Eingangsseite zur Libyen-Reise

Reise durch die Sahara von Libyen im März 1997




Vorwort

Dies ist mein persönlicher Reisebericht (mit ca. 30 DIN A-4 Seiten), rein subjektiv und ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit, Richtigkeit, Objektivität, oder Gerechtigkeit in der Sache. Gleichfalls sind mir die Ausdrucksweise und der Stil meiner Aufzeichnung völlig schnuppe; wie es mir aus der Feder (oder besser aus dem Computer) fließt, so steht es eben geschrieben. Mir geht es einzig und allein darum, für mich persönlich - wenn auch lediglich aus der Erinnerung - meine Erlebnisse, Eindrücke, Empfindungen und Gedanken während der Reise festzuhalten. Erstens weil's mir Spaß macht und zweitens weil ich hoffe, dass ich mich später mal darüber freue. Wer es also außer mir lesen will, der hat selbst Schuld und ist selbst dafür verantwortlich.
Jede Ähnlichkeit der handelnden Akteure im Bericht mit lebenden oder toten Personen ist rein zufällig und soll keinen verschnupfen.

Burghard




Die Überlandfahrt in den tiefsten Südwesten von Libyen konnte beginnen.

Nach dem Flug von Frankfurt, leider mit Umsteigen in Tunis, hatten wir die Insel Djerba in Tunesien gegen 19.00 Uhr - schon recht müde - erreicht. Eine kurze Taxifahrt ins Hauptstädtchen Houmt Souk an der Nordküste und Absteigen in einer wunderschönen, wenn auch einfachen Herberge im Stil einer Karawanserei. Der herrliche Innenhof mit Palmen und Blüten ließ jetzt wirklich Urlaubsstimmung aufkommen.

Mein Karawansereizimmer (Toilette nur über den Innenhofrundgang zu erreichen) teilte ich mit Philipp, unserem 27-jährigem Nesthäkchen. Wie er mir später erzählte, wird er nach seinem Studium zusammen mit seinem Bruder die Lederfirma Bree (Hannover) seines verstorbenen Vaters fortführen. Jetzt war er allerdings erst mal gespannt auf die Wüste, von der er zwar schon zur Reisevorbereitung einiges gelesen hatte, aber sie sich dennoch nicht so recht vorstellen konnte. Zur Einstimmung goß ich uns erst mal ein Gläschen des ( für meine Urlaubsreisen obligatorischen ) "Duty free" Osborne ein und wir tranken auf gutes Gelingen unserer Meharée, der Karawanentour.

Beim ersten gemeinsamen Abendessen der Gruppe in einem tollen Gewölberaum konnten wir uns nun näher kennen lernen: Es waren die Reiseleiterin Uli sowie ihr Mann Klaus und Renate aus Wetzlar, Gudrun aus Düsseldorf, Hedwig aus Bielefeld und Liselotte aus der Nähe von Frankfurt sowie eben auch Philipp. Eine zweite SUNTOURS -Gruppe, die eine Jeeptour durch West-Libyen unternehmen wollte, gesellte sich noch mit Sylvia Jarosch als Reiseleiterin dazu. Rotwein wurde reichlich genossen, denn jeder wußte, daß schwere Zeiten bevorstanden: In ganz Libyen besteht nämlich Alkoholverbot. Um 23 Uhr war dann allerdings doch Schluß, denn am nächsten Tag sollte die Abfahrt bereits um 6 Uhr losgehen. Besonders früh aufzustehen gehört wohl immer zu meinen Urlauben!?

Früh ging’s auch wirklich mit drei Jeeps los. In vollem Tempo quer durch die tischplatte Insel Djerba mit ihren vielen Olivenbäumen, über einen langen Damm, der durchs seichte Meerwasser gebaut wurde, bis aufs ebenso platte Festland. Die libysche Grenze kündigte sich schon kilometerweit vorher durch ständige Polizeikontrollen und die vielen mit grünen libyschen Dinarscheinen wedelnden Geldwechslern am Straßenrand an. Je näher die Grenze kam, um so unwohler wurde mir allerdings. Denn trotz des Verbotes lag tief verstaut in meinem Seesack die Pulle Osborne. Noch mulmiger wurde es allerdings, als wir das gesamte Gepäck abladen und vor dem Kontrolltisch des Zolls aufstellen mußten. Gemütlich und ohne jede Hast wühlte der Beamte die ersten Taschen und Gepäckstücke durch. Danach wurd´s Gott sei Dank oberflächlicher und mein Seesack ging - durch tatkräftige Ablenkung unseres (eingeweihten) libyschen Führers oder war es doch stilles Einverständnis ?- einfach so durch. Mir fiel jedenfalls ein Stein vom Herzen und ich genoß um so mehr die Weiterfahrt, trotz des nunmehr einsetzenden Mülls am Straßenrand. Einfach unfaßbar!! Und das in ganz Libyen bis tief in die Wüste hinein.

Die Orte und Städtchen, durch die wir fahren, sind ziemlich uninteressant, das Land im Küstenstreifen durch Bewässerung allerdings grün und fruchtbar. Alles gibt’s um uns herum an Obst und Gemüse und verkauft wird es an duzenden von kleinen Ständen am Straßenrand. In der gesichtslosen und langweiligen Stadt Gharyan wird für heute Quartier genommen. Als erstes folgt - wie bereits in Tunesien und beiderseits der Grenze geübt - das lästige Ausfüllen von Formularen. Wenn ich mir doch endlich einmal meine Paßdaten merken könnte! Das Hotel ist ausgezeichnet und bietet für die nächsten 1 ½ Wochen wohl unsere letzte Dusche. Philipp will sich noch für die Wüste besonders schön machen und besucht den Hotelfriseur. Zurück kommt er mit einer wüstengeeigneten Mekkifrisur. Nach acht Uhr dann das ganz ordentliche Abendessen. Für die nächste Zeit wohl auch das letzte Mal im Sitzen, wenn auch bereits ohne Bier oder Wein.

Morgens wieder frühe Abfahrt; auf uns wartet nämlich eine weite Strecke über ca. 700 km durch die endlose Wüste. Gharyan liegt relativ hoch in den Bergen, die wir jetzt hinunter müssen, um dann auf schnurgerader und ausgezeichneter Straße in die immer karger werdende Landschaft hineinzufahren. Die Bergkette hinter uns läßt offenbar die wenigen Regenwolken nicht weiter südlich treiben; sie regnen sich an den Berghängen ab. Monoton ziehen die weiten Sand- Kies- und Geröllebenen, teilweise durchsetzt von Tafelbergen, vorbei. Ab und zu zeigen sich in der Ferne auch niedrige, trostlose Gebirgsketten. Von Vegetation ist nicht mehr viel zu sehen, allenfalls hier und da noch ein paar Büsche oder ein einsamer kümmerlicher Baum.

Das reichliche Mittagessen mit Hähnchen, Fisch und Salat wird in einem der seltenen, staubigen Nester mit dem Namen Shwayrif eingenommen; wie kann man hier nur leben!? Die einzige Attraktion sind für uns die jetzt erstmalig gesichteten Kamele, oder besser Dromedare; Kamele mit zwei Höckern gibt’s in Afrika nämlich nicht. Und weiter geht’s in vollem Tempo immer tiefer auf der ausgezeichneten, geteerten Straße in die Sahara hinein. Parallel verläuft eine weitere staubige Straße, auf der Hunderte von LKW`s mit riesigen Wasserrohren rollen. Sie dienen dem Bewässerungsprojekt "Great Man-Made River". Stunden später dann eine Wohltat für das Auge; das Grün der großen Oase Brak. Dahinter tauchen auch bereits die ersten Sanddünen des gewaltigen Erg Ubari auf, in dem sich die größte Attraktion der gesamten Region verbirgt: die Mandara-Seen. Es ist nicht zu fassen, quer durch die Ausläufer des gelben Ergs führt eine nagelneue schwarze Teerstraße. Die Sonne ist bereits am untergehen als Sebah, die Hauptstadt des Fezzan auftaucht. Wir aber müssen weiter, da noch über 150 km vor uns liegen. Bei El Fejej dann endlich wird die Straße verlassen und wir holpern den Sanddünen entgegen, die seit Durchquerung des Erg rechterhand auch im Mond- und Sternenlicht sichtbar geblieben waren. Das Lagerfeuer unserer Tuaregführer taucht auf; mit großem Hallo und Händeschütteln ist unser erstes Ziel erreicht.

Nach schmackhaftem Abendessen und nach der bei den Tuareg stets obligatorischen Teezeremonie hieß es, sich nun sein Schlafplätzchen auszusuchen. Von früheren Reisen her war mir ja schon bekannt, welche Kriterien dabei zu beachten waren. Sauberer Untergrund, möglichst nach allen Seiten gerade Fläche und das Kopfteil etwas erhöht. Nicht zu nahe an Büschen wegen ev. Viehzeugs wie Schlangen, Skorpionen etc. sowie Spurensuche in der nahen Umgebung zur Abklärung der Umwelt. Und jedenfalls in der ersten noch ungewohnten Nacht im Freien doch lieber in der Nähe der anderen. Man weiß ja nie. Mein Plätzchen war am Fuße einer mächtig hinter mir aufragenden Düne. Die Zähne wurden schnell geputzt, ein bißchen Wasser ins Gesicht und ab in den Schlafsack. Trotz des phantastischen Sternenhimmels über mir, den ich noch etwas genießen wollte, fielen mir die Augen vor Müdigkeit gleich zu.

Beim Aufwachen zum - leider nötigen - nächtlichen Aufstehen ein kleiner Schreck; neben mir huschte etwas nach hinten ins Gebüsch weg. Der Spur nach konnte es aber Gott sei Dank keine Schlange gewesen sein, was mich äußerst beruhigte. Ansonsten absolute Stille und eine phantastische, durch den zwischenzeitlich aufgegangenen Mond fahl beleuchtete Dünenlandschaft nunmehr um mich herum. Was ist doch die Welt so herrlich!

Mit Sonnenaufgang erwache ich wieder. Der erste Blick aus dem Schlafsack fasziniert erneut. Gelb-rötlicher Sand, feinster, weich geschwungener und leicht geriffelter Sand in meinem gesamten Blickfeld. Ein unglaublicher Genuß. Der Blick nach rückwärts wieder anders. Ein gewaltiges Dünengebirge, das bis in den Himmel geschwungen zu sein scheint. Es ist einfach nicht zu fassen. Nur langsam werden auch die anderen Dinge bewußt. Die etwas entfernt im Kreis stehenden Jeeps, die Aktivitäten der bereits aufgestandenen Tuareg und dort und dort ein einsamer Schlafsack der sich zu regen beginnt. Lilo dagegen erscheint nur noch als grün-weißer Punkt hoch auf der Düne. Diesen wandernden, stets weit entfernten bunten Punkt in der Landschaft werde ich auf der gesamten Tour noch oft zu sehen bekommen und mir als typisches Merkmal der Reise in Erinnerung bleiben.

Um mein Schlaflager herum hat sich nächtlich doch einiges getan, wie die verschiedenen Spuren mir jetzt bei Helligkeit zeigen. Aber was soll’s, alles nur Füßchenspuren und keine geraden Linien, wie sie Schlangen hinterlassen. Schnell aus dem Schlafsack geschält, ein Feuchttuch über Gesicht und Augen gewischt, die Zähne geputzt und jetzt muß ich auf die Düne. Ein herrliches Gefühl so über den feinen gekräuselten Sand auf dem Kamm einer Seitendüne nach oben zu steigen. Noch keine Spur zeigt sich im Sand, alles ist jungfräulich. Schnell werden die Schritte langsamer, denn der teilweise weiche Sand kostet Kraft. Der Blickfeld weitet sich und auf der rechten Seite wird nunmehr die Sicht auf das breite, grüne Wadi Adjal und dahinter die Steilstufe des Messak Mustafit frei. Ansonsten Weite und Sand, Sand, Sand und Dünen in gelb-rötlicher Farbe. Fasziniert setz ich mich in den weichen Sand und kann mich nicht satt sehen. Tief unter mir die Jeeps und Personen wie Spielzeug in der weiten Landschaft. Leider werde ich schon bald zum Frühstück herabgewinkt. Mit großen Schritten, tief einsinkend geht’s steil und schnell den Dünenhang hinunter. Das erste tolle Erlebnis der Tour.

Nach dem Frühstück und dem Verstauen der Klamotten im Seesack stand die Fahrt zu den Mandara-Seen auf dem Programm. Dieses Ziel steht ganz oben für jeden Libyenreisenden. Auch für mich waren die Seen ganz entscheidend für die Buchung gewesen, hatte ich doch in meinen Reisezeitschriften schon so viel Überschwängliches von diesem Highlight gelesen: Es soll einer der Höhepunkte in der gesamten Sahara sein. Ich - wie alle anderen auch - war wahnsinnig gespannt darauf.

Zuerst sollte allerdings eine kleine Wanderung über flache Dünen und langgezogene Tennen anstehen, die wir gerne annahmen. Langsam und staunend, immer wieder um die eigene Achse drehend, gings durch den weichen, wunderschönen Sand dahin. Eigenartig, je nach Richtung zum Sonnenstand veränderte sich die Farbe der Dünenlandschaft und wirke mal blaß, mal bräunlich oder gelb-rötlich. Stundenlang hätte ich so weiter wandern können. Aber leider kamen bald die Fahrzeuge nach und die weit auseinandergezogene Gruppe - jeder wollte offenbar die ersten Eindrücke in dieser Welt alleine genießen - traf sich wieder. Und dann rauschten die Jeeps mit uns los. Wie auf einer Autobahn! Unglaubliche 70 oder 80 Stundenkilometer bei geraden Strecken durch den Sand. Immer anderen Autospuren folgend, die reichlich vorhanden waren. Zwischendurch dann hin und wieder ein Päuschen, um kleinere, unberührte Dünen zu besteigen oder Gelegenheit zu geben, in vollen Zügen zu genießen. Wie soll man eine solche phantastische Dünenlandschaft beschreiben? Man muß sie einfach selbst erleben !!

Unsere Teufelsfahrer, die Tuareg, kennen die Strecke offenbar aus dem ff. Jede Düne wird richtig genommen. Mal schnell, mal langsam, mal linksseitig, mal rechtsseitig oder auch drüberhinweg. Ich komme mir zeitweise vor wie auf der Achterbahn. Nur gut, daß ich nicht selbst am Steuer sitzen muß.

Für Selbstfahrer und Ortsunkundige würde sich unsere phantastische Strecke zu den Seen dann wie folgt lesen:
Drei freistehende Tamariskenbüsche am Pistenrand (km 2,9: Pos. N 26°35`10`` und E 13 ° 09` 00``). Hier halten wir kurz an, reduzieren den Luftdruck auf Werte für Sandverhältnisse, holen selbst dagegen noch mal tief Luft und fahren dann los: Westlich der großen Düne geht es anfangs flach, dann steiler die Rampe hinauf nach Norden; eine Unmenge an Müll liegt hier herum. Das Ende der Rampe erreichen wir schon nach 3 km. Jetzt folgen graue Walfischrücken, kleinere Dünen und mäßig weiche Tennen und Senken. Bei km 6 umfahren wir eine kleinere Düne westlich, eine weitere Rampe liegt vor uns. Die ist deutlich weicher: Allrad (falls noch nicht zugeschaltet) und Reduktion (falls vorhanden) sind angesagt. Erneut zwei kleine Dünen, die wir in nördlicher Richtung überqueren. Wie Riegel legen sie sich immer wieder in unseren Weg. Dabei bleiben wir hinter der großen Düne, d.h. auf deren Nordseite. Zwischen km 8,5 und 9 kurven wir weiter um die Dünen herum, wir drehen dabei mehr und mehr auf Nordost, fahren 60°, wenig später über eine Tenne wieder mit 40°. Bei km 10 fahren wir gar vorübergehend 100 bis 110°. Weitere Dünen und Tennen folgen. Unsere Grundrichtung bleibt jetzt wieder 40°. Bis km 19,4 bleibt es bei diesem stetigen Wechsel zwischen Tennen und kleinen Dünen. Wir sind dabei auf der Rückseite einer weiteren hohen und sehr glatten Düne. Zwischen km 20,5 und 22,5 passieren wir weitere Dünen, die jedoch gut befahrbar sind; wir halten uns eher auf der Hangseite der Düne. Dies ist alles kein Problem, wenn Spuren vorhanden sind und die Sicht einigermaßen gut ist. Bei km 22,9 halten wir an: Der Mandara-See ist in Sicht !! ( Position N 26°40`21`` und E 13°15`41``). Leicht bergab geht es nun auf unser Ziel zu. (Auszug aus dem informativen Reisehandbuch "Libyen" von Gerhard Göttler, Reihe: Reise Know-How. Übrigens eines der wenigen überhaupt erhältlichen Reisebücher über dieses Land.)

