gefilden wird es bei weitem schneller dunkel, als bei uns.

Ruhig ist es um mich im Kakteenwald geworden. Ich atme tief durch und wandere langsam auf der Piste voran. Links ein steiler Hügel, gut bewachsen mit hohen Cardons und Cirios. Ich nehme mir vor, gleich morgen früh bei Sonnenaufgang hinauf zu steigen, um einen Blick über das gesamte Terrain mit seiner Kakteenlandschaft zu bekommen. Die Sonne ist hinter den Pfählen der vielen Cardons abgetaucht. Gegen den dunkler werdenden Himmel heben sich die Konturen der Spitzen des Waldes immer stärker ab. Mein Weg führt jetzt runter in eine kleine Senke und je tiefer ich komme, um so mehr wird die nächste Anhöhe zum Horizont. Die oben wachsenden Cardons, Yukas, Cirios ragen höher auf, bis sie schließlich ganz im Himmel stehen. Ein wunderschönes Schattenspiel wird draus. Gestochen schwarz und filigran ist jede Einzelheit gegen den helleren Himmel zu erkennen. Selbst der kleine Wedel auf der Idria zeichnet sich ab. Das ist Baja California pur, wie ich sie mir nicht herrlicher vorstellen kann. Meine Pocket klickt. Ein anderer, ebenso schöner Scherenschnitt zeigt sich mir nur wenige Schritte seitwärts. Auch hier klickt die Pocket vor Begeisterung.

Es ist dunkel geworden, ich kehre zum Lager zurück. Der Anblick unseres Camps mit Theos Lagerfeuer hat etwas von Marlboro Country, obgleich ich doch R 6 rauche. Aber vielleicht liegt's ja an Uwe, denn auch er raucht hin und wieder verschämt, wie ich schon bemerkt habe. Umschwärmt werde ich in dieser stimmungsvollen Umgebung jedoch nicht. Von hübschen jungen Mädchen schon gar nicht, von Mücken, Schnaken oder sonstigem Viehzeug aber auch nicht. Vielleicht liegt's am Winterhalbjahr; jedenfalls bleibt das Autan eingepackt. Gut in Gebrauch ist dagegen das Sonnenschutzmittel. 20-iger und 10-er Faktor haben wir dabei, was uns dicke reicht. Sabine hat sogar 40-iger oder noch höher dabei, von dem ich noch nicht einmal gehört habe. Die höheren Zahlen sind für sie wohl wichtig, denn Gabi hat irgendwas von Finanzamt und Steuern in ihrem Zusammenhang gehört. Finanzbeamtin könnte ich mir gut vorstellen. Von unseren anderen Mitreisenden weiß ich ebenfalls nicht viel mehr. Mit Klamottenverkauf soll Margrit beschäftigt sein, Susann irgendwie mit Software von Großcomputern, Wilhelm war zumindest vor der Wende in einer großen Volksfirma maßgeblich tätig, bis letztere von einem Westler betrügerisch in Konkurs getrieben wurde. Bei Theo kann ich nur ahnen. Vielleicht was mit Feuer? Das war's schon. Viel Kopfzerbrechen mach ich mir deshalb aber nicht, denn ich schlafe wunderbar, wenn auch etwas beengt. Den Seesack habe ich heute Nacht wegen der Klapperschlangen mit ins Zelt genommen.

Sehr früh - schon vor Sonnenaufgang - bin ich auf den Beinen. Und gleich nach der Katzenwäsche sitz ich denn oben auf dem nahen Hügel. Im Lager, das ich von hier wunderbar überblicken kann, tut sich noch nichts. Verschlafen liegt es im Kakteenwald. Es ist wirklich ein Wald, auf den ich herabschaue. Hunderte Tausende von Stäben der Cardons und Idrias füllen das gesamte Tal aus. Lichter Morgendunst liegt über allem. Die umgebenden Bergketten erhalten jetzt die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne und alsbald hat auch mich der Sonnenschein erreicht. Ja, das liebe ich, bis auf den wackeligen, an der rechten Pobacke etwas zu spitzen Stein, auf dem ich mich niedergelassen habe. Ins Lager kommt allmählich Leben. Auch Uwe krabbelt aus seinem grünen Zelt, das er - wie immer - etwas abseits von uns aufgebaut hat. Er geht zum rechten Hinterrad des Van, schnappt sich den Spaten und kommt doch tatsächlich direkt auf meinen Hochsitz zu. Bestens abgedeckt zum Lager setzt er den Spaten an. Was bleibt mir anderes übrig, als den Stein zu wechseln und aus anderem Blickwinkel den Kakteenwald zu bestaunen. Ob ich diese Umstände auch bei einem knackigen Frauenpopo gemacht hätte, weiß ich nicht zu sagen. Jedenfalls sitz ich jetzt bei weitem schlechter als vorher.

Theo kommt mit seiner schweren Phototasche die Piste herunter. Was bin ich froh, nur eine Pocket vor der Brust baumeln zu haben. Ich pfeife ihm. Nur schwer findet er mich zwischen den hoch aufragenden Kakteen und Cirios. Er winkt mir zu, überlegt, hat seine Entscheidung gefällt, die Photoausrüstung wird nach oben geschleppt. Derweil mach ich mich an den Abstieg durch das Dorngebüsch; der Kaffee wartet schon. Nach dem Frühstück ist noch etwas Zeit, sich im Kakteenwald zu tummeln. Die Holperei auf der Piste findet erst auf dem freien Platz vor der Missionskirche San Francisco de Borja Adac ein Ende. In einer völligen Einöde liegt diese von Jesuiten 1762 gegründete Mission. Bis zu 3000 Indios versorgte sie - von den Dominikanern übernommen - in ihren besten Zeiten. Doch schon 1818 mußte sie aufgegeben werden; aus Europa eingeschleppte Epidemien hatten die Indios dahin gerafft. Die Kirche ist heute aber noch in Gebrauch. Der Pastor erscheint ein Mal im Monat. Dann läutet die Kuhglocke im Turm, da die Ursprüngliche gestohlen wurde. Ob zum Gottesdienst mehr Leute kommen, als die eine Familie, die hier wohnt? Leider ist die Kirche wegen Renovierung geschlossen; wir können ihr nur aufs Flachdach steigen und den nebenan liegenden, kleinen Friedhof besuchen. Das war schon unser Besuch in der Mission San Francisco de Borja Adac.

Ein Schmankerl hat Uwe für uns noch parat. Vor der endgültigen Weiterfahrt zur Bahia de los Angeles am Golf, ist eine gemütliche Wanderung auf der Piste durch das letzte Stück des Kakteenwaldes vorgesehen. Der Bus sammelt uns nach einer Stunde wieder ein, verspricht Uwe. Wir schlendern los, jedenfalls die Meisten. Sabine und Monika sind vorne schon hinter dem ersten Hügel verschwunden. Wir wandern mal rechts der Piste in den Wald hinein, mal links. Die Gruppe zieht sich weit auseinander. Jeder entdeckt was besonders Interessantes für sich. Ich sehe wieder eine große, gebogene Cirio mit zwei Enden fast bis auf den Boden. Diesmal habe ich sie im Kasten. Dort steht eine der gigantischsten Cardons, die ich bisher gesehen habe. Ita mißbrauche ich als Größenmaßstab und bitte sie, zwecks Photo, mal auf diesen Kaktus zuzugehen. Ein Hintergedanke ist noch dabei: ihre rote Hose soll als Farbklecks dienen. Ein Teppich gelber Blümchen führt nach links in den Wald hinein. Also muß ich nach links. Ich glaube, alle sind von dieser Natur begeistert. Nur von der Spitzengruppe ohne Uwe weiß ich's nicht, denn die ist längst auf und davon.

Susann kann ganz gut wieder laufen. Und sie läßt es sich nicht nehmen, den Spaziergang mit zu machen. Offenbar hat sie was entdeckt. Für mich aber wieder erstaunlich: Ihre Kamera wird diesmal zwar nicht nach oben in eine uninteressante Richtung gehalten, sondern mehr nach unten in eine Richtung, in der ich lediglich ein kahles Dorngestrüpp sehe. Was es denn hier Schönes gibt, ist meine Frage. Und dann sehe ich es. Mitten im Gebüsch zwei sich umschlingende Klapperschlangen, deren Köpfe und Augen jedoch starr auf uns ausgerichtet sind. Ob sie hier ihre Liebesspiele in aller Öffentlichkeit machen? Faszinierend sind sie jedenfalls für uns. Meine Pocket bleibt verpackt, denn näher geh ich an die beiden Biester nicht heran. Wieder vorsichtiger geworden, wandere ich jetzt auf der Piste weiter, bis der Van angerollt kommt. Einer nach dem anderen wird aufgelesen. Sabine als Letzte, schon fast an der Bahia de los Angeles.

Wir kommen über den Berg und abrupt ändert sich das Landschaftsbild. Kahl und hügelig ist es hier, in der Ferne zeigt sich ein Gebirgszug. An einem Halt hab ich kein Interesse mehr. Die Pinkelpause in dem schmalen Tal wird nicht durch mich veranlaßt. Eine neue Strauchart zeigt uns Uwe noch, dann ist die Teerstraße nach Bahia de los Angeles erreicht. In schneller Fahrt geht es jetzt an dem schon von weitem gesehenen, niedrigen Gebirgszug entlang, dann über ihn und die weit ausgebreitete, tiefblaue Bahia de los Angeles liegt vor unseren Augen. Ich rufe nach vorne: Stop.

Ein großer Parkplatz ist nicht weit; Uwe steuert ihn an. Auf dem Hügelrücken kann man noch ein Stück weiter vorlaufen und hat dort das freie Panorama über die gesamte Bahia de Los Angeles, zu Deutsch Engelsbucht. Die Augen muß man hier schweifen lassen, von ganz links bis ganz rechts, denn die Bucht ist wirklich riesig. Drei Bilder neben einander sind nötig, um die Bahia de los Angeles endlich im Kasten zu haben. Die Kombination des tiefblauen Wassers vom Golf mit dem gelb-rötlichen, vertrockneten, öden Land und der vorgelagerten Inselwelt ist wahrlich begeisternd. Wunderschön ist im Hintergrund auch die lange, bergige Isla Angel de la Guarda als Abschluß der Bucht zu erkennen. Endlose Strände ziehen sich offenbar die gesamte Bucht entlang, und wenn ich es recht sehe, scheinen reichlich Camper dort unten zu sein. In der rechten Ecke der Bucht dürfte das Örtchen mit dem gleichen Namen der Bucht, Bahia de Los Angeles liegen, denn so einige Häuser stehen am Ufer und auf dem Berghang dahinter. Einen kleinen Flugplatz gibt es auch; eine Propellermaschine hebt nämlich gerade ab und nimmt Kurs über die Inselwelt.

Schön, ein bißchen Zeit haben wir noch hier oben. Zwei Deutsche sind mit Motorrädern angekommen und haben Uwe in Beschlag genommen. Susann und Johannes nutzen die Zeit ebenfalls, um noch einige Fotos von der Bahia de Los Angeles zu machen. Einträchtig stehen sie neben einander. Für mich jetzt der ideale Vordergrund, das Mittelbild der Bahia nochmals zu machen. Die Beiden scheinen sich gut zu verstehen, denke ich dabei, auch wenn Susann die Hose in der Familie anhaben dürfte. Was Außergewöhnliches ist es in Ehen sicher nicht, denn Frauen haben nun mal die Gabe, so lange quengeln oder muffeln zu können, bis der Klügere halt nachgibt. Die beiden Deutschen fahren weiter, auch unsere Pause ist beendet. Den Berg geht es runter, um den Flughafen herum und unmittelbar am Strand ist unser Camp für die heutige Nacht. Nur noch ein Plätzchen ist hier frei, je zwei Zelte werden also voreinander aufgebaut. Knapp links und rechts neben uns stehen bereits die Wohnwagen älterer Amis.