Für uns gab`s jedoch noch eine kleine zusätzliche, zudem willkommene Abwechslung: Eine Reifenpanne. Und das im Sand. Offenbar durch den gewaltigen Querdruck auf der äußerst schrägen Düne, die bei vollbeladenem Fahrzeug und vollem Gasdurchtreten genommen werden sollte. Mir jedenfalls hätte der unfreiwillige Stop nicht lang genug dauern können auf der dann von mir zu Fuß genommen Düne. Wir befanden uns hier nämlich inmitten eines wahren Dünengebirges. Nur noch tiefblauer Himmel und goldgelber Sand im gesamten Blickfeld. – Wie die Tuareg den Jeep in dem weichen Sand allerdings hochbocken und reparieren konnten, ist mir dadurch aber schleierhaft geblieben.

Die genaue Lagebeschreibung (bei Göttler) ist eine Sache, die Seen zu finden eine andere. Auf meiner Übersichtskarte zu Hause "Michelin 953 Afrique -Nord et Ouest" sowie den diversen Atlanten war jedenfalls keine Spur der Mandaras zu finden. Die guten russischen Generalstabskarten über Libyen (man höre und staune), die neuerdings auf dem Markt zu bekommen sein sollen, hatte ich nicht. Selbst die in Libyen gekaufte Karte ist insoweit leer. Aber tatsächlich zu finden sind die Seen in Natura gemäß obiger Beschreibung bestens. Schlecht zwar mit Kompaß, den ich übrigens für alle Fälle von zu Hause mitgenommen hatte, aber mit GPS. Dieses "Global Positioning System" beruht auf einem Netz-System von 24 (amerikanischen) Satelliten, die auf festgelegten Bahnen die Erde umkreisen. Sie senden Signale aus, die das recht handliche GPS-Gerät - ähnlich einem kleinen Rechencomputer - empfängt und umrechnet.

In meinen beiden Libyen-Alben ist das entsprechende Kartenmaterial zum Auffinden der Seen auf der vorletzten Seite zu finden. Denn diesen Highlights näherten wir uns ja jetzt. Wir rauschten mit vollem Karacho auf eine den Weg versperrende Querdüne zu, der Hang wurde genommen und ... geplant war ein Halt direkt auf dem Kamm. Unser Fahrzeug kippte jedoch nach vorne weg und rutsche die Düne herunter. Aber: Der Mandara-See lag jetzt endlich - wie ein Juwel eingebettet in der weiten, herrlichen Dünenlandschaft - direkt vor uns. Übernatürlich, eine Fata Morgana !!!

Für mich gab`s nur eins. Wieder rauf auf die Düne, hinsetzen und schauen, schauen ...

Um mich herum klickten die Kameras, was das Zeug hielt. Auch meine kleine Pocket trat jetzt in Aktion. Hoffentlich werden die Bilder was - denke ich - und fangen etwas von der Unwirklichkeit ein, die da vor uns lag. Und hoffentlich, hoffentlich sind keine Sandkörner in meiner Kamera. Wieder viel zu schnell hieß es, diesen einmaligen Panoramahochsitz zu verlassen und die Oase anzufahren. Ich hätte den ganzen Tag dort sitzen können. Ein weiterer Stop vor dem See. Hier mein Versuch (wie schon auf früheren Reisen) mit zwei Bildern die größer gewordene Gesamtoase einzufangen. Ich glaube es ist mir ganz gut gelungen. Dann sind die Palmen und der See und auch der Müll erreicht.

Bewohnt ist die Oase seit einigen Jahren nicht mehr. Lediglich alte aus Lehmziegeln erbaute Häuser, sehr verwinkelt, labyrinthartig und mit kleinen Zimmerchen, stehen noch herum und zeugen von den früheren Einwohnern. Sie nannten bzw. nennen sich Daouadas. In einer Nacht- und Nebelaktion - niemand weiß nichts genaues nicht - wurden die Daouadas jedenfalls aus ihren bisherigen Siedlungsgebieten in dem Sanddünengebiet zwischen Ubari, Sebha, Brak und Idri evakuiert und in neu und speziell für sie erbaute Dörfer im Wadi Adjal bei Maknusa "umgesiedelt". Eigenartigerweise waren die neuen Dörfer bereits seit langem vorher fertiggestellt worden. Man munkelt, daß Staatschef "Führer der Großen Revolution" Oberst Muammar al-Kadhafi an den Seen ein großes Touristenzentrum geplant haben soll bei dem - seiner Ansicht nach - dann die Einwohner nur gestört hätten.

Daouadas bedeutet "Wurm-Esser". Dabei essen diese dunkelhäutigen Leute, die möglicherweise eine eigene Rasse sind, die nichts mit den Schwarzen des Afrika südlich der Sahara zu tun hat, in Wirklichkeit aber keine Würmer. Ihre Nahrung war nämlich eine Art Garnele oder auch Salinen-Krebs. Dieser lebt - gesehen habe ich keinen - in großen Mengen in den Seen; um sein Gedeihen zu fördern, opferten die Daouadas alljährlich ein Kamel, dessen Blut in den See zu fließen hatte. Aus diesen Tierchen wurde eine Paste hergestellt, die dann in Form kleiner Bällchen getrocknet wurde. Gelegentlich kamen Karawanen von Tuareg über die Dünen, um den Dud (er galt als wirksames Aphrodisiakum, entsprechend groß war die Nachfrage) gegen andere Waren einzutauschen. - Es fehlte fast an allem hinter den Dünen. Ein weiterer der wenigen Exportartikel der Einheimischen war das Natron. Es entsteht in diesen stark salzhaltigen Seen durch natürliche Verdunstung. Ganz gut zu sehen am Ufer oder auch teils in der Seemitte. Und selbstverständlich gibt’s dort jede Menge von Datteln. Es war das erste Mal, daß ich sie sogar selbst von den jungen Palmen pflücken konnte. Sie hingen fast schon eingetrocknet und zuckersüß im Zentrum der Pflanze. Aus schlechter Erfahrung vor 10 Jahren in Süd-Algerien öffnete ich allerdings jede Dattel, um nach Würmchen Ausschau zu halten. Aber stets Fehlanzeige, so daß ich nunmehr Datteln gegenüber wieder mehr Vertrauen gewonnen habe.

Vor zwei Jahren brannte die gesamte Oase. Man erkennt es noch an den verkohlten Palmenstämmen. (Aber offenbar sind Dattelpalmen selbst Feuer gegenüber widerstandsfähig; fast alle trieben in ihren Kronen wieder aus.) Der Rauch und der Feuerschein soll über -zig Kilometer zu sehen gewesen sein. Man erzählt sich, daß ein alter Daouada voll von Trauer und Zorn über die Evakuierung wieder zurückgekehrt sei und beim Feuermachen dabei versehentlich die ganze Oase anzündet hat. Er soll noch hier am Mandarasee hausen. Gesehen haben wir ihn leider nicht, obgleich seine Anwesenheit glaubhaft erscheint, da wir sauberes Geschirrzeug fanden. Die vielen rumliegenden Dosen, das Plastikzeug und dergleichen mehr dürften aber kaum von ihm allein stammen.

Wir streunten durch die Oase. Das Ufer des Sees ist stark mit Schilf bewachsen und läßt kaum einen Zutritt zum Wasser zu. Der See, oder besser Teich, soll teilweise von heißen Quellen gespeist sein. Mücken waren (noch) keine unterwegs. Ansonsten soll’s geben: Spring- und andere Mäuse, Fennek, Katzen, Käfer, Raben, Bleßhühner und auch Schlangen. In den Außenbezirken, dort wo die Büsche und Palmen nur noch einzeln stehen und sich dann im Sand verlieren, halte ich mich die meiste Zeit auf; es ist hier am schönsten. Die Oase im Inneren bietet - jedenfalls angesichts der hohen Erwartungen - nicht so viel. Der Müll, die zerfallenden Häuser und die vielen Trampelspuren im Sand lassen eher etwas Wehmut aufkommen; es fehlen wohl die Bewohner.

Insgesamt soll es zehn bis 15 solcher Seen geben. Ihre genaue Zahl ist bis heute nicht bekannt. Es scheint jedoch, daß die Zahl eher vom Grundwasserspiegel abhängt: Ist er hoch, bilden sich Seen auch an solchen Stellen, die normalerweise trocken liegen - und schon ist wieder ein See mehr zu zählen. Vom Mandara-See aus ist es nur ein Katzensprung zu einem weiteren See-Wunder, das wir nun anfahren, dem Um el Ma. Zu deutsch: Mutter des Wassers. Die Palmen dieses Sees sind bald gesichtet und kurz vor deren Erreichen fährt unser Tuareg seinen Jeep einen kleineren aber steilen Dünenhang soweit hoch, bis er im tiefen Sand stecken bleibt. Ein paar Schritte noch höher und … ein weiteres Paradies liegt vor uns. – Das Bild der nächsten Seite zeigt es.

Um el Ma oder auch Umm al Ma oder auch Um el Maa. Welche Schreibweise nun wirklich richtig ist, bleibt unklar, in gleicher Weise wie bei den meisten Namensangaben für Städte, Dörfer, Ergs, Hamadas (Steinwüsten) etc. Hinzu kommt, daß es alte oder auch neue Namen gibt. Um dann alles für Fremde endgültig unverständlich zu machen, gilt in Libyen allein die (für mich allerdings wunderschöne) arabische Schrift. Kein einziges Straßenschild ist in unserer Schrift zu finden. Aufgrund der Schulpflicht in Libyen von 6 - 15 Jahren und einer Alphabetisierungsquote (1990) von 64 % (Männer 75%, Frauen 50%) dürften aber wenigstens die Einheimischen, insbesondere die Jüngeren, beim Lesen und Schreiben hier keine Probleme haben.

Mit fast 1,8 Mio km² ist Libyen etwa 5 mal so groß wie Deutschland. Über 90% dieses Gebiets ist aber Wüste! Der Fezzan liegt dabei innerhalb einer 30-mm Niederschlagszone, d.h., daß stets mehrere regenlose Jahre vorkommen. Erst über dieser Niederschlagsmenge kann man statistisch jährlich mit wenigstens einem Niederschlag rechnen. Eigentlich nur das Küstengebiet im Nordwesten, durch das wir ja gekommen waren, ist vom Regen begünstigt. Libyen ist aber dennoch das reichste Land Afrikas. Daß es diesen Reichtum nicht der Landwirtschaft verdankt, erscheint einleuchtend, da gerade mal 2 % des Landes bestellbar sind. Es ist vielmehr das Öl, das - nach Italien - auch an seinen zweitgrößten Handelspartner Deutschland verkauft wird und hier immerhin 20% des Importoels ausmacht. Die Wasserversorgung ist dagegen das Problem. So entstand 1983 die vor allem auf Kadhafi selbst zurückgehende Idee, mittels eines gigantischen Projekts, das mit 25 Milliarden Dollar eines der teuersten Wirtschaftsprojekte weltweit ist, fossile Grundwasservorkommen anzuzapfen und durch riesige Pipelines zu den Verbrauchern zu pumpen. Zum Teil über 1000 km bis zur Küste und das mit Wasser, welches vor ca. 10.000 Jahren als Regen gefallen war. 50 Jahre sollen die Vorräte reichen, aber dann…? Die Rohrtransporte hatten wir ja schon gesehen. Später sollten wir auch - die aus der Luft so faszinierend anzusehenden - riesigen, bewässerten, grünen Rundfelder inmitten der Wüste zu sehen bekommen. Ebenerdig wirken sie allerdings gar nicht.

Zurück zum Um el Ma, dem kleinen Paradies, in dem weder Ruinen noch - trotz der häufigen Besucher - Müll zu finden sind. Vielleicht hielten ihn die Daouadas, wie andere Seen auch, für verhext, denn es ist schon erstaunlich, weshalb er überhaupt noch existiert. Von allen Seiten, teils von sehr hohen Dünen, rieseln nämlich ununterbrochen Sandlawinen in das salzige Wasser, das nirgendwo breiter als 50 m ist, wenn auch mehrere hundert Meter Länge besitzt und bis zu 9 Metern tief ist. Baden kann man auch, allerdings werden laut Ausspruch von Klaus, einem ab ca. 1 m Tiefe die E… gekocht.

Unser Gruppe lagerte im Palmenschatten direkt am tiefgrünen See und unterhielt sich mit zwei mit schweren Motorrädern allein angekommenen Deutschen. Mich zog´s aber schon bald zur weiteren Erforschung diese Kleinods. Die Palmen, die sich zum Sonnenstand verändernde Farbe des Wassers nach Tiefblau und das ganze Umfeld wieder einfach unbeschreiblich schön. Das erste Mal ist es aber auch heiß geworden. Als ich dann hoch über mir auf den Dünen den wandernden bunten Punkt (Lilo) entdeckte, gab´s auch für mich - trotz der kräftigen Sonne - kein Halten mehr. Etwa zwei Stunden wanderte nun auch ich mit stetem Blick hinab zum Oasen-Wunder auf den gigantischen Dünen entlang, einmal rund um den See. Ein einziger Genuß!

Als ich am Ende des Sees Lilo wiedertraf, schaute sie fröhlich aus einem krebsroten Gesicht. Meinem entsprechenden Hinweis entgegnete sie nur, daß es sich bei ihr um eine normale Sache handele. Es stimmte tatsächlich. Ich hatte jedenfalls meine Rundmütze tief ins Gesicht gezogen. Andere hatten sich eine Art Chech (sprich Tschesch) zugelegt, der allerdings nicht so toll wie bei den Tuareg gebunden war, sondern eher wie ein schlecht gewickelter Kopfverband aussah. Erstaunlich, wie die Tuareg in Windeseile den 6-9 m langen Chech so um den Kopf binden können, daß nur noch ein Augenschlitz offen bleibt und sie dann wirklich exotisch und königlich aussehen. Wir haben es nie so recht hingebracht.

Die sprichwörtlich große Hitze der Sahara habe ich jedenfalls -trotz meiner dritten Reise in dieses Gebiet- nie erlebt. Kälte dagegen ja. Zwischen Oktober und April dürften die Mittagstemperaturen nie höher als 28° gelegen haben. Nachts dagegen gut bis - 5°, so daß das Wasser in der Flasche zu Eis wurde. Diesmal schätze ich die Tiefsttemperatur bei ca. 5°. Einen leichteren Pullover brauchte man eigentlich den ganzen Tag nicht auszuziehen. Je später dann der Abend, um so mehr Klamotten wurden - nach dem Zwiebelschalenprinzip - übereinander gezogen. Am Lagerfeuer war`s jedoch problematisch. Nach vorne hin zu heiß und hinten klapperte man mit den Zähnen. Das ist Wüste.