Uwe macht einen tollen Vorschlag: Wir sollten heute Abend mal wieder essen gehen. Aber, aber... Nicht alle sind einverstanden und somit wird nichts draus. Also müssen wir rüber nach Bahia de los Angeles zum Einkaufen fahren. Auch hier gibt's einen Supermarkt, der alles bietet. Mir reicht eine Packung bunter, weicher Schaumbonbons, die niemand mit mir teilen will. Viel los ist im Ort nicht, zu sehen gibt es hier ebenfalls nichts. Wir fahren zum Camp zurück und jeder darf für heute machen, was er will. Gabi und ich nehmen ein Sonnenbad, Monika leiht sich Nadel und Zwirn aus, Sabine ist glücklich, sie hat telefoniert, wenn auch wieder nicht mit ihrem Handy. Die gekochten Garnelen von Uwe werden nicht zum großen Renner beim Abendessen. Lang wird der Abend dennoch; am Lagerfeuer klönt die Gruppe bis tief in die Nacht, nach Elf jedoch ohne Gabi und mich. Die Nachbarn tun mir leid; hoffentlich haben sie Oropax dabei, so wie ich. Dieser Verschluss der Ohren hat schon oft meinen Schlaf im Urlaub gerettet.

Die Nachbarn rächen sich. Morgens um Fünf geht das Gepolter los. Um sechs Uhr fahren sie dann ab. Ich sitze schon längst am Strand und warte auf den Sonnenaufgang. Eine Bootsfahrt durch die Inselwelt der Bahia de Los Angeles steht heute auf dem Programm. Bereits um 7 Uhr soll Abfahrt vom kleinen Hafen aus sein; das Frühstück wird erst danach bereitet, haben wir deshalb beschlossen. Pünktlich finden wir uns am Pier ein. Nur der Bootsführer fehlt. Und er kommt nach 20 Min immer noch nicht. Uwe ist gefragt. Wieder zurück verkündet er: Der Bootsführer hat schlicht verschlafen. Da kommt er jetzt endlich. Von vorne her müssen wir aufs Boot krabbeln, sonst gibt's nasse Füße. Hinaus in die Bahia de los Angeles geht unsere schnelle Fahrt. Der Hafen bleibt zurück, der kleine, weiße Leuchtturm ebenfalls und auch das Dörfchen entfernt sich immer mehr. Wunderschön liegt es am unteren Hang eines dahinter aufragenden Bergzuges. Das Farbenspiel gefällt mir: Der blaue Himmel, die rötlichen Berge, ihre Spiegelung im Wasser und um uns die samtenen, tiefblauen Wellen der Bahia. Die Pocket hat geklickt.

Weit draußen fahren wir jetzt parallel zur Küste dahin. Unsere Zelte sind zwischen den vielen Campern zu sehen. Weite Strandabschnitte sind aber menschenleer; Häuser eine Rarität. Fast die gesamte Bucht rauschen wir ab, erst dann halten wir auf die Inseln zu. Es gibt winzige, kleinere, aber auch größere Eilande hier in der Bucht. Im Hintergrund bleibt stets jedoch die mindestens 80 km lange Isla Angel de la Guarda in Sicht. Pelikane, Möwen und Seeschwalben überfliegen unser Boot. Immer wieder sind auch ganze Pulks von jungen Kormoranen - so mein ich jedenfalls - im Wasser zu sehen. Nur ihre vielen Hälse und Köpfchen schauen heraus und wie auf Kommando tauchen sie plötzlich weg. Nach einiger Zeit ... schwupps sind die Köpfchen allesamt wieder über Wasser. Lustig sieht es aus. Ein winziges Inselchen wird angefahren. Kaum zu erkennen in seinem nassen Fell, ein Seelöwe liegt drauf. Alle Inseln scheinen hier bevölkert zu sein. Mal nur von Seelöwen, mal nur von Kormoranen, mal nur von Möwen, mal auch mit gemischtem Publikum.

Es ist eine schöne, gemütliche Fahrt auf dem blauen, weichen Wasser der Bahia de Los Angeles. Unter strahlendem, wolkenlosen Himmel bei warmer Sonne geht es dahin. Eine längere Insel begleitet uns, eine Bucht öffnet sich in ihrem Fels und gibt den Blick auf einen kleinen, halbrunden, weißen Strand frei. Eine Yacht ankert an diesem idyllischen Plätzchen; die Insassen vergnügen sich im Wasser. Ein markanter Kegelberg ziert das Ende der Insel. Wie ein Vulkan sieht er aus, vielleicht ist es ja auch einer. Das Boot fährt wieder weiter auf's Wasser hinaus, bleibt dann aber an Ort und Stelle und wartet. Mehr als zwei, drei Fontänen habe ich noch nicht gesehen. Hier ist nämlich Walgebiet und das das ganze Jahr über. Buckel- Pott- Blau- und Finnwale sollen sich in der Bahia de los Angeles ein Stelldichein geben. Die Passage zwischen dem Festland und der Isla Angel de la Guarda ist sogar der Rennsteig der Wale, weshalb man auch vom Canal de Ballenas spricht. Das Nahrungsangebot ist hier durch die Verwirbelung von kaltem, tiefem Wasser und der warmen Oberfläche auf Grund der Gezeiten nun mal besonders reichhaltig. Die hiesigen Wale denken deshalb im Traum nicht dran, es den Grauwalen nachzumachen und 8000 km bis in die Arktis zu schwimmen.

Entfernt taucht erstmalig ein dunkler Rücken aus dem seidigen Wasser auf. Nahe der Vulkaninsel jetzt ebenfalls. Immer mehr Fontänen entdecken wir, fast rund herum, wie wir allmählich feststellen. Leider bleiben die Versuche, ihr erneutes Auftauchen voraus zu ahnen und mit dem Boot dort hin zu rauschen, erfolglos. Die Wale wollen offenbar nichts mit Touristen zu tun haben. Sie bleiben entweder in der Tiefe des Wassers oder zeigen uns ihren Rücken wieder weit entfernt auf der anderen Seite des Bootes. Wir geben endgültig auf, der Kapitän stellt den Motor ab. Es wird ruhig um uns. Nur leicht schaukeln wir auf dem herrlichen Wasser. Keiner sagt etwas. Jetzt hört man es. Das Atmen der Wale kommt aus allen Richtungen. An manchen Stellen sind gleich zwei oder drei Fontänen zu sehen. Dummerweise auch immer dort, wo wir schon waren. Sie scheinen uns wirklich zu meiden. Wieder taucht ein gewaltiger Walkörper auf, gar nicht so weit entfernt. Es wird mein einziges Bild dieser Tiere in der Bahia de los Angeles. Was für Wale sind es aber, die uns hier so reichlich narren? Mit Hilfe des Kapitäns entscheiden wir uns für Finnwale. Sie sind größer als Grauwale, wenn auch nicht so gewaltig wie die Blauwale. Letztere Wale sind übrigens die größten Tiere, die es jemals auf der Erde gegeben hat: Über 30 m lang und um die 170 t schwer. Schade, so einen Blauwal hätte ich schon gerne mal gesehen, noch lieber gestreichelt.

Der Motor wird angeworfen. Das Boot dreht leicht und was sehe ich da? In aller Gemütsruhe schaukelt doch ein Pelikan direkt neben uns auf dem blauen Wasser. Ein Motiv, wie es nicht schöner sein kann. Der ist schon die ganze Zeit da, höre ich verärgert. Ja, warum sagt denn keiner was. Mein schnelles Bild vor der Abfahrt ist prompt verwackelt. Sch... An einer Kette von felsigen Inseln geht die Fahrt jetzt entlang. Viele sind vollgesch... mit dem weißen Kot der Vögel, Kormorane, Tölpel etc, die hier brüten oder sonst was machen. Interessante und skurrile Formen bietet das Felsgestein mancher Inseln. Jedenfalls ist es eine wunderbare Fahrt hier draußen in der Bahia de los Angeles, die ich nicht missen wollte. Das Ende der Bucht ist fast erreicht, unser Boot wendet sich wieder dem Hafen zu. Uwe steht mit dem Van schon am Ufer und erwartet seine Schäfchen. Ich freu mich auf den Kaffee zum Frühstück.

Mit Blick auf die Inselwelt, die wir gerade durchforscht haben, schmeckt das Wurschtebrot besonders gut. Schräg vor uns am Strand wird derweil ein Tisch hingestellt, dann kommt noch ein großer Kübel mit Fischen dazu. Mit Messer bewaffnet macht sich jetzt ein Ausbeiner an die Arbeit. Der erste Fisch wird aufgeschnitten, die Innereien fliegen in hohem Bogen davon. Und schon geht das Gezerre los. Gut zehn Möwen streiten sich drum. Der nächste Fisch ist an der Reihe. Majestätisch schwebt ein Pelikan ein, setzt zur Landung inmitten der Möwen an. Er ist der Hahn im Korb, die Möwen müssen weichen. Ein Satz nach vorne, der erste Leckerbissen verschwindet in seinem Kehlsack und wird umgehend hinunter gewürgt. Mutig bleiben aber auch die Möwen und erhalten ihren Anteil. Der zweite Pelikan landet, dann noch ein Dritter. Mit Kamera eile auch ich hin. So nah bekomme ich keinen Pelikan mehr vor die Linse. Ihre Gier ist größer, als die Angst vor mir. Wunderbar kann ich sie betrachten. Ihre Kehlsäcke sind rot oder gelb. Rot wohl für die Männchen, denn die beiden Roten verdrängen meist die Gelbe. Beim Fressen hört die Liebe eben auf. Dennoch so rabiat, wie die Möwen ihren Fressneid untereinander ausfechten, sind sie nicht. Selbst in der Luft attackieren diese noch, wenn beim anderen ein Stückchen aus dem Schnabel hängt.

Die Mahlzeit ist vorbei; alle Fische sind ausgeweidet. Ein Pelikan nach dem anderen hebt ab und schwebt elegant davon. Sie sind wieder in ihrem Element. Watschelig sind sie nur auf dem Boden und da sehen ihre Gesichter irgendwie alt aus - so finde ich jedenfalls. Auch unser Frühstück ist vorbei, wir packen den Kram samt Zelt zusammen. Ein letzter Blick vom Parkplatz hinunter auf die Bahia de Los Angeles, dann ist sie hinterm Berg verschwunden. An der Einmündung des Holperweges von der Mission Borja geht die Fahrt jetzt weiter; Neuland liegt vor uns. Gut ausgebaut ist die Straße, schnell geht es im leicht bergigen Gebiet voran. Typische Vegetation der Baja California links und rechts von uns. Auch Agaven wachsen hier; viele davon hochgeschossen und wunderschön gelb blühend. Es bedeutet zugleich ihr Ende. Nach zehn Jahren bildet sich dieser Fruchtstand, in den die ganze Lebenskraft der Pflanze fließt. Danach stirbt sie ab. Eine halbe Stunde läßt uns Uwe in diesem Garten herum wandern. Nördlich von Rosarito treffen wir wieder auf unsere geliebte Mex 1; ihr wollen wir weiter folgen, heute bis nach Cataviña.