Das Wichtigste in der Wüste ist zu trinken. Viel zu trinken, denn die völlige Trockenheit zieht die Feuchtigkeit aus dem Körper. Man merkt es kaum, da man eigentlich nicht schwitzt und deshalb auch nicht stinkt. Letzteres stünde an sich zu erwarten, da Waschen fast ein Fremdwort wird. In der Wüste ist Wasser halt zum Trinken da; ca. 3 Liter pro Tag waren (laut strikter Anweisung von Uli) Pflicht, selbst wenn der Durst bei weitem nicht so groß war. Das stets mit Mikropur entkeimte Wasser versetzte Uli zusätzlich alle zwei bis drei Tage noch mal mit Calcium, mal mit Magnesium und mal mit Vitamine. Diese Zusätze, die ich schon selbst mitgebracht hatte, gab ich darüber hinaus in jede meiner neu gefüllten Flaschen. - Auch war ich recht froh, daß Helga (Apothekerin) mir Augentropfen mit der Wirkung künstlicher Tränen eingepackt hatte. Wegen der Trockenheit bekam man nämlich des öfteren das Gefühl, ein Sandkörnchen im Auge zu haben. Salztabletten zu schlucken, war für mich ohnehin selbstverständlich.

Etwas abseits des Sees finde ich unter einer Dattelpalme mein Plätzchen im weichen Sand und laß mich dort von der Umgebung bezaubern. Ich beobachte einen schwarzen Käfer, der sich todgestellt hatte, aber nunmehr geschäftig hin und her rennt. In der Ferne versuchen 4 Jeeps über die hohen Dünen einen Durchgang zu finden, müssen ihr Unterfangen aber aufgeben und zurückkehren. Auch ich werde jetzt leider gerufen; es ist Zeit zum Aufbruch…

Die Sonne neigt sich immer mehr dem Horizont zu, als wir die kleinen Paradiese der Mandara-Seen im Sandmeer hinter uns lassen. Wieder mit voller Geschwindigkeit ziehen wir los. Das Licht wird jetzt stimmungsvoller und der Sand beginnt sich rötlicher zu färben. Kleine Schatten bilden sich auf den Dünen und lassen nunmehr auch die Konturen des Sandgebildes heraustreten. Die Landschaft wird dadurch noch prächtiger. Auch wenn man meint, schöner kann es eigentlich nicht mehr werden, dann zeigt die Natur, daß sie immer noch eine weitere Steigerung parat hat.

Alle hundert Meter würde ich hier halten wollen, denn die Strukturen der Dünenlandschaft zeigen sich immer schärfer und schöner. Auch das Licht zum fotografieren wird jetzt wirklich optimal. Nicht umsonst sind alle bekannten Dünenphotos, die man in Saharabüchern und -zeitschriften zu sehen bekommt, entweder morgens oder abends gemacht. In der grellen Mittagssonne verschwimmen die Konturen einfach zu stark. Wenn wir dieselbe Strecke zurückgefahren wären, die wir auf der Hinfahrt genommen haben, ich glaube, es wäre jetzt eine total andere Landschaft, die sich unseren Augen bieten würde. Wir nehmen aber eine schnellere Route, um nicht in die Dunkelheit zu kommen. In der Dunkelheit ist es wohl auch unmöglich, die Orientierung zu behalten. Dennoch eine große Freude bei mir; die nächste Reifenpanne steht an. Und das genau auf der Höhe einer gewaltigen Querdüne. Ich wandere gleich wieder los, um noch ein bißchen höher zu kommen. Die vier sich sammelnden Fahrzeuge und die in die Dünen ausschwärmende Gruppe will ich bei diesem tollen Licht unbedingt im Kasten haben. Und dann hineinlegen in den so wunderbar geriffelten Sand. Gudrun kommt gerade richtig, um auch von mir in dieser herrlichen Umgebung mal ein Bild zu machen.

Noch bei Helligkeit treffen wir wieder am 1.Übernachtungsplatz ein. Unsere Gruppe will aber -wie an sich auch vorgesehen war- ein Schlafplätzchen an anderer Dünenstelle. Etwas mürrisch packt daraufhin die Tuaregmannschaft die bereits ausgeladenen Küchenutensilien wieder ein. Bald ist aber der neue Platz gefunden und jeder von uns saust sofort los, um sich das schönste Schlafplätzchen zu reservieren. Die Abstände zueinander werden schon erkennbar weiter; Zeichen dafür, daß Ängste, in dieser fremden Umgebung draußen zu schlafen, bereits kräftig abgebaut werden. Der Seesack wird hingeschleppt, wenn auch wegen ev. Getiers noch nicht ausgepackt und die meisten von uns ziehen los, um die Abendstimmung irgendwo auf einer der hier steilen Dünen zu genießen. Nur Philipp kraxelt herum und wandert hoch oben auf den Kämmen entlang.

Bei völliger Dunkelheit treffen wir uns wieder am Lagerfeuer. Der Essensplatz für die Gruppe, stets bestehend aus einer großen Bastmatte und schönen, dicken Schaummatratzen außenrum, ist schon hergerichtet. Unsere Blechnäpfe und -tassen stehen bereit. Der Tee dampft und Kekse können als Appetitanreger genommen werden. Erstaunlich, was unser Koch dann alles so zu bieten hat. Vorsuppe, Hauptgang und Nachtisch und alles wirklich schmackhaft. Problematisch wird allerdings der heute heftig wehende Wind, der böweise den Sand in unsere Blechnäpfe weht. Es knirscht ordentlich zwischen den Zähnen, was uns aber nicht den Appetit verderben läßt. Wir fühlen uns ja schon fast wie Tuareg.

Die Führer und Fahrer scheinen offenbar immer dasselbe zu essen. Selbst gebackenes Brot, das in kleine Bröckchen gebrochen wird und zusammen mit einer Sauce in eine riesige Schüssel wandert. Die ganze Mannschaft bedient sich dann daraus. Nach dem Essen - wie kann es anders sein - gibt’s den Tee. Wenn für mich der Tee bereits fertig gewesen wäre, so geht hier die eigentliche Zeremonie erst los. Das Gebräu wird begutachtet, dann in ein anderes Gefäß geschüttet, wieder zurückgekippt, gezuckert, schlürfend gekostet, nachgezuckert, wieder zurückgekippt und probiert, in die vorhandenen Gläschen abgefüllt, um Schaum entstehen zu lassen, die Flüssigkeit aus den Gläschen wieder zurückgekippt. Erst nach weiteren Umfüllungen ist der Tee fertig. Der Kannenhahn wird nun ans erste Gläschen gebracht und geschickt gefüllt, indem die Kanne in eleganten Bogen nach oben gezogen wird. Wie soll der Tee bei den Tuareg aber schmecken? Es heißt: Das erste Glas muß so bitter sein wie das Leben, das zweite so sanft wie die Liebe und das dritte so süß wie der Tod.

Morgens wieder ein strahlend blauer Himmel - wie kann es in der Wüste auch anders sein. Geschlafen habe ich bestens. Als ich mich aufrichte, sehe ich in den verschieden Dünenecken, daß auch die anderen wie auf Kommando am Aufstehen sind und daß das Frühstücksfeuer schon seinen Rauch aufsteigen läßt. Nach der Katzenwäsche und mit frischem Hemd genieße ich den heißen Kaffee sowie Müsli und Baguette mit Käse. Ein bißchen rumkrabbeln auf unserem großen Tisch muß man allerdings schon, um sein Frühstück zusammen zu bringen. Man sieht ‘s auf dem Bild, wie es funktioniert. Und lustig ist diese Esserei allemal. Gut gestärkt kann jetzt Garama, die alte Garamantenstadt, von uns besucht werden.

Bereits nach kurzer Fahrt sind die Ausläufer des Ergs erreicht und das grüne Wadi Adjal mit der Steilstufe des Messak Mustafit wieder in Sicht. Eigentlich eigenartig, daß die Sandmassen das Wadi respektieren und nicht unter sich begraben. Und das offenbar schon seit Jahrtausenden. Das heutige Germa (Garama, Djerma) ist - wie alle Orte hier - langweilig. Ein Stück außerhalb liegen jedoch die interessanten Ruinen des alten Germa. Vor 3.000 Jahren war hier nämlich die Hauptstadt des Garamanten - Reiches. Von allen Berberreichen die in Nordafrika und in der Sahara bestanden, war dies eines der mächtigsten. Keines hat je bei den griechischen und römischen Autoren der Antike so viel Aufmerksamkeit erfahren wie das der Garamanten. Es waren die gefürchtetsten Widersacher am anderen Ufer des Mittelmeeres. Es wird berichtet, sie hätten sich mit Streitwagen fortbewegt; tatsächlich finden sich an verschiedenen Stellen in der Sahara Felsmalereien von solchen garamantischen Kampfwagen. Auch wir sollten sie später zu sehen bekommen. Die Römer führten während ihrer Herrschaft in Nordafrika mehrere Feldzüge gegen sie durch und das wohl südlichste Monument römischer Geschichte und Herrschaft findet sich hier in Germa. Ob das Relikt allerdings ein römisches Siegesdenkmal oder nur das Mausoleum eines reichen römischen Kaufmanns darstellt, bleibt ungewiß. Es wird auch als Grabmal der Prinzessin Lucilla bezeichnet.

Während der Vandalenherrschaft erlebte das Garamantenreich eine letzte Periode vorübergehender Unabhängigkeit. Im Gegensatz zu den Römern wagte sich dieses germanische Volk nicht so weit in die Sahara hinein. Auch Ostrom vermochte nicht, sie zu unterwerfen. Dies gelang erst den Arabern unter ihrem Feldherrn Okba Ibn Nafi (eine bekannte Größe auch in der Geschichte Tunesiens: Er gilt als Gründer Kairouans!). Ca 670 n.Ch. wurde Garama erobert, die Garamanten und andere Berbergruppen unterjocht und versklavt; ein massiver Exodus der berberischen Gruppen in weniger zugängliche Gebiete war die Folge. Diese garamantisch-berberischen Völker gelten als die Vorfahren der heutigen Tuareg. Anarchie scheint sich danach in diesem Teil der Sahara breitgemacht zu haben. Der gesamte Fezzan geriet in den Herrschaftsbereich der schwarzen Tubu. Im 14. Jahrhundert schließlich geriet die Region in die Hegemonie des Sultans von Marokko, der Murzuk mit dem größten Sklavenmarkt zur Hauptstadt erklärte, bis im 16. Jh. schließlich die Türken das gesamte Gebiet unterwerfen konnten. Anfang unseres Jh. wurden dann die Italiener Herren des Fezzan. Sie waren es auch, die die ersten archäologischen Untersuchungen in diesem Gebiet vornahmen.

Auch heute noch wird im - durch die alten Stadtmauern klar begrenzten - Bezirk des alten Garama gebuddelt. Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, jetzt durch die engen und labyrinthartig angelegten Gäßchen zu wandern und sich in den zum Teil recht gut erhaltenen winzigen Zimmerchen der ehemaligen Häuser aufzuhalten. Was mag sich hier alles so abgespielt haben? Daß die aus Lehmziegeln erbauten Mauern sich über 3 Jahrtausende aber erhalten konnten, ist wirklich erstaunlich. Ein kleiner Markplatz, umgeben von wuchtigen Mauern und festungsartigen Häusern (sogar mit Balkonen) sind noch gut erkennbar. – Nach zwei Stunden dann Abfahrt Richtung Mathendous, dem Tal der Gravuren.

Um dorthin zu gelangen, müssen wir erst mal die Steilstufe des Messak Mustafit überwinden. Wie sich herausstellt, ist dies aber kein Problem, da die Straßenbauer eine gewaltige Kerbe in die Falaise gesprengt und offenbar mit deren Schutt die riesige Rampe hinauf angelegt hatten. Sicher eine Meisterleistung. Oben dann ein ganz anderes Bild. Eine tischebene Hochfläche öffnet sich bis zum Horizont. Daher also Messak, was nichts anderes als Tisch bedeutet. Die Ebene übersät - soweit man sehen kann - mit fast gleich großen Steinen, nicht aufgehäuft, sondern immer einer schön neben dem anderen. Und alle in schwarz. Mustafit heißt denn auch schwarz. – Fast eine Stunde rollen wir durch diese Hochebene; rundherum alles identisch, kein Baum, kein Strauch, keine Erhebung, nichts… So abrupt wie wir die Steinebene hinauf mußten, so abrupt müssen wir auch wieder hinunter. Eine neue, bis an den Horizont reichende Ebene, nunmehr aus Sand, tut sich auf und wir rauschen mit unseren Jeeps hinein. Die Straße ist jetzt nicht mehr geteert und jedes Fahrzeug zieht - schon von weitem erkennbar - eine kräftige Staubwolke hinter sich her. Bald schon ist bei unserer hohen Geschwindigkeit der Messak Mustafit hinter uns verschwunden.

Wir befinden uns auf der Straße, die bis zur Stadt Murzuk am Rande des riesigen Erg Murzuk (oder wie in Libyen üblicherweise benannt: Idhan oder Idehan oder auch Edeyen Murzuk) führt. Die Stadt selbst werden wir leider nicht anfahren, was ich bedaure. Sie hatte nämlich in früherer Zeit als Schnittpunkt verschiedener Karawanenrouten große Bedeutung. Auch die ersten europäischen Forschungsreisenden, wie insbesondere Heinrich Barth nahmen diese Stadt als eigentlichen Ausgangspunkt für ihre Entdeckungen in Nordafrika. Nach fünf Jahren größter Strapazen kehrte Barth 1855 dorthin wieder zurück.

Unsere Autos biegen irgendwann von der Straße in Richtung Westen ab. Jetzt beginnt die Piste, eigentlich die Fahrerei, die man sich üblicherweise in der Wüste vorstellt. Aber eigentlich auch das wieder nicht, denn auf dem hier recht festen und völlig ebenen Sandboden können wir mit 70 km/h oder mehr - lt. Tuareg - dahinrauschen. (In keinem der Fahrzeuge habe ich einen intakten Tacho erlebt.) Zunächst ist ab und zu noch ein einsamer Baum oder Strauch in der Ferne zu sehen. Bald aber auch das nicht mehr, nur noch Horizont, Weite und die Staubfahnen, die wir hinter uns herziehen. Wie die Tuareg hier ihren Weg finden, ist mir schleierhaft. Er ist aber immer richtig, denn ca. alle 5 -10 km taucht ein schwarzer Punkt im Nichts auf, der sich beim Näherkommen als aufgestellter Reifen oder auch als Teertonne entpuppt. Übrigens typische Wegweiser in der Wüste, wie ich sie bereits in Süd-Algerien vor 10 Jahren erlebt habe. Und dann … die erste Fata Morgana.

Zwischenzeitlich sind auf unserem steten Weg nach Westen linksseitig die gewaltigen Sanddünen des Erg Murzuk aufgetaucht und näher gerückt. Für etwa zweihundert Kilometer wird dieser Ergrand nun unser Begleiter bleiben.

Über regelrechte Rennstrecken und nach erneuter Panne (diesmal auslaufendes Kühlwasser) erreichen wir eine Bewuchszone in einem ehemaligen Urstromtal und machen unseren Mittagsstop. Hier gedeiht auch die in der Sahara recht häufige und auffallende Koloquinte, ein "Bitterkürbis". Wie Bälle sehen die Früchte aus, kugelrund und an langen Fäden wie aufgereiht. Ich nahm eine Frucht in die Hand; sie war schwer und offenbar voller Saft. Eine andere, die völlig abseits von der Pflanze lag, wollte ich mit dem Fuß davonkicken, doch diese war federleicht, zerplatzte wie ein hohle Eierschale und entließ die Kerne. Sehr schlau! Der Wind läßt nämlich die eingetrockneten und dann leichten Früchte wie Bälle über viele Kilometer rollen und verteilt somit die Pflanze. Wir fanden die Bälle an den unmöglichsten Stellen. Erst wenn -ggf. auch nach Jahren- ein ganz bestimmtes Mindestquantum an Regen fällt, reagiert der Samen.

Nach weiteren Rennstrecken taucht ein einsamer Kontrollposten im Nichts auf und kontrolliert uns tatsächlich. Danach geht’ s einen steilen sandigen Abhang hinauf. Am Rand des neuen, höheren Plateaus rauschen wir weiter mit dem Blick links auf die Dünen und nach rechts auf eine immer näher rückende, riesige, schwarze Hamada (Steinebene). Gewaltige wandernde oder auch stehende Windhosen sind dort in der Ferne zu sehen, die Sand- und Staubwolken in große Höhe wirbeln. Schon bei meiner Mittagswanderung hatte ich eine etwas kleinere Windhose beobachtet, die in meiner Nähe vorbeizog und mich doch etwas unruhig machte. Irgendwann fahren wir den Hang wieder runter und holpern in die schwarze bis zum Horizont reichende Hamada hinein. Ca. 5 Kilometer vorsichtigster Fahrt über die Steine und das recht schmale Wadi Mathendous liegt vor uns. Auch hier wieder - wie bei den meisten Wadis - im ehemaligen Flußlauf einzelne Büsche. Offenbar enthalten die Wadis immer noch oder immer wieder Feuchtigkeit.

Dieser landschaftlich wenig spektakuläre Taleinschnitt ist jedoch einer der bedeutendsten kulturellen Plätze der Prähistorie. Die hier zu findenden Felsbilder und insbesondere Gravuren wurden deshalb von der UNESCO auch als Weltkulturerbe unter Schutz gestellt. Hunderte von Zeichnungen, Elefanten, wuchtig, aber nicht plump, schlanke Giraffenpaare, Echsen, Krokodile, auch Liebes- und Jagdszenen, mit großem künstlerischem Geschick in den harten Stein gemeißelt, zeugen von einer Kultur, die hier vor mehr als 7000 Jahren fruchtbaren Savannenraum besiedelte. Die Sahara war damals vergleichbar mit den heutigen Wildreservaten in Ostafrika. Von den Menschen, die all diese Bilder vor der Austrocknung der Region hinterlassen haben, ist aber nichts bekannt. Da die Gravuren überall an Felswänden, oder an einzelnen Felsblöcken verstreut, vorkommen, muß man sie teilweise richtiggehend suchen. Manche Gravuren finden sich ganz unten, andere weit oben, fast an der oberen Kante des Abbruchs. Unser Führer Ali weiß jedoch gut Bescheid und wandert und krabbelt mit uns in der Felswand rauf und runter. Die teils versteckten oder bereits stark erodierten Figuren hätten wir wohl kaum selbst entdeckt. Die klare, einfache aber absolut treffende Linienführung begeistert und beeindruckt mich tief. Hier waren wirkliche Künstler der Frühzeit am Werk. Welche Bedeutung mache Gravuren haben, bleibt jedoch im Dunklen. Dies gilt insbesondere für einen Tierkörper (wohl von einem Rind) ohne Kopf, dafür aber an beiden Rumpfenden mit Hinterbeinen. Auch ist unklar, ob die nebenstehende Abbildung ein Krokodil oder aber einen Waran bzw. ein sonstiges Reptil darstellt. Es ist in der Wissenschaft noch umstritten und daher wohl auch die berühmteste prähistorische Gravur in Libyen geworden. Abbildungen der alten Künstler gibt es ebenfalls, wenn auch nur von ihren Füßen und Händen.

Ein bißchen Vorsicht ist in dieser Umgebung allerdings geboten. Die Felswand enthält überall Spalten, Überhänge und nicht einsehbare Höhlungen, in denen sich Schlangen sowie Skorpione aufhalten können. Spuren sehen wir jedenfalls diverse. Natürlich ist die Zeit wieder viel zu kurz, um diese Kunstwerke wirklich ausreichend aufnehmen und genießen zu können. Halt nur eine Momentaufnahme tausender von Jahren.

Im Wadi wandern wir zu den Autos zurück. Bald stellen wir aber fest, daß Renate und Hedwig fehlen. Wir warten eine Zeitlang, doch es tut sich nichts. Ali geht zurück, winkt aber von der Ferne ab. Es ist klar, daß die beiden Vermißten die günstige Gelegenheit nutzen, mal hinter das herrlich dichte Buschwerk zu gehen. Diese angenehme Möglichkeit ist in der Wüste schon recht selten. Im Allgemeinen heißt es, etliche Meter wandern zu müssen, um hinter ein paar Dünen zu verschwinden. Man hofft dort jedoch, daß nicht plötzlich über einem auf der Düne irgendwer erscheint, denn ein Ausweichen in dieser Landschaft ist dann kaum mehr möglich. Probleme hat’s aber eigentlich nie gegeben, denn wenn um die Ecke ein nackter, weißer A… sichtbar wird, geht man halt diskret zurück. Und von weitem? Was soll’s !

Wir holpern die Basaltstrecke wieder zurück. Gern hätte ich noch den anderen berühmten Wadiausschnitt "In Habeter" besucht. Doch die Sonne neigt sich schon zu tief und wir müssen vor Sonnenuntergang unser Nachtlager - diesmal im Erg Murzuk - erreichen. Die schwarze Hamada endet abrupt wie mit einem Strich gezogen und jenseits der Linie beginnt plötzlich goldgelber Kies sich auszudehnen. Tausende von Reifenspuren sind darin eingedrückt und lassen die Strecke wie eine kilometerbreite Autobahn erscheinen. Die entsprechende Geschwindigkeit haben wir jedenfalls. Diesmal ein unpassender Stop - Wasser läuft aus dem Kühler. Die Gruppe wird auf die anderen Jeeps verteilt und rauscht weiter. Die zurückbleibenden Tuareg werden das Fahrzeug schon wieder richten.

Ein recht grünes Wadi, in dem sogar Kamele (offenbar ohne jede menschliche Begleitung) weiden, wird durchquert, eine ca. 10 m hohe Sandstufe rauf und der jetzt rötlich glühende Erg Murzuk ist fast erreicht. Eine weite Rampe hoch, hinein in die Dünen, die Fahrzeuge fast auf der Stelle gewendet und die gerade untergehende Sonne bietet uns ein phantastisches Bild. In der Ferne die dunkle Hamada mit dem dunkelroten Glutball, davor die nun rosa gefärbte Kiesebene, dann das grünliche Wadi, die weite Sandrampe und beidseitig die mittlerweile fast roten Dünenberge. Noch faszinierender wird’s jedoch, als wir uns dann umdrehen. Unbeschreiblich! Durch weichen, stark nachgebenden Sand stapfe ich so schnell es irgend geht hoch auf den Kamm der vorderen Düne, um einen freien Blick nach rückwärts zu bekommen. Ein unglaubliches Panorama aus purem Sand bietet sich mir !!!

Ich bleibe im Anblick dieser immer intensiver rot werdenden Traumlandschaft sitzen bis es total dunkel geworden ist. Meinen Schlafplatz muß ich jetzt aber noch suchen. Von oben habe ich schon verfolgen können, wie von mir bereits ausgewählte Plätzchen eines nach dem anderen belegt worden sind. Gudrun und Renate haben leider auch die Schönsten entdeckt und ihre Klamotten schon hingeschleppt. Etwas weiter vom Lager entfernt finde ich aber noch eine hübsche, tiefe Sandkuhle. Der mittlerweile stark auffrischende und kalte Wind kann hier den mitgewehten Sand auch bestens drüberhinwegfegen. Ein unschätzbarer Vorteil, wie mir Gudrun am nächsten Morgen erklärt, da sie vor Kälte und wehendem Sand kaum schlafen konnte.

Am Lagerfeuer macht mich Ali diskret auf meine Pulle Osborn aufmerksam. So, so, als Mohammedaner in Libyen. Versteckt vor den anderen Tuareg gieße ich einen Becher für ihn, mich und ev. darbende Gruppenmitglieder voll. Ein kurzer Schluck von Ali und der Becher ist halb leer. Ich staune nicht schlecht. Auf meine Frage, ob unsere Tuareg auch trinken, raunt er mir zu: "Nur der Fahrer Salah, die anderen sind strenggläubige Moslems." Ich fülle noch mal für Salah nach und Ali verschwindet damit in der Dunkelheit. Bedankt hat sich Salah - auch bei den nächsten Malen - allerdings nie, auch kein Augenzwinkern in stillem Einverständnis oder sonst eine erkennbare Reaktion. Ali, Ali ...

Unser Abendessen wird unter diversen Verbeugungen vor dem Sandwind - ähnlich dem Gebet in einer Moschee - eingenommen. Dennoch knirscht Sand beim Kauen.

Das Sternenmeer erscheint -wie auch in den Nächten vorher - erneut in voller Pracht. Es glitzert und funkelt über uns und das helle Band der Milchstraße zieht sich quer über den ganzen Himmel. Kein Widerschein, kein Licht, kein Lärm stört hier. Und natürlich taucht auch der Komet Hale-Bopp mit seinen täglich anwachsenden beiden Schweifen auf. Er wirkt in dem Sternengewimmel besonders eindrucksvoll. Mit unseren normalen Ferngläsern wird der Sternenhimmel nach Sternhaufen und diffusen Nebeln abgesucht. Uli ist offenbar eine passionierte Sternguckerin, denn sie kennt fast jede Sternkonstellation mit Namen und weiß, wo sie zu finden sind. Für alle Fälle hat sie sogar ein Sternenbuch im Rucksack dabei. Leider sind wir noch zu weit nördlich, um auch das Kreuz des Südens sehen zu können. So gegen 9.30 Uhr geht dann der Mond, fast schon als Vollmond, auf. Die Sterne verblassen jetzt zwar, dafür erscheinen im fahlen Licht aber die Dünen wieder. Es ist eine herrliche Stimmung in und um uns.

Irgendwann geht jeder mit einer Schaummatte (als Bettunterlage) in der Hand in seine Schlafrichtung davon. Gudrun zählt dabei sogar die Schritte bis zu ihrem Nachtplatz, wie sie uns erklärt hat. Sie hat immer große Orientierungsschwierigkeiten und muß sich besonders genau Richtung und Entfernung merken; sie irrt - nach ihrer Aussage - sonst wie ein blindes Huhn in der Gegend herum. Es ist wirklich kalt geworden. Mein senkrecht gestellter, schon von weitem sichtbarer Seesack ist bald erreicht, der Schlafsack ausgerollt, noch ein Schluck zur Erhaltung der Gesundheit aus der Pulle und dann hinein ins warme Nest.

Morgens komme ich nicht in die Gänge. Ich packe ein, hab was vergessen, packe den Seesack wieder aus, da das was man sucht, natürlich ganz unten ist und verstaue erneut. Der Schlafsack gerät beim Einrollen zu groß und paßt nicht in die Hülle; also nochmals. Beim Abtransport fühle ich die Flasche Osborn; Seesack wieder auf und weicher verpacken. Die anderen sind schon längst beim Frühstück. – Zur Toilette ist der Weg -um aus der Sicht zu kommen- hier weit. Endlich reicht’s … doch schon besetzt. Später noch einige Minuten auf die Düne, um das Panorama vor der Abfahrt wirklich zu verinnerlichen. Die weite Tenne soll hinuntergewandert werden, da man hier - lt. Ali - Artefakte (steinzeitliche Werkzeuge und Gegenstände) aus dem Neolithikum, der Jungsteinzeit, finden kann. Wir schwärmen aus und tatsächlich, Ali mit seinem Adlerblick findet die erste Pfeilspitze. Aufgeregt sind wir jetzt alle; jeder will was finden. Alle möglichen Steine werden Ali vorgelegt, doch alles nichts. Ich bücke mich und halte ein rundes, flaches Kettenglied mit einem Loch in der Mitte in der Hand. Toll, alle sind begeistert und beneiden mich, da so ein Stück recht selten ist. Ich werde es Gabi schenken.

Die Jeeps fahren wieder los, zuerst über die fast unendliche aber schnelle Kiesstrecke, dann gute zwei Stunden fürchterliche Holperei über eine pechschwarze und leicht hügelige Hamada (Messak Mellet) bis wir in ein sandiges Urstromtal hinunterfahren. Man staune, ein kleiner Flugplatz wird überquert und nun liefern sich unsere Jeeps regelrechte Rennen im Wadi. Links und rechts die Steilstufe der Hamada und wir dazwischen im Höllentempo. Zeugenberge tauchen mitten im Flußlauf auf, kurzer Stop und weiter geht’s. Die Mittagspause wird unter einer Akazie im trocknen Flußbett eingelegt. Es ähnelt hier ein bißchen dem US-Monument Valley. Nach dem Mittagessen - wie immer ein riesiger Pott mit Salat, Gemüse, Kartoffeln, Möhren u.s.w. sowie Baguette - bleibt noch etwas Zeit, die Umgebung zu erkunden. Ich wandere über schwarze Steinhügel und finde zwei kleine Steinhaufen mit einem Kreis aus Steinen außenrum; es sind islamische Gräber. Seit heute morgen ist bei uns zudem das Suchfieber nach weiteren Artefakten ausgebrochen. Jeder hofft, was besonderes aufzusammeln.

Holprige Strecken wechseln nunmehr mit sandigen oder kiesigen, aber stets ebenen Abschnitten ab. Die beeindruckenden Steilstufen des Messak Mellet bleiben zurück und irgendwann taucht dafür rechter Hand wieder ein Erg (Sanddünengebiet), der Erg Kasa mit diesmal fast weißem Sand auf. Nur an einer Stelle kann er von uns durchquert werden. Dazu muß erst mal ein äußerst steiler Dünenwall mit voller Geschwindigkeit genommen werden. Nur unserem Jeep gelingt es gleich beim ersten Anlauf. Gott sei Dank haben wir keinen Gegenverkehr. Dieser erscheint aber kurz danach in Form einer rasenden Jeepkolonne mit Motorrädern. Großes Hallo und innige Umarmungen unter den Tuareg, neueste Informationen werden ausgetauscht, der Abschied eigenartigerweise immer äußerst kurz und weiter geht’s auf der "Ergautobahn". Die Dünenlandschaft wieder begeisternd. Nach Durchquerung tauchen in der Ferne die schwarzen Berge des Tadrart auf, dem Beginn für unsere Karawanentour.

Eine weite Ebene, teilweise mit Büschen übersät, muß noch durchquert werden, bis die ersten Felsen und einzeln stehenden, schroffen Bergrücken erreicht sind. Pechschwarz erheben sie sich aus angewehtem, weißgelblichem Sand. Wiederum eine Traumlandschaft. Wir müssen aber weiter. Durch herrliche Täler mit schwarzen, bizarren Felswänden und sandigem Boden geht die Fahrt, bis die Jeeps vor einem gewaltigen Naturbogen in Stein halten. Er sieht fast wie von Menschenhand konstruiert und herausgemeißelt aus. Wie wir feststellen, hat dieser Platz offenbar schon über Jahrtausende Menschen in seinen Bann gezogen. Denn zwei große Gemäldeflächen innerhalb des Torbogens zeugen noch heute eindrucksvoll davon. Die verwirrende Vielfalt der Einzelfiguren und Linien ist für uns vor Ort in der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit kaum aufnehmbar. (Um ehrlich zu sein, erst jetzt an Hand der Photos ist es mir möglich, die vielen Einzelheiten bewußt zu sehen.) Völlig unterschiedliche Zeiten und Epochen haben sich hier verewigt und auch übereinander gemalt. Von den Jägern und Sammlern über die Seßhaften und Rinderhirten bis zu den Garamanten mit ihren Streitwagen und wohl auch aus der Neuzeit scheint alles vorhanden zu sein. Daß im nächsten Bild neolithische Sauereien dargestellt wurden, ist uns schon vor Ort klar geworden; aber gleich ein ganzes Porno-Ensemble - wie ich erst jetzt sehe - ist doch erstaunlich. Insbesondere das zweite Pärchen links war mir nicht aufgefallen. Aber doch beruhigend, daß es früher auch nicht anders gemacht wurde als heute. Vielleicht sind aber manche Dinge heute etwas bescheidener. Sicher hätte ein Altertumsforscher hier völlig andere Gedankengänge und würde begeistert von Szenen mit Fruchtbarkeitsbeschwörungen sprechen. Auf jeden Fall sind die Abbildungen für mich künstlerischer als viele der heutigen Schmierereien.