Landschaft und Vegetation bieten jetzt nicht sehr viel. Über weite Hügel windet sich die Mexicana. Mal mit guter Sicht auf ferne Bergketten, mal mehr im Tal, in dem es eigentlich nichts zu sehen gibt. Nur ein einziger Stop irgendwo vor Cataviña, um einen Erinnerungsposten mit zu nehmen. Einige rote Kakteen gibt es im Talgrund, die ich aber nicht ganz erreiche, da das Hupsignal ertönt. Irgendwo in diesem Nichts taucht noch ein Kontrollposten auf. Es muß eine Strafkompanie sein, die hier Dienst verrichtet. Durchs Fenster schauen nur miesepetrige Gesichter; zum Kontrollieren haben sie keine Lust, wir dürfen weiter. In eine Felslandschaft mit gewaltigen Granitblöcken fahren wir jetzt hinein. Ich höre erstmalig das Wort 'Bolderfield'. Es ist der Name für diese Felsregion; irgendwie passend, meine ich. Die Ortschaft Catavina taucht vorne auf. Wirklich nicht groß ist sie, aber voll auf Tourismus eingestellt. Wasser fassen sowie tanken wird hier noch erledigt, bevor ein Plätzchen für die Nacht gesucht wird. Das schöne Hotel neben der Tankstelle bleibt aber in meinem Hinterkopf.

Uwe hat zwei Plätze zur Auswahl und beide will er uns zeigen. Gleich hinter Catavina kommen wir erst so richtig ins Boulderfield. Granitblöcke wohin man schaut. Wie von einem Riesen hingeworfen, liegen große und größte Brocken herum, teils auch übereinander getürmt. Das Besondere jedoch: Zwischen den Felsen wachsen hohe und höchste Cardonkakteen, auch andere Kakteenarten und grüne Sträucher. Wieder eine Komposition der Natur, die uns alle in Begeisterung versetzt. Augenblicklich ist bei mir das Hotel vergessen. Denn in dieser Landschaft den Abend unter Sternenhimmel zu verbringen, auch zu nächtigen, was kann es Schöneres geben?! Uwe fährt von der Mex 1 runter und in die Komposition hinein. Nicht sehr weit, dann zeigt er schon das Plätzchen, das er meint. Links und rechts aufgetürmte Granitquader, nach rückwärts einzelne, gewaltige Felsbrocken und in Front ein Blick über die Cardonprärie. Wieder ein absoluter Höhepunkt der Reise, ist für jeden klar.

Dennoch, Uwe will auch den anderen Platz zeigen. Also zurück zur Mex 1, ein Stück Richtung Catavina, dann wieder hinein ins Boulderfield. Noch höher türmen sich die Felsbrocken in diesem Gebiet auf. Wie gewaltige Mauern wirkt das Szenario auf mich, betont dadurch, dass wir in eine Senke hineinfahren. Eine wunderschöne Stelle zum Campen ist es sicher auch hier. Einstimmig wird jedoch der andere Platz von uns ausgewählt. Er ist offener, freier, luftiger. Jeder baut sein Zelt auf. Gabi und ich etwas abseits, aber mit Blick auf die gerundeten Granitblöcke unseres Zentrallagers. Wilhelm und Ita sind noch unschlüssig, nehmen dann den Platz neben uns. Offenbar ist Aufregung bei ihnen angesagt, der Kochturnus hat sie für heute erwischt. Ich helfe Wilhelm beim Zeltaufbau, Ita eilt schon mal schweren Herzens Richtung Küche. Der nahe Granithügel mit seinen gewaltigen Felsbrocken lockt; der Blick von oben auf das Lager und über das weite Boulder Field mit den vielen Cardons müßte doch eigentlich toll sein, zumal am Abend. Der Stock wird gefaßt, denn ohne klettere ich da nicht rauf.

Viel dorniges Gestrüpp hat von dem Hügel Besitz ergriffen. Dennoch, irgendwie muß ich durch, wenn auch mit Unbehagen und kräftigem Klopfen auf den Busch. Hab ich mir alles leichter vorgestellt, auf den höchsten Wacker zu kommen. Abgerundet sind die Blöcke nach allen Seiten, bieten kaum Halt. Zwischen den Quadern immer wieder Öffnungen zum Hineinfallen und wer weiß, was da drin ist. Springen muß ich jetzt auch noch. Wohl ist mir weiß Gott nicht. Einen Schuh sehe ich in der Spalte liegen. Noch ein kleiner Sprung und auf allen Vieren krieche ich rauf. Geschafft, selbst der Stock ist dabei. Ich throne oben und weiß jetzt, die Anstrengung hat sich wirklich gelohnt. An den Rückweg will ich lieber noch nicht denken.

Weit geht der Blick über das Boulderfield. Auch die Mex 1 kann ich gut erkennen, die das Granit- und Cardongebiet regelrecht durchschneidet. Lastzüge donnern drauf, immer wieder Campmobile, aber auch normale Pkw's. Schnell fahren alle dahin. Vielleicht sehen sie die Schönheit der Landschaft nicht, oder nicht mehr, weil sie sie bereits ausreichend kennen. Die meisten fahren Richtung Catavina, von dem ich im Felsgewirr noch einige Häuser in der Ferne erkennen kann. Die Sonne neigt sich dem Horizont zu, einer niedrigen Bergkette. Das Licht wird weich und warm. Ich genieße das Bild von meinem Hochsitz, mal nach der Richtung, mal nach der anderen. Wunderschön eingebettet zwischen großen Granitblöcken, Cardons, anderen Kakteenarten und Dornbüschen liegt schräg unter mir das Lager mit unserem Van als Zentrum. Wilhelm und Ita wuseln dort in der Küche herum; irgendwie ziellos erscheinen sie mir. Gabi hilft Margret gerade, Seesack und Tasche zu deren etwas abseits stehendem Zelt zu schleppen. Theo hat diese Aufgabe heute offenbar Margret übertragen, deshalb wohl die Verspätung. Was Theo jetzt macht, ist ohnehin klar: Er ist mit der Feuerstelle voll und ganz ausgelastet.