Die erkennbaren Schriftzeichen gehören zur alten sog. Tifinar-Schrift der Tuareg, die aus dem altlibychen Alphabet hervorgegangen ist. Es ist eine Konsonantenschrift, die aus 25 relativ strengen, geometrischen Schriftzeichen besteht. Zeichen für Zahlen existieren nicht. Auch die Schriftrichtung ist nicht festgelegt und die Zeichen werden nicht verbunden, weshalb die Schrift nur schwer lesbar sein soll. Die meisten Inschriften im Tadrart beinhalten lediglich die Mitteilung, daß irgend ein Tuareg-Hirte auch schon hier durchgezogen ist.

Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir Tin Lallen unseren Treffpunkt mit den Kameltreibern (Chameliers) und deren Kamelen. Hier soll’s morgen also mit unserer Meharée losgehen. Wir sind alle schon sehr gespannt darauf. Zuerst aber die große Begrüßung. Die Tuareg untereinander umarmen sich und haben dann wahnsinnig viel miteinander zu sprechen. Vielleicht über unsere Gruppe? Wir lagern in einem weiten Wadi, das von schwarzem Bergfels und Schutthängen eingerahmt ist. Im recht üppig bewachsenen Flußlauf sucht sich jeder alsbald mit Bedacht sein Schlaflager. Nur nicht zu nahe an die Büsche; Hedwig will nämlich eine Schlangenspur gesehen haben. Die Kamele sind irgendwo beim Weiden im Tal. Später am gemütlichen Lagerfeuer lernen wir unsere neue Tuaregbesatzung kennen, da die Jeepfahrer uns verlassen werden. Die Chameliers heißen aber nicht anders als die bisherigen, nämlich Ahmed, Mohammed, Salah, Ali und sonst aus Tausendundeiner Nacht bekannten Namen. Gesprochen wird mit den Tuareg hauptsächlich in Französisch. Erstaunlich, daß die meisten von ihnen es beherrschen. Untereinander sprechen sie allerdings in ihrer eigenen Berbersprache; es ist das Tamaschek. Charakteristisch für diese Sprache ist ein großer Wortschatz für konkrete Dinge, während Begriffe für Abstrakta weitgehend fehlen. Gewürzt ist das Tamaschek mit Arabisch, der Hauptsprache in Libyen und des ganzen nördlichen Afrika.

Wie schon üblich, stehen wir bei Sonnenaufgang ebenfalls auf. Heute ist wieder mal mein Rasiertag. Ein Schälchen mit minimal Wasser muß aber ausreichen, da ab jetzt Wasser besonders kostbar wird; für die nächsten sechs Tage haben die Kamele nämlich alles Notwendige mitzuschleppen. Meine schwierige Rasur mit dem winzigen Spiegel findet Renate so lustig, daß sie unbedingt ein Photo machen will.

Es bleibt noch ausreichend Zeit, um eine Felswand des Wadis zu erklettern und den Blick von oben herab zu genießen. Tief unten sehe ich unser Lager mit den zwischenzeitlich eingesammelten Kamelen. Vor den anderen komme ich zurück, um mir schon mal mein Kamel auszusuchen. Die Wahl fällt auf ein weißes, für mich jedenfalls edel aussehendes Kamel mit einem so treuen Blick. Es heißt Ebbedit und wird mich auch tatsächlich mit stoischer Ruhe und Gleichmäßigkeit über Sand, Fels und Steine bis ins Ziel tragen. Zu meinem Bedauern steigen wir aber heute noch nicht auf, sondern wir sollen uns erst an die Tiere gewöhnen oder auch umgekehrt und ziehen deshalb unsere Kamele nur an der Strippe hinterher. Die Namen der Kamele werden üblicherweise in Tamaschek nach ihrer Fellfarbe gegeben, wie das Dunkle, das Gelbe, das Braune oder auch das Edle. Die Lastkamele bekommen die Zügel über Zunge und Unterkiefer gebunden, während den Reitkamelen ein Ring durch die (wohl empfindliche) rechte Nüster gezogen wird, an dem der Zügel befestigt ist. Durch einfaches Rechts- oder Linksbewegen oder Anziehen der Zügel wird das Tier gelenkt und gehorcht auch meistens. Nur ungern allerdings wollen sie aus der Kolonne ausscheren. Meinem Ebbedit wurde der Nasenring offenbar schon einmal von der Nase abgerissen.

13 Kamelen brechen wir auf und zwar schön ein Kamel immer hinter dem anderen, wie es sich für eine Karawane nun mal gehört. Für alle von unserer Gruppe ist es die erste Meharée. Dementsprechend begeistert ziehen wir los, jeder mit seinem Kamel hinter sich. Zuerst aus dem Wadi heraus auf eine steinige Hochebene mit bizarren Felsformationen. Es ist ein Genuß hier durchzuwandern. Immer wieder gebe ich die Zügel an andere ab, um die Karawane von der Seite sehen zu können. Das Bild der dahinziehenden Kamele mit den verschleierten Tuareg und uns bunten Touristen ist für mich zu faszinierend. Es wirkt biblisch. Man muß sich dann aber sehr sputen, um zur Karawane wieder aufzuschließen. Der Schritt sieht von der Entfernung zwar langsam aus, ist es aber keineswegs. Die Kamele haben hohe Beine und machen einen Schritt, wo unsereiner zwei machen muß. Die Strapazen der früheren Karawanenzeiten kann ich mir jetzt recht gut vorstellen.

Bald nach Überquerung der Ebene besuchen wir einen Felsüberhang mit Zeichnungen darunter. Etwas verborgen hinter gewaltigen Felsen findet Philipp vergammelte Klamotten und einen verrosteten Kochtopf, die an einer Schnur aufgehängt über der Erde baumeln. Offenbar von einem ehemaligen Hirten. Sein Schlafplatz schien nebenan in einem mit Stroh ausgelegtem Felsloch gewesen zu sein. Die lange Mittagspause nutze ich zur weiteren Erforschung der Umgebung. Riesige pilzförmige Felsen - wie wir sie noch öfter treffen sollten - beeindrucken mich sehr. Die Kamele hoppeln oder trippeln mit locker zusammengebundenen Vorderbeinen zwischen den Büschen herum und entfernen sich trotz der Fesselung immer weiter vom Lager. Später müssen sie wieder eingesammelt werden, was manchmal schon sehr lange dauern kann, da sie sich in alle Richtungen verteilen. Die armen Tuareg, die im übrigen nie geritten sind, legen diese Strecken noch zusätzlich zurück. Aber Fressen müssen die Kamele nun mal; bei leichteren Touren - wie unsere - kommen sie dafür aber fast zwei Wochen ohne Wasser aus. Eine erstaunliche Anpassung der Natur an diesen Lebensraum.

Spät Nachmittags noch ein Stündchen bis zum heutigen Lager. Auf einer hochgewehten Düne, direkt an der Seitenfelswand des Wadis richte ich mein Nachtlager ein und genieße dort neben der Landschaft auch einen Schluck Osborn. Renate, die es offenbar liebt gegen Abend nochmals alleine loszugehen, sehe ich das Wadital durchqueren und weit zurückwandern. Allmählich verschwindet die Sonne hinter den hohen Felswänden und Abendstimmung kommt auf. Erst bei völliger Dunkelheit zieht es mich zum Lagerfeuer. Ein herrlicher Sternenhimmel wieder über uns und auch Hale-Bopp zeigt sich in voller Pracht. Später geht noch der Mond auf.

Geschlafen habe ich ausgezeichnet. Ich freue mich auf das Müsli und meinen Pott Kaffee. Heute geht’s also auf die Kamele. Da ich bereits in Tunesien (1983) und in Rajasthan/Indien (1988) je einen Tagesritt unternommen hatte, bin ich - jedenfalls nach Meinung aller anderen - natürlich prädestiniert, als erster das hohe Gefährt zu besteigen. Daher Schuhe aus und in den Sattel. Die Rahla, der vor dem Höcker des Kamels sitzende hölzerne und harte Tuareg-Sattel, ist eine wackelige Angelegenheit und der Hals des Tieres, auf dem man sich mit den Füßen abstützt, auch ganz schön beweglich. Mein Höhenflug beginnt sehr abrupt damit, daß Ebbedit seine Hinterbeine ein Stück entfaltet und ich kopfüber nach vorn schieße. Dann fährt er seine Vorderbeine aus und ich kippe nach hinten und gleich wieder nach vorn, weil er nun die Hinterbeine vollends geradebiegt. Dann ist er endlich oben, und ich bin immer noch obendrauf. Alle klatschen vor Begeisterung. Mit viel wenn und aber gelangt so einer nach dem anderen in die Höhe. Das Spektakel wäre wirklich einen Videoclip wert gewesen! Uli erklärt, daß sie als Reiseleiterin unten bleiben müsse, für alle Fälle. Als wir drei Tage später darauf bestanden, daß sie auch mal reiten dürfe, habe ich so meine Bedenken bekommen, ob sie wirklich nicht reiten sollte oder aber vielmehr in Wirklichkeit nicht wollte. Sie hat’s aber gemacht. Nur Hedwig weigert sich standhaft bis zum Ende der Meharée, jemals ihr Kamel zu besteigen. Gut zu Fuß ist unsere 63-jährige Hedwig aber wirklich. Seit Beginn der Meharée und auch bis zu derem Ende läuft sie stets als allererste mit ihrem Topfhütchen vorne weg, die rote Wasserflasche in der Hand. Irgendwie erscheint Sie mir immer so farblos in der Landschaft, schaut weder nach links noch nach rechts, immer geradeaus. Manchmal frage ich mich auf meinem Hochsitz, weshalb sie eine solche Tour überhaupt mitmacht. Aber die Sahara muß ihr gefallen, denn es ist nicht ihre erste Wüstenreise. Das Bild der alleine, weit vorneweg laufenden Hedwig ist heute meine Haupterinnerung an sie. Und ihre standhafte Weigerung, für uns Plätzchen in der Wüste zu backen.

Hoch zu Kamel ziehen wir zunächst durch das Wadi Irhar Mellen und biegen später in ein kleines Seitenoued ab. Mir macht es ausgesprochen Spaß. Man sitzt wie auf einem sich bewegenden Stuhl, ziemlich steif und senkrecht, da die Rückenlehne aus Holz ist und wenig zur Bequemlichkeit beiträgt. Aber für die Beine ist es angenehm, man kann sie auf dem Kamelhals gut bewegen und auch übereinander legen. Der Hintern wird allerdings - zumindest in der ersten Zeit - doch ziemlich strapaziert. Nach ca. einer Stunde sitze nur noch ich auf dem Gefährt. Alle anderen ziehen wieder - jetzt mit etwas wundem Po - ihre Kamele. Nachdem anfänglich noch ein Targi (Einzahl von Tuareg) meinen Ebbedit an den Zügeln führte, will ich doch bald ganz selbständig reiten. Es gelingt auch ohne Schwierigkeiten. Ich reite aus der Kolonne raus und reite parallel weiter, um den Seitenanblick auf die Karawane zu haben. Die Landschaft um uns wird allmählich zerklüfteter. Große Felsbrocken liegen herum und auf den Bergen sind bizarre Felsformationen zu sehen. Mit ein bißchen Phantasie sind Elefanten, urtümliche Tiergestalten, Türme und wehrhafte Burgen auszumachen. Daß hier Geister und Dämonen hausen sollen, die insbesondere Nachts ihr Unwesen treiben, erscheint gar nicht mehr so abwegig. Und das Felsgestein - wie schon so oft auf dieser Tour - dunkel bis pechschwarz. Hebt man aber mal einen schwarzen Stein auf, so stellt man erstaunt fest, daß die Unterseite regelmäßig rötlich-braun ist. Es ist nämlich nicht der Stein an sich der schwarz ist, sondern der sog. Wüstenlack. Die Definition dieses Geheimnisses lautet bei Göttler: Glänzende Schwarzfärbung saharischer Gesteine durch Ablagerung von Eisen- und Manganoxiden, die durch Verdunstung von mineralischen Gesteinsalzlösungen an der Gesteinsoberfläche rindenartige oberflächliche Überzüge bilden. Eben nur die Teile, die von der Sonne beschienen werden, bilden den Wüstenlack aus. Das Gestein selbst ist im Tadrart hauptsächlich poröser Sandstein. Offenbar gab es hier vor Jahrmillionen Seen oder sogar Binnenmeere, die austrockneten und irgendwann gehoben wurden. Auf die Ablagerungen in diesen Gewässern sind wohl auch die riesigen Sandmassen der Ergs zurückzuführen.

Unsere Umgebung wird immer schöner. Goldgelber Sand ist in dies Tal geweht und hat zum Teil Dünen ausgebildet, die am schwarzen Felsgestein hochziehen oder sich in einzelnen Felsnischen abgelagert haben. Manche bizarre Felsrücken sind regelrecht im goldgelben Sand eingebettet. Um diese Schönheit photographieren zu können, bleibt mir jetzt nichts anderes übrig, als von Ebbedit zu steigen. Denn auch im Stehen bleibt er mir nicht ruhig genug und um ein Bild nach Rückwärts zu machen, muß er erst mal gedreht werden, was nicht ganz so einfach ist. Hinter einem Felsvorsprung taucht plötzlich ein älterer Tuareg mit seinem ca. 10-jährigen Sohn auf. Es ist kaum zu glauben, aber sie wohnen tatsächlich hier. Kurz drauf zieht eine erstaunlich große Herde von Ziegen vorbei, die das spärlich vorhandene letzte Grün abfressen und die Hirtin, die offenbar noch recht junge Ehefrau/Mutter. Leider ist sie zu weit entfernt, um ein Photo von ihr zu schießen. Ich hätte gern mal eine Targia im Kasten gehabt, zumal wir in Libyen fast immer nur Männer zu sehen bekommen. Der Targi und der Junge begleiten uns über viele Kilometer; es ist für sie wohl eine Seltenheit, daß Leute vorbeikommen mit denen sie sich austauschen können.

Unser Mittagsrastplatz liegt phantastisch unter bizarren Felstürmen. Wir haben bis 3 Uhr Ruhe und ich nutze noch vor dem Essen die Zeit, um einen mit Felsbrocken übersäten schwarzen Berg zu besteigen. Erst geht’s über wunderschöne, jungfräuliche Dünen und dann nach oben. Der Blick wird immer herrlicher und bald genieße ich von ganz oben das einzigartige Panorama. Das von unten scheinbare Fels- und Berggewirr wird jetzt übersichtlicher und ich kann unseren bisherigen Weg gut zurückverfolgen. Einzige erkennbare Bewegung unten ist wieder mal der bunte Punkt von Lilo, die ich durch Pfeifen auf mich aufmerksam mache. Die anderen machen Siesta, was ich in dieser tollen Umgebung nicht verstehen kann. Allzubald muß ich zum Essen nach unten. Wie immer ein riesiger Pott vitaminreichen Grünzeugs. Danach zieht’s mich aber gleich wieder los. Von oben hatte ich einen großen Steinkreis gesehen. Dieses islamische Grab liegt an der Rückseite meines Berges in der Nähe von einzigartigen Felstürmen und -domen, die aus dem herrlichen goldenen Sand herausragen. Unbeschreiblich! Mit Muße und Genuß wandere ich hier umher. Anschließend geht’s von der Rückseite des Bergs, an einem gewaltigen "Steinpilz" vorbei, wieder auf den Gipfel. Da es jetzt heiß und auch recht windig geworden ist, setze ich mich geschützt unter einen Felsvorsprung und kann mich nicht satt genug sehen. Faszinierend zeigt sich von dieser Stelle unser weiterer Weg durchs Wadi. Auch die Kamele tauchen unten auf und wandern - wie üblich - so weit wie möglich vom Lager weg. Mit dem Weiterritt um 3 Uhr wird’s wohl nicht viel werden. Erst als zwei Tuareg losziehen und das äußerste Kamel erreicht haben, mache ich mich gemütlich an den Abstieg. Die Gruppe lagert immer noch mit dem Vater und Sohn im Schatten. Der Tuareg bietet uns diverse gut erhaltene, von ihm gefundene Artefakte für ein paar Dinar zum Kauf an.