Sabine entfernt sich vom Lager. Immer wieder schaut sie zu mir herüber, bis sie hinter einem mächtigen Felsbrocken verschwindet. Den Spaten hat sie aber nicht dabei. Susanne beschäftigt sich wieder mal recht eigenartig. Das Stativ mit Kamera hat sie aufgestellt und die Linse weist in Richtung, ja ..., wohin eigentlich. Ich sehe nur Dorngestrüpp in der Verlängerung. Lange schaut sie durch, dann auch Johannes. Jetzt kommt sogar Monika und schaut ebenfalls durch die Optik ins Gestrüpp. Lange Diskussionen folgen. Ich nehme mir vor, noch heute das Geheimnis der Drei zu lüften. Dazu muß ich aber erst mal von meinem Hochsitz herunter kommen. Irgendwie schaffe ich auch das, ohne in ein Loch zu fallen oder von einer Klapperschlange gebissen zu werden. Jetzt stehe ich hinter dem Stativ und schaue gespannt auf ... eine Art Würstchenkaktus. Stark bepelzt mit Stacheln sind die einzelnen Würstchen und - ich muß Susanne Recht geben - sie heben sich wie ein filigraner Saum zart und wunderschön gegen das helle Abendlicht ab. Ein Klick und schon habe ich das Motiv im Kasten. In meiner Bildergalerie über die Baja California kann der Kaktus bewundert werden. Hoffentlich hat nur Susanne ihren Klick nicht vergessen.

Stimmungsvoll ist das Abendessen im Boulderfield. Der flackernde Feuerschein von Theos Werk erhellt Fels und Cardon, gibt ihnen in dieser Dunkelheit Kontur. Ein prächtiges Exemplar von Cardon mit zwei unterschiedlich hohen Armen steht wie eine Reklame für das typische Mexiko warm angestrahlt neben der Feuerstelle. Uwe hat noch eine Gaslaterne dran genagelt, die jetzt auch zu flackern beginnt und dann ihren Geist aufgibt. Ita scheint in dieser Idylle ebenfalls ausgebrannt zu sein. Die Küche hat ihr offenbar den Rest gegeben. Nur Gabi ist ihr und Wilhelm zur Hand gegangen, die anderen Damen haben sich heute im Wesentlichen in Zurückhaltung geübt. Warum auch immer. Mich jedenfalls begeistert das - zuvor noch nicht mal gehörte - Boulderfield. Neben dem Kakteenwald das zweite absolute Landschaftserlebnis. Nur noch zwei Tage liegen vor uns, denke ich mit Wehmut; unglaublich wie schnell die Zeit vergangen ist. Morgen soll's schon bis nach Ensenada gehen; es wird ein langer Fahrtag, wie Uwe andeutet.

Vor der Weiterfahrt in den Norden steht noch eine kleine Wanderung im Boulderfield auf dem Programm. Zuvor aber erst das Frühstück bei herrlichstem Sonnenschein mit anschließendem Verpacken der Küche und Zelte. Uwe wandert los, der Rest in bekannter Reihenfolge hinterher. Beeindruckend und vor allem schön finde ich das Boulder Field. Wie von Künstlerhand geschaffen mutet dieser Steingarten an. Reich an herrlichen Felsformationen, die aber nie eckig sind, vielmehr immer gerundet. Die Verwitterung soll dies Werk geschaffen haben. Hohe und höchste Cardons, Yuccas und wie wir von Uwe hören, auch Boojum-Gewächse geben dieser Landschaft aber erst den wirklich besonderen Reiz. Mit Genuss machen wir die Runde durch den Naturgarten, an derem Ende dann leider der Van zwecks Abfahrt steht. Das also war unsere letzte Wanderung auf der Baja California, sage ich traurig zu Gabi. Aber was hilft's. Irgendwann geht eben alles zu Ende.

Schnell bleiben die Granitblöcke des Boulder Field auf der hier bestens ausgebauten Mex 1 hinter uns zurück. Recht abrupt fehlen in der draußen vorbei ziehenden Landschaft jetzt sogar die gewohnten und geliebten Cardons. Wir werden auf dieser Tour auch keine mehr zu sehen bekommen, höre ich von Uwe. Karg und steppenartig ist das Land geworden, durch das die Mex 1 jetzt über weite Höhen und Senken zieht. Einige Gebirgsketten sind in der Ferne auszumachen. Wo sind denn die Cirios geblieben? frage ich mich und dann Uwe. Es gibt hier im Norden keine mehr, ist seine Antwort. So plötzlich wie sie bei San Ignacio aufgetaucht sind, sind sie hier also wieder verschwunden. Schon eigenartig, dass es offenbar für manche Gewächse keine gleitenden Übergänge gibt. Eins wird mir in diesem Moment auch bewusst: Das ist nicht mehr unsere Baja, die Spröde, die Außergewöhnliche, die Exotische. Ja, das Ende der Reise auf der Baja California naht wirklich.

Nur einen einzigen Stop begehre ich bis El Rosario, denn ein Erinnerungsbild an diese eintönige Strecke will ich schon haben. Über ein breites Flusstal mit mäanderndem, flachen Wasser drin wird die Ortschaft El Rosario erreicht. Bis 1975 war hier Endstation der Mex 1 von Norden her; erst danach konnte unsere bislang abgeklapperte Strecke befahren werden. Nur zum Tanken macht Uwe in El Rosario einen kurzen Halt. Für mich dennoch interessant, da hier Ureinwohner - klein gewachsene Indios - Handarbeiten als Souvenirs verkaufen. Auch ein kleines Mädchen mit Kleiderbügel in der Hand ist dabei. Geflochtene Armbänder hängen vom Bügel herab, die sie mir verkaufen möchte. Ein Bildchen darf ich von ihr machen und zum Abschied winkt sie fleißig. Der Pazifik wird alsbald hinter El Rosario sichtbar und die Mex 1 folgt ab jetzt dem Küstenverlauf; mal näher, mal weiter vom Meer entfernt. Das Kulturland beginnt auf der Baja California mit Wiesen, Feldern und kleineren Ortschaften dazwischen. Zügig fahren wir dahin, strikt nach Norden geht nunmehr unsere Reise.

Die Städte San Quintin und Colonet werden lediglich durchfahren, ebenso wie andere, für mich namenlos gebliebene Orte. Es verändert sich draußen nicht viel. Der Verkehr wird dichter, die Straße breiter. Die Großstadt Ensenada kündigt sich - schon spät am Nachmittag - an. Uwe biegt jetzt jedoch von der Mex 1 in Richtung Pazifik ab. Der Touristenort La Bufadora mit seiner Meeresfontäne ist unser Ziel. Hoch oben auf einer Steilküste fahren wir entlang. Dichte Wolken liegen über dem Meer. Der Blick zurück fasziniert. Noch heute ärgere ich mich, nicht Stop gesagt zu haben. Weit entfernt das sonnenbeleuchtete, flache, ins Meer hinein ragende Ensenada; das Meerwasser um Ensenada blau, weiter draußen dunkler werdend fast bis schwarz und dann allmählich im Wolkenfeld verschwindend. Stimmung pur. Das Camp auf der Höhe ist erreicht, die Formalitäten erledigt. Uwe fährt jedoch auf schmalem Weg die halbe Steilküste bis zu einem Absatz bergab und lässt aussteigen. Der Blick hinunter zum schäumenden Meer ist sicher berauschend, der Platz dagegen weniger. Mit Basura ist es nicht weit her, mit dem Klo oben auf der Höhe dagegen sehr.

Die Meeresfontäne von La Bufadora wollen wir uns heute noch anschauen. Also fahren wir wieder nach oben, dort am Klohäuschen vorbei, anschließend wieder bergab und La Bufadora ist erreicht. Ein völlig auf Tourismus ausgerichteter Ort ist La Buffadora, der sich wunderschön vom Meer aus den Küstenhang aufwärts zieht. Zu dieser späten Zeit findet Uwe schnell einen Parkplatz direkt an der Souvenirstraße. Die meisten Geschäfte sind aber schon geschlossen. Dennoch herrscht hier noch Treiben, insbesondere in eine Richtung. Denn dort zischt gerade eine Wasserfontäne herauf. Gut 10 m über dem Meerwasser endet die Straße direkt an einer hohen Felswand. Und genau in dieser Ecke befindet sich das Spektakel. Je nach Stärke des Wellengangs wird in der Tiefe das Wasser in eine Höhle gepresst und komprimiert dort mehr oder weniger die Luft. Das gepresste Luft-Wasser-Gemisch entlädt sich dann mit ungeheuerer Wucht durch einen Spalt in der Höhlendecke. Bis zu 18 m Höhe soll die Fontäne aufsteigen können. Heute jedenfalls bis über 10 m, denn ein kräftiger Wasserschauer hat mich erreicht.

Millionen von Touristen schauen sich dieses Naturphänomen jährlich an, wie ich höre. Deshalb ist es wohl auch kein Wunder, dass plötzlich mein Neffe aus Mainz neben mir steht. So scheint es jedenfalls. Denn eine solch frappierende Ähnlichkeit habe ich noch nie erlebt. Er ist Amerikaner. Wir gehen wieder zum Bus zurück und ich denke dabei, nur wegen der Fontäne würde ich nicht nach Ensenada fahren. Auch nicht wegen unseres Camps, das uns jetzt in der Steilküste erwartet. Unsere beiden Singles haben heute Küchendienst. Wie schön, dass wir morgen schon im Hotel von San Diego sind, denn morgen wären Gabi und ich an der Reihe gewesen. Nach dem Abendessen, aber noch vor dem Abwasch staune ich. Keine einzige weibliche Person ist mehr in unserem Adlerhorst zu sehen. Uwe fängt an abzuwaschen. Wilhelm und ich schnappen uns jeder ein Trockentuch und genießen dabei die ruhige Idylle um die Gaslaterne, die nur vom leisen Klappern des Geschirrs beim Einräumen in die Kiste unterbrochen wird. Alles ist fertig. Von hoch oben sehen wir langsam zwei Lichtlein die Steilküste herunter kommen.

Es ist aber keine mexikanische Prozession für irgendeinen der vielen Heiligen, wie wir feststellen, es sind schlicht unsere Damen, die zurückkehren. Und ich höre von Gabi: Wie aus heiterem Himmel soll den beiden Singles zeitgleich mit Susann und auch Johannes die Blase gedrückt haben mit der Folge, dass sie sich umgehend auf den Weg in die Höhe machten. Das Entschwinden des Küchendienstes vor Erledigung des Abwaschs sei nunmehr auch den restlichen Damen auf die Blase geschlagen, so dass auch ihnen nichts anders übrig geblieben sei, als eilig nach oben zu wandern. Jetzt sind wir aber wieder vollständig, was Wilhelm die günstige Gelegenheit gibt, sein Amt als Kassenwart nieder zu legen und in Form des Kassenbuches mit sämtlichen Belegen Rechenschaft zu geben. Stolz verkündet er, dass ein Überschuss erzielt worden sei. Ob man die Buchführung denn auch überprüfen dürfe, lautet eine Frage von Sabine. Natürlich, kommt es von unserem Wilhelm konsterniert zurück.