Erst gegen 4 Uhr schwinge ich mich wieder in den Sattel. Alle andern laufen lieber, Hedwig gleich vorneweg. Nach 1 ½ Stunden ist das heutige Nachtlager an einer breiten Flußgabelung erreicht. Der Wind frischt weiter auf und der Himmel wird etwas milchig trübe. Wir werden doch nicht etwa einen Sandsturm bekommen, denke ich. Zur Sicherheit erkunde ich jedenfalls mal die nähere Umgebung, um im Falle des Falles ein wirklich geschütztes Plätzchen parat zu haben. Ich finde auch eins, das von drei Seiten mit Fels umgeben ist. Wegen ev. Getiers will ich es aber nur für den Notfall nehmen. Den Seesack baue ich hinter einer kleinen Düne, die den Wind abhält, auf. Klaus ist derweil schon auf Suche nach Holz für das Feuer und schleppt gleich einen halben Baumstamm an. Obwohl er ja auch zahlendes Mitglied ist, fühlt er sich wohl doch -als Ehemann der Reiseleiterin- mehr verpflichtet als wir anderen. Unausgesprochen ist er auch für die Entsorgung des Mülls (Aushebung der Grube und Abfackelung) zuständig geworden. Für die Konversation mit den Tuareg ist er ohnehin der beste Partner, da er ausgezeichnet Französisch spricht und im übrigen unglaublich kontaktfreudig ist. Immer ist er mit irgendeinem Tuareg oder mit allen zusammen, insbesondere auch am Lagerfeuer, und unterhält mit viel Lachen die gesamte Mannschaft. Seine aufgeschlossene Art dürfte ihm als selbständigem Unternehmensberater sehr zugute kommen. Sicher hat er auch mit Abstand den größten Beitrag zum Spaß, zur Lustigkeit und zur Geselligkeit in unserer Gruppe geleistet.

Unauffällig und wie zufällig schlendert Ali zu meinem Schlafplatz und zwinkert mit den Augen. Bedrohlich ist die Flasche schon geleert. Ali tröstet mich aber und erzählt mir im Vertrauen, daß er in seinem Haus - wie manch anderer Libyer auch - selber destilliere und wir ja über Serdeles, seinem Heimatort, kommen werden. Ich nehme auch einen kräftigen Schluck.

Irgendwann flaut der Wind ab. Beim nächtlichen Pinkeln sehe ich einen Lichtschein durch die Dunkelheit geistern. Es ist ein Targi, der nach den Kamelen schaut. Beim Hellwerden bleibt der Himmel eigenartig. In Deutschland hätte ich gesagt, eine gewaltige Regenfront zieht auf. Aber hier?! Durch das sandige Wadi führt unser Weg weiter. Die Bergwelt wird immer flacher und eine weite, dunkle Ebene, die im Dunsthorizont verschwindet, tut sich vor uns auf. Es ist eine düstere, fast dantische Stimmung um uns, wie wir so über die fast schwarze Stein- und Schotterfläche tappen, die nur von einzelnen, weit verstreuten Felskuppen unterbrochen wird. Der Himmel wirkt ähnlich dunkel und bedrohlich. Ein Weg ist erkennbar, dem wir folgen. Auch Reifenspuren, die sich in die Steinfläche gedrückt haben, überqueren wir ab und zu. Es ist der Weg der Jeeps durchs Tadrart und das Akakusgebiet von Ghat aus bis nach Serdeles. Nur von Süd nach Nord kann diese Fahrt gemacht werden, da eine einzige hohe, aber besonders steile Sanddüne südlich von Ghat den umgekehrten Weg verhindert. Recht lange geht die Wanderung durch diese eigenartige, düstere Welt. Sie fasziniert mich aber. Ab und zu steigt Gudrun, Renate oder auch Klaus mal kurzzeitig aufs Kamel. Ich bleibe die meiste Zeit oben. Zwei, drei sandig-weiße, trockene Flußläufe, die in die dunkle Ebene mäandern, werden überschritten. Dann tauchen nach Stunden wieder höhere Felsberge auf und das Gebirge rückt näher heran.

Am Rande der Ebene, nahe einem Felsberg und etwas Buschwerk für die Kamele wird unter einer Akazie Mittagsrast gemacht. Ich steige von Ebbedit ab, trinke die halbe Wasserflasche leer und schon zieht’s mich auf den nahen Berg. Die Blicke von oben sind für mich einfach ein Muß. Die anderen wissen mittlerweile schon, wo ich regelmäßig zu finden bin, wenn das Essen fertig ist. Erstaunlich ist für mich, wie die Tuareg es immer schaffen, frischen Salat und Gemüse auf die Eßmatte zu bringen. Es schmeckt hervorragend. Danach bin ich wieder auf dem Berg. Gewaltige Felsquader und sonstiges Geröll liegen oben herum und man muß beim Klettern schon sehr vorsichtig sein. Eine Mütze und anderes mehr zwischen den Quadern zeugen davon, daß ich hier nicht der erste bin. Auch wunderschöne goldene Sanddünen haben sich abgelagert. An der höchsten Stelle auf einem gewaltigen Felsbrocken lasse ich mich nieder. Der Blick geht weit: Den Berg runter, der sich in die dunkle Ebene ergießende Flußlauf mit Büschen und einigen Akazien darin, die weite, schwarze Ebene mit ein paar Felsburgen und ganz am Horizont erkenne ich sogar die gewaltigen Dünen des Erg Kasa, die wir ja durchquert hatten. Rückwärts geht der Blick auf das Gebirge des Tadrart mit den weißen Waditälern. Auf einem der gegenüber liegenden Berghänge krabbelt der bunte Punkt und auch Renate wandert herum und findet dann ihr Aussichtsplätzchen. Erst als die Kamele sich dem Lager wieder nähern, verlasse auch ich meinen Aussichtspunkt. Beim Runtersteigen entdecke ich doch tatsächlich ehemaligen leicht gewellten und heute versteinerten Meeresboden. Er ist in Platten zerfallen und wirkt wie ein exakt verlegter Fußboden. Welche Zeiten mögen hier vergangen sein? An einem aufgerichteten Steinhaufen finde ich noch eine Tonscherbe aus alter Zeit.

Durch ähnliche Landschaften wie schon morgens geht es weiter. Immer zwischen den Ausläufern des Tadrart und der schwarzen Steinebene. In der Ferne hinter der Ebene die schwach erkennbaren Berge des Ergs. Wadis mit weißem Sand und auch kleineren Dünen werden durchquert. Der Himmel wird wieder dunkler, nachdem er über Mittag etwas klarer geworden war. Die Kamele und die Tuareg bleiben aber ruhig, so daß ich wohl wegen des Wetters keine Bedenken zu haben brauche. Ich erinnere mich an die eigentlich kaum glaubliche Tatsache, daß in der Sahara mehr Menschen ertrinken als verdursten. Denn wenn es mal regnet, dann kommen wahre Wasserfluten herunter. Da keine Vegetation und auch kein Mutterboden vorhanden ist, die Wasser aufsaugen und speichern können, rauscht das Wasser sofort die Hänge herab, sammelt sich in Wadis und wächst in kürzester Zeit zu reißenden Flüssen an. Karawanen ziehen nun aber im Regelfall in diesen Wadis, weil der Boden meist eben und etwas sandig und nicht mit für Kamele unangenehmen und gefährlichem Geröll bedeckt ist. So kann es leicht zur Katastrophe kommen, wenn die Karawane die Gefahr nicht rechtzeitig erkennt und das Wadi verläßt.

Hier allerdings in den Außenbezirken würde sich das Wasser schnell über eine große Fläche verteilt haben und versickern. Eine echte Gefährdung dürfte somit für uns jedenfalls ausgeschlossen sein. Verdursten werden wir wohl auch nicht. Denn immer wieder mal tauchen ein oder mehrere Fahrzeuge auf, die Hilfe holen könnten. Dennoch ist gerade vor kurzer Zeit in dieser Gegend ein älterer Targi verdurstet. Er war auf der Suche nach seinem Kamel, das offenbar seine Fesseln abgestreift hatte. Als er nach zwei Tagen immer noch nicht zurück war, ging seine Familie los, fand ihn aber nur noch tot. Er war verdurstet.

Der Boden unter unseren Kamelen wird felsiger. Überall tauchen jetzt einzeln stehende, bizarre Felsgebilde auf. Sie wirken wie trutzige Burgen und Festungen in der Ebene. Der Himmel wird zugleich immer dunkler, die Sonne ist schon völlig verschwunden und eine geheimnisvolle Düsternis breitet sich um uns aus. Wenn mir auch nicht ganz wohl dabei ist, so bin ich doch fasziniert von dem, was sich unseren Augen hier bietet. Wieder denke ich an das US-Monument Valley. Es wird noch düsterer. Und tatsächlich … Es fängt in der Sahara an zu regnen. Ca. ein Mal in fünf Jahren regnet es im Tadrart und wir sind die "Glückspilze", dieses Spektakel zu erleben. Aber Gott sei Dank schüttet es bei uns nicht, sondern es bleibt bei wenig Regen, der auch nur kurz anhält. Meinen Regenschutz, den ich vorsorglich schon mal parat genommen habe, kann ich wieder verstauen. Die schwarze Wolkenwand zieht hinter uns vorbei in Richtung des Ergs. Die Sonne kommt jetzt sogar hervor und bescheint das ganze Szenario. Herrlich !! Weit im Hintergrund leuchtet selbst der Ergrand schwach auf. Und dann… Es ist doch nicht zu fassen. Ein Regenbogen mitten in der Wüste. Wer hat das schon mal erlebt. Wir sind alle begeistert. Auch Renate genießt die seltene Erscheinung von höherer Warte; sie strahlt, wie auf dem Bild unschwer zu sehen ist. Daß sie dabei auf einem regelrechten Stinktier sitzt, schmälert ihre Begeisterung nicht. Ihr Kamel hat nämlich die Angewohnheit, von allen Kamelen mit Abstand am meisten zu fressen; die Folgen sind entsprechend. Ihr "Brauner" ist vorne ständig am Rülpsen und stößt dabei die fürchterlichsten Geruchsschwaden aus; ja und hinten knattert er wie mit einem Maschinengewehr mit den ebenfalls bekannten Gerüchen. Renate sagt - trotz unserer Frotzeleien - dazu nur noch: " Es ist halt von Natur aus so." Wir vermeiden es allerdings ihr zu nahe zu kommen, wenn sie auf ihrem Thron sitzt. Oben muß die Luft aber wohl doch besser zu sein, denn ich kann mir kaum vorstellen, daß eine so appetitliche Frau es ansonsten bei dem Gestank - wie er unten ist - aushalten würde.

Es klart bei uns immer stärker auf und die dunklen Wolken brauen sich jetzt voll über dem Erg Kasa zusammen. Eine andere Gruppe, die wir später trafen, hat dagegen die ganze Wucht des Unwetters im Erg Murzuk erleben können. Es war bei ihnen schon spät am Abend als es losging. Unglaubliche Massen an Wasser stürzten über sie herein. Sie konnten nur noch in die Autos fliehen. Dennoch ist ihr gesamtes Hab und Gut pitschnaß geworden und es muß den ganzen folgenden Tag gedauert haben, bis alles wieder einigermaßen trocken wurde. Im Erg ist ein solches Unwetter allerdings nur wenig gefährlich. Das Wasser versickert schnell, die Sandmassen saugen das Naß auf und geben es dann nur dosiert wieder ab. Die Nacht war für die Gruppe aber dahin. Warum nicht auch einmal ein solches Erlebnis in der Sahara?!

Wir jedenfalls erreichen alsbald ein weites, sandiges und mit genügend Buschwerk bewachsenes Flußbett in der Ebene. Es wird unser Übernachtungsplatz, da hier die Kamele ausreichend Futter finden. Insofern bestimmen letztlich bei Karawanen immer die Kamele, wo pausiert oder übernachtet wird. Meinen Seesack deponiere ich in einer leichten Sandkuhle mit Blick in die Ebene und auf einen einsam stehenden Baum. Der Wind frischt jetzt wieder auf. Für den Fall weiteren Regens soll das einzige Zelt, das wir mitführen, aufgebaut werden. Die Klamotten könnten dann trocken gestellt werden. Es ist ein Rundzelt, das zwar leicht aufgebaut und in sich stabil ist, doch wie in dem Sand befestigen. Wir werden losgeschickt, um schwere Steine zu sammeln. Ich hab so meine Bedenken, ob unser Bauwerk wirklich an Ort und Stelle bleiben würde. Mir ist mein Regenschutz, eine große Plastikhaut, die ich um meinen Schlafsack wickeln könnte, doch sicherer. Der Seesack ist im übrigen aus wasserdichtem Material.

Das Abendessen gestaltet sich bei dem wehenden Sand etwas schwierig. Heute gibt’s bei uns erstmalig gleiche Kost wie bei den Tuareg. Unterhalb der Glut im Sand gebackenes Brot, das von uns kleingebrockt in eine große Schüssel gegeben und dann mit Fleisch und Sauce gegessen wird. An dem frischgebackenen, heißen Brot verbrenne ich mir beim Zerbröseln auch gleich mal die Pfoten. Die Tuareg müssen wohl schon ausreichend Hornhaut an den Fingern haben, denn sie packen das Brot sofort problemlos an. Das frische Brot schmeckt wirklich gut. Das Hammelfleisch wird von uns jedesmal weniger gegessen. Man sieht in der Dunkelheit schlecht was man bekommt und wenn auf einmal ein kräftiger Brocken reines Hammelfett im Mund ist, weiß man in Gegenwart der anderen nicht so recht, wie man es unauffällig wieder herausbekommt. Ablenkung tut not. Heute ist aber kein Sternhimmel zu sehen, auf den man verweisen könnte. Man bleibt also stumm und schafft es dann doch irgendwie. Der Sand bewahrt sein Geheimnis.

Die Nacht vergeht problemlos. Beim Aufwachen geht gerade die Sonne im Dunst auf. Ein wunderschönes Bild mit dem Bäumchen im Vordergrund. Ich krame noch im Schlafsack liegend nach der Kamera und mache es. Bereits nachts hatte ich diesen Blick einmal gehabt; es war als ob eine helle Neonröhre für mehrere Sekunden die gesamte Landschaft erleuchtet hätte. Ein solch langes, gleichmäßiges Wetterleuchten habe ich noch nie erlebt. Der heutige Ritt (für die anderen eigentlich mehr Wanderung) soll keine 7 Stunden wie gestern dauern. Die Sonne lacht jetzt vom Himmel. Ebbedit schaut mit seinen großen Augen unter den hübschen, langen Wimpern zufrieden auf die gemächlich vorüberziehenden ebenen Sandflächen und die einzeln stehenden Bergkuppen. Alles sieht licht und freundlich aus. Wir begegnen einer Herde Ziegen. Und - der Zufall will es - die zweite SUNTOURS - Gruppe kommt mit ihren Jeeps geradewegs auf uns zu. Es gibt natürlich ein großes Hallo. Jeder will vom anderen wissen, wie seine bisherige Tour verlaufen ist. Auch sie sind begeistert und schwärmen insbesondere von dem für Touristen erst seit kurzer Zeit freigegebenen Gebiet um Aramat (ca. 100km nord-westlich von Serdeles). Es muß traumhaft sein. Bald fahren sie weiter Richtung Erg Murzuk und wir tappen in Richtung Serdeles.

Gegen Mittag ist die Bergwelt wieder erreicht und unser ausgewähltes Wadi führt direkt hinein. Unter überhängendem Fels bestaunen wir eine Malerei, die hauptsächlich kriegerische Szenen zeigt. Unser Mittagsrastplatz ist nicht mehr weit. Eine schweizer Gruppe, die in der Nähe gelagert hat, reitet gerade ab. Man staune: Bei ihnen reitet die ganze Gruppe. Ein Kamel ist den Schweizern allerdings abhanden gekommen.

Nach dem Mittagessen ist Lilo damit beschäftigt, zum hundertsten Male die Kamele aus allen Positionen und in allen Positionen zu fotografieren. Renate ist schon weit entfernt; sie will offenbar nochmals die kriegerische Malerei aufsuchen. Philipp besteigt einen hohen Berg. Gudrun und Hedwig habe ich eigentlich nie alleine herumwandern sehen. Mich zieht’s in die andere Ecke der Wadi-Ebene. Dort hatte ich auf dem Herweg nämlich eigenartige Löcher - wie Schwalbennester - in den oberen Teilen von einzeln stehenden Felstürmen gesehen. Als ich hinkomme, kann ich es kaum fassen, was die Natur hier fertiggebracht hat. Wie per Hand aus dem Stein gemeißelte regelrechte filigrane Gitter und dahinter hohl. Manchmal exakt nebeneinander liegende Vertiefungen oder Löcher, die klein beginnen und immer größer werden. Und das in mehreren Reihen genau untereinander. Ich klettere hoch und will es nicht glauben. Was hier Wind, Sand, Sonne und Kälte bewirkt haben, würde jedem Bildhauer mehr als zur Ehre gereichen. Es ist echte, beeindruckende Kunst. Auf dem gegenüberliegenden Felsdom noch feinere Ausarbeitungen. Ich kann mich nicht satt genug sehen und sitze lange davor, um die Kunstwerke auf mich wirken zu lassen. Wieder auf einem anderen Turm noch was Phantastischeres. Ein unglaubliches, monumentales Relief schräg unter einem weit, überhängenden Felsen. Mir ist unwohl, mich darunter zu stellen. Aber es fasziniert mich derartig, daß ich einfach hochklettern muß. Es ist so gewaltig und beeindruckend, daß es mich innerlich regelrecht aufwühlt. Ich hätte sowas nie für möglich gehalten. Die Figuren und Formen ergreifen mich ähnlich, wie ich es bislang nur beim Anblick des Bildes Guernica von Picasso erlebt habe. Lange lasse ich es auf mich wirken und nur ungern trenne ich mich davon. (Es ist übrigens das untere der beiden abgebildeten Kunstwerke; leider kommt die Gewalt der Gestaltung auf dem Photo nicht recht zur Geltung. Aber ich habe es erlebt.) Auf der Rückseite des Felsbrockens ein anderes Werk. Es ist das große Bild rechts. Es liegt hoch im Fels und ist nur über eine äußerst steile Düne und Kletterei zu erreichen. Aber auch diese Steinmetzarbeit lohnt die Mühe. Noch weitere Kunstwerke sind in diesem Naturatelier vorhanden. Ich schwelge jedenfalls und freue mich wahnsinnig, daß ich per Zufall diesen Ort der Kunst entdeckt habe. Ich werde den anderen von meiner Entdeckung erzählen, denn irgendwie muß ich die Eindrücke loswerden.

Zuvor aber noch einen kurzen Abstecher zur naheliegenden, steil aufragenden Wadiwand. Dort ist nämlich ein exakt würfelförmiger Felsbrocken von der Größe eines mehrstöckigen Hauses herausgebrochen; er steht fast genau auf einer Kante. Danach wandere ich wieder zum Lager zurück, da noch eine weitere Felszeichnung besichtigt werden soll. Zu Fuß führt Ali uns zu einer Felshöhlung, an deren Wand Menschen und Tiere aus vergangener Zeit erzählen. Interessant sind hier insbesondere diverse, glatte Vertiefungen und Löcher im Felsboden. Darin wurden Steine oder Pflanzen zermahlen, um die ocker, roten oder gelblichen Farben für die Zeichnungen herzustellen. Auch die zum Zermahlen benutzten kreisrunden und ovalen Steine liegen noch in unterschiedlicher Größe herum. Auf dem Rückweg kommt wieder Wind auf und vor die schon tief stehende Sonne ziehen Schleierwolken. Die Silhouette der darunter befindlichen Bergwelt wirkt jetzt weich und etwas schemenhaft.

Abends wird es lausekalt und wir müssen uns immer dicker anziehen. Die Eßmatte wird hinter eine steile Felswand gezogen, um etwas geschützter das Essen einnehmen zu können. Es dauert heute lange, bis die Mahlzeit gekocht ist. Der Koch hat Probleme mit der Taschenlampe, kein Ersatzbirnchen will passen. Unsere Sitzunterlagen, selbst aufblasbare Matten, bringen nicht viel. Es gibt hier zu viele Dornen, die immer wieder durchstechen. Jeder erzählt von seinen Erlebnissen, während Kekse gekaut werden. Später zieht es uns alle zum warmen Lagerfeuer. Aber der Rücken bleibt kalt. Dennoch wird viel gelacht und irgendwann fangen die Tuareg an, Geschichten zu erzählen. So dürften am Lagerfeuer in der Wüste wohl auch die Märchen aus Tausendundeiner Nacht entstanden sein. Die Geschichten sind sehr unterschiedlich. Manche haben eine Pointe, andere nicht, wieder andere sind reine Erzählungen, auch Fabeln oder einfach Märchen sind dabei. Es macht Spaß zuzuhören. Lustig auch die vielen nötigen Übersetzungen. Vom Tamaschek ins Französische und dann ins Deutsche, aber auch noch ins Arabische, da ein Araber dabei ist. Als von Uli und Renate, unseren beiden Lehrerinnen, dann Till Eulenspiegel und Hase und Igel zum Besten gegeben wird, laufen die Übersetzungen umgekehrt. Die Tuareg hängen bei den beiden deutschen Geschichten mit ihren Augen an jedem Wort, das den Erzählerinnen über die Lippen kommt. Besonders der Älteste kommentiert jeden übersetzten Satz mit einem gespannten "ha". Sie sind beeindruckt und freuen sich, Neues gehört zu haben.

Der Abend wird lang. Irgendwann mach ich mich mit meiner Taschenlampe aber auf, um in den Schlafsack zu krabbeln. Gudrun schließt sich aus Orientierungsgrünen gleich an, da sie in meiner Nähe ihr Plätzchen ausgesucht hat. Zwei nahe zusammenstehende Bäumchen hatte ich mir als Wegweiser eingeprägt. Aber wo sind nun die beiden richtigen Bäumchen? Es gibt deren so einige, wie ich jetzt in der Dunkelheit feststellen muß. Ich wandere hin und wandere her, Gudrun tappt mit. Es ist mir peinlich, daß sie meinem Orientierungssinn so viel Vertrauen geschenkt hat. Ebbedit finde ich zuerst, der kauend irgendwo liegt. Endlich sehe ich meinen Seesack und kann jetzt auch Gudrun sagen, wo ihr Lager sein muß. Ein Schluck Osborn tut not.

Morgens kommt unsere Karawane erneut an der gestrigen Felshöhle vorbei. Unser Weg wird steiniger. Die Felsberge und -kuppen rücken recht nah heran. Skurrile Figuren beobachten unseren Vorbeimarsch. Leider zu weit weg ein riesiger Torbogen aus Stein, den ich gerne von der Nähe besichtigt hätte. Aber die Karawane zieht weiter. Es geht einen langgestreckten Hang hinauf und plötzlich ein Abbruch in ein tiefes Tal. Ein wunderschöner Blick hinunter. Wir, richtigerweise nur ich, muß vom Kamel absteigen, da es zu steil hinuntergeht. Ich lasse die anderen weit vorwandern und genieße noch etwas die Aussicht von oben. Rechter Hand im Hintergrund sind eine Unzahl von Felstürmen zu sehen. Hoffentlich führt unser Weg dorthin. Als letzter wandere ich durch die Ebene, vorbei an gewaltigen Steinbrocken. Man fragt sich, wie sie hier hergekommen sind. Philipp und Lilo spazieren ebenfalls herum; sie scheinen u.a. auf Artefakt-Suche zu sein. Die Karawane biegt in ein enges Wadi ein und unter riesigen Quadern, die eine Höhle formen, wird die Matte ausgerollt. Ich steige gleich mal die Wadiwand hoch, um von oben den Blick hinunter zu haben. Die befreiten Kamele ziehen ebenfalls sofort los und Lilo gleich mit der Kamera hinterher.

Eins der Kamele hat Uli fachmännisch verarztet und verbunden; es hatte sich den Höcker wundgescheuert. Der Chamelier ist ihr dafür äußerst dankbar, denn die Kamele sind den Tuareg fast heilig. Sie sorgen sich rührend um ihre Tiere und würden wohl fast alles für sie tun. Sie sind ihr ganzer Stolz und für viele sicher auch der kostbarste Besitz. Das Verhältnis sehe ich ähnlich wie bei uns zwischen Hund und Mensch. Die enge Beziehung zu seinem entlaufenen Kamel war wohl auch der Grund, daß der verdurstete Tuareg die Gefahr, ohne Wasser zu suchen, mißachtete. Ein braunes unserer Kamele hat sogar eine besondere Position inne. Es ist das Müllkamel. Sämtliche organischen Abfälle und zudem noch das Abwaschwasser werden nur ihm gewährt. Genüßlich liegt es dann vor dem Trog, macht den Hals lang und sucht sich wählerisch entweder ein Stück wassertriefendes Brot, eine vergammelte Orange oder ein Salatblatt aus. Sein Betreuer sitzt dabei und schaut zufrieden auf das kauende Tier. Man kann froh sein, daß die heutige Motorisierung diese faszinierenden, angenehmen Wesen nicht völlig verdrängt hat. Lange Zeit schien es nämlich so, doch zwischenzeitlich erholt sich der Bestand gerade auch im stark motorisierten Libyen wieder. Unsere touristische Meharée - diese Reiseform wird immer aktueller - trägt sicher dazu bei.

Nach dem Essen wandere ich los, um möglicherweise die gesichteten Felstürme zu erreichen. Es ist aber weit und ich bin mir nicht sicher, ob ich hinkommen kann. Drei Stunden habe ich insgesamt Zeit. Ich merke mir ganz genau den Weg, da es um etliche Ecken und Berge herumgeht. Denn verlaufen will ich mich hier wirklich nicht; es ist aber prickelnd, so allein weit davonzuwandern. Jetzt verstehe ich die Kamele. Nach einer Stunde sitze ich auf einem Berggipfel und schaue nach der einen Seite auf eine weite, von Bergen eingerahmte Sandebene, nach der anderen Seite auf die Felstürme, die herrlich in Sanddünen eingebettet sind, und in noch anderer Richtung auf die dunklen Bergmassive. Die Wüste ist schon toll, denke ich. Und ich freue mich, daß ich statt der geplanten Woche auf der Insel Wangerooge nunmehr hier sitze. Der Prospekt mit dem Hinweis, daß noch kurzfristig Plätze für Libyen frei seien, kam genau richtig. Denn auf diese Idee wäre ich sonst nicht gekommen. Aber auch Wangerooge ist schön. Ich hab die Nordseeinsel ja gesehen, als ich Gabi von der dortigen Schönheitsfarm abgeholt habe. Ein Bild bei Ebbe mit Watt und Dünen gemacht, hätte ich im übrigen auch in dies Album schmuggeln können; es wäre wahrscheinlich nicht aufgefallen. Vielleicht werde ich ein anderes Mal länger in Wangerooge bleiben, wenn, ja wenn… nicht wieder ein Prospekt dazwischen kommt.

Beim (problemlosen) Zurückwandern staune ich nicht schlecht. Eine Jeep-Karawane von 10 Fahrzeugen kommt plötzlich über die Ebene gerauscht und verschwindet sogleich wieder hinter Felsbergen. Diese Touristen tun mir leid, so durch diese schöne Landschaft gescheucht zu werden. Unterwegs entdecke ich im Bergfels noch zwei natürliche Stollen, die tief hineingehen. Der eine Eingang gut verdeckt durch große Steinquader. Ob darin was Interessantes sein mag? Aber ohne Taschenlampe wage ich eine Erforschung denn doch nicht.

Bald ist Aufbruch. Und ich will es nicht glauben; es geht im Wadi zurück und exakt auf meinen mittäglichen Hochsitz zu. Direkt unterhalb wird sogar das Nachtlager aufgeschlagen. Nun gut, ich kenn mich hier halt schon aus. Auf einer wunderschönen Düne stelle ich meinen Seesack ab und steige danach wieder aufwärts. Von oben beobachte ich das Treiben der anderen und der Kamele. Renate zieht los auf die andere Seite der Ebene, ebenfalls Philipp, Lilo fotografiert Kamele, Klaus sammelt Holz, Hedwig kann sich nicht für einen Liegeplatz entscheiden und wandert hier und dort hin während Uli sich um die Lagereinrichtung bemüht. Abends am Lagerfeuer warten die Tuareg mit neuer - für sie aber durchaus gängiger - Wüstenunterhaltung auf: Denksportspiele und Brett- oder hier besser Sandspiele. Das Tolle dabei ist, daß sie keinerlei vorgefertigte Spielunterlagen benötigen, sondern diese in Windeseile auf dem Sandboden selber erstellen. Schachbrett oder Mühlespiel oder sonst notwendige Spielzeichnungen werden verblüffend exakt lediglich mit den Fingern erstellt. Vor Erstaunen und Bewunderung darüber schauten wir uns nur noch gegenseitig an. Und es funktioniert bestens. Figuren gibt’s aus Brot oder Steinchen. – Die Augen werden heute trocken; künstliche Tränen müssen her, auch für Gudrun. Ein paar Regentropfen fallen nachts sogar wieder. Ich hätte es aber im Notfall nicht weit zu einem Felsüberhang gehabt.

Morgens strahlender Himmel. Wir wollen zuerst wandern, die Kamele sollen später nachkommen. Die Ebene querdurch, an eigenartigen Felsformationen und wunderschönen Dünen vorbei auf die nächste weite Ebene, die mit einer dünnen Steinchenschicht belegt ist. Ali sieht einfach so im Vorübergehen eine Pfeilspitze. Sofort sind auch wir animiert und jeder schreitet jetzt suchend weiter. Gefunden haben wir aber nichts. Die Karawane holt uns ein und Gudrun, Philipp sowie ich begeben uns auf’s Kamel. Die Landschaft wird aber bald zu schön; ich muß wieder runter und fotografieren. Eine weite Fläche gelb-weißen Sandes, aus dem eine Unzahl schwarzer Felsgebilde und Bergrücken herausragen, hat sich vor uns geöffnet. Von rechts mündet zudem ein schwarz-weißes Wadital ein. Wieder ein grandioses Bild! Ich setz mich, laß Renate ein Photo von mir machen und bleib einfach sitzen bis die Karawane fast außer Sichtweite ist. Jetzt heißt’s aber schleunigst hinterher, denn in dem Felsgewirr verliert man die Gruppe schnell.

Die Tour begeistert mich wirklich in jeder Hinsicht. Alles klappt hervorragend. Die Organisation, die hier in Libyen von den einheimischen Agenturen geleistet wird, ist bestens. Daß Jaroschs nur gut ausgewählte Unternehmen einschalten würden, war für mich klar. Deshalb fahre ich ja auch schon das dritte Mal mit SUNTOURS. Ich habe einfach Vertrauen in ihre Arbeit. Auch die Gruppe stimmt; wir verstehen uns alle blendend. Erstaunlich ist allerdings, daß man aus dem persönlichen Bereich der Teilnehmer eigentlich so gut wie nichts weiß. Außer dem bereits Berichteten nur: Gudrun war verheiratet und hatte offenbar eine schwere Kindheit aus Krankheitsgründen gehabt, wie sie mal beiläufig erwähnte. Gerade um die Ecke vom Finanzgericht arbeitet sie In einem Institut, macht Befragungen in Firmen und veröffentlicht auch. Aber welchen Inhalt ihre Arbeit genau hat, ist mir unverständlich geblieben. Renates Mann ist tragischerweise letztes Jahr verstorben. Sie hat zwei wohl schon fast erwachsene Kinder und ist in der Grundschule tätig. Hedwig scheint Sachbearbeiterin in einer Firma zu sein. In zwei Jahren geht sie in Rente. Ob sie verheiratet ist oder war, bleibt für mich offen. Lilo ist bereits in Rente und muß sich - neben ihren vielen Reisen - hauptsächlich um ihre alte Mutter und Tante kümmern. Uli war früher ganz bei Jaroschs beschäftigt, hat dann jedoch - als die Lage in den wichtigsten Reiseländern Algerien und dem Niger kritisch wurde - lieber ihre Lehrtätigkeit wieder aufgenommen und ist jetzt in derselben Schule tätig wie Renate. Aus Passion ist sie aber während der Ferien weiterhin als Reiseleiterin tätig. Adoptiert haben Uli und Klaus zwei Kinder aus Korea. Das war’s im wesentlichen schon, was ich zum Privatleben der Teilnehmer sagen kann.