Ich traue meinen Augen nicht. Unter dem Licht der Gaslaterne, dem Rauschen des Meeres in der Tiefe und bei Sternenhimmel beginnt eine Betriebsprüfung vom Feinsten. Gleich zwei Prüferinnen machen sich ans Werk. Sabine ist zuständig für die Belege, Susanne für das Kassenbuch. Jeder Posten kommt zur Sprache, es wird verglichen, durchgerechnet. Fassungslos sitz ich auf meinem Dreibeiner, schaue jedoch fasziniert zu. Meine zweite Dose Bier ist bereits zerdrückt. Die Prüfung dauert noch an. Auch Fragen werden dem Kassenwart für diesen oder jenen Posten gestellt. Peinlich, peinlich, peinlich, denke ich jetzt nur noch. Hinter dem Komma stimmt hier was nicht, meint Sabine. Vielleicht ist ja auf- oder abgerundet worden, höre ich. Das Problem hinter dem Komma kann letztlich nicht gelöst werden. Vor dem Komma stimmts aber und damit wird unserem lieben Wilhelm sogar von beiden Prüferinnen Entlastung erteilt. Stehend am Tisch - wie schon die ganze Zeit - nimmt Wilhelm die Absolution entgegen. Freude oder Dankbarkeit ist ihm jedoch nicht anzusehen. Was mag er nur gedacht haben. Sicher bin ich mir allerdings, dass Wilhelm in seinem Leben kein einziges Ehrenamt mehr übernehmen wird. Peinlich, peinlich.

Der letzte Tag auf der Baja California ist angebrochen. San Diego in den USA ist die Endstation für heute und auch der ganzen Reise. Das Meer ist durch Wolken verhüllt, über uns reißen sie jetzt jedoch auf und lassen die Sonne durchscheinen. Zeit für mich, auf die Höhe zu steigen. Schon nach 12 Minuten habe ich das Klohäuschen erreicht. Wenig vertrauenserweckend erscheint es mir, denn die Grube ist hier größer als das darüber auf morschen Holzbohlen stehende Häuschen. Da ich nicht eingekracht bin, bleibt mir noch Zeit, bis zur Aussichtklippe vor zu laufen. Die Wolken haben sich weiter aufs Meer zurück gezogen und geben mir so den Blick auf die Steilküste frei. Wirklich ein schöner Platz. Verständlich, dass die zweite Damengruppe gestern Abend an dieser Stelle sogar einen rhythmisch schaukelnden Pkw beobachten und stören konnte. Die Abfahrt verzögert sich, die Zelte sind vom Morgentau noch nass. Dann geht's los. Die Stadt Ensenada wird nur durchfahren und alsbald danach zweigen wir - wie Uwe mit der Gruppe gestern Abend vereinbart hat - auf die Mex 3 ab. Wir wollen nämlich den schnelleren Grenzübergang in Tecate nehmen; in Tijuana soll es oft Stunden dauern.

Unterwegs wird in einem Restaurant gefrühstückt. Ausgezeichnet ist das Essen. Über Berge und durch Weinfelder geht unsere Fahrt. Hier ganz im Norden also wächst der gute mexikanische Bajawein. Tecate mit seinem Grenzübergang in die USA ist erreicht. Beeindruckend sind lediglich zwei füllige Mädchen im Partnerlook, die die Straße entlang laufen. Auf ihren schwarzen T-Shirts steht rückseitig in Weiß: 'Don't touch the vaginas. Thanks'. Ob sie es auch so meinen? Die Grenze ist schnell überschritten. Sehr weit kommen wir aber nicht. Stau am Berg ist angesagt. Einen Unfall mit drei Toten soll es vor uns gegeben haben. Wir warten; was sollten wir auch sonst tun. Immer mehr Autos kehren um. Gut über eine Stunde warten wir schon, dann geht's endlich langsam weiter. Vom Unfall ist nichts mehr zu sehen. Zügig geht jetzt die Fahrt voran. Sogar durch liebliche, grüne Täler kommen wir hier im südlichsten Californien. Auf den Höhen sind immer wieder herrliche Villen zu sehen. Die Straße wird zum Highway, wir nähern uns offenbar San Diego. Schon fünf Spuren hat unsere Richtung, andere Autobahnen zweigen ab oder werden über- oder unterfahren. Elegant und irgendwie schön finde ich hier den Straßenbau, zudem mit viel Grün. Unser Hotel mit großem Pool macht einen guten Eindruck.

Aschenbecher suche ich im Zimmer und auch außerhalb jedoch vergeblich. Frisch gemacht fahren wir ins Zentrum von San Diego. Schachbrettartig verlaufen hier die Straßen. Eine Stunde bis zum Abendessen ist noch Zeit, um ein wenig herum zu schlendern. Sauber erscheint die Stadt. Offenbar ist heute ein irisches Fest; viele junge Leute laufen in Grün herum. Sabine ist glücklich. Ihr Handy funktioniert, wo immer sie sich befindet. Eine Woche in San Diego hat sie sogar verlängert. Im Restaurant natürlich Rauchverbot; man trifft sich also vor der Tür. Die USA ist nicht mein Fall. Noch viel weniger der Flughafen von San Diego am nächsten Vormittag. Gleiches gilt für Chicago, denn dort heißt es Zwischenlanden. Überall Rauchverbot. Pünktlich landet unser AA-Flieger am folgenden Vormittag in Frankfurt. Ich genieße als erstes mal eine Zigarette und denke dabei zurück an die wirklich schöne und hochinteressante Tour, die wir durch die Baja California in Mexiko gemacht haben.


A d i o s   P e n i n s u l a   B a j a - C a l i f o r n i a

Eingangsseite vom Bericht Mexiko Baja California

( http://www.bp-reiseberichte.de )