Bezüglich unserer Tuareg sieht’s - was den persönlichen Bereich anlangt - noch viel schlechter aus. Wie mag ihr übliches tägliches Leben aussehen? Denn sie sind ja nicht dauernd auf Meharée. Gerne wäre ich mal in eine Tuaregfamilie gekommen. Die Tuareg sind die bekanntesten Vertreter der Sahara-Berber. Einige Zehntausend von ihnen leben im äußersten Westen Libyens. Ghadames und vor allem Ghat sind die libyschen Zentren. Die Mehrzahl der Tuareg lebt jedoch in Algerien mit der Ortschaft Djanet als Zentrum. Über die Grenze hinweg bestehen vielfältige verwandtschaftliche Beziehungen. Als charakteristisches Merkmal der Tuareg gilt ihre Gewandung: Die Männer tragen regelmäßig einen Gesichtsschleier, den Tugulmust. Dieser ist für die Tuareg ein so wichtiges Attribut, daß sie sich selbst als Kel Tugulmust bezeichnen, als "die Leute mit dem Gesichtsschleier". Unsere Chameliers zogen ihre Gardinen aber nur bei stark wehendem Wind vors Gesicht. Leider muß ich sagen, da sie dann nämlich wirklich königlich und besonders fotogen aussehen. Die Frauen sind hingegen unverschleiert, wie im übrigen auch die meisten mohammedanischen Libyerinnen.

Libyen spielt im Zusammenhang mit der Erhebung der Tuareg in Niger und Mali gegen ihre jeweils von Schwarzen dominierte Regierung eine bedeutende Rolle: Hier wurden und werden Freiheitskämpfer ausgebildet und logistische Unterstützung gewährt. Bei Verhandlungen zwischen den Staatschefs der fünf Tuareg-Länder trat Oberst Kadhafi gar im Tuareg-Gewand auf und hieß die Tuareg aller Länder bei sich willkommen. Wohl wissend um die historische Vergangenheit - die wahrscheinlichen Vorfahren der heutigen Tuareg, die Garamanten, sind ja die Ureinwohner des Fezzan - erklärte er kurzerhand alle Tuareg zu Libyern. Mit der Ölkrise und dem von der UNO verhängten Embargo wegen des Jumboabsturzes von Lockerbee fließen die Gelder aber nicht mehr so reichlich und viele Tuareg, die aus anderen Ländern gekommen waren, wurden wieder abgeschoben.

Bald habe ich zu unserer Karawane aufgeschlossen. Wir ziehen durch ein wahres Felsengewirr und teilweise tiefen Sand. Die Berge werden höher und sind von einer Unmenge an Geröll bedeckt. Der weiche Sandstein zerbröselt bei dem ständigen Wechsel von täglicher Hitze und nächtlicher Kälte offenbar sehr schnell. Mit einem harten Gegenstand ist es auch kein Problem, aus dem Gestein Sand abzureiben. Erdgeschichtlich gesehen, dürfte das Tadrart-Gebirge daher nur ein kurzes Gastspiel geben und wieder zu Sand zerfallen.

Unsere Mittagsrast wird inmitten des Gewirrs eingelegt. Ich habe mir meinen Berg schon auserkoren. Nach dem Essen mache ich mich sogleich an den Aufstieg. Über die vielen losen Felstrümmer ist es allerdings nicht einfach. Auf dem Gipfel noch eine glatte, natürliche Steinmauer, die ich leider nicht mehr überwinden kann. In ihrem Schatten bleibe ich sitzen und genieße zwei Stunden lang den herrlichen Ausblick in alle Richtungen. Er geht auf einer Seite weit ins Gebirge hinein und auf der anderen auf die flacher werdenden Felsausläufer. Das Gewirr bekommt von oben aber Struktur und erscheint nicht mehr so chaotisch. Nur Lilo und die Kamele wandern unten in der Mittagshitze herum. Ich wähle einen anderen Weg für den Abstieg, der mir leichter erscheint. Unten komme ich auf eine glatte, fast viereckige Plattform mit drei großen, runden Köhleröfen - so sieht’ s jedenfalls aus; aber reine Natur! Die Gruppe lagert immer noch unter dem Fels und Ali ärgert und jagt eine Agame, die sich dann aber in ihrer Höhle in Sicherheit bringen kann. Wir freuen uns insgeheim darüber. Da die Kamele diesmal besonders weit abgehauen sind, bleibt mir Zeit. Ich wandere zu einem von oben gesichteten riesigen Fels, der exakt wie ein Pilz geformt ist und nur auf einem äußerst schmalen Stamm steht. Toll ! Beim Umhergehen finde ich Tonscherben, die unterschiedliche, fein ausgearbeitete Muster tragen. Die Schönsten nehme ich mit nach Hause.

Lange mußten die Kamele offenbar in dieser unübersichtlichen Gegend gesucht werden, denn erst gegen 5 Uhr tauchen sie auf. Es wird leider der letzte Ritt werden; der Endpunkt der Meharée ist fast schon erreicht. Viel zu schnell. Die tiefstehende Sonne wirft ein warmes Licht auf die uns umgebenden Berge und Felsen, die jetzt immer niedriger werden. Von oben schauen Figuren aus Stein zu uns herab. Es ist einfach schön, so geruhsam auf meinem Ebbedit hier durchzuschaukeln. Die Umgebung wird offener und weiter, die Berge weichen zurück. Renate und Gudrun sitzen jetzt ebenfalls auf ihren Tieren. Philipp dagegen schlendert lange abseits der Gruppe, den Blick auf den Boden gerichtet. Durch meine neuen Funde aus dem Neolithikum scheint er etwas irritiert. Denn er hat bisher überhaupt noch nichts gefunden. Aber irgendwann besteigt auch er sein Kamel.

Die Sonne ist noch tiefer gesunken. Es scheint, daß wir einen besonders stimmungsvollen Abschied für unsere Karawanentour bekommen. Der Blick auf die gestaffelt hintereinander liegenden Bergketten wirkt besonders faszinierend. Ebbedit soll stehenbleiben, obwohl er nicht so recht will. Ein Erinnerungsfoto muß hier aber sein. Am schönsten wäre ein Bild direkt Richtung Sonne, aber ich weiß, dann habe ich nur Nacht auf dem Film. Also etwas mehr zur Seite halten; hoffentlich gelingt’s. Wie man jetzt sieht, es ist tatsächlich gelungen und Ebbedit hat auch stillgehalten. Immer wieder schaue ich zur untergehenden Sonne. Den anderen geht’s genau so. Die vor uns liegende Pläne ist weit, aber in der Ferne tauchen bereits wieder neue Steinkuppen auf. Unser Ziel. Es soll ein besonders geformter Fels sein, den die Tuareg Adat, den Daumen nennen. Hoffentlich schaffen wir es noch vor der Dunkelheit.

Wir schaffen es! Mit den letzten Sonnenstrahlen erreichen wir den Lagerplatz inmitten der Felsen und mit Sicht auf den Adat. Renates Kamel wird alsbald mit dem Kopf nach unten gezogen und der Tuareg gibt mit einem Zischlaut den Befehl zum Niederknien. ihr Kamel gehorcht und geht zuerst vorne und dann hinten runter. Aber auch mein Ebbedit ist offenbar der Meinung, es nachmachen zu müssen. Jedenfalls geht er urplötzlich vorne nach unten und ich kann mich gerade noch an der Sattelstange festhalten. Viel hätte wirklich nicht gefehlt und ich wäre in hohem Bogen auf die Felsen geflogen. Gott sei Dank ist aber nichts passiert, wie wir überhaupt bis jetzt von Verletzungen und Krankheiten verschont geblieben sind. Gut, besondere Krankheiten standen eigentlich auch nicht zu erwarten, da Malaria in Libyen praktisch nicht vorkommt und Typhus sowie Cholera durch die Sterilisierung unseres Wassers ebenfalls ausschied. Hepatitis hätte zwar sein können, wenn auch nicht sehr wahrscheinlich. Tetanus und Polioimpfungen haben wir aber ohnehin. Verletzungen beim Wandern über die Felsen oder beim Reiten waren allerdings keineswegs ausgeschlossen. Das ist halt das Risiko. Vorsorglich hatte ich deshalb - auch auf Anraten von Jaroschs - eine Versicherung mit Rücktransport durch Hubschrauber und Flugzeug nach Deutschland abgeschlossen. Im übrigen soll aber auch das Gesundheitswesen in Libyen auf recht hohem Standard sein. In allen größeren Ortschaften gibt es Krankenhäuser und Ärzte. Die Ärzte und das Krankenhauspersonal sind zudem oft aus dem Ausland, was insbesondere die Verständigung in vielen Fällen erleichtert.

Dennoch kann man sich gut vorstellen, welche Probleme, zumal in abgelegenen Gebieten, auftreten können. Von einem tragischen Fall haben wir gehört. Der Mann mit dem Sohn, die wir unterwegs trafen, hat ihn erzählt. Sein zweiter Sohn nämlich war mit den Ziegen eines Tages unterwegs und wollte in einem recht tiefen Guelta (abgelegene, versteckte Wasserstellen in der Wüste) Wasser schöpfen. Er rutschte unglücklich ab und fiel mehrere Meter in das enge Loch. Selbst befreien konnte er sich wegen der schweren Verletzungen nicht mehr. Erst Stunden später fand ihn die Familie, konnte ihn aber alleine auch nicht herausholen. Der Vater rannte zur Akakus-Piste und wartete dort einen ganzen Tag, bis Jeeps vorbeikamen. Mit vereinten Kräfte holten sie nunmehr den Sohn aus seinem Gefängnis heraus und brachten ihn zum doch recht weit entfernten Krankenhaus. Per Hubschrauber kam er dann nach Tripolis und dort liegt er heute noch. Gelähmt bis zum Kopf und ohne Angehörige. Die Familie weit im tiefen Süden hat nicht das nötige Geld, um desöfteren den Sohn zu besuchen. Im übrigen spricht der Sohn nur Tamaschek und kann sich damit in Tripolis kaum verständigen.

Schnell ist es dunkel geworden und das Sternenmeer über uns glitzert. Auch Hale-Bopp zeigt sich mittlerweile in enormer Pracht. Es ist unsere letzte Nacht am Lagerfeuer und das genießen wir nochmals ausgiebig. Ali und ich teilen zudem versteckt den winzigen Rest unseres Osborn. Ein Jeep ist bereits pünktlich eingetroffen, um diversen Nachschub, insbesondere Wasser, mitzubringen. Morgens kann ich mich deshalb ausgiebig für den Wiedereintritt in die Zivilisation rasieren. Anschließend erklimme ich einige hohe Felsen, um bei dem herrlichen, morgendlichen Sonnenlicht die uns umgebende, offene Felslandschaft zu betrachten. Nach dem Frühstück bleibt bis zur Abfahrt noch viel Zeit, die ich u.a. für einen Abstecher zum Adat nutze. Es ist wahrlich ein prächtiger und markanter Felsbrocken, der es würdig ist, als Endpunkt unserer Meharée zu dienen. Die weiteren Jeeps sind mittlerweile ebenfalls mit großem Hallo eingetroffen. Zum Abschluß soll die ganze Gruppe nochmals auf die Kamele, um Abschiedsfotos zu machen. Zuerst allerdings wollen die Tuareg noch ihr Reiterkönnen zeigen und galoppieren vor unseren Augen herum. Schon ein tolles Bild, die jetzt verschleierten Ritter der Wüste auf ihren Tieren zu sehen. Danach sind wir - wenn auch wesentlich zaghafter und gemütlicher - an der Reihe. Unser Koch, der mit meiner Kamera Bilder machen soll, verknipst vor lauter Begeisterung fast den ganzen Film. Dann verabschieden uns von den uns lieb gewordenen Kamelen, ich streichle nochmals Ebbedit, und von den Chameliers. Ein letztes Winken aus den Autos und ab geht’s nach Serdeles.

Die Berge und Felsen des Tadrart weichen immer weiter zurück, bald tauchen die ersten Plastikfetzen und Dosen auf und wir wissen, wir nähern uns der Zivilisation. In der Ferne das erste saftige Grün seit langem wieder, Palmen, Gemüsefelder und die ersten Häuser sind erreicht. Serdeles - trostlos. Hier also wohnt Ali. Die Mittagsrast wird in einem neuen, hervorragenden Camp mit Duschen gemacht. Jeder genießt es, sich mal wieder so richtig unter fließendes Wasser zu stellen. Philipp kauft einen alten Kamelsattel für das Ledermuseum seiner Firma. Leider will der Agenturchef nicht, daß wir Alis Haus besuchen. Aus weiser Voraussicht wegen dessen Destillation? Ein kurzer Besuch des kleinen Marktes, auf dem es alles oder auch nichts gibt und dann rauschen wir los. Ca. 360 km bis nach Ubari. Links aus dem Jeepfenster nichts, geradeaus nichts und nach rechts eigentlich auch nichts, nur ganz in der Ferne schwach die Dünen des Erg Kasa. Nach ca. 100 km rechts bis nach Ubari dann die Steilstufe des Messak Mustafit. Ubari gleicht Serdeles, ist nur etwas größer. Im uns schon bekannten Germa nächtigen wir in einem äußerst einfachen Camp und treffen hier - wie verabredet - die zweite Jaroschgruppe wieder. Das Abendessen läßt sehr lange auf sich warten; wir vertreiben uns die Zeit vor der Hütte am Lagerfeuer mit Tee. Ein Folkloreabend mit Gesang und Tanz ist noch angesagt. Die Sängerin, das einzig hübsche Mädchen das ich in Libyen gesehen habe, verbringt die Wartezeit mit uns. Leider habe ich sie nicht fotografiert. Da bis 24 Uhr weder Tanz noch Gesang beginnt, lege ich mich schon in die Koje. Es war auch nichts tolles, was ich dann im Halbschlaf so mitbekomme.

In aller Frühe geht die Fahrt weiter. Dieselbe Strecke, die wir auf der Herfahrt genommen haben; über 12 Stunden bis nach Gharyan zurück mit Mittagsrast -wie gehabt- im Nest Shwayrif. Übernachtung im bereits bekannten, guten Hotel, das uns heute sogar eine Mondfinsternis zu bieten hat. Morgens Abfahrt zur alten Römerstadt Sabrata, die wunderschön direkt am tiefblauen Mittelmeer gelegen ist. Ursprünglich eine phönizische Handelsniederlassung - ebenso wie Oea (heute Tripolis) und Leptis Magna - wurden sie von den Römern zu Städten ausgebaut. Kaiser Septimus Severius (146 - 211), ein Sohn des Landes, ließ die Städte besonders reich ausschmücken. Insbesondere das Theater von Sabrata stellt einen Höhepunkt römischer Architektur dar. Überwältigend auch das Mosaik aus der Eingangshalle der justinianischen Kirche. Unser Bummel durch die von den Arabern 647 zerstörte und heute erst wieder teilweise freigelegte Stadt ist beeindruckend. Es muß eine grandiose Stadt mit vielen Säulengängen, Tempeln und Skulpturen gewesen sein. Auch ein phönizischer Turm mit Steinlöwen ist noch erhalten.

Kulturell aufgeheizt fahren wir das letzte Stück zur Grenze. Ca. zwei Stunden Abfertigung und 2 weitere Stunden Fahrt nach Houmt Souk, Djerba. – Jetzt 2 Tage nur noch faulenzen mit der Erinnerung an eine wunderbare Reise.

- Ende meiner Libyenreise -
 

